Gastbeitrag von meiner Freundin Lotte

Liebe Leser,

endlich ist es soweit. Ich konnte meine gute Freundin Lotte, Ärztin und Mutter, dazu gewinnen, einen Gastbeitrag zu schreiben. Sie wohnt mittlerweile ein ganzes Stück weit entfernt von mir, auf dem Land. Sie erzählt mir von ihrem Alltag und wie es ist, das Leben als Ärztin und Mutter zu koordinieren.

Heute schreibt sie von einem Tag, an dem es keine flexible und ausreichende Kinderbetreuung gibt. Allerdings betrifft das Problem nicht nur Lotte selbst, sondern auch die Anderen. Lest weiter bei „Mütter sind gute Ärztinnen, wenn sie denn dürfen…“.

Vielen Dank Lotte.

Angst, Freude, Wut, Sorge

Emotionaler Supergau… Ist man nun wütend? Einfach nur wütend? Ärgert man sich? Und warum? Vielleicht weil man sauer ist, weil man geärgert wurde, weil man unschuldig beschuldigt wird? Oder vielleicht zurecht beschuldigt wird? Oder ist man wütend, weil man sich sorgt? Weil etwas ungewiss ist? Oder sogar, weil einem die Angst im Nacken sitzt? Man etwas nicht aufhalten kann, das kommen wird… komme was wolle?

Mehr zu diesen Gedanken findet ihr in meinem Artikel „Angst“

Ärzte in der Kritik

Am Wochenende war ich auf Fortbildung. Ein Haufen Orthopäden, Unfallchirurgen und Neurochirurgen. Die meisten Niedergelassen, wenige, die Vollzeit in der Klinik arbeiten. Thema Wirbelsäule.

Eigentliches Thema war allerdings ein Arztbewertungsportal. Die Gemüter erhitzten sich. Einige niedergelassene Ärzte pfeifen drauf. Neumodisches Zeug, dieses Internet. Andere wiederum klicken mindestens fünf Mal täglich auf ihre Bewertungen oder Abwertungen. Und versuchen die Kommentare sperren zu lassen. Aus verschiedensten Gründen. Geht natürlich nur, wenn die Kommentare beleidigend sind. Recht oder Unrecht, falsch oder richtig, erstunken oder erlogen, anders dargestellt oder empfunden. Zählt nicht. Da steht es dann einfach. Deine Behandlung war nicht zufriedenstellend. Du hast dir keine Zeit genommen. Deine Beratung war nicht ausreichend oder schlecht. Du warst unfreundlich, unsensibel, nicht empathisch. Du hast nicht zugehört, zu viel gesprochen, nichts erklärt oder alles nur auf medizinischem Kauderwelsch. Du bist ein/e schlechte/r Arzt/Ärztin. Den Besuch bei dir kann man nicht empfehlen. Schwarz auf weiß, du machst deinen Job nicht gut. Du bist nicht gut genug. Nicht angenehm, schmerzhaft. Tja, jetzt liegt es an dir. Welche Kritik nimmst du persönlich, welche nicht? Ist die Kritik unverhältinsmäßig, unverschämt, schwachsinnig? Wollte der Patient vielleicht nur eine Krankschreibung, die du nicht verordnet hast? Oder hast du ihn kritisiert? Fühlt er sich verletzt und ist enttäuscht? Bist du fähig zu abstrahieren, Selbstzweifel nicht zuzulassen? Und warum fühlst du dich angegriffen? Hatte der Patient vielleicht sogar Recht? Du warst zu schnell, hast dir keine Zeit genommen, weil du keine hattest, du hast nichts erklärt, weil er es sowieso nicht verstehen würde… weil… Das System oder jemand anderes trägt die Schuld.

Kopf in Sand, aufmerksame Reflektion oder allwissender Riesenvogel?                                   Welche Variante wählt ihr?

Unter Kollegen

Kollege Mc Sexy ist übel gelaunt heute. Kein „Guten Morgen“, kein „Wie geht’s?“, schon gleich gar kein „Was kann ich helfen? Muss man noch irgendwas für die Chefvisite vorbereiten?“. Er brütet in der Ecke vor sich hin. Da ich Mc Sexy kenne, lasse ich ihn einfach sitzen. Wahrscheinlich irgendeine Flamme, die ihn verärgert hat. Oder gar keine Flamme im Bett gestern Abend. Noch wahrscheinlicher.

