Die „Notaufnahmeschwester“ packt aus

Notaufnahmeschwester

Ende März habe ich einen Artikel veröffentlicht: „Ich wünsche mir mehr Mittelfinger“. Es geht um die Arbeitsbedingungen im Gesundheitssystem und warum ich mich darüber wundere, dass nicht mehr Menschen, diesem Gesundheitssystem den „Mittelfinger“ zeigen.

Am 31.03.18 schreibt die „notaufnahmeschwester“ einen Text auf ihrem Blog „And now her watch is ended“.

DIE „Notaufnahmeschwester“, bekannt aus ihrem gleichnamigen Blog „notaufnahmeschwester.com“, gibt ihren Job in der Notaufnahme auf!

Die Bloggerin, die im Januar dieses Jahres für ihren Blogtext „Ihr Lappen!“, den goldenen Blogger Award verliehen bekam, verlässt ihren Heimathafen „die Notaufnahme“ nach 21 Jahren.

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Ich warte aber schon so lange…

Warten

Samstag. Die Notaufnahme ist seit sieben Uhr gefüllt. Was die Dringlichkeit der zu behandelnden Fälle angeht, ergibt sich das Ranking dringend, sehr dringend und extrem dringend.

Der dringende Fall, ein Mädchen mit gebrochenem Arm, muss seit vier Stunden warten.

Stürze vom Vortag, sechs Patienten mit RTW und Notarzt, ein Autounfall mit zwei Hochrasanztraumata. Ich sage der Aufnahmeschwester, sie soll die wartenden Patienten informieren. Die Wartezeit wird sich verlängern.

Ich sprinte also zwischen Schockraum, CT und Intensivstation hin und her, bis ich zu Carolin komme. Sie wartet bereits seit vier Stunden. Sie ist zwölf Jahre alt. Leider hat sie sich den Unterarm gebrochen, als sie vom Klettergerüst gestürzt ist. Blöd ist nur, dass die Fraktur offen ist. Wir müssen sie operieren. Unter der sechs Stunden Grenze werden wir nun leider nicht bleiben können.

Wie schnell hätte ich behandeln müssen?

 

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Bildquelle: flickr.com, by abbilder

Wer saufen kann, kann auch pöbeln

Alk 2

Ich hasse diese Diskussionen. Der Rettungswagen hat einen jungen Mann hergebracht, der jetzt vor mir steht bzw. schwankt. Es ist fünf Uhr morgens, er hat ein Monokelhämatom, es sickert Blut aus der Nase. Er ist betrunken und wenig kooperativ. Und ich bin genervt.

Der junge Mann wankt und schwankt und lallt. Leider nicht so betrunken, dass er nur noch liegen kann. Ein ebenso betrunkener Freund begleitet ihn. Die Polizei hat sie am Straßenrand aufgelesen und den Rettungswagen alarmiert.

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Bildquelle: flickr.com, by Theo Crazzolara

 

 

 

Karl, der Betrunkene und ich

Alkohol

Ich hasse die Arbeit mit Betrunkenen. Ich weiß, alle Menschen sind gleich und verdienen die gleiche Behandlung. Naja. Diejenigen mit den ganz besonders unangenehmen Gerüchen, sogar manchmal mit größter professioneller Distanz und am schnellsten. Aufschrei! „Was? Der Betrunkene kommt noch vor mir dran? Obwohl ich schon 20 Minuten länger warte?“ Ja. Durchaus. Schnell rein, schnell abarbeiten, nicht aufregen, simpel, zügig, ohne viel Geschrei, ab nach Hause. Geht das nicht, wird es nämlich noch unangenehmer. Geschrei, Gezeter, Stürze von der Liege, Handgemenge mit den Pflegern, noch mehr Gebrüll, Ärger mit anderen Patienten, Suchtrupps um die weggelaufenen Betrunkenen zu suchen, Polizei, viele Telefonate und verdammt viel unnötige Arbeit. Also ja, sie kommen manchmal schneller dran. Und gehen schneller wieder. Oder schlafen ihren Rausch auf der Station aus. Bescheiden wird es nur dann, wenn sie gehen wollen und nicht dürfen. Also, zu viel Alkohol im Blut und zu viel Blut im Kopf. Instabile Frakturen. Betrunkene, die sich selbst gefährden. Herrlich. Die meisten landen auf der Intensivstation. Da gibt es genug Flüssigkeiten, auch noch den letzten Widerstand in den Schlaf zu versetzen. Wenn das aber nicht geht, wird es erst richtig bescheiden. Ich erinnere mich an meinen letzten betrunkenen Patienten, Karl.

