Verabschiedung

Herz und Schatten

Es ist Samstag Abend, 19 Uhr. In einer Stunde beginnt der Nachtdienst. 

Das Energiebündel ist noch wach und kuschelt mit mir. Wir lesen ein Buch, wir singen ein Lied auf der Gitarre. Das Abendessen war entspannt. Wir haben den ganzen Tag miteinander geteilt. Das Frühstück, den Ausflug, den Mittagsschlaf. Ich genieße den kleinen Rücken an meiner Seite, wenn wir in der Mittagspause beide schlafen können.

Doch dann ist der genussvolle Teil des Tages vorbei.

Die Verabschiedung ist schwer. Ein langes Hinauszögern erschwert die Situation. Besser ist die konsequente Variante. Die ersten Male waren verdammt hart. Für das Kind, den Herr Müller und mich.

Es tut weh. Da ist der Zweifel. Dort ist es das Stechen mitten ins Herz. All die klagenden Stimmen über Rabenmütter bahnen sich den Weg nach oben. Die Müdigkeit, die Sehnsucht, die Wut und die Enttäuschung.

Danach das Adrenalin, das Zusammenbeißen, der Wechsel in das andere Ich. Das Bewusstsein der Entscheidung. Die Klarheit über die Notwendigkeit. Die Bestimmtheit . Die Ruhe.

Mittlerweile kennt der Zwerg die Situation.

Der Papa ist da. Die Mama kommt wieder. Küssen, drücken, umarmen, ein Winken vom Fenster. Heute klappt es gut.

Ich atme.

 

Bildquelle: flickr.com, by Marina del Castell

Ärztin und Mutter – raus aus Deutschland?

Norwegen

Das Jahresgespräch mit dem Chef steht an. Rahmenbedingungen für meinen Wiedereinstieg nach der Elternzeit sollen geklärt werden. Nach einem Jahr Pause wird das nächstes Jahr sicherlich aufregend für mich.

Leider lassen sich die Rahmenbedingungen nicht mehr mit meinen Vorstellungen vereinen. Zehn 24-Stunden-Dienste im Monat kann und möchte ich nicht bewältigen. Selbst als Teilzeitarbeitende würden es zu viele Dienste sein. Nein, das möchte ich nicht für mein Kind und meine Familie.

Unabhängig davon halte ich von dem Dienstmodell nichts: viel zu wenig Personal, keine Pausen, kein Schlaf. Wer einige Jahre in diesem System unter solchen Bedingungen gearbeitet hat, weiß das. In unserer Klinik geht es anscheinend nicht anders. Mehr, mehr, mehr. „Es ist doch überall so. In einer anderen Klinik ist es auch nicht besser“, höre ich immer wieder. Wirklich?

In Skandinavien ist alles besser?

Ich träume von Skandinavien. Von einer Vereinbarkeit von meinem Dasein als Mutter und Ärztin. Ich erinnere mich an meine Zeit als PJlerin in Norwegen. Zwei Mal täglich gab es eine gemeinsame Kaffeepause: Chef, Oberärzte, Assistenzärzte und PJ-er. Die Gespräche waren oft privat, man erkundigte sich nach den Kindern und den Familienanghörigen. Ein Treffen auf Augenhöhe, als Menschen. Hierarchien? Nicht spürbar.

Um 16 Uhr war Arbeitsende, die Unfallchirurgen wurde vom Spätdienst abgelöst. Geregelte Arbeitszeiten, nicht nur für mich als Studentin, auch für den Chef und die Kollegen. Die ersten Wochen waren damals ziemlich befremdlich für mich. Ich war getrimmt auf Effizienz, Leistung, Arbeiten ohne Pause. Einen Gang runter zu schalten, fiel mir schwer – tat aber verdammt gut. Muss ich also weg aus Deutschland? Norwegen ist schön. Aber dunkel.

Nach meinem Gespräch mit dem Chef, steht mein Entschluss fest. In dieser Klinik kann ich nicht bleiben. Zusammenfassen kann man es in einem Wort: Familienfeindlichkeit. Nein, das geht nicht. Ich erkundige mich. Suche nach anderen Kliniken in meinem Umkreis. Nach Kliniken, die eine Weiterbildung gewährleisten und Arbeitsbedingungen, die für mich, als Teil einer Familie, umsetzbar sind.

