Striptease

Liebes Lieschen,

am Wochenende telefonierten wir. Das ist so selten geworden und es war klasse, mit dir zu reden. Es ist nicht häufig, dass man so eine gute Freundin gewinnt und sich die Freundschaft auch über eine große räumliche Distanz hält. Danke dafür!

Ich habe deinen letzten Post bei Doccheck verfolgt, natürlich auch die Kommentare. Viele Kollegen wundern sich darüber, dass du dich und dein Kind in solch eine Situation gebracht hast. 24 Stunden Dienste, 80 Stunden Wochen bei Übelkeit, Schwindel und Müdigkeit. Sie nennen es verantwortungslos. Eine Gefahr für dich und dein Baby. Für andere wiederum hat das Recht auf Selbstbestimmung oberste Priorität.

Ich erzähle dir, wie ich es gemacht habe. Vielleicht können sich dann einige Männer und noch mehr, die stets streng kritischen Frauen und Kolleginnen, ein bisschen besser in die Situation versetzen.

Während meiner ersten Schwangerschaft habe ich noch in der Gynäkologie gearbeitet. Ich war in der Weiterbildungszeit, wie du. Mir ging es ok. Nicht gut, aber ok. Also habe ich, wie alle anderen schwangeren Kolleginnen vor mir, erst einmal geschwiegen.  Ich war keiner Röntgenstrahlung ausgesetzt, das Operieren fiel mir leicht. Die Dienste waren hart, ja. Aber es ging. Ich fühlte mich verpflichtet, es den anderen Frauen in der Abteilung gleich zu tun. Meinem Chef habe ich in Woche 26 Bescheid gegeben. Viele Kolleginnen vor mir, sogar erst viel später. Als alle schon längst die dicken Bäuche unter den weiten Shirts entdeckt hatten. Aber natürlich sagt keiner etwas, offiziell. Sonst fällt man ja raus, aus den Diensten, aus dem OP, darf keine Bluttransfusionen mehr übernehmen, keine Blutentnahmen machen, keine Isolationszimmer behandeln. Nein, nein, da wird geschwiegen. Ich habe in Woche 26 deshalb Bescheid gegeben, weil ich vorzeitige Wehen bekam. Strenge Bettruhe bis Woche 34, bis zum Beginn des Mutterschutzes. Einige meiner Kolleginnen haben sogar noch im Mutterschutz gearbeitet, bis 2-3 Wochen vor der Entbindung.

Deshalb habe ich mich in der zweiten Schwangerschaft, dann schon in der Unfallchirurgie, anders entschieden. Ich wollte auf Nummer Sicher gehen. Außerdem war ich jeden Tag in den Operationen der Wirbelsäulenchirurgie zugeteilt. Pausenloses Röntgen. Kaum war der Schwangerschaftstest positiv, habe ich Bescheid gegeben. Das war in der 6. Schwangerschaftswoche. Keine Dienste, 4 Tage Woche, freies Wochenende, Stationsarbeit, pünktliche Morgenbesprechung mit den Schwestern (also Kaffee und Frühstück) und eine geregelte Mittagspause. Ich habe das Kind in der 10. Schwangerschaftswoche verloren. Es hat lange gedauert, bis ich selbst damit klar kam. Warum passierte mir das? Hatte ich etwas falsch gemacht? Bin ich dafür verantwortlich? Selbstvorwürfe, Ängste und Sorgen. Ich habe einige Monate gebraucht, um mit den Blicken meiner Kollegen, Oberärzte und meinem Chef zurecht zu kommen.  Und den mitfühlenden Worten der Krankenschwestern, bis hin zur Putzfrau. Es war nett gemeint, aber ich wollte nicht jeden Tag daran erinnert werden. Ich bereute meine Entscheidung zur schnellen offiziellen Bekanntgabe. Allerdings hatte ich auch keine andere Wahl gehabt. Wie sonst hätte ich erklären sollen, dass ich nicht in den OP möchte? Oder vielleicht doch mit der Röntgenschürze operieren sollen? Ich war mir nicht sicher. Seelenstriptease – kein angenehmes Gefühl im Arbeitsalltag.

Als ich wieder schwanger wurde, hatte ich Glück. Ich war in der Rotation in den Ambulanzen, kein Druck zur Bekanntgabe. Ich habe gewartet bis zur 18. Schwangerschaftswoche, bis ich meinem Chef offiziell davon berichtet habe. Als ich sicher war, dass die Schwangerschaft hält.

Liebes Lieschen, jeder entscheidet in diesen Situationen anders. Ich bewundere dich dafür, dass du so lange durchgehalten hast, bis du es offiziell gesagt hast. Wie du doch kleine Schleichwege gefunden hast, den OP zu umgehen. Wie du tapfer durchgehalten hast in den Nachtdiensten. Aber ich hatte auch ein wenig Sorge um dich. Bei mir wäre sicherlich sehr viel früher die Grenze erreicht gewesen. Leicht gesagt, so im Nachhinein.

Ich finde nicht, dass man, sofort mit Beginn der Schwangerschaft, seine persönlichen Rechte an das ungeborene Kind abgeben sollte. Sich aufopfert im Dienste der Schwangerschaft und Fortpflanzung. Das Recht auf Selbstbestimmung ist für mich tatsächlich bedeutsam – ein eigentlich wichtiger Schritt im Zuge der Emanzipation aus meiner Sicht.

Liebes Lieschen, pass auf dich auf und lass es dir gut gehen.

Deine Lotte

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