Ach, das wird schon!

Schach

Die Feiertage im Mai sind zahlreich. Die Urlaubszeit hat begonnen. Die ersten verunfallten Fahrrad- und Motorradfahrer fallen als OP-Schwestern, Anästhesisten und Pfleger aus.

1 OP Saal ist auch an normalen Arbeitstagen gesperrt, wegen des Personalmangels. Wie praktisch. Dann können also in der nächsten Woche alle Patienten endlich auf dem OP-Tisch landen, die jetzt schon 7 Tage auf einen OP-Platz warten und ein Krankenhausbett belegen.

Und der eine gesperrte OP Saal?

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„Der Patient lehnt die Überwachung ab“

Koffer

Sonntagmorgen, 9 Uhr. Ich habe 15 der 80 Patienten auf unseren Stationen visitiert. Bereits jetzt sind drei ungeplante Entlassungen dazu gekommen. Patienten, die am Vortag betrunken und gestürzt auf unserer Station gelandet sind, möchten gerne nach Hause.

So auch eine junge Frau mit unkompliziertem Schädel-Hirn-Trauma, die nach 24 Stunden neurologischer Überwachung nun genug von der schnarchenden Bettnachbarin hat. Ein Berg an zusätzlicher Arbeit. Denn kein Patient verlässt das Haus ohne Entlassbrief. Schriftliche Anordnung vom Chef.

Nun gut, kein Problem. Die Patienten müssen sich nur etwas gedulden.

Als ich im 30. Zimmer ankomme, ist es bereits 11:30 Uhr. Ein weiterer Patient möchte gerne nach Hause gehen, da seine Freundin heute Geburtstag feiert. Er ist Anfang 20 und war vor drei Tagen als Fahrer in einen Autounfall verwickelt. Sein Schlüsselbein, mehrere Rippen und das Handgelenk sind gebrochen. Wir werden ihn erst Anfang nächster Woche operieren. Leider hat er auch noch eine kleine Milzlazeration. Ein subkapsuläres Hämatom, das konservativ behandelt wird. Erst heute Morgen wurde er von der Intensivstation auf unsere Normalstation verlegt. Die Hb-Werte sind stabil.

Mein Ratschlag kommt nicht gut an

Ich rate ihm, zu bleiben. Irgendwie hält er von meinem Ratschlag nichts. Er fühle sich eingesperrt, sagt er, ein Krankenhaus sei schließlich kein Gefängnis. Er könne selbst entscheiden und ihm gehe es gut. Zur operativen Versorgung käme er dann einfach am Dienstag wieder. Er merkt an, dass auch sein Bettnachbar nach Hause gehen dürfe. Und den habe schließlich vor zwei Tagen eine dicke Eisenstange am Schädel erwischt, das sei ja wohl schwerwiegender.

Er hat Recht. Natürlich darf er selbst entscheiden. Aber das mit der schwerwiegenden Traumafolge schätzt er leider falsch ein. Ich erkläre ihm ausführlich, was eine zweizeitige Milzruptur ist. Er entscheidet, dass er noch etwas Bedenkzeit braucht.

Ich werde kurz unterbrochen …

Der OP ruft an, meine Visite wird kurzfristig unterbrochen. Als ich um 15 Uhr aus dem OP komme, um die Visite zu beenden, entlässt sich der junge Mann gegen Unterschrift auf eigene Verantwortung nach Hause. Auf meinem ausgedruckten Bogen steht dick und fett unterstrichen: „lehnt stationäre Überwachung aufgrund potentieller Lebensgefahr ab. Komplikation: Tod.“

Ein Freund holt ihn ab. Seine Eltern darf ich, auf Nachfrage, nicht verständigen. Ich informiere meinen Oberarzt über die Details. Mir ist – selbst nach rechtlicher Absicherung – nicht wohl dabei. Ohne zu zögern, wählt er die angegebene Nummer der Eltern. Er informiert sie nicht gerade sachlich über die „Dummheit“ ihres Sohnes, sodass ich keine Stunde später einen neuen Aufnahmebericht für meinen nun doch einsichtigen Patienten anlegen muss. Oder sollte ich sagen darf?

 

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Bildquelle: flickr.com, by Martin Fisch

 

Hinter Bettgittern…

Rettung

„Hilfe, Hilfe!“ Es tönt ein Singsang durch den nächtlichen Flur. In Zimmer 3 liegt Gerda aus dem Pflegeheim. „Warum hilft mir denn keiner? Hilfe!“ Die Türe zu ihrem Zimmer ist offen. Genauso wie Türe 4 und 5. Gleiches Spiel, ähnliche Tonart, anderer Rhythmus. Eine weitere Patientin steht mit den geschlossenen Bettgittern vor dem Stationsstützpunkt. Damit die Pflegekraft, die die Tabletten richtet und auch noch für eine weitere Station zuständig ist, einen Blick auf sie werfen kann.

Die Pflegekraft, die für die 30 Patienten heute Nacht zuständig ist, springt von einer Türe zu nächsten. Als sie mich sieht, blickt sie erleichtert. „Bitte, Lieschen, tu was. Der Herr Boll aus Zimmer 4 steigt die ganze Zeit über seine Bettgitter. Ich kann ihn nicht auch noch auf den Flur stellen. Können wir ihn bitte fixieren? Er hat sich mal wieder seine Verweilkanüle gezogen und aus dem Katheter fließt es rot, weil er die ganze Zeit versucht, ihn zu ziehen. Jetzt ist es fast Mitternacht und er hat noch nicht einmal seine Abenddosis Antibiotikum bekommen wegen der Lungenentzündung.“

Die Patientin auf dem Flur schlägt um sich und versucht, über die Bettgitter zu steigen. Aufgrund ihrer dünnen Beine bleibt sie immer wieder in den Bettgittern hängen. Sie versucht mich zu beißen, als ich ihr sage, dass sie sich bitte hinlegen soll. Wenn sie so weiter macht, bricht sie sich noch mehr als ihren Oberschenkel, den wir gestern versorgt haben. Ein Glück hat sie noch eine Verweilkanüle. Tabletten oder einen Saft trinkt sie mir nicht freiwillig.

Als ich zu Herr Boll komme, zeigt sich mir Ähnliches. Nur, dass er schon zwischen den Bettgittern hängt. Er rasselt ziemlich, seine Atmung ist doppelt so schnell wie meine, seine Sauerstoffbrille liegt auf dem Boden und den Katheter hat er sich mittlerweile gezogen.

Während Zimmer 3 und 5 weiter zum Hilfe-Gesang starten, die Patientin auf dem Gang wieder munter wird und Zimmer 7 und 9 sich über den nächtlichen Lärm beschweren, rufe ich auf der Intensivstation an.

Begeisterung. Auf allen Seiten, natürlich nicht durchweg positiv.

Am nächsten Morgen fragt mich der Chefarzt, warum ich ein Intensivbett belegt hätte. Die vielen Kosten für so einen simplen Duokopf. Herr Boll käme heute wieder auf Normalstation. Ich weiß auch nicht. Aber simpel ist anders.

 

Bildquelle: flickr.com, by Tobias Zierof

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Das „All-you-can-treat“ – Buffet

all you can treat

Viele Menschen mutieren ab dem Haupteingang eines Krankenhauses in Wesen eines anderen Planeten. Auf diesem Planeten herrscht Angst und Schrecken, Misstrauen und Ablehnung. Diese Wesen kennen keine Höflichkeit und Freundlichkeit. Ihre Menschlichkeit erkennt man daran, dass sie jegliches Schamgefühl vor der Türe lassen und kleinkindliche Züge annehmen. Sie stellen sich an das „All-you-can-treat“ Buffet und warten auf die ganzheitliche Gesundung über Nacht. Schließlich hat man ja damals, also noch vor dem Haupteingang, für alles bezahlt.

Liebe Wesen des anderen Planeten, bitte erinnert euch doch an eure Mütter und Väter. „Ich will“ gibt es nicht. „Ich kann nicht“ auch nicht. „Bitte“, „Danke“ und ein Lächeln hilft immer.

Liebe Wesen des anderen Planeten, die Zeit auf dem Planet Krankenhaus läuft langsamer als auf eurem Planeten. Die Zeit kommt euch noch länger vor, weil ihr nichts zu tun habt und sich die Welt auf eurem Heimatplaneten so wahnsinnig schnell weiter dreht. Die Arbeiter auf dem Planet Krankenhaus haben aber dafür umso mehr zu tun.

Liebe Wesen, es wird sich um euch gekümmert. Aber es gibt bei unserem Buffet keine Heilung bis zum Folgetag, keine Genesung bis zur Entlassung, kein Essen von Muttern, keine Aufbauspritzen und kein Wohlfühlserum. Der Arm ist gebrochen. Aber die Rückenschmerzen seit 30 Jahren sind wieder ganz besonders schlimm? Und was kann man gegen das seit Jahren bestehende Sodbrennen machen? Müsste man da nicht einmal in den Magen schauen? Das Bein schmerzt auch beim gehen. Könnte man nicht nach den Gefäßen am Bein sehen? Immer wieder drückt es auch so im Oberbauch und in der Brustgegend – nicht, dass das Herz was hat? Wenn man schon da ist, dieser Ausschlag unter den Brüsten, müsste sich das ein Dermatologe ansehen?

Liebe Wesen, schraubt eure Erwartungen vom 5-Sterne-Hotel auf 2-Sterne herunter. Erwartet ein 3-Gänge-Menü und kein „All-you-can-treat“-Buffet. Das ist wegen Überlastung schon längst geschlossen.

Liebe Wesen, wenn ihr eintretet, bitte bringt Folgendes mit:

Hilfe, ich muss ins Krankenhaus!

 

Bildquelle: flickr.com, by Wesley Fryer