„Kleider machen Leute“

Kittel

Einige Kollegen lieben es mit wehendem Kittel durch die Flure die Klinik zu fegen. Mir fehlen dafür die Notfälle. Und zu langsam bin ich auch. Mein Kittel bleibt außerdem selten weiß. Stifte laufen aus und wenn ich ihn über den Stuhl hänge, schleift der Saum über den Boden. Ist das hygienisch?

Mein Kittel ist weiß. Naja, meistens. Gestern war die Brusttasche von den eingesteckten Stiften rot und blau. Manchmal ist er am Ende des Tages schwarz am Saum. Denn, wenn ich ihn ausziehe und über die Lehne des rollenden Schreibtischstuhls hänge, fallen die letzten 5 cm auf den Boden. Meistens rolle ich dann noch ein paar Meter zwischen den Schreibtischen hin und her, sodass immer ein Teil des Kittels unter die Rollen kommt.

Übersetzt heißt das: Meistens trage ich ihn nicht. Irgendwie finde ich den Kittel nicht besonders hygienisch. Und wenn es einmal sein muss, dann schiebe ich die Ärmel bis zum Ellenbogen hoch.

Unbequem sind Kittel außerdem

Ein paar Kollegen lieben die Erscheinung, sich selbst mit wehendem weißen Kittel durch die langen Flure rennen zu sehen. Für solche Späße habe ich zu wenig Notfälle und bin außerdem zu langsam.

Außerordentlich bequem ist der Kittel übrigens auch nicht. Meistens spannt er an den Schultern, lässt sich nicht zuknöpfen oder fällt an einem herunter, wie ein Sack. Insgesamt ist die gestellte Krankenhauskleidung nicht angenehm. Mit 90 °C ausgewaschen, hautirritierend gestärkt und mit dicken Hosennähten versehen, entspricht die Dienstkleidung eher der Marke Sträflingskleidung.

Man hüte sich vor Patientenkleidung

Ein Gutes jedoch hat sie. Ich muss sie nicht selbst waschen. Sie kann und darf dreckig werden. Ganz im Gegensatz zu den Kleidern der Patienten.

Da ist mir doch tatsächlich letztes Jahr ein Tropfen Blut auf die Anzugshose eines Patienten getropft. Dieses Jahr erreicht mich dann die Mitteilung unserer Klinikanwälte. Die Klinik habe die Reinigung der Hose bezahlen müssen. In Zukunft solle ich doch bitte darauf achten, die Kleidung der Patienten unversehrt zu lassen. Ansonsten müsse man mir die anfallenden Kosten in Rechnung stellen.

Vielleicht sollte mein Kittel doch eher orange oder schwarz-weiß gestreift sein.

 

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Bildquelle: flickr.com, by Ali McCarley

Die Fehler der anderen

Fehler

Oft erzählen mir Kollegen von Fehlern, die andere Ärzte gemacht haben und die sie jetzt ausbaden müssen. Dass sie sich bei mir beschweren, ist zwar manchmal nervig, aber in Ordnung. Dass sie das auch im Beisein betroffener Patienten tun, ist in meinen Augen unkollegial.

„Welches Antibiotikum hat Ihr Hausarzt Ihnen verschrieben? Das ist nicht erste Wahl.“ Der Internist neben mir schüttelt den Kopf. „Wir schließen eine Thrombose aus und nehmen Ihnen Blut ab, um die Entzündungswerte zu kontrollieren. Ich denke, Sie müssen ein paar Tage stationär bei uns bleiben. Dann bekommen Sie das richtige Antibiotikum über die Vene.“

Das ist irgendwie unkollegial.

Der Patient sitzt Schultern zuckend auf der Liege und hat ein großes Fragezeichen im Gesicht. In unserem Aufenthaltsraum in der Notaufnahme fragt mich der Internist: „Clindamycin bei einem Erysipel. Warum denn sowas?“

„Vielleicht hat er eine Penicillinallergie?“

„Der Patient sagt Nein.“

„Aber musst du das so gegenüber dem Patienten äußern? Vielleicht hat sich der Hausarzt ja was dabei gedacht. Der Patient ist jetzt total verunsichert. Wahrscheinlich bereitet er gedanklich schon den Brief an den Rechtsanwalt vor. Das ist irgendwie unkollegial.“

Der Internist zuckt mit den Schultern. „Sei doch nicht immer so politisch korrekt. Ich muss jetzt den Mist ausbaden. Du hast doch gesehen, dass der Kerl i.v. Antibiose braucht.“

Ich seufze. Toll. Unter Ärzten. Echt klasse. Richtig himmlisch gute Voraussetzungen für ein gutes Miteinander.