Wie er da vor mir stand. Schreiend, taumelnd, sich mit aller Kraft wehrend. Die instabile Wirbelkörperfraktur in seiner Wirbelsäule und die Fraktur in seinem Fersenbein ignorierend. Drohender Querschnitt hin oder her. Er hat mich schon sehr viel Zeit gekostet. In der Aufnahme, beim Blut abnehmen, im CT, beim Röntgen, beim Gipsen. Keinen Schritt ohne mich. Sehr viel Überredungskunst, freundliche Worte, beruhigende Worte. Zeit, die ich nicht für die anderen Patienten habe. Die nun warten müssen. Nachts. Bereitschaftsdienst, der heute mal wieder kein Bereitschaftsdienst ist. Sondern ein Dienst, rund um die Uhr. Karl möchte heim. Er ist 20 Jahre alt und hat 3 Promille. Diesen Pegel muss man üben, um mich damit noch stehend anschreien zu können. Er ruft seinen Vater an, ihn abzuholen. Der Vater erklärt mir nun, er unterschreibt mir, die Verantwortung für seinen Sohn zu tragen und ihn am nächsten Tag wieder vorbei zu bringen. Aha, er scheint das schon öfter gemacht zu haben. Dass sein Sohn nicht aufstehen darf und nur en bloc gedreht werden sollte, scheint er nicht zu verstehen. Karls Vater stinkt nach Schnaps, seine Kleidung ist völlig verdreckt und er hat sicherlich nicht weniger Promille in seinem Blut, als sein Sohn. Er ist mit seinem Auto in unsere Notaufnahme gefahren und als ich aus dem Raum gehe, gibt er seinem Sohn eine schallende Ohrfeige. Karl zuckt nicht einmal mit der Wimper. Karl war einmal ein Kind. Vor nicht allzu langer Zeit.

Aus Hass wird Mitleid. Einfach so.

 

Bildquelle: flickr.com, by Günther Hentschel

Es war einmal … nichts?

Märchen

Diese Woche erhielt ich eine Nachricht von einer geschätzten Leserin meines Blogs. Sie schrieb mir von einem Märchen. Das ich nun freundlicherweise weiter erzählen darf. Verehrte Kollegin – vielen Dank! Wer weiß, vielleicht ist das Märchen sogar wahr.

„Es war einmal ein Rumpelstilzchen. Der wartete seit Stunden in der Notaufnahme. Er hatte eine lange Reise hinter sich.
Schon am Morgen war er in seiner behaglichen Wohnung überrascht worden.
Von einer Truppe der Feuerwehr, der Polizei und dem Rettungsdienst.
Die ihn, trotz heftigen Schimpftiraden, aus seiner Wohnung in die Notaufnahme brachten.
Das Rumpelstilzchen lag nämlich auf dem Boden, antwortete nicht adäquat und hatte eine Druckstelle am Hinterkopf.
Er hatte seine Wohnungstüre von innen abgeschlossen und vergessen, dass er eigentlich einen Termin mit seiner Tochter hatte.
Die sich natürlich sorgte.
Leider hörte das Rumpelstilzchen sehr schlecht und hatte an diesem Morgen auch vergessen, seine Hörgeräte einzusetzen.
So konnte er weder die Klingel an der Haustüre hören, noch die schnellen, leisen Fragen der Einsatzkräfte verstehen.
Er konnte sich nur mit Händen und Füßen wehren, aus seinem hutzeligen Zuhause verschleppt zu werden.
Dabei hatte er nur auf dem Boden gelegen, wie jeden Morgen, um seine Gymnastikübungen zu machen.
Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er auch noch heute!“
Wenn ihr auch solche Märchen kennt, die ihr erzählen möchtet, sendet sie mir doch gerne zu. Einfach an unfallchirurginundmutter[@]googlemail.com. Ich freue mich über eure Geschichten.
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Bildquelle: flickr.com, by Olli Henze

