Ach, das wird schon!

Schach

Die Feiertage im Mai sind zahlreich. Die Urlaubszeit hat begonnen. Die ersten verunfallten Fahrrad- und Motorradfahrer fallen als OP-Schwestern, Anästhesisten und Pfleger aus.

1 OP Saal ist auch an normalen Arbeitstagen gesperrt, wegen des Personalmangels. Wie praktisch. Dann können also in der nächsten Woche alle Patienten endlich auf dem OP-Tisch landen, die jetzt schon 7 Tage auf einen OP-Platz warten und ein Krankenhausbett belegen.

Und der eine gesperrte OP Saal?

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Das „Innere“ Auge

Auge

Die Station ist vollgepackt mit Patienten der Alterstraumatologie. Nicht, dass wir Zentrum der Alterstraumatologie wären. So mit Geriater, Internist, Extra Physio und Extra Ergo. Nein, auf unserer Station sind aktuell einfach nur alle alt und krank.

Zur Zeit wünschte ich mir diese Zertifizierung. Naja, nicht die Zertifizierung an sich, aber unbedingt den Geriater oder den Internisten. Alt und krank ist nämlich so eine spezielle Sache. Hier brennt das unfallchirurgische Herz nicht auf höchster Flamme. Es heizt eher wie eine schwache Glut um 4 Uhr morgens. Bei einigen meiner Kollegen zumindest.

Der ein oder andere reißt also jeden zweiten Tag 25 Pflaster von kleinen Wunden nach operierten pertrochantären Femurfrakturen, medialen Schenkelhalsfrakturen, Humeruskopffrakturen oder Radiusfrakturen. Ein postoperatives Labor wird abgenommen und vielleicht noch ein zweites im Verlauf. Das postoperative Röntgenbild erfolgt im Patientenbett. Und dann werden die alten bis sehr alten Patienten nach spätestens 7 Tagen ins Pflegeheim oder in die Kurzzeitpflege verlegt.

Erledigt. Wunderbare Sache.

Wenn da nur nicht das „innere Auge“ wäre. Ich kenne dieses Auge leider gut. Einige meiner Kollegen und Kolleginnen auch. Das sieht nämlich mehr als Pflaster, Hb und Quick. Das sieht Ödeme, Brustschmerzen, Dyspnoe, Exsikkose, Entzündungswerte, fehlende Ausscheidungen und absurde Elektrolytentgleisungen. Sachen gibt es.

Sachen, die doch sonst nur den Geriater interessieren. Oder den Internisten. Natürlich den ambulant behandelnden Facharzt, wenn es nach den wenigen unfallchirurgischen Kollegen in meinem Team geht, die auf Sparflamme brennen.

Manchmal haben sie, oder vielmehr die Patienten, Glück. Sparflamme ist sogar häufig eine geniale Sache. Die Patienten bleiben gar nicht so lange in unserer Behandlung, bis wir die Pneumonie, die Dekubiti oder die katheterassoziierten Infekte detektieren.

Manchmal eben aber auch nicht. Wenn etwa das perioperative Geschehen und das verordnete Voltaren bei der chronischen Niereninsuffizienz im Verlauf zur akuten Verschlechterung führt, die Elektrolyte entgleisen und die Patienten daran versterben. Oder die Dyspnoe erstes Anzeichen für die fulminante Lungenembolie ist. Oder hinter den Ödemen eine Herzinsuffizienz steckt, die bis zur akuten Entlastung großer Pleuraergüsse, unbehandelt bleibt.

Spätestens dann braucht man einen Anwalt und keinen Geriater mehr. Sachen gibt es.