„Komplikation über Komplikation. Ich rieche es schon.“

Später am Tag kommt der Patient mit der vermutlichen periprothetischen Oberschenkelfraktur aus der Reha angefahren. Der Notarzt, Kollege Oberfeldwebel aus meiner Abteilung, übergibt mir die Daten im Beisein des Patienten. „Herr Maier ist in der Reha gestürzt. Das ist bestimmt eine periprothetische Fraktur. Erst vor 10 Tagen hat er eine Kurzschaftprothese bekommen. Natürlich nicht bei uns. Das war der völlig falsche Prothesentyp für ihn.“

Herr Maier schaut ungläubig von einem Arzt zum Nächsten. Ich schüttle mal wieder den Kopf. „Herr Maier, wir machen jetzt mal ein Röntgenbild. Danach sehen wir weiter.“ Kollege Oberfeldwebel frage ich, was das denn soll.

„Warum sagst du so etwas? Auch noch im Beisein des Patienten?“

„Wenn das eine periprothetische Fraktur ist, weißt du selbst, wie das weiter geht. Jetzt der große operative Eingriff, keine Belastung, langer Krankenhausaufenthalt, Thrombose, Infekt, Ausbau, Komplikation über Komplikation. Ich rieche es schon. Dann möchte ich nicht Schuld sein. Und nebenbei bemerkt, stimmt es. Das war nichts für eine Kurzschaftprothese.“

Ich bin müde. Ich habe keine Lust, zu diskutieren. Ganz toll unter Ärzten, wirklich. Übrigens hatte der Patient mit dem Erysipel tatsächlich eine Thrombose. Allerdings auch eine Penicillinallergie, wie ihm zu später Stunde doch noch einfiel. Und mein Patient hatte einfach gar nichts. Er hatte sich einfach die Hüfte geprellt. Nach dem Fentanyl vom Kollegen Oberfeldwebel konnte er an seinen Unterarmgehstützen zurück in die Reha.

 

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Bildquelle: flickr.com, by John Loo

Mein Engel kommt nicht an Weihnachten!

schneeengel

Draußen wird es weihnachtlich. Lichterketten, selbst gebastelte Sterne, Christbäume und Weihnachtsmänner zieren Fenster, Geschäfte und Vorgärten.

Was ist besonders an Weihnachten? Für mich nicht die Bäume, der Glitzer oder die Geschenke. Für mich sind es die Gesten, die von Herzen kommen. Die Worte, die ehrlich gemeint sind. Die kleinen Besonderheiten, die manchmal zum richtigen Zeitpunkt, unglaublich viel Kraft geben.

An einen dieser Momente erinnere ich mich immer wieder gerne. Aber lest selbst:

Es ist 20.45 Uhr. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Heute hatte ich, wie die ganze Woche, 45 Patienten auf der Normalstation zu versorgen. 45 Patienten – Die meisten nicht nur krank, weil sie bei uns in der Unfallchirurgie gelandet sind. Die meisten sind steinalt und internistisch ist schon vor dem Unfall die ganze Palette an möglichen Erkrankungen vertreten. Die Nieren halten sich einigermaßen in Schuss, bis sie dann bei uns landen und die Narkose die letzten Milliliter Ausscheidung killt. Der Zucker, der Blutdruck, die Herzrhythmusstörung, die Leber, das Gedächtnis, die verborgene Demenz. Da gibt es keine Reserve nach der Narkose und der OP. Das ist einfach für jedes einzelne System der Overkill. Zwei Patienten sind auf Intensiv gelandet, eine nach Reanimation verstorben. 6 Entlassungen, 6 Aufnahmen. Aufklärungen, Angehörigengespräche, Vorbereitungen für die OPs am Folgetag.

Einziger Ansprechpartner für die Schwestern, Patienten und Angehörige heute, war, wie die ganze Woche, ich. Personalmangel. Priorität nach Priorität nach Priorität. Keine Zeit für nichts. Ich renne und renne und renne, den ganzen lieben langen Tag.

Jetzt ist eigentlich der Nachtdienst dran. Warum ich noch hier bin? Ab morgen bin ich auch für die Privatstation zuständig. Das heißt, heute Abend war der Chef mit mir dort zur Visite. Damit ich schon mal alle Patienten kenne für die nächste Woche. Die Hälfte der Patienten kenne ich leider nur zu gut. Ihnen gefällt es hier anscheinend, ihre Anforderungen an das Personal sind unerfüllbar hoch. Die andere Hälfte der Patienten sind ebenfalls internistisch vernachlässigte kranke Alte. Die Körper dulden oft keinen zusätzlichen Tag abwartendes Verhalten. Sie fühlen sich an wie Bomben, deren Zündschnur gerade eben angezündet wurde. Die Lunge ächzt und stöhnt, das Wasser ist in den Beinen und nicht in den Gefäßen, die Wunden nässen und heilen nicht. Rosige Zukunft.

Morgen muss ich außerdem Fortbildung halten für meine Kollegen. 45 Minuten. Dafür habe ich bisher 2 Powerpointfolien fertig. Das muss ich heute also auch noch erledigen. Zuhause wird das nichts, deshalb bin ich hier. Und jetzt steht die Schwester im Arztzimmer und gibt mir Bescheid, dass ich in die Notaufnahme kommen soll. Es sei dringend. Mein Diensttelefon ist aus. Das heißt, jemand hat sich wirklich bemüht, mich zu finden und mindestens 3 Stationen abtelefoniert. Ich frage, um was es geht. Schulterzucken. „Er sagte, du sollst dich beeilen.“ Also marschiere ich los, Richtung Notaufnahme.