Andere Kliniken, andere Sitten

An meinem Hospitationstag in einer anderen Klinik begrüßen mich die Oberärzte und Kollegen freundlich. Ein Arzt kommt 30 Minuten später, weil er seine Kinder morgens in den Kindergarten bringt. Die Assistenten gestalten den Dienstplan, keine 24-Stunden-Dienste, es gibt einen Spät- und einen Nachtdienst. Am Wochenende hat man 12-Stunden-Dienste.

Eine der Ärztinnen kann unter der Woche keine Nachtdienste übernehmen, dafür freitags die Spät- oder Nachtdienste. Ein anderer Arzt braucht immer den Nachtdienst am Mittwoch. Die Kollegen helfen sich gegenseitig auf Station, sodass bis zur Mittagsbesprechung der Großteil der Arbeit erledigt ist. Wenn eine Aufklärung noch übrig bleibt, übernimmt das der Spätdienst.

Um 11:30 Uhr kommt ein Oberarzt auf die Station. Kaffeepause, jeder isst ein Brötchen. Danach werden die kritischen Fälle besprochen und er sieht sich zwei Wunden an, die dem Kollegen bei der Visite aufgefallen sind. Ein Altassistent ruft einen der anderen Ärzte an und fragt, ob er die pertrochantäre Femurfraktur operieren möchte. Er braucht es nicht mehr für seinen OP-Katalog, der Kollege hingegen schon.

Es geht auch anders

Ich bin von dem Bemühen um Freundlichkeit, dem beruflichen Miteinander und der Organisation des Tagesablaufs begeistert. Den Ärzten hier sind die 200 Euro mehr im Monat, die sie in einem 24-Stunden-Dienstmodell verdienen würden, nicht wichtig. Ich gehe mit meinen zukünftigen Kollegen um 16:15 Uhr nach Hause.

Als Ärztin werde ich immer in einem Beruf arbeiten, der besondere Organisation erfordert. Überstunden, Nachtdienste, Wochenendarbeit. Aber das berufliche und persönliche Miteineinander lässt sich aktiv gestalten. Wir sind keine Marionetten.

Ich gebe Deutschland noch eine Chance.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf doccheck.com

Bildquelle: flickr.com, by Rüdiger Stehn

Der Balanceakt missglückt

Tal-Berg

Das Tal ist größer und tiefer als ich dachte. Als das Baby geboren wurde, dachte ich, ich könne einfach auf der Bergkette entlang wandern. Am oberen Rand balancieren, einmal um das Tal herum. Mir das Tal anschauen, bevor ich wieder weiter klettere. Tja, was soll ich sagen…

Hier unten fühlt es sich irgendwie leer an. Es fehlt etwas. Aber doch ist es hier so voll. Verplant. Jeder Tag ist eine endlose Aneinanderreihung von glücklichen, anstrengenden, schlaflosen, fröhlichen, verwirrenden Tagen. Mein Boden hat nach gegeben. Ich weiß nicht mehr so genau, wo ich stehe. Wer ich eigentlich bin. Vorher war ich Unfallchirurgin mit Leib und Seele, 200%. Jetzt bin ich Mutter, zu 200%.

Das fühlt sich leider nicht nur gut an. Mir das einzugestehen, fällt mir schwer. Nicht glücklich damit zu sein, einfach NUR Mutter zu sein. Nicht ausgefüllt zu sein, obwohl ich doch so viel zu tun und zu geben habe.

„Jetzt, als Mutter, weißt du endlich, was der Sinn des Lebens ist, nicht wahr?“ höre ich oft. Ich weiß, was sie mit dem Satz meinen, aber ich kann ihn nicht bestätigen.

Es verändert sich so viel. In so kurzer Zeit. Alle noch so guten Pläne, sind plötzlich verschwunden und das Navi steht in der Sackgasse.

Vielleicht tut mir dieser Platz im Tal auch ganz gut. Hier ohne Plan durch zu wandern zeigt mir viele Seiten an mir, die ich nicht kannte. Ich erhasche einen ersten Blick auf eine andere Welt, die so ganz anders ist, als ich es mir vorgestellt habe. Zuerst versuche ich, mich anzupassen. Das misslingt gründlich. Ich kann mich nicht verstellen. Ich werde nie die Art Mutter sein, die ich hier so häufig antreffe. Mir daraus keinen Vorwurf zu machen, fällt mir schwer. Aber ich weiß, dass ich unglücklich, keine gute Mutter und keine gute Unfallchirurgin sein werde. Meinen Weg durch diesen Dschungel zu finden, ist abwechslungsreich, enttäuschend, traurig, spannend, fröhlich und irritierend zugleich.

