Der Choleriker, die Bombe

In meinem Umfeld gibt es Persönlichkeiten, die fressen meine Zeit. Sie veranlassen mich, Umwege zugehen. Ihnen aus dem Weg zu gehen, auch wenn ich die Zeit für den Umweg eigentlich nicht habe. Aber ich habe noch weniger Zeit und Energie, mich über das Treffen mit den Personen, aufzuregen. Mag ich nicht. Möchte ich nicht. Will ich nicht. Manchmal aber ist ein Ausweichen nicht möglich. Und dann muss ich da durch. Völlig unvorhersehbare, unangebrachte, ziellose und emotionale Zornausbrüche. Gegen alles und jeden. Das geklebte Pflaster vom Vortag ist heute das Falsche. Die Formulierung des Procedere im Arztbrief ist in diesem Brief falsch, im letzten richtig. Das geplante Vorgehen von gestern, heute schon ein Anderes. Das Klebetuch am OP-Feld ist heute zu weit oben, unten oder rechts. Der Beinhalter ganz falsch und die Lagerung ist heute auch beschissen. Das Vorgehen in der Ambulanz war heute falsch, morgen ist es wieder richtig. Der Aufklärungsbogen für die OP des Patienten ist heute unvollständig und lückenhaft, morgen zu voll geschrieben und man vergeudet zu viel Zeit damit. Überhaupt geht alles zu langsam und nicht wie geplant. Das soll ich natürlich alles riechen, tasten, fühlen und schon vorher wissen und gelöst haben. Und auch dann wäre es falsch. Es sind unsere Oberärzte, Chefs oder Personen, die uns gegenüber weisungsbefugt sind. Sie explodieren ohne Vorwarnung, wie eine Bombe gehen sie hoch und die Lautstärke belastet unsere Ohren. Wir tragen keinen Ohrenschutz, weil wir es mal wieder nicht erwartet haben. Von einer Sekunde zur nächsten. Nur danach sagen wir uns… wir hätten es doch eigentlich wissen müssen, irgendwann ist es wieder soweit. Unterschiedliche Taktiken habe ich schon angewandt. Ausweichen, Verharmlosen, Ignorieren, Rechtfertigen, Schweigen. Warten bis der Rauch sich gelegt hat. Mit Vorsicht und viel Bedacht meine Worte wählen, versuchen, mich in seine Lage zu versetzen. Einfach zu akzeptieren, dass sich der Wutanfall nun über mich ergießt und gelassen bleiben. Manche Kollegen schreien zurück. Andere brechen danach weinend auf der heimischen Couch zusammen. So ein Wutanfall ist persönlich, angreifend, verletzend, aggressiv, hässlich. Und auch durch eine Entschuldigung am nächsten Tag nicht wieder gut zu machen. In meiner Welt sind sie leider Alltag. In der Welt meiner Freunde sind sie Alltag. Meist habe ich nach so einem Wutanfall ein Haufen voll Scherben vor mir, die ich unverzüglich aufräumen sollte oder müsste. Manchmal warte ich bis zum nächsten Tag um die Schweinerei zu beseitigen. Da sieht die Welt nämlich oft wieder anders aus. Eigentlich sind sie zu bemitleiden, diese Choleriker. Sie können sich nie entscheiden, nichts ist gut genug, ihre Körper schmerzen, die Magensäure läuft die Speiseröhre nach oben, ihre Brust ist eng, der Kopf hoch rot, ständiges Magendrücken bläht, der Kopf tut weh, der Blutdruck ist nur mit Betablocker kontrollierbar und die Frau mit den Kindern aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen. Sie zerstören und leiden. Aber ich möchte einfach nicht immer anwesend sein, wenn die Bombe explodiert. Vielleicht hänge ich neben meinen Arbeitsplatz einen Boxsack. Und stelle daneben einen Spiegel.

