„Ich WILL aber nicht!“

Trotzphase

Die 1-jährige liegt strampelnd auf dem Boden vor mir: „ICH WILL NICHT!“ Sie tritt und schreit und weint. Die Trotzphase sagt „HALLO“. Ich zucke mit den Achseln und lasse sie brüllen. Als das Schlimmste vorbei ist, hole ich ihr Kuscheltier und lenke sie ab. Eine lange Umarmung tröstet sie etwas.

Irgendwie bin ich neidisch. Einfach mal alles raus brüllen? Die ganze Anspannung, die runter geschluckten Kommentare, die einem auf der Zunge liegen, die nicht ausgesprochenen „NEIN“s des Alltags? Herrlich muss das sein! „„Ich WILL aber nicht!““ weiterlesen

Die Sache mit der Verantwortung

Finger

Paula steht vor mir. Sie ist eine gute Bekannte und hat sich den Radius gebrochen. Sie wurde vor 2 Wochen operiert (nicht in meiner Klinik) und der Unterarm ist blau, grün und gelb. Es ist noch etwas geschwollen und die Beweglichkeit ist, auch schmerzbedingt, eingeschränkt. Die Wunde ist reizlos verheilt, sie geht zur Physiotherapie, der Heilungsprozess ist im Gange. Natürlich ist sie etwas ungeduldig. Es ist ihre rechte Hand, sie kann nicht besonders gut schreiben und sie darf 6 Wochen keine schweren Sachen tragen.

„Also ich verstehe das nicht. Dass das immer noch so schmerzt. Ich muss immer noch eine Schmerztablette nehmen. Vor allem abends geht es noch nicht ohne. Die im Krankenhaus haben gesagt, sie kriegen das wieder hin. Aber bisher glaube ich nicht wirklich daran. Ich hoffe doch sehr, dass bei der OP nichts schief gegangen ist.“

„Paula, die Röntgenbilder sehen tadellos aus. Der Heilungsverlauf ist absolut zeitgerecht. Du brauchst leider etwas Geduld.“

Als ich sie nach 2 Monaten wieder sehe, beklagt sie sich bei mir.

„Ich kann eigentlich alles wieder machen, aber einige Bewegungen sind immer noch eingeschränkt. Ich werde das Handgelenk nie mehr so gut bewegen können, wie vorher. Ich habe keine Schmerzen mehr und es ist auch gut verheilt, aber diese Klinik kann ich wirklich nicht weiter empfehlen. Ich hatte echt Vertrauen, aber so gut wie vorher ist es wirklich nicht wieder geworden.“

„Ja, der Unterarm war ja auch gebrochen. Wenn du es so haben möchtest wie vorher, darfst du ihn dir nicht brechen.“

Sie blickt mich erstaunt an. „Warum bist du denn so aggressiv? Das ist ja wirklich nicht einfühlsam.“

Einfühlsam? Das ist ehrlich. Den Patienten zu erzählen, es wird wie vorher, ist falsch. Eine realistisches Bild zu schaffen, gehört zu einer präoperativen Aufklärung dazu.

An diesem Tag habe ich von falschen Vorstellungen und abgegebener Verantwortung wirklich genug. Den ganzen Tag war ich in der Sprechstunde des Chefarztes gefangen.

Dienstleistung auf hohem Niveau. Spritzen, infiltrieren, operieren, kaufen und verkaufen. Gerne hätte ich mir auf manche der Patientenfragen eine ehrlichere Antwort erhofft.

Pat, männlich, 45 Jahre: „Mein Rücken schmerzt, die Knie auch. Alles tut weh. Was können Sie da machen?“

– „Wie wäre es, wenn Sie schwimmen und spazieren gehen? Den Kuchen weg lassen und mindestens 20 kg abnehmen?“

Pat., weiblich, 63 Jahre: „Können Sie mir denn gar nicht weiterhelfen? Seit ich mich weniger bewege, schmerzt der Rücken noch viel mehr.“

– „Dann bewegen Sie sich doch mehr!“

Pat., weiblich, 53 Jahre: „Trotz des operierten Vorfußes, passe ich noch in keinen Stiletto.“

– „Dann tragen sie keine Pumps.“

Den Patienten die Verantwortung abzunehmen, hilft nicht. Sie schafft Passivität und Vorstellungen, die nicht der Realität entsprechen.

Dieser Post erschient zuerst auf doccheck.com

Bildquelle: flickr.com, by J E Theriot

Wenn ich den „Keiner“ mal finde…

„Ich bin da nicht zuständig“. Ich hasse diesen Satz wie die Pest. Es ist 07.15Uhr, ich mache auf Station die Runde, gebe allen Patienten, die operiert werden, die Hand, kontrolliere die Aufklärungen, checke Hb, Kalium und Blutkonserven. Herr Maier aus Zimmer 1 bekommt heute eine neue Hüfte. Als ich ins Zimmer komme, beißt er gerade genüsslich in seinen Apfel – „Die Schwester sagte, ich darf frühstücken.“ Ich fluche. „Wer ist für Zimmer 1 zuständig?“ Natürlich keiner. In der Frühbesprechung wird auf einem Röntgenbild eine Scaphoidfraktur vermutet. Der Patient war am Vortag mit einer Handgelenksprellung entlassen worden. Wer hat ihn versorgt? Es war natürlich keiner zuständig. Um 10 Uhr brauche ich aufgrund eines offen luxierten Sprunggelenks einen Anästhesisten für eine dringliche Aufklärung. Die Sekretärin versichert mir am Telefon, sie wisse nicht, wer zuständig sei. Also telefoniere ich bis zum leitenden Oberarzt, bis ich einen Anästhesisten für die Aufklärung finde. Herr Ludwig ist in der Notaufnahme bei meinem Kollege Oberfeldwebel. An Herr Ludwigs Fußballen befindet sich ein infiziertes Ulcus. „Wir Unfallchirurgen sind da nicht zuständig“, sagt Kollege Oberfeldwebel. In der Gefäßchirurgie will keiner davon was hören. Aber immerhin hat Herr Ludwig auch einen Zucker von über 500. Entgleister DM 2, da ist ja wohl die Innere Medizin zuständig. In Kabine 3 fällt Frau Bach gerade in Ohnmacht, weil ihr Zucker viel zu niedrig ist. Die Kollegin aus der Inneren flucht. „Ich hab der Notfallschwester doch gesagt, dass Frau Bach die Glukoseinfusion braucht. Wo ist sie denn?“ Während die Notfallschwester nun mit der Kollegin aus der Inneren und dem Notfallpfleger und Notfallpflegehelfer diskutiert, wer denn nun zuständig war (natürlich keiner), gehe ich mal Frau Bach die notwendige Glukose verabreichen. Ich bin zwar nicht zuständig, aber was soll’s.