Dünnes Eis

Ich bewege mich auf dünnem Eis. Mir ist schlecht. Die ganze Zeit. Ich kotze nicht. Nein. Mir ist einfach nur schlecht. Ich hätte gerne Schmerzen. Die kann ich aushalten. Die Übelkeit nicht. Jeden Tag schleppe ich mich zur Arbeit. Keiner weiß Bescheid. Mein Geheimnis bleibt mein Geheimnis. Ich umschiffe die riesigen Berge Durchleuchtung, MRSA-Zimmer und OP bisher wenig elegant mit vielen Ausreden. Heute morgen wäre ich fast gegen den Eisberg Intensivstation geprallt. Ich erfinde eine neue Ausrede. Ein Kollege übernimmt die heutige Intensivvisite. Noch möchte ich keinem Bescheid geben. Erst mal warten, ob mein Geheimnis auch wächst und gedeiht. Allen Bescheid geben und nach 2 Wochen erzählen, dass ich eine Fehlgeburt hatte? Die mitleidigen Blicke ertragen? Wir sind Unfallchirurgen, Schwäche zeigen ist da Fehl am Platz… oder? Mein Oberarzt ist irritiert. Gerade habe ich eine OP abgelehnt. Er soll alleine die stickende Handphlegmone operieren. Draußen ist so viel los, da muss ich helfen. „Frau Müller, draußen ist immer viel los.“ „Oberarzt Super, eigentlich immer gerne, aber Kollegin Frischling ist alleine hier draußen. Die braucht Unterstützung.“ „Das ist ja sehr lieb von ihnen. Aber, dass sie deshalb einen Handeingriff ablehnen, verstehe ich nicht. Ist ja ihre Facharztausbildung.“ Meine Facharztweiterbildung wird noch sehr viel mehr verkraften müssen, als einen abgelehnten Handeingriff. Meine Laune sinkt noch weiter. Die ständige Übelkeit ist zum kotzen. Am liebsten würde ich mich in ein Bett verkriechen. Frau Frischling ruft an. „Lieschen, kannst du mir helfen? Ich glaube Patient Lustig stirbt.“ Klasse. Ich hoffe, sie irrt sich. Gegen den Berg Reanimation werde ich dann wohl prallen. Da gibt es keine Ausrede.