 

Dieser Artikel erschien auch auf doccheck.com

Bildquelle: flickr.com, by Conal Gallagher

Zweifel

Zweifel bin ich nicht gewohnt. Ich habe gelernt, in einer Situation nachzudenken und zu handeln. Und das alles schnell, sehr schnell. In der Unfallchirurgie ist das wichtig, manchmal lebensnotwendig. Die Prioritäten zu kennen, rettet oft ein Leben. Klar, alles was planbar ist, wird geplant. Und zwar mit Variante B, falls A nicht klappt und Variante C, wenn A und B nicht klappt. Aber dieses Verhalten überträgt sich auf mein Leben. Ich glaube, ich war schon immer so. Deshalb ist die Unfallchirurgie mein Fachgebiet geworden. Da fühl ich mich wohl. Oder mein Fachgebiet verstärkt diese Eigenschaft in mir. Für mein persönliches Leben ist diese Eigenschaft jedoch nicht immer so toll. Nach mir die Sintflut. Mit dem Kopf durch die Wand. Im Leben ist aber nicht immer alles schwarz oder alles weiß. Da gibt es ein grau. Und jetzt? Ich möchte auch schwanger meine Weiterbildungszeit nutzen. Nicht ins Beschäftigungsverbot gehen. Weitermachen, so lange es für mich und das Baby geht. In der Notaufnahme ist heute verdammt viel los. Mein Kollege Oberfeldwebel steht in Kabine 1 bei einem Polytrauma, Kollege Mc Sexy bastelt in Kabine 2 einhundert Schwämme auf eine alte Dame, deren gesamte Beinvorderseite abgeledert ist und in Kabine 3 steht der PJ-ler völlig überfordert bei einem Patienten mit einer großen, tiefen Riss-quetsch-wunde am Ellenbogen, aus der es arteriell blutet. Der Patient erzählt einen Witz nach dem anderen und wedelt dabei mit seinem blutenden Arm durch die Gegend. Es ist einer der Obdachlosen, die häufig hier sind. Er ist betrunken. Ich trete in Kabine 3, stelle mich vor und sage ihm, dass ich jetzt einen Druckverband anlege. Der Rest wird im OP erledigt. Als ich den Druck auf die Wunde erhöhe, holt der Patient aus und versucht, sich zu wehren. Ich schaffe es, auszuweichen. Die Blutung steht, mir ist nichts passiert, dem Baby auch nicht. Als ich zu Hause bin, überlege ich mir, ob ich diese Situation dem werdenden Vater meines wachsenden Babys erzähle. Ich zweifle. Nicht daran, dass ich es erzählen werde, sondern an der Entscheidung, Kabine 3 zu betreten.

Wir sind die Generation Y

Ich lese einen Artikel über die Generation Y. Mehr Freizeit, Selbstverwirklichung, Zeit für Familie und Freunde und solche Sachen. Dann lese ich auch noch einen Artikel über Frauen in der Vereinbarkeitsfalle. Wir Frauen wollen anscheinend gute Mütter sein, in Vollzeit arbeitend, stark und selbstbewusst, die besten Freundinnen und wundervollsten Liebehaberinnen, spontan, jung sein und sowieso perfekt. Irgendwie passt das alles nicht zusammen.

Meine Freundin ist Neurologin. Sie hat zwei Kinder und arbeitet als Fachärztin in einer Uniklinik, in Vollzeit. Keine Omas, die helfen, die Kinder sind anscheinend nie krank. Sie schickt selbst gebastelte Weihnachtskarten, macht tierisch leckere Kuchen und kocht 5-Gänge-Abendmenüs, wenn wir zu Besuch sind. Sie ist schlank und schön. Ich sehe kein einziges Fältchen. Sie hat ihre beiden Schwangerschaften bis zum 7. Monat verheimlicht. Weiter in Vollzeit gearbeitet, auch noch im Mutterschutz. 8 Wochen nach der Geburt war sie bei Kind Nr. 1, 5 Monate nach Kind Nr. 2, wieder arbeiten. Den Anschluss nicht verlieren, auf Karriere nicht verzichten. Ihr Mann arbeitet als Allgemeinchirurg in der Uniklinik, mittlerweile ist er Oberarzt, natürlich in Vollzeit.

Ich bin schwanger und in der Facharztweiterbildung zur Unfallchirurgin. Mir ist schlecht und schwindelig, ich bin müde und heute habe ich auch noch Schnupfen und Kopfweh. Aber ich gehe zur Arbeit. Wie jeden lieben langen Tag. Kranke Ärzte gibt es nicht.