Nach einiger Zeit erhasche ich einen Blick auf einen Anstieg. Traue ich mich da überhaupt wieder hinauf? Bleibe ich nicht einfach besser hier unten? Dort, wo ich mich jetzt auskenne? Die Welt dort oben wird sich weiter gedreht haben, nicht mehr die Alte sein. Ich werde nicht mehr die Alte sein.

Ich weiß, dass der Zeitpunkt noch nicht da ist. Es ist wichtig, dass ich diese Schritte langsam gehe. Mir Zeit nehme, die richtige Entscheidung zu treffen. Wie ich mir mein Leben als Unfallchirurgin UND Mutter vorstellen kann. So viele Wege. Gar nicht so einfach.

Ich drehe dem Anstieg noch einmal den Rücken zu. Und plötzlich weiß ich, dass ich in meine alte Welt nicht mehr zurück gehen mag. Nicht zu den 24 Stunden Diensten. Zu den 100 Stunden Wochen. Zu den Kollegen, deren Ellenbogen oft spitzer sind, als die schon spitzen Zungen. Bestimmt gibt es einen Berg, dessen schneebedeckte Spitze von der Sonne erhellt, und nicht nur von kalten Gletscherzungen beherrscht, ist.

Ich werde ihn finden, diesen Weg. Im Tiefschnee fühle ich mich wohl. Man muss sich einfach nur zurück lehnen und fahren.

Ich finde, das Tal sieht schon grüner aus, als vorher.

 

Bildquelle: flickr.com, by cordyph

Wenn das Bauchgefühl fehlt

Bauch

Das Baby klebt an mir. 24 Stunden. Tragetuch, Fliegergriff, Tragetuch. In der Nacht schläft es auf mir ein, neben mir, an mir. Ich stille in der Seitenlage und schlafe regelmäßig dabei ein. Nach 3 Wochen unkompliziertem Stillen geht es los.

Clustern, 6 Stunden Dauerstillen am Abend, blutige Brustwarzen, Milchstau reiht sich an Milchstau. Stillberatung, Kinderarzt, Stillberatung. Die 60-jährige Hebamme ist aus dem Urlaub zurück und steht mir mit Rat und Tat zur Seite. Kohlblätter, Quarkumschläge, Schwarzteebeutelauflagen, Abpumpen, weiter geht’s.

Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Das Baby hat Hunger. Mein intuitives Bauchgefühl, das ich noch bis vor einigen Wochen hatte, ist verschwunden. Ich weiß nicht mehr, was gut für mich ist oder für mein Kind. Ich kann das Schreien meines Kindes nicht mehr richtig deuten. Ich kann nicht mehr schlafen, nicht mehr denken. Ich bekomme Unterstützung von allen Seiten, Ratschläge und helfende Hände. Ich bin dankbar. Aber trotzdem gehe ich nach 8 Wochen auf dem Zahnfleisch.

Das Kind trinkt pausenlos. Ich halte verdammt viel aus, aber das übersteigt meinen aktuellen Leistungshorizont um Einiges.

Es gibt viele Frauen, die es als ihre persönliche Niederlage ansehen, ihre Kinder nicht voll stillen zu können. Ich habe das immer belächelt. Jeder macht es doch passend für sich, das Baby und die Familie, oder nicht? In Woche 9 fühle ich mich genau so wie diese Mütter. Unfähig. Ich kann meinem Kind nicht das Beste bieten, obwohl ich es gerne möchte. Ich stehe vor Pre-Packungen in der Drogerie und bin mehrfach geneigt, sie zu kaufen. „Stillen ist das Beste für ihr Kind.“ steht da.