Die Chefvisite läuft. Die üblichen Beanstandungen, im Großen und Ganzen kein Problem. Die Patienten sind zufrieden. Mc Sexy hält sich im Hintergrund und schmollt weiter. Nach zwei Stunden, finde ich, es ist genug. „Was ist denn eigentlich los? Kann ich dir irgendwie weiter helfen? Deine Stimmung ist ja unterirdisch!“ „Lass mich in Ruhe!“ „Dann geh doch einfach nach Hause, wenn es dir nicht gut geht. Eine Unterstützung bist du nämlich in deinem Zustand wirklich nicht!“ „Murmel, Murmel… Geht nicht. Muss noch zum Chef.“ Aha. „Und zur Verwaltung.“ „Was? wieso? Sag bloß, du gehst!?“ „Hoffentlich nicht.“ „Was? Jetzt rück schon raus mit der Sprache.“

„Es gibt Ärger. Eine Patientin hat sich beschwert. In einem dreiseitigen Brief an die Verwaltung. Kopie ging an die Presse. Neben der langen Wartezeit in der Notaufnahme und den unfreundlichen Schwestern, bin ich Hauptziel des Angriffs. Zu persönlich, keine Distanz, hätte anscheinend meine Rolle als Arzt missbraucht, um ihr näher zu kommen.“ Beschwerden sind häufig. Normalerweise setzt man sich dann zusammen, klärt alles und schreibt eine Stellungnahme. Natürlich ohne Presse. Diese Kritik ist allerdings prekär. „Hat sie Recht?“ „NEIN! Was denkst du denn?“ „Ab und an entwickelt sich bei dir ja auch eine persönliche Beziehung zu manchen Patienten.“ „Doch nicht im Krankenhaus! Sie hat ewig gewartet in der Notaufnahme. Glatteis und Schnee. Es war die Hölle los. Sie war schlecht gelaunt. Ich hab ihr ein Kompliment gemacht. Versucht, sie zu besänftigen. Die Situation aufzulockern. Die Frau sieht gut aus. Darf man das nicht sagen? Sie hat mich geduzt. Machen viele. Ich wirke eben wie der Kumpel von nebenan. Dann hab ich sie auch geduzt. Während ihres Aufenthaltes habe ich sie ein paar Mal besucht. Da war immer etwas Flirten dabei. So wie ich halt bin. Sie hat nicht gesagt, dass ich das lassen soll. Ich hatte den Eindruck, es macht ihr Spaß. Das war’s. Ich schwöre es. Nicht mehr und nicht weniger. Und jetzt sowas! Oben drein ist sie auch noch Kollegin. Niedergelassen.“ Ich seufze. Oh man.

Distanz, Respekt, Intimität, der passende Anstand, die richtige Wortwahl, das Zwischen-den-Zeilen-Stehende, der Gesichtsausdruck, die Körpersprache. Jeder empfindet anders. Andere Maßstäbe, andere Gefühle, andere Bedürfnisse, andere Werte, andere Ansichten, andere Erfahrungen. Keiner hat Recht oder Unrecht.

„Du musst dich entschuldigen, selbst wenn du das nicht möchtest und nichts falsch gemacht hast.“

„Das weiß ich. Aber es kotzt mich an. Sie hätte mir zu jeder Zeit sagen können, wenn ihr mein Ton missfällt. Aber nein, sie steigt voll drauf ein und wartet, bis ihr Aufenthalt zu Ende ist. Und schickt dann sowas nach. Ich versteh euch Frauen einfach nicht. Jetzt bin ich wieder der Arsch.“

Nochmal eine andere Nummer. Die Sache zwischen Männer und Frauen. Oh man(n). In diesem Fall kann er nur verlieren. Ich stehe auf und schlage ihm kumpelmäßig auf den Hintern. „Hübscher Arsch übrigens.“ Er seufzt und marschiert in das Büro vom Chef. Auf seinem Stuhl möchte ich nun wirklich nicht sitzen.

 

Zum Thema „Duzen“ gibt es übrigens einen neuen Beitrag auf meiner Zweigstelle bei Doccheck… „Du, Frau Doktor?“

Ich KANN das!

