Oberärztinnen berichten

Eine Oberärztin in der Allgemein- und Viszeralchirurgie und Mutter von zwei Kindern, berichtet in ihrem Interview über die Hürden, die Chirurgie und ihre Rolle als Mutter zu vereinbaren. Gleichzeitig macht sie der künftigen Generation Ärztinnen und Ärzten Mut. „Menschlichkeit und Persönliches zu zulassen macht authentisch.“ Sie rät dazu, zu wissen was man will und sich bewusst zu sein, was man kann.

„Ohne definierte Aufteilung und Regelung geht es nicht. Je nach Arbeitsplatzgestaltung lässt sich aber einiges planen.“

Weitelesen

Die Wellen überschlagen sich

Welle überschlägt

Es ist Februar.

Die Wellen überschlagen sich.

Ich erhalte von so vielen Frauen Emails und Nachrichten (über unfallchirurginundmutter[@]googlemail.com oder über twitter – MuellerLieschen), dass ich es fast nicht mehr abarbeiten kann.

Viele Ärztinnen und Mütter schreiben mir aus ihren Nachtdiensten, in einer ruhigen Minute oder vom Handy aus, wenn sie vor den Kinderzimmern sitzen, bis die Kinder eingeschlafen sind.

Es sind Frauen, die dankbar sind über die vielen Interviews. Frauen, die nach Beispielen suchen, wie eine Gleichstellung und Vereinbarkeit als Ärztin und Mutter möglich ist. Frauen, die sich dafür bedanken, dass ihre Ideen, ihre Gedanken und ihre Wünsche, einen Platz finden, gehört zu werden.

Auch die vielen Kommentare zu meinen Artikeln auf DocCheck.com, zeigen mir immer wieder, dass der Themenkreis um die Frauen in der Medizin, eine große Rolle spielt.

Es freut mich sehr, dass ihr so großes Interesse zeigt. Es freut mich, dass ihr euch so fleißig an den Interviews beteiligt und mit Beispielen meine  Homepage bereichert. Vielen DANK dafür!

Eine dieser Frauen, Ärztin, Anästhesistin und mehrfache Mutter, hat mir einen Beitrag geschickt, den ich freundlicherweise veröffentlichen darf – herzlichen Dank!

Anstatt nur zu fragen, gibt sie Antworten darauf, woran Gleichberechtigung scheitert. Außerdem liefert sie gleich ein paar Möglichkeiten mit, dies zu ändern.

Herzlichen Dank für deinen Beitrag!

„Meine Probleme mit dem Binnen-I“ oder „Woran Gleichberechtigung scheitert“ „Die Wellen überschlagen sich“ weiterlesen

Zurück in den Sattel

Pferd

Bald geht es zurück in den Sattel. Ich werde die anstrengenden, entspannten, freudigen, müden und glücklichen Tage in Elternzeit hinter mir lassen und wieder zur Arbeit im Krankenhaus übergehen.

Bis vor kurzem bestimmte eine innere Unruhe, zuweilen Aufregung und Angst dieses Thema. Wird mein Leben noch anstrengender und müder? Oder freudiger und glücklicher? „Zurück in den Sattel“ weiterlesen

Der Balanceakt missglückt

Tal-Berg

Das Tal ist größer und tiefer als ich dachte. Als das Baby geboren wurde, dachte ich, ich könne einfach auf der Bergkette entlang wandern. Am oberen Rand balancieren, einmal um das Tal herum. Mir das Tal anschauen, bevor ich wieder weiter klettere. Tja, was soll ich sagen…

Hier unten fühlt es sich irgendwie leer an. Es fehlt etwas. Aber doch ist es hier so voll. Verplant. Jeder Tag ist eine endlose Aneinanderreihung von glücklichen, anstrengenden, schlaflosen, fröhlichen, verwirrenden Tagen. Mein Boden hat nach gegeben. Ich weiß nicht mehr so genau, wo ich stehe. Wer ich eigentlich bin. Vorher war ich Unfallchirurgin mit Leib und Seele, 200%. Jetzt bin ich Mutter, zu 200%.

Das fühlt sich leider nicht nur gut an. Mir das einzugestehen, fällt mir schwer. Nicht glücklich damit zu sein, einfach NUR Mutter zu sein. Nicht ausgefüllt zu sein, obwohl ich doch so viel zu tun und zu geben habe.