Die Mütter im Rückbildungskurs, die nette Nachbarin, alle stillen. Überall klappt es. Nur bei mir klappt nichts mehr. Während die eine Brust gerade ausheilt, fängt in der nächsten Brust der Milchstau an. Sie wird rot, heiß, schmerzt. Ich bin gestresst. Es gibt keine Pause mehr für mich. Meine Schwester kommt zu Besuch und sieht mich an. „Erinnerst du dich an ein Wochenende in der Arbeit, an dem du 36 Stunden in der Klinik warst? Dein Kollege konnte kurzfristig nicht kommen und du hattest keine Pause, kein Schlaf? Du warst einfach nur müde. Als du mit dem Fahrrad nach Hause gefahren bist, bist du im Gebüsch gelandet. Du gehst nicht sorgsam genug mit dir um. Du hast von nun an noch mehr die Pflicht auf dich aufzupassen, als vorher. Dein Baby braucht dich.“

Sie hat Recht. Ich finde es falsch mit schlechtem Gewissen zu arbeiten. Ich würde nie eine Mutter verurteilen, die nicht stillt. Warum also sehe ich es als meine Niederlage an? Das ist Blödsinn.

Am Abend entscheide ich, zuzufüttern. Mein Kind trinkt die Pre-Nahrung gierig und schläft zum allerersten Mal seit 5 Wochen, 3 Stunden am Stück ein. In Woche 10 habe ich endlich einen Rhythmus gefunden, Flaschennahrung und Stillen abzuwechseln. Mein Baby verweigert weder Brust noch Flasche und ich kann endlich in ein zufriedenes Babygesicht blicken. Ja, stillen ist das Beste für ein Kind. Aber noch viel wichtiger ist es, satt zu sein, um wachsen zu können. Und eine Mutter zu haben, der es gut geht.

 

Bildquelle: flickr.com, by Björn Láczay

Sammelstelle unperfekte Mutter

Weg

Lotte hat mich angerufen. Ein entspannendes Telefonat, ich habe viel gelacht. Während mein Baby auf dem Arm geschlafen hat, haben ihre zwei die Wohnung verwüstet. Das Bild an der Tapete, das die beiden hinterlassen haben, ist wirklich schön bunt.

Sie war mal wieder auf Fortbildung. Und ist wohl einigen tollen Ärztinnen und Müttern begegnet. Alle stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Elternschaft, Mutterschaft, Schwangerschaft und die Leidenschaft für den Beruf zu vereinen. Keine einfache Sache. Viele Ärztinnen sind enttäuscht darüber, wie wenig Unterstützung sie in der Arbeitswelt erfahren. Das geht nicht nur Ärztinnen so. Alle arbeitenden Mütter (und natürlich auch Väter) geraten hin und wieder in Situationen, die besondere Umstände erfordern.

„Es war zwei Uhr Nachts, als mir mein Ehemann meine 13 Monate alte Tochter in die Klinik brachte, um sie zu stillen, da sie in dieser Nacht nicht mit Schnuller oder Flasche zu beruhigen war.“

„Mein Mann war außer Haus. Ich musste unbedingt in die Klinik. Am Morgen bekam das Kind Fieber. Für einige Stunden habe ich dann kurzerhand die Putzfrau eingespannt, um auf mein Kind aufzupassen.“

„Die Kita ruft an, der Sohn hätte ein rotes Auge, vielleicht eine Bindehautentzüdung. Meine betreuende Station hat 30 Patienten und kein anderer Arzt ist da. Also hole ich ihn ab und nehme ihn für die restlichen 2 Stunden der Arbeitszeit mit in mein Arztzimmer. Er spielt auf dem Boden, während ich Arztbriefe diktiere.“

Habt ihr ähnliche Situationen erlebt?

Dann schreibt doch einfach einen Kommentar zurück oder kommentiert auf meinem twitter-Account.

Sammelstelle #UnperfekteMutter

 

Bildquelle: flickr.com, by Rosmarie Voegtli

„Ich habe oft an meiner Entscheidung, ein Kind zu bekommen, gezweifelt.“

Zweifel

 

Könnt ihr das nachvollziehen? Erging oder ergeht es euch auch so? Dann lest weiter bei „Interview mit einer Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie und Mutter einer Tochter.“

Wie organisiert ihr euren Alltag als Ärztin und Mutter? Viele Ärztinnen und werdende Mütter fragen sich das. Helft ihnen und erzählt, wie ihr alles managt oder gemanagt habt.

Beantwortet einfach die Interviewfragen und schickt sie mir als Kommentar oder als Email auf unfallchirurginundmutter [@] googlemail.com zurück. Vielen herzlichen Dank an Euch schon jetzt!

 

Bildquelle: pixabay.com, public domain by Unsplash