Ich kann nicht mehr. Momentan ist alles zu viel. Ich bin Ärztin, ja. Aber ich bin auch Mensch. Ich habe keine Reserven mehr. Nicht nach Monaten unter dieser Belastung. Ich verlangsame meine Schritte, als ich merke, dass meine Wangen nass sind. Von meinen Tränen. Ich hasse es. Aber es tut gut. Ich wische die Tränen weg und öffne die Türe zur Notaufnahme.

Eine Frau kommt auf mich zu, ich erkenne sie nicht. „Ich bin Frau Engel, die Frau, die sie letzten Monat in einer Mittwoch Nacht zusammengeflickt haben. Wissen Sie noch? Ich war vom Fahrrad gestürzt und mein ganzes Gesicht, die Arme, die Händen, die Beine, die Knie. Alles war offen. Es war schon sehr spät und sie hatten so viele Patienten hier. Aber Sie haben sich trotzdem toll um mich gekümmert. Alle Wunden so sauber genäht. Sehen Sie? Man kann nicht einmal mehr die Narben im Gesicht sehen. Und Sie haben mich gleich beruhigt, waren so herzlich und haben alles organisiert. Ich bin Ihnen wirklich dankbar dafür. Vielen Dank!“

Sie hält einen Korb in der Hand. Darin sind selbst gebackene Kekse, Getränke, eine Karte, Schokolade und Obst. Ich muss schlucken. Sonst werden aus Tränen der Wut, Tränen der Rührung. „Vielen Dank Frau Engel, Sie sind heute meine Rettung.“ Sie winkt und verabschiedet sich. Als ich mich umdrehe um zurück zu meinem Schreibtisch zu gehen, steht mein Chef vor mir, der gerade gehen will. Ich sage: „Die Fortbildung muss morgen leider ausfallen. Aufgrund der dünnen Personaldecke ist es aktuell wohl nicht besonders sinnvoll, eine Fortbildung zu halten. Ich werde das dann nächste Woche nachholen.“ Er nickt. „Einverstanden.“ Ich nehme den Korb und gehe nach Hause.

Mein persönlicher Engel kam in einem Frühjahr. Nicht zu Weihnachten.

Frohe Weihnachten liebe Follower!

 

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Bildquelle: flickr.com, by Michael Pollak

Ärzte in der Kritik

Am Wochenende war ich auf Fortbildung. Ein Haufen Orthopäden, Unfallchirurgen und Neurochirurgen. Die meisten Niedergelassen, wenige, die Vollzeit in der Klinik arbeiten. Thema Wirbelsäule.

Eigentliches Thema war allerdings ein Arztbewertungsportal. Die Gemüter erhitzten sich. Einige niedergelassene Ärzte pfeifen drauf. Neumodisches Zeug, dieses Internet. Andere wiederum klicken mindestens fünf Mal täglich auf ihre Bewertungen oder Abwertungen. Und versuchen die Kommentare sperren zu lassen. Aus verschiedensten Gründen. Geht natürlich nur, wenn die Kommentare beleidigend sind. Recht oder Unrecht, falsch oder richtig, erstunken oder erlogen, anders dargestellt oder empfunden. Zählt nicht. Da steht es dann einfach. Deine Behandlung war nicht zufriedenstellend. Du hast dir keine Zeit genommen. Deine Beratung war nicht ausreichend oder schlecht. Du warst unfreundlich, unsensibel, nicht empathisch. Du hast nicht zugehört, zu viel gesprochen, nichts erklärt oder alles nur auf medizinischem Kauderwelsch. Du bist ein/e schlechte/r Arzt/Ärztin. Den Besuch bei dir kann man nicht empfehlen. Schwarz auf weiß, du machst deinen Job nicht gut. Du bist nicht gut genug. Nicht angenehm, schmerzhaft. Tja, jetzt liegt es an dir. Welche Kritik nimmst du persönlich, welche nicht? Ist die Kritik unverhältinsmäßig, unverschämt, schwachsinnig? Wollte der Patient vielleicht nur eine Krankschreibung, die du nicht verordnet hast? Oder hast du ihn kritisiert? Fühlt er sich verletzt und ist enttäuscht? Bist du fähig zu abstrahieren, Selbstzweifel nicht zuzulassen? Und warum fühlst du dich angegriffen? Hatte der Patient vielleicht sogar Recht? Du warst zu schnell, hast dir keine Zeit genommen, weil du keine hattest, du hast nichts erklärt, weil er es sowieso nicht verstehen würde… weil… Das System oder jemand anderes trägt die Schuld.

Kopf in Sand, aufmerksame Reflektion oder allwissender Riesenvogel?                                   Welche Variante wählt ihr?