Verabschiedung

Herz und Schatten

Es ist Samstag Abend, 19 Uhr. In einer Stunde beginnt der Nachtdienst. 

Das Energiebündel ist noch wach und kuschelt mit mir. Wir lesen ein Buch, wir singen ein Lied auf der Gitarre. Das Abendessen war entspannt. Wir haben den ganzen Tag miteinander geteilt. Das Frühstück, den Ausflug, den Mittagsschlaf. Ich genieße den kleinen Rücken an meiner Seite, wenn wir in der Mittagspause beide schlafen können.

Doch dann ist der genussvolle Teil des Tages vorbei.

Die Verabschiedung ist schwer. Ein langes Hinauszögern erschwert die Situation. Besser ist die konsequente Variante. Die ersten Male waren verdammt hart. Für das Kind, den Herr Müller und mich.

Es tut weh. Da ist der Zweifel. Dort ist es das Stechen mitten ins Herz. All die klagenden Stimmen über Rabenmütter bahnen sich den Weg nach oben. Die Müdigkeit, die Sehnsucht, die Wut und die Enttäuschung.

Danach das Adrenalin, das Zusammenbeißen, der Wechsel in das andere Ich. Das Bewusstsein der Entscheidung. Die Klarheit über die Notwendigkeit. Die Bestimmtheit . Die Ruhe.

Mittlerweile kennt der Zwerg die Situation.

Der Papa ist da. Die Mama kommt wieder. Küssen, drücken, umarmen, ein Winken vom Fenster. Heute klappt es gut.

Ich atme.

 

Bildquelle: flickr.com, by Marina del Castell

Mein geschätzter Kollege Arzt – mein Feind

Kollegen

Anna betritt die Notaufnahme. Sie ist 4.

Ihre Speiche, ein Knochen des Unterarms, ist gebrochen. Der Knochenbruch ist etwas verschoben. Wir gipsen den Arm trotzdem ein. Die Achsabweichung wird sich in diesem Alter verwachsen.

Die wichtigste Spielregel? Den Eltern erklären, was der Plan ist.

Ich erkläre das Vorgehen genau. Aber keine Woche später erhalte ich natürlich den bitterbösen Anruf eines niedergelassenen Kollegen.

Das Vorgehen sei unverantwortlich.

Anna sei mit ihren Eltern auf dem Weg in die große städtische Kinderorthopädie. Meine Approbation gehöre entzogen. Ich solle doch bitte wenigstens einen erfahrenen Arzt hinzuziehen. Zuweisungen in unser Krankenhaus würde er in Zukunft nur noch sehr eingeschränkt unterstützen.

Ich bedanke mich für den Anruf und rate ihm, sein Buch der Kindertraumatologie aufzuschlagen. Ich schlage ihm sogar eines vor: Eines, in das ich gesehen habe, bevor ich mich vergewisserte, dass mein Vorgehen lege artis ist. Er brüllt und schildert mir erbost seinen beruflichen Werdegang.

Vielleicht wird ihm der Entlassbrief der städtischen Kinderorthopädie helfen – mein Vorgehen wird nämlich in keinster Weise verändert.

Nur um sicher zu gehen, schlage ich das Lehrbuch erneut auf. Und finde genau an dieser Stelle den unten stehenden Text.

Auf der Suche nach einer passenden Beschreibung der Beziehung zwischen Arztkollegen?

Hier bitte: die trefflichste Beschreibung, der ich nichts hinzuzufügen weiß.

Kollegenhäme

Quelle: „Frakturen und Luxationen im Wachstumsalter“ – Lutz von Laer (eine der älteren Ausgaben)… wahrscheinlich ist das jetzt sogar eine #Anzeige. Oder gar #Werbung?

Bildquelle: flickr.com, by Dennis Skley

Die „Schwesterfraudoktor“ im Interview

schwesterfraudoktor

Kennt ihr schon die „Schwesterfraudoktor“

Eine Allgemeinmedizinerin und Mutter zweier Kinder. Eine Frau mit dem Herz am richtigen Fleck und dem Mut zu ganz eigenen Wegen.

Außerdem hat sie eine ganz hervorragend ehrliche Art und Weise, die Wahrheiten in unserem Alltag als Ärztinnen, Menschen oder Mütter, darzustellen. Persönlich scheint sie einen unglaublich fleißigen grünen Daumen zu haben und die Touren mit ihrem Bike zu lieben.

Ich freue mich sehr, dass du uns in deinem Interview von deiner Reise als Ärztin und Mutter erzählst, liebe „Schwesterfraudoktor“. DANKE!

Weitere Interviews von Ärztinnen und Müttern könnt ihr in der Rubrik Interviews mit Ärztinnen und Müttern finden. Ihr könnt in der entsprechenden Rubrik auf die Untergruppen klicken – die Interviews sind nach Fachrichtungen sortiert.