Diese Woche habe ich Glück. Eine 54-Stunden-Woche. Das ist doch machbar, oder nicht?

Prioritäten

In der Morgenbesprechung wird mal wieder heiß diskutiert. Ein Patient wurde aufgenommen. Er müsste dringend operiert werden, nicht lebensgefährlich, aber dringend. Er hat keine Krankenversicherung und kann die OP nicht bezahlen. Die Verwaltung steht natürlich mal wieder parat. Die scheinen einen echt schnellen Draht zu haben, zumindest was das liebe Geld betrifft. Wir sollen warten, bis die Übernahme der Kosten geklärt ist. Der Bürohengst verlässt den Raum und unser Chef setzt Prioritäten. „Hüften/Knie, alle elektiven Sachen, müssen definitiv heute laufen. Wir müssen schließlich ans liebe Geld denken.“ Ich wechsle einen Blick mit Frau Kollegin. Sie rollt mit den Augen. „Ach, und das Sprunggelenk aus Saal 3 ist noch deutlich zu geschwollen. Das können wir erst morgen operieren, wenn es weiter abgeschwollen ist. Dafür operieren wir Patient No-insurance.“ Ihre Augenbrauen zucken nach oben. Prioritäten sind wichtig.

Ich komme in der Notaufnahme an. Es warten schon 5 Patienten. OA Superwichtig ruft an. Ich soll nicht vergessen, dass ich ab 11 Uhr auch noch in eine superwichtige Besprechung muss. Also eigentlich seine superwichtige Besprechung. Superwichtig. Kann ja extrem superwichtig sein, wenn ich hin muss.

Dann also auf zu Kabine 1 und 2. Der Patient in Kabine 1 kostet mich unangebracht viel Zeit und Nerven, bis er verstanden hat, dass ich ihn nicht wegen einer Kleinfingerprellung für eine Woche krankschreiben werde. Auch nicht, obwohl er doch morgen diese Prüfung hat, die er wahrscheinlich nicht bestehen wird.

Der Patient in Kabine 2 kommt mit Kniegelenksschmerzen. Klinisch eindeutig ein Innenmeniskusproblem. Nachdem ich ihm meinen Befund und die Möglichkeiten erklärt habe (weitere Diagnostik, konservative vs operative Therapie, Aufklärung etc.) zieht er verschmitzt einen Ordner heraus… er ist hier zur Viertmeinung… ob wir hier wohl zum selben Ergebnis kommen würden… in der Notaufnahme!!!… Akten, Briefe, CDs, Befunde, alles ist dabei. Außerdem hätte er gerne noch ein EKG, wenn er sowieso schon mal da sei. Ach, operieren lässt er das natürlich nicht. Klar. Auf meine Bitte, einen Termin in der Sprechstunde zu vereinbaren, sollte er sich zu einer OP entscheiden, reagiert er mit „Denken doch alle nur ans liebe Geld die Ärzte. Wo gibt es hier die Beschwerdezettel?“.

Als ich zu Patient 5 komme, „Rippenschmerzen vom Hausarzt“ steht in dem Triagesystem, ist es 10.55Uhr. Noch schnell Röntgen vor der superwichtigen Besprechung. Er ist 75 Jahre alt und entpuppt sich als Atemnot mit Hustenreiz und Schmerzen auf der rechten Thoraxseite, nachdem er die Treppe herunter gefallen ist. Er wollte eigentlich gar nicht kommen und hat natürlich brav gewartet. Rechtsseitig ist kein Atemgeräusch unter meinem Stethoskop zu hören. Auf dem Röntgenbild sind 3 Rippen gebrochen und der rechte Lungenflügel ist kollabiert. Scheiße. Pneumothorax. Als OA Superwichtig um 11.05Uhr auf meinem Telefon Sturm klingelt, kann ich leider nicht ran gehen. Da stecken meine Finger bereits zwischen den Rippen des älteren Mannes um ihm eine Thoraxdrainage zu legen. Prioritäten sind wichtig.