Von meiner Schwangerschaft weiß noch keiner. Aber die Ausreden gehen mir so langsam aus. Wer freiwillig auf Station bleibt oder in der Notaufnahme arbeitet, fällt auf. Als Ärztin in der Weiterbildung zur Unfallchirurgin nicht in den OP zu drängen, irritiert. Und Kollegin Frischling ist diese Woche krank. Ich kann also nicht einmal die Variante „Kollegin muss eingearbeitet werden“ wählen. Operieren in der Schwangerschaft… geht das? Ich habe mir die Unterlagen durch gelesen. Ganz schön aufwendig. In Saal 2 sind heute Knie-Arthroskopien und Weichteil-Eingriffe. Kein Röntgen. Junge Patienten. Ansonsten gesund. Also ab in den OP. Heute Nacht habe ich schlecht geschlafen. Wieso muss ich jetzt schon dauernd auf die Toilette? Außerdem habe ich die ganze Zeit Hunger. Wenn ich nichts esse, kippe ich vom Stuhl. Außerdem könnte ich mir so einen Rucksack kaufen, mit Trinkschlauch. Dann müsste ich nicht die ganze Zeit diese Wasserflasche mit mir tragen. Fehlt nur noch die Windel… Ich sollte mich nicht so anstellen. Waren schließlich schon Millionen anderer Frauen vor mir schwanger.

In der Umkleidekabine schiebe ich mir zwei Müsliriegel in den Mund. Das Essen verdrängt den Schwindel. Kompressionsstrümpfe anziehen, gegen die ätzende Kreislaufschwäche. Bleibt die Übelkeit. Ich bin nass geschwitzt, bis ich im OP-Saal bin. Ich bin nicht krank. Fühlt sich aber so an. Oberarzt Orthopäde steht schon am Tisch. „Frau Müller, wo bleiben Sie denn? Ich habe schon angefangen. Was hat Sie denn aufgehalten?“ „Äh, hm, murmel, Entschuldigung, murmel, lohnt es sich noch, dass ich mich wasche?“ „Nein, Sie sind ja bleich wie die Wand. Was ist denn los? Ich bin hier fast fertig. Jetzt gehen Sie mal was trinken. Lassen Sie sich Zeit. Für Punkt zwei sind Sie dann aber pünktlich, ja? Wir rufen Sie dann an.“ Das passt mir ganz gut. Ich muss nämlich schon wieder ganz dringend auf die Toilette.

Ich schleppe mich in die Notaufnahme. Vomex, bitte tu deinen Dienst. Kollege Oberfeldwebel biegt um die Ecke. „Lieschen, könntest du mal kurz in Kabine 1? Da kam gerade der Rettungsdienst mit einem jungen Mann, der wohl über eine Mauer gesprungen ist. Ich bin aber noch in Kabine 3 mindestens 30 Minuten beschäftigt. Schick ihn doch schon mal zum Röntgen.“ Klar, sobald ich nicht mehr das Gefühl habe, mich übergeben zu müssen…

Patient Kevin macht Parcours. Diesen Sport… von der Mauer auf die Treppe, über das Dach, auf das Auto, über den Fluss, auf die Treppe, zurück zur Mauer… Sowas eben. Die Mauer hat ihn schon eine ganze Weile gereizt. Er dachte, das wird kein Problem für ihn und hat sich vorbereitet und trainiert. Die anderen Parcourer schaffen die Mauer ja auch. Tja, die Mauer war zu hoch. Der Calcaneus ist zerbröselt. Das Handgelenk ein Trümmerhaufen. Er hat Glück, dass die Wirbelsäule nichts hat. Warum die Leute sich immer was beweisen müssen?

Der OP ruft an. Ich kann kommen. Als ich in voller Montur am OP-Tisch stehe, steht mir der Schweiß auf der Stirn. Mein vegetatives Nervensystem macht alles, bloß nicht das, was es soll. Mir zieht es buchstäblich den Boden unter den Füßen weg. Ich schaffe es gerade noch, mich rechtzeitig auf den Boden zu setzen. Eine Platzwunde kann ich nicht auch noch gebrauchen. Der Anästhesist hält mir meine Beine in den Himmel, während Oberarzt Orthopäde auch die zweite Knie-Arthroskopie alleine durchführt. Ich beschließe, mir nichts mehr zu beweisen. Der OP ist eine Mauer zu hoch für meinen schwangeren Körper. Scheiße.