Notaufnahme – die Reisesprechstunde

Beachwatch

 

Lotte ruft mich an. Eine Freundin, Ärztin in einem Krankenhaus, Unfallchirurgin, Mutter zweier Kinder. Am Wochenende hatte sie Dienst. Sie nannte es „Reisesprechstunde“.

Jeder zweite Patient sei zur Abklärung seiner seit Wochen bestehenden Beschwerden gekommen. Schulter, Nacken, Rücken, Knie. Alles schmerzt. So kurz vor dem Urlaub, zwickt es noch einmal mehr. Ich erinnere mich.

„Die Wade brennt. Wenn ich jetzt in den Flieger nach Mallorca steige, wird das eine Thrombose? Könnte es nicht schon eine sein?“ „Die Schulterschmerzen sind schon lange. Aber im Urlaub möchte ich schon schwimmen gehen. Geht das?“

Außerdem hat ja der Hausarzt zu. Es ist ja Urlaubszeit. Und die Vertretung? Am Wochenende sind die schließlich auch nicht da. Der ärztliche Notdienst? Nein, da hat man schon angerufen. Röntgen können die nicht. Aber die Ehefrau meint, dass man das noch einmal vor dem Urlaub klären sollte.

Natürlich. Die Wartezeit in der Notaufnahme ist anstrengend. Es gibt, umsonst, nur Wasser zu trinken. Aber es lässt sich aushalten. Es gibt schließlich einen Bäcker im Krankenhaus, Café und Kuchen, vielleicht noch ein Eis. Und man könnte man ganz schnell die Nachbarin besuchen, die auf Station 3 liegt.

Außerdem, wenn man schon mal da ist, es brennt auch so beim Wasserlassen.

Dass der Junge mit der Patzwunde zuerst behandelt wird, wird noch toleriert. Aber spätestens bei der dritten Oma aus dem Pflegeheim, die angeliefert und vorrangig behandelt wird, wird die Geduld auf die Probe gestellt. Schließlich wartet man schon seit 2 Stunden.

Lieber wartende Patient mit den Schulterschmerzen seit 3 Monaten,

Liebe wartende Patientin mit den Nackenschmerzen seit 6 Wochen,

Liebe alte Dame mit den Rückenschmerzen seit 20 Jahren,

Oma 1 hat sich den Schenkelhals gebrochen. Sie muss operiert werden. Ja, jetzt noch. Oma 2 blutet unter ihrem Blutverdünner in ihren Kopf. Ja, das ist lebensgefährlich und ja, das Gespräch mit den Angehörigen dauert eine Weile. Oma 3 hat sich nichts gebrochen, flüchtet aber aufgrund ihrer Demenz, die ganze Zeit von der Liege, sodass die Pflegekräfte alle Hände voll zu tun haben.

Nicht zu vergessen, liegen da noch ungefähr 100 Patienten auf den Stationen, die vor oder nach Operationen, betreut werden müssen. Alte, junge, kranke und sehr kranke Patienten. Die einen Arzt brauchen.

Liebe Patienten, wollt ihr 2 Stunden auf einen Arzt warten, wenn ihr in den Kopf blutet? Oder 2 Stunden mit einem gebrochenen Bein da liegen, bevor ihr ein Schmerzmittel bekommt? 2 Stunden auf einen Arzt warten, der sich um euren Herzinfarkt kümmert, nachdem ihr gestern eine neue Hüfte implantiert bekommen habt? Nein?

Dann wartet auf euren Termin beim Hausarzt oder beim Orthopäden.

 

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Bildquelle: flickr.com, by x1klima