„Jetzt, als Mutter, weißt du endlich, was der Sinn des Lebens ist, nicht wahr?“ höre ich oft. Ich weiß, was sie mit dem Satz meinen, aber ich kann ihn nicht bestätigen.

Es verändert sich so viel. In so kurzer Zeit. Alle noch so guten Pläne, sind plötzlich verschwunden und das Navi steht in der Sackgasse.

Vielleicht tut mir dieser Platz im Tal auch ganz gut. Hier ohne Plan durch zu wandern zeigt mir viele Seiten an mir, die ich nicht kannte. Ich erhasche einen ersten Blick auf eine andere Welt, die so ganz anders ist, als ich es mir vorgestellt habe. Zuerst versuche ich, mich anzupassen. Das misslingt gründlich. Ich kann mich nicht verstellen. Ich werde nie die Art Mutter sein, die ich hier so häufig antreffe. Mir daraus keinen Vorwurf zu machen, fällt mir schwer. Aber ich weiß, dass ich unglücklich, keine gute Mutter und keine gute Unfallchirurgin sein werde. Meinen Weg durch diesen Dschungel zu finden, ist abwechslungsreich, enttäuschend, traurig, spannend, fröhlich und irritierend zugleich.

Nach einiger Zeit erhasche ich einen Blick auf einen Anstieg. Traue ich mich da überhaupt wieder hinauf? Bleibe ich nicht einfach besser hier unten? Dort, wo ich mich jetzt auskenne? Die Welt dort oben wird sich weiter gedreht haben, nicht mehr die Alte sein. Ich werde nicht mehr die Alte sein.

Ich weiß, dass der Zeitpunkt noch nicht da ist. Es ist wichtig, dass ich diese Schritte langsam gehe. Mir Zeit nehme, die richtige Entscheidung zu treffen. Wie ich mir mein Leben als Unfallchirurgin UND Mutter vorstellen kann. So viele Wege. Gar nicht so einfach.

Ich drehe dem Anstieg noch einmal den Rücken zu. Und plötzlich weiß ich, dass ich in meine alte Welt nicht mehr zurück gehen mag. Nicht zu den 24 Stunden Diensten. Zu den 100 Stunden Wochen. Zu den Kollegen, deren Ellenbogen oft spitzer sind, als die schon spitzen Zungen. Bestimmt gibt es einen Berg, dessen schneebedeckte Spitze von der Sonne erhellt, und nicht nur von kalten Gletscherzungen beherrscht, ist.

Ich werde ihn finden, diesen Weg. Im Tiefschnee fühle ich mich wohl. Man muss sich einfach nur zurück lehnen und fahren.

Ich finde, das Tal sieht schon grüner aus, als vorher.

 

Bildquelle: flickr.com, by cordyph

Der Mann, das starke Geschlecht

Männer-Parkplatz

Liebe Follower,

gestern Nacht hat mich eine Email erreicht, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Sie kommt von Steffen. Er ist ist Vater zweier Kinder und Ehemann einer Unfallchirurgin. Mein Artikel „Ihr Platz im Bus ist hinten – das sind die Plätze für Schwarze.“, hat ihn wohl ziemlich aufgewühlt. Er hat mir auch schon zum Artikel „Liebe Väter in Elternzeit,“, eine sehr berührende Nachricht geschickt. Diese Emails zeigen mir, wie sehr das Thema der Vereinbarkeit, nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer, belastet.

Lieber Steffen, vielen herzlichen Dank für deine Nachricht. Ich freue mich sehr darüber, die Email veröffentlichen zu dürfen. Auch in Zukunft freue mich sehr über deine ehrlichen Kommentare. Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute!

Brief von Steffen: 

Hallo Lieschen,

vielen Dank für deinen Artikel „Ihr Platz im Bus ist hinten, das sind die Plätze für Schwarze.“
Meine Frau ist ebenfalls Assistenzärztin in der Unfallchirurgie und wir haben zwei Kinder im Alter von 4 und 2 Jahren. So verfolgen wir mit großem Interesse deinen Blog. Was mir immer wieder hohen Blutdruck verschafft, sind die Beiträge zum Thema Männer-Frauen-Vereinbarkeit. Den hohen Blutdruck bekomme ich, weil ich diese Situationen absolut nachvollziehen kann und aus dem Leben meiner Frau und aus meinem eigenen Leben zu Genüge kenne. Deshalb folgt nun mein Appell an die Männer:

Männer, warum halten wir uns für das starke Geschlecht?

Ist es nicht stark, eure Söhne und Töchter (auf die ihr ja soooo stolz seid) zu gebären? Ist es nicht stark, nach den körperlichen und seelischen Anstrengungen einer Geburt, den schlaflosen Nächten danach, der Veränderung des eigenen Körpers, auch noch ein zweites, drittes, viertes oder fünftes Kind zu bekommen? „Ich habe echt noch Lust auf ein viertes Kind“ sagt mein Kollege, der unter der Woche 300 km entfernt von seiner Frau und den drei Kindern in einem Hotel wohnt, und sich am Wochenende auf halber Strecke mit seiner Familie bei seinen Schwiegereltern trifft. Ist das stark?

Sind wir so „stark“, dass wir Frauen für die gleiche Position und die gleiche Arbeit weniger Gehalt bezahlen?

Wäre es nicht stark, wenn wir Männer einen Tag frei nehmen, wenn unser Kind krank ist? Wäre es nicht stark, wenn wir nicht nur zwei „Vätermonate“ in den Urlaub fahren, sondern uns mehrere Monate um den oder die Kleine kümmern? Wäre es nicht stark, pünktlich zum Abendessen zu Hause zu sein um die Kinder ins Bett zu bringen? Wäre es nicht stark, in Teilzeit zu arbeiten, damit unsere Frauen wieder Vollzeit einzusteigen? Wäre es nicht stark, wenn wir kochen, waschen, bügeln, putzen, Windeln wechseln, Kinder anziehen und sie betreuen würden? Wäre es nicht stark, wenn arbeitende Frauen keine Rabenmütter und Väter, die zu Hause sind, keine Waschlappen oder Arbeitsverweigerer wären? Wäre es nicht stark, wenn jedes Paar seine Familie so organisieren könnte, wie es für sie möglich ist? Wäre es nicht stark, dies dann einfach zu akzeptieren? Und wäre es nicht stark, wenn das alles als „normal“ empfunden werden würde?

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Männer und Frauen. Biologische Unterschiede. Das ist alles. Aber es gibt kein starkes und kein schwaches Geschlecht. Es gibt kein besseres und kein schlechteres Geschlecht.

Und trotzdem machen wir diesen nicht vorhandenen Unterschied jeden Tag zum Thema und leben unseren Kindern vor, dass es da offensichtlich doch einen Unterschied gibt.

Es ist Zeit, das zu ändern!

Liebe Grüße,

Steffen

 

Bildquelle: flickr.com, by YouWatch

Wir sind die Generation Y

Ich lese einen Artikel über die Generation Y. Mehr Freizeit, Selbstverwirklichung, Zeit für Familie und Freunde und solche Sachen. Dann lese ich auch noch einen Artikel über Frauen in der Vereinbarkeitsfalle. Wir Frauen wollen anscheinend gute Mütter sein, in Vollzeit arbeitend, stark und selbstbewusst, die besten Freundinnen und wundervollsten Liebehaberinnen, spontan, jung sein und sowieso perfekt. Irgendwie passt das alles nicht zusammen.

Meine Freundin ist Neurologin. Sie hat zwei Kinder und arbeitet als Fachärztin in einer Uniklinik, in Vollzeit. Keine Omas, die helfen, die Kinder sind anscheinend nie krank. Sie schickt selbst gebastelte Weihnachtskarten, macht tierisch leckere Kuchen und kocht 5-Gänge-Abendmenüs, wenn wir zu Besuch sind. Sie ist schlank und schön. Ich sehe kein einziges Fältchen. Sie hat ihre beiden Schwangerschaften bis zum 7. Monat verheimlicht. Weiter in Vollzeit gearbeitet, auch noch im Mutterschutz. 8 Wochen nach der Geburt war sie bei Kind Nr. 1, 5 Monate nach Kind Nr. 2, wieder arbeiten. Den Anschluss nicht verlieren, auf Karriere nicht verzichten. Ihr Mann arbeitet als Allgemeinchirurg in der Uniklinik, mittlerweile ist er Oberarzt, natürlich in Vollzeit.

Ich bin schwanger und in der Facharztweiterbildung zur Unfallchirurgin. Mir ist schlecht und schwindelig, ich bin müde und heute habe ich auch noch Schnupfen und Kopfweh. Aber ich gehe zur Arbeit. Wie jeden lieben langen Tag. Kranke Ärzte gibt es nicht.

Diese Woche habe ich Glück. Eine 54-Stunden-Woche. Das ist doch machbar, oder nicht?