Operation Baby & Beruf

Mutter im Sturm

2018. Wow. So schnell geht das. Da wird man schwanger, bekommt ein Baby und geht in Elternzeit. Und hat erst einmal Pause. Zeit zum atmen, zum leben. Zum Umdenken, zum Weg finden.

Aber plötzlich schrumpft diese Zeit, Woche für Woche. Ich entwickle so etwas Ähnliches wie Langeweile.

Ich habe viel zu tun, das ist es nicht. Aber ich werde plötzlich kreativ, bastel an Ideen, Überlegungen, spinne verrückte Sachen aus. Das ist gut. Mein Gehirn braucht Arbeit. Sonst schrumpft es.

Zum allerersten Mal seit ich Mutter bin, denke ich mit positiven Gefühlen an meinen Beruf. Ich schlage wieder die Bücher auf. Sehe mir operative Zugangswege an oder stelle mir die einzelnen Schritte bei Operationen vor. Die Entscheidung, in eine andere Klinik zu gehen, fühlt sich gut an. Und doch habe ich neben den zwei Ausfertigungen meines neuen Arbeitsvertrags, meinen Laptop aufgeklappt.

Wie geht es beruflich weiter?

Ich studiere die Weiterbildungsordnungen. Für Orthopädie und Unfallchirurgie. Für Rehabilitative Medizin. Für Allgemeinmedizin. Für Gesundheitsmedizin und Arbeitsmedizin. Für … wollte ich nicht einmal Gynäkologie machen?

Trotz der vermutlich besseren Arbeitsbedingungen in der neuen Klinik, fällt es mir schwer, mich als arbeitende Mutter in der Unfallchirurgie zu sehen. Wird es mir leicht fallen, mein Kind in eine Betreuung zu geben? Pünktlich von der Arbeit nach Hause zu gehen? Arbeit liegen zu lassen, weil mich meine Familie braucht und ich sie? Ist eine Vereinbarkeit überhaupt möglich? Wie wird die Aufteilung klappen zwischen meinem Mann und mir? Wie werden mein Mann und das Kind meine Nacht- und Wochenenddienste erleben?

Werde ich als arbeitende Mutter trotzdem in meiner von Männer dominierten Arbeitswelt gefördert werden? Werde ich weiterhin operieren dürfen und in meiner Facharztweiterbildung voran kommen? Werde ich meine Facharztweiterbildung überhaupt auch mit Kind meistern können? Wie viel Zeit brauchen wir als Familie? Wie viel Zeit brauche ich mit meinem Kind und mein Kind mit mir?

Ich bin beides: Unfallchirurgin und Mutter

Vielleicht werde ich ja doch Hausärztin. Sagen nicht alle, ein solches Arbeitsmodell sei besser mit der Familie zu koordinieren als ein Leben in der Unfallchirurgie und Orthopädie?

2018 wird ein Jahr der Entscheidungen. Aber meinem Kopf und meinem Herz ist jetzt schon einiges klar. Ich bin Unfallchirurgin und Mutter. Weder das eine noch das andere kann oder möchte ich ändern. Die zwei Welten in mir werden einen Kompromiss finden müssen.

Wie ist ein Alltag als Ärztin und Mutter organisierbar? Hier habe ich einen Fragebogen für alle Ärztinnen und Mütter entwickelt. Es haben bereits einige Leserinnen den Fragebogen ausgefüllt und ihn mir auf unfallchirurginundmutter[@]googlemail.com zurückgemailt. Freundlicherweise durfte ich auch schon mehrere davon anonym veröffentlichen.

Einer der neuesten Interviewbeiträge findet ihr hier – ausgefüllt von einer Ärztin, Internistin und Mutter von 4 Kindern. Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen!

Ich freue mich über zahlreiche weitere Rückmeldungen und Interviews, die ich veröffentlichen darf. Einfach mitmachen!