Helft anderen werdenden Müttern und Ärztinnen, zeigt ihnen Beispiele und Wege, wie eine Vereinbarkeit dieser beiden Rollen möglich ist und arbeitet bei meinem Blog mit!

Beantwortet die Interviewfragen und schickt sie mir auf unfallchirurginundmutter [@] googlemail.com zurück. Ich freue mich, von euch zu hören. Vielen Dank!

Eure

Unterschrift Lieschen Müller

Merle erklärt: Blut ist gut!

Darf ich vorstellen? Merle, meine bärenstarke Helferin!

Merle ist 6 Jahre alt und weiß ganz schön viel.

Auf dem Spielplatz zum Beispiel, kann sie Marc erklären, warum unser Körper blutet.

Marc ist gestürzt und schlägt sich die Knie auf, dass es blutet. Aber Merle weiß, warum das gut ist.

Blut ist gut

Stimmt! Das Blut transportiert den Dreck und den Sand nach draußen. Die Wunde wird so gereinigt und kann heilen.

Das findet Marc spitze. Er ist ganz begeistert von seinem Körper und zeigt seiner Mama stolz die Schürfwunden.

Dann erklärt er ihr: Blut ist gar nicht schlimm. Wenn es blutet, wird die Wunde sauber.

Wenn ihr mehr von Merle sehen möchtet, schreibt mir doch einfach einen Kommentar zurück. Vielleicht bekommt Merle dann ihre eigene kleine Kinder-Kolumne.

Eure

Unterschrift Lieschen Müller

 

Bildquelle: eigene

Wenn Löwen Raben fressen

Löwen

„Der Kerl vor mir, hat einfach nichts verstanden. Jetzt fragt er mich schon zum dritten Mal das Gleiche. Was ich sage, scheint überhaupt nicht anzukommen. Absolut sinnlos meine Bemühungen.“

Das höre ich jeden Tag. In der Notaufnahme, auf den Stationen, bei den Anmeldungen. Dabei spreche ich nicht von fehlenden Deutschkenntnissen oder mangelnder Hörfähigkeit. Banale (???) Kommunikation.

Das Gegenüber scheint nicht zu verstehen oder verstehen zu wollen. Dabei liegt es meiner Meinung nach hauptsächlich an den unerfüllten Erwartungen der Patienten. Wir sehen die gewünschten Bedürfnisse nicht oder können sie nicht erfüllen.

Wie also kann man damit umgehen?

Ich darf nun alle Leser/innen, die sich einen so richtig vernünftigen Artikel zur Arzt-Patienten-Kommunikation erhoffen, zum Kollegen auf StrebensWert weiterleiten. Ein wunderbarer Artikel zur bedürfnisorientierten Kommunikation und Konfliktstrategie im Alltag.

Alle Leser/innen, die gerne lachen, sich nicht allzu wichtig nehmen und Platz für ein wenig ironische Komik haben, darf ich herzlich dazu einladen, weiterzulesen, zu diskutieren und zu kommentieren. Ich freue mich darauf.

„Wenn Löwen Raben fressen“ weiterlesen

Ich komme gleich! Die Wette gilt.

Ich komme gleich. Die Wette gilt.

Paul hat Dienst. Der Allgemeinchirurg ist ein Chirurg aus dem Lehrbuch. Die Ärmel hoch gekrempelt, die vor Stolz geschwellte Brust, das Goldkettchen um den Hals. Alles passt. Er ist aber auch verantwortungsbewusst und hat ein Teddybären-Herz.

Jetzt sitzt neben mir in der Notaufnahme und hämmert wie wild auf seine Tastatur. Im 2-Finger-Schreibsystem. Die Fehlerquote ist so hoch, dass er noch ungehaltener wird. Damit gewinnt er kein Wettrennen.

Meine Finger eigenen sich für andere Tätigkeiten. Nicht für solchen Zettelkrams. Mit meinen Händen fasse ich lieber andere Sachen an, weißt du? Die können auch echt zärtlich sein. Da hat noch jede angefangen, zu schnurren.“ Er zwinkert mir zu.

Ich rolle lachend mit den Augen. „Dann hoffe ich sehr für dich, dass deine Katze nicht irgendwann zubeißt.“

Es ist 23.30 Uhr und die zwei Patienten, die auf sein Konto gingen, werden entlassen. 

Die anderen Patienten, die er mit beurteilen muss, gehören den Internisten. Fall 1: abführen. Fall 2: vielleicht doch noch OP?

Der Internist macht hinter Pauls Rücken die Bewegung eines Sprinters nach. Das Zeichen, dass ich mich beeilen muss, wenn meine Oma mit der Schenkelhalsfraktur noch vor Fall 2 in den OP soll.

Paul dreht sich um, als ich meinem Oberarzt anrufe und dem OP-Personal Bescheid gebe. Er verzieht die Augen zu Schlitzen.

Die Wette gilt. „Ich komme gleich! Die Wette gilt.“ weiterlesen