Zerbröselter Rücken

zerbröselt

 

03:30 Uhr. Es ist Nacht. Herr Binder ist von einer Hebebühne gefallen. Sein Körper ist ein einziger Berg an zerbröselten Knochen. Er muss operiert werden, aber wir dürfen nicht. Da der Unfall auf der Arbeit passiert ist, muss er verlegt werden. Das zuständige Krankenhaus hat kein Bett frei.

Es ist Nacht, alles schläft. Naja, fast. Ich nicht. Ich bin nämlich auf der Suche. Nach einem Krankenhaus für meinen Patienten Herrn Binder. Im nahe gelegenen Fabrikwerk ist er am späten Abend von einer Hebebühne gestürzt. Instabile Wirbelkörperfraktur im Bereich der Brustwirbelsäule. Die Fraktur muss zeitnah operiert werden. Er muss dorsal stabilisiert werden und er wird einen Wirbelkörperersatz brauchen. Ein einziger Berg zerbröselter Knochen. Bisher hatte er keine sensomotorischen Ausfälle, laut Übergabe um 20 Uhr.

Da das Ganze bei der Arbeit passiert ist, werden wir die Fraktur nicht versorgen dürfen. Aufgrund Bettenmangels ist die Verlegung in das BG-Unfallkrankenhaus aber erst für den morgigen – korrigiere, den heutigen – Tag um 07:30 Uhr geplant.

Der Zustande des Patienten hat sich stark verschlechtert

Als ich jedoch um 03:30 Uhr auf die Intensivstation gerufen werde, ist nichts mehr wie zuvor. Herr Binder kann seine Beine nicht mehr bewegen. Der Blutdruck von Herrn Binder ist bei 180 mmHg systolisch. Entsprechende Medikamente zum Senken wurden verabreicht. Die Frequenz liegt immer noch bei 120 Schlägen/Minute. Sein Unterbauch ist prall gespannt, obwohl er wohl vor einer Stunde in die Urinflasche gepinkelt hat. Bei der Anlage eines Katheters entleeren sich 600 ml Urin, im Schwall.

Ich rufe meinen Oberarzt an. Herr Binder entwickelt eine beidseitige Paraparese. Der Patient muss auf den Tisch. Nach der Rücksprache soll ich den Patienten doch sofort verlegen. Mal eben so. Um 03:30 Uhr. Easy. Kein Problem.

Der diensthabende Arzt der BG-Unfallklinik ist begeistert. Er freut sich beinahe ausgelassen über meinen Anruf. Er versichert mir, seinen Oberarzt zu kontaktieren. Ich solle doch aber noch in der anderen Klinik mit Maximalversorgung anrufen und fragen, ob Herr Binder nicht dort unterkommen könne. Ich schicke beiden Kliniken per Teleradiologie die Röntgen- und CT-Bilder.

Hektisches Telefonieren, Gebrüll und Geduld

04:10 Uhr. Der Oberarzt aus der Klinik der Maximalversorgung brüllt mich am Telefon an. „Sind Sie absolut sicher? Wenn ich den Patienten jetzt bei uns auf den Tisch lege, falle ich für den weiteren Tag aus! Mein ganzes OP-Programm fällt auseinander! Und die BG-Unfallklinik? Warum übernehmen die denn nicht?“

Ich bitte ihn, diese Frage direkt mit der Unfallklinik zu klären.

04:50 Uhr. Ich werde nervös. Ich melde mich bei dem Arzt der Unfallklinik. Die Oberärzte der beiden Kliniken halten wohl gerade ein überaus nettes Gespräch miteinander, geprägt von außerordentlicher Freundlichkeit. Ich werde mich noch gedulden müssen.

05:10 Uhr. Ich erhalte den Anruf des Oberarztes aus der BG-Klinik. „Schicken Sie ihn, sofort. Mit Notarzt und RTW.“

Um 05:25 Uhr startet der Transport. Ganze zwei Stunden vor der eigentlich geplanten Verlegungszeit.

 

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Bildquelle: flickr.com, by Jonathan Grado

Hinter Bettgittern…

Rettung

„Hilfe, Hilfe!“ Es tönt ein Singsang durch den nächtlichen Flur. In Zimmer 3 liegt Gerda aus dem Pflegeheim. „Warum hilft mir denn keiner? Hilfe!“ Die Türe zu ihrem Zimmer ist offen. Genauso wie Türe 4 und 5. Gleiches Spiel, ähnliche Tonart, anderer Rhythmus. Eine weitere Patientin steht mit den geschlossenen Bettgittern vor dem Stationsstützpunkt. Damit die Pflegekraft, die die Tabletten richtet und auch noch für eine weitere Station zuständig ist, einen Blick auf sie werfen kann.

Die Pflegekraft, die für die 30 Patienten heute Nacht zuständig ist, springt von einer Türe zu nächsten. Als sie mich sieht, blickt sie erleichtert. „Bitte, Lieschen, tu was. Der Herr Boll aus Zimmer 4 steigt die ganze Zeit über seine Bettgitter. Ich kann ihn nicht auch noch auf den Flur stellen. Können wir ihn bitte fixieren? Er hat sich mal wieder seine Verweilkanüle gezogen und aus dem Katheter fließt es rot, weil er die ganze Zeit versucht, ihn zu ziehen. Jetzt ist es fast Mitternacht und er hat noch nicht einmal seine Abenddosis Antibiotikum bekommen wegen der Lungenentzündung.“

Die Patientin auf dem Flur schlägt um sich und versucht, über die Bettgitter zu steigen. Aufgrund ihrer dünnen Beine bleibt sie immer wieder in den Bettgittern hängen. Sie versucht mich zu beißen, als ich ihr sage, dass sie sich bitte hinlegen soll. Wenn sie so weiter macht, bricht sie sich noch mehr als ihren Oberschenkel, den wir gestern versorgt haben. Ein Glück hat sie noch eine Verweilkanüle. Tabletten oder einen Saft trinkt sie mir nicht freiwillig.

Als ich zu Herr Boll komme, zeigt sich mir Ähnliches. Nur, dass er schon zwischen den Bettgittern hängt. Er rasselt ziemlich, seine Atmung ist doppelt so schnell wie meine, seine Sauerstoffbrille liegt auf dem Boden und den Katheter hat er sich mittlerweile gezogen.

Während Zimmer 3 und 5 weiter zum Hilfe-Gesang starten, die Patientin auf dem Gang wieder munter wird und Zimmer 7 und 9 sich über den nächtlichen Lärm beschweren, rufe ich auf der Intensivstation an.

Begeisterung. Auf allen Seiten, natürlich nicht durchweg positiv.

Am nächsten Morgen fragt mich der Chefarzt, warum ich ein Intensivbett belegt hätte. Die vielen Kosten für so einen simplen Duokopf. Herr Boll käme heute wieder auf Normalstation. Ich weiß auch nicht. Aber simpel ist anders.

 

Bildquelle: flickr.com, by Tobias Zierof

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