Diskussionen sind wichtig

Erinnert ihr euch noch an meinen ersten Post? Auch auf meiner Zweigstelle bei Doccheck wurde der Post nun veröffentlicht: „Ich bin Lieschen Müller“. Und die Kollegen diskutieren. Über Arbeitsbedingungen, das Gesundheitssystem, Schuld, Verantwortung, Ursachen und Lösungen. Das ist gut. Und wichtig. Die Leser sind sich nicht einig. Sonst wäre das Problem ja schließlich schon gelöst. Ich liebe Diskussionen. Solange sie konstruktiv sind. Nicht immer muss es politisch korrekt zu gehen. Emotionen haben bei mir einen großen Stellenwert. Das Bauchgefühl ist mir wichtig. Was wäre schon eine Diskussion ohne die emotionale Beteiligung. Online diskutieren artet jedoch manchmal aus. Man kennt sein Gegenüber nicht. Anstandsregeln gelten anscheinend nicht für alle. Die Leute fühlen sich frei und beleidigen. Werden persönlich. Ich nehme es nicht persönlich. Hauptsache man diskutiert irgendwann über das Thema, rüttelt auf. Aber deshalb diskutiere ich am liebsten am Tisch. Da sitzen mir nämlich mein Partner, die Freunde oder die Diskussionsteilnehmer gegenüber. Da spüre ich die Emotionen und sehe sie im Gesicht. Die pulsierenden Venen auf der Stirn oder die wütenden Fäuste, die auf den Tisch hauen. Die gerunzelte Stirn oder das gelöste Lachen. Ich freue mich schon auf die nächste Tischrunde.

Kinder sind Frauensache

Kinder sind Frauensache? Lese ich jeden Tag. Und sehe ich jeden Tag. Meine Oberärzte haben alle Kinder. Alle arbeiten Vollzeit, keiner hat jemals in Teilzeit gearbeitet. Ein paar männliche Kollegen haben Kinder. Keiner arbeitet Teilzeit. Viele weibliche Kollegen (nicht in meinem Fachgebiet) arbeiten Teilzeit. Sie sind ja schließlich auch für Küche, Kochen, Einkauf, Haushalt, Wäsche, soziales Leben und die Kinderbetreuung zuständig…Was? Ein paar meiner Kollegen waren 2 Monate in Elternzeit. Alle waren im Urlaub, mit ihren Frauen und dem Kind. Die Frauen waren mindestens 12 Monate in Elternzeit, im Erziehungsurlaub, daheim. Bisher dachte ich, wir sind ein paar Jahre weiter als 1960. Umso mehr ich mich umschaue, desto mehr zweifel ich daran. Wie werde ich das mal handhaben, wenn die Schwangerschaft beendet und das Kind geboren ist? Wie seht ihr das? Sind Kinder Frauensache? Wie handhabt ihr das? Kommentiert und diskutiert. Ich freue mich auf eure Kommentare!

Seid ihr Ärztin und schwanger? Fragt ihr euch auch, wie ihr das später mal organisieren sollt/wollt? Wie es anderen Ärztinnen ergeht/erging? Hier findet ihr die Interviews einer Unfallchirurgin und Mutter zweier Kinder, einer Allgemeinärztin und Mutter eines Sohnes, einer Chirurgin und Mutter zweier Kinder und einer Anästhesistin und Mutter einer Tochter. Schreibt mir eure Antworten auf mein Interview, werdet Teil dieses Blogs und gebt schwangeren Ärztinnen ein Beispiel. Vielen Dank fürs Mitmachen!

Der Nabel der Welt

Ich stecke in einer dieser Situationen fest. Man möchte, sollte und müsste. Aber man darf nicht. Eine Mutter entscheidet für ihre Tochter. Nicht genau die Entscheidung, die ich treffen würde. Aber eine Entscheidung ist eine Entscheidung. Wie ich das wohl mal mit meinem Kind regel? Ich hoffe nicht so, wie die Mutter von Jacqueline Chantalle.… lