Mein geschätzter Kollege Arzt – mein Feind

Kollegen

Anna betritt die Notaufnahme. Sie ist 4.

Ihre Speiche, ein Knochen des Unterarms, ist gebrochen. Der Knochenbruch ist etwas verschoben. Wir gipsen den Arm trotzdem ein. Die Achsabweichung wird sich in diesem Alter verwachsen.

Die wichtigste Spielregel? Den Eltern erklären, was der Plan ist.

Ich erkläre das Vorgehen genau. Aber keine Woche später erhalte ich natürlich den bitterbösen Anruf eines niedergelassenen Kollegen.

Das Vorgehen sei unverantwortlich.

Anna sei mit ihren Eltern auf dem Weg in die große städtische Kinderorthopädie. Meine Approbation gehöre entzogen. Ich solle doch bitte wenigstens einen erfahrenen Arzt hinzuziehen. Zuweisungen in unser Krankenhaus würde er in Zukunft nur noch sehr eingeschränkt unterstützen.

Ich bedanke mich für den Anruf und rate ihm, sein Buch der Kindertraumatologie aufzuschlagen. Ich schlage ihm sogar eines vor: Eines, in das ich gesehen habe, bevor ich mich vergewisserte, dass mein Vorgehen lege artis ist. Er brüllt und schildert mir erbost seinen beruflichen Werdegang.

Vielleicht wird ihm der Entlassbrief der städtischen Kinderorthopädie helfen – mein Vorgehen wird nämlich in keinster Weise verändert.

Nur um sicher zu gehen, schlage ich das Lehrbuch erneut auf. Und finde genau an dieser Stelle den unten stehenden Text.

Auf der Suche nach einer passenden Beschreibung der Beziehung zwischen Arztkollegen?

Hier bitte: die trefflichste Beschreibung, der ich nichts hinzuzufügen weiß.

Kollegenhäme

Quelle: „Frakturen und Luxationen im Wachstumsalter“ – Lutz von Laer (eine der älteren Ausgaben)… wahrscheinlich ist das jetzt sogar eine #Anzeige. Oder gar #Werbung?

Bildquelle: flickr.com, by Dennis Skley

Die Fehler der anderen

Fehler

Oft erzählen mir Kollegen von Fehlern, die andere Ärzte gemacht haben und die sie jetzt ausbaden müssen. Dass sie sich bei mir beschweren, ist zwar manchmal nervig, aber in Ordnung. Dass sie das auch im Beisein betroffener Patienten tun, ist in meinen Augen unkollegial.

„Welches Antibiotikum hat Ihr Hausarzt Ihnen verschrieben? Das ist nicht erste Wahl.“ Der Internist neben mir schüttelt den Kopf. „Wir schließen eine Thrombose aus und nehmen Ihnen Blut ab, um die Entzündungswerte zu kontrollieren. Ich denke, Sie müssen ein paar Tage stationär bei uns bleiben. Dann bekommen Sie das richtige Antibiotikum über die Vene.“

Das ist irgendwie unkollegial.

Der Patient sitzt Schultern zuckend auf der Liege und hat ein großes Fragezeichen im Gesicht. In unserem Aufenthaltsraum in der Notaufnahme fragt mich der Internist: „Clindamycin bei einem Erysipel. Warum denn sowas?“

„Vielleicht hat er eine Penicillinallergie?“

„Der Patient sagt Nein.“

„Aber musst du das so gegenüber dem Patienten äußern? Vielleicht hat sich der Hausarzt ja was dabei gedacht. Der Patient ist jetzt total verunsichert. Wahrscheinlich bereitet er gedanklich schon den Brief an den Rechtsanwalt vor. Das ist irgendwie unkollegial.“

Der Internist zuckt mit den Schultern. „Sei doch nicht immer so politisch korrekt. Ich muss jetzt den Mist ausbaden. Du hast doch gesehen, dass der Kerl i.v. Antibiose braucht.“

Ich seufze. Toll. Unter Ärzten. Echt klasse. Richtig himmlisch gute Voraussetzungen für ein gutes Miteinander.

„Komplikation über Komplikation. Ich rieche es schon.“

Später am Tag kommt der Patient mit der vermutlichen periprothetischen Oberschenkelfraktur aus der Reha angefahren. Der Notarzt, Kollege Oberfeldwebel aus meiner Abteilung, übergibt mir die Daten im Beisein des Patienten. „Herr Maier ist in der Reha gestürzt. Das ist bestimmt eine periprothetische Fraktur. Erst vor 10 Tagen hat er eine Kurzschaftprothese bekommen. Natürlich nicht bei uns. Das war der völlig falsche Prothesentyp für ihn.“

Herr Maier schaut ungläubig von einem Arzt zum Nächsten. Ich schüttle mal wieder den Kopf. „Herr Maier, wir machen jetzt mal ein Röntgenbild. Danach sehen wir weiter.“ Kollege Oberfeldwebel frage ich, was das denn soll.

„Warum sagst du so etwas? Auch noch im Beisein des Patienten?“

„Wenn das eine periprothetische Fraktur ist, weißt du selbst, wie das weiter geht. Jetzt der große operative Eingriff, keine Belastung, langer Krankenhausaufenthalt, Thrombose, Infekt, Ausbau, Komplikation über Komplikation. Ich rieche es schon. Dann möchte ich nicht Schuld sein. Und nebenbei bemerkt, stimmt es. Das war nichts für eine Kurzschaftprothese.“

Ich bin müde. Ich habe keine Lust, zu diskutieren. Ganz toll unter Ärzten, wirklich. Übrigens hatte der Patient mit dem Erysipel tatsächlich eine Thrombose. Allerdings auch eine Penicillinallergie, wie ihm zu später Stunde doch noch einfiel. Und mein Patient hatte einfach gar nichts. Er hatte sich einfach die Hüfte geprellt. Nach dem Fentanyl vom Kollegen Oberfeldwebel konnte er an seinen Unterarmgehstützen zurück in die Reha.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf doccheck.com

Bildquelle: flickr.com, by John Loo

Unter Kollegen

Kollege Mc Sexy ist übel gelaunt heute. Kein „Guten Morgen“, kein „Wie geht’s?“, schon gleich gar kein „Was kann ich helfen? Muss man noch irgendwas für die Chefvisite vorbereiten?“. Er brütet in der Ecke vor sich hin. Da ich Mc Sexy kenne, lasse ich ihn einfach sitzen. Wahrscheinlich irgendeine Flamme, die ihn verärgert hat. Oder gar keine Flamme im Bett gestern Abend. Noch wahrscheinlicher.

Die Chefvisite läuft. Die üblichen Beanstandungen, im Großen und Ganzen kein Problem. Die Patienten sind zufrieden. Mc Sexy hält sich im Hintergrund und schmollt weiter. Nach zwei Stunden, finde ich, es ist genug. „Was ist denn eigentlich los? Kann ich dir irgendwie weiter helfen? Deine Stimmung ist ja unterirdisch!“ „Lass mich in Ruhe!“ „Dann geh doch einfach nach Hause, wenn es dir nicht gut geht. Eine Unterstützung bist du nämlich in deinem Zustand wirklich nicht!“ „Murmel, Murmel… Geht nicht. Muss noch zum Chef.“ Aha. „Und zur Verwaltung.“ „Was? wieso? Sag bloß, du gehst!?“ „Hoffentlich nicht.“ „Was? Jetzt rück schon raus mit der Sprache.“

„Es gibt Ärger. Eine Patientin hat sich beschwert. In einem dreiseitigen Brief an die Verwaltung. Kopie ging an die Presse. Neben der langen Wartezeit in der Notaufnahme und den unfreundlichen Schwestern, bin ich Hauptziel des Angriffs. Zu persönlich, keine Distanz, hätte anscheinend meine Rolle als Arzt missbraucht, um ihr näher zu kommen.“ Beschwerden sind häufig. Normalerweise setzt man sich dann zusammen, klärt alles und schreibt eine Stellungnahme. Natürlich ohne Presse. Diese Kritik ist allerdings prekär. „Hat sie Recht?“ „NEIN! Was denkst du denn?“ „Ab und an entwickelt sich bei dir ja auch eine persönliche Beziehung zu manchen Patienten.“ „Doch nicht im Krankenhaus! Sie hat ewig gewartet in der Notaufnahme. Glatteis und Schnee. Es war die Hölle los. Sie war schlecht gelaunt. Ich hab ihr ein Kompliment gemacht. Versucht, sie zu besänftigen. Die Situation aufzulockern. Die Frau sieht gut aus. Darf man das nicht sagen? Sie hat mich geduzt. Machen viele. Ich wirke eben wie der Kumpel von nebenan. Dann hab ich sie auch geduzt. Während ihres Aufenthaltes habe ich sie ein paar Mal besucht. Da war immer etwas Flirten dabei. So wie ich halt bin. Sie hat nicht gesagt, dass ich das lassen soll. Ich hatte den Eindruck, es macht ihr Spaß. Das war’s. Ich schwöre es. Nicht mehr und nicht weniger. Und jetzt sowas! Oben drein ist sie auch noch Kollegin. Niedergelassen.“ Ich seufze. Oh man.

Distanz, Respekt, Intimität, der passende Anstand, die richtige Wortwahl, das Zwischen-den-Zeilen-Stehende, der Gesichtsausdruck, die Körpersprache. Jeder empfindet anders. Andere Maßstäbe, andere Gefühle, andere Bedürfnisse, andere Werte, andere Ansichten, andere Erfahrungen. Keiner hat Recht oder Unrecht.

„Du musst dich entschuldigen, selbst wenn du das nicht möchtest und nichts falsch gemacht hast.“

„Das weiß ich. Aber es kotzt mich an. Sie hätte mir zu jeder Zeit sagen können, wenn ihr mein Ton missfällt. Aber nein, sie steigt voll drauf ein und wartet, bis ihr Aufenthalt zu Ende ist. Und schickt dann sowas nach. Ich versteh euch Frauen einfach nicht. Jetzt bin ich wieder der Arsch.“

Nochmal eine andere Nummer. Die Sache zwischen Männer und Frauen. Oh man(n). In diesem Fall kann er nur verlieren. Ich stehe auf und schlage ihm kumpelmäßig auf den Hintern. „Hübscher Arsch übrigens.“ Er seufzt und marschiert in das Büro vom Chef. Auf seinem Stuhl möchte ich nun wirklich nicht sitzen.

 

Zum Thema „Duzen“ gibt es übrigens einen neuen Beitrag auf meiner Zweigstelle bei Doccheck… „Du, Frau Doktor?“