 

Bildquelle: flickr.com, by CircaSassy

Der Beitrag erschien zuerst auf doccheck.com

Der Balanceakt missglückt

Tal-Berg

Das Tal ist größer und tiefer als ich dachte. Als das Baby geboren wurde, dachte ich, ich könne einfach auf der Bergkette entlang wandern. Am oberen Rand balancieren, einmal um das Tal herum. Mir das Tal anschauen, bevor ich wieder weiter klettere. Tja, was soll ich sagen…

Hier unten fühlt es sich irgendwie leer an. Es fehlt etwas. Aber doch ist es hier so voll. Verplant. Jeder Tag ist eine endlose Aneinanderreihung von glücklichen, anstrengenden, schlaflosen, fröhlichen, verwirrenden Tagen. Mein Boden hat nach gegeben. Ich weiß nicht mehr so genau, wo ich stehe. Wer ich eigentlich bin. Vorher war ich Unfallchirurgin mit Leib und Seele, 200%. Jetzt bin ich Mutter, zu 200%.

Das fühlt sich leider nicht nur gut an. Mir das einzugestehen, fällt mir schwer. Nicht glücklich damit zu sein, einfach NUR Mutter zu sein. Nicht ausgefüllt zu sein, obwohl ich doch so viel zu tun und zu geben habe.

„Jetzt, als Mutter, weißt du endlich, was der Sinn des Lebens ist, nicht wahr?“ höre ich oft. Ich weiß, was sie mit dem Satz meinen, aber ich kann ihn nicht bestätigen.

Es verändert sich so viel. In so kurzer Zeit. Alle noch so guten Pläne, sind plötzlich verschwunden und das Navi steht in der Sackgasse.

Vielleicht tut mir dieser Platz im Tal auch ganz gut. Hier ohne Plan durch zu wandern zeigt mir viele Seiten an mir, die ich nicht kannte. Ich erhasche einen ersten Blick auf eine andere Welt, die so ganz anders ist, als ich es mir vorgestellt habe. Zuerst versuche ich, mich anzupassen. Das misslingt gründlich. Ich kann mich nicht verstellen. Ich werde nie die Art Mutter sein, die ich hier so häufig antreffe. Mir daraus keinen Vorwurf zu machen, fällt mir schwer. Aber ich weiß, dass ich unglücklich, keine gute Mutter und keine gute Unfallchirurgin sein werde. Meinen Weg durch diesen Dschungel zu finden, ist abwechslungsreich, enttäuschend, traurig, spannend, fröhlich und irritierend zugleich.

Nach einiger Zeit erhasche ich einen Blick auf einen Anstieg. Traue ich mich da überhaupt wieder hinauf? Bleibe ich nicht einfach besser hier unten? Dort, wo ich mich jetzt auskenne? Die Welt dort oben wird sich weiter gedreht haben, nicht mehr die Alte sein. Ich werde nicht mehr die Alte sein.

Ich weiß, dass der Zeitpunkt noch nicht da ist. Es ist wichtig, dass ich diese Schritte langsam gehe. Mir Zeit nehme, die richtige Entscheidung zu treffen. Wie ich mir mein Leben als Unfallchirurgin UND Mutter vorstellen kann. So viele Wege. Gar nicht so einfach.

Ich drehe dem Anstieg noch einmal den Rücken zu. Und plötzlich weiß ich, dass ich in meine alte Welt nicht mehr zurück gehen mag. Nicht zu den 24 Stunden Diensten. Zu den 100 Stunden Wochen. Zu den Kollegen, deren Ellenbogen oft spitzer sind, als die schon spitzen Zungen. Bestimmt gibt es einen Berg, dessen schneebedeckte Spitze von der Sonne erhellt, und nicht nur von kalten Gletscherzungen beherrscht, ist.

Ich werde ihn finden, diesen Weg. Im Tiefschnee fühle ich mich wohl. Man muss sich einfach nur zurück lehnen und fahren.

Ich finde, das Tal sieht schon grüner aus, als vorher.

 

Bildquelle: flickr.com, by cordyph

Zitat des Tages

Zitat des Tages kommt heute von meinem Oberarzt. Die Bewerbungsunterlagen für die freie Stelle als Assistenzarzt/-ärztin liegen vor uns. 1. Mappe:  Eine Frau, Dr. med., vier Kinder, 38 Jahre alt, Assistenzärztin im Fach Orthopädie und Unfallchirurgie, viele Fortbildungen, 1 Jahr fehlt ihr noch zum Facharzt.

Er schüttelt den Kopf: „Man kann nicht alles haben. Unfallchirurgin und Mutter. Das geht eben nicht. Da muss man sich entscheiden.“

Ich sitze mit meinem ziemlich dicken Bäuchlein daneben.

Er selbst ist leitender Oberarzt und hat 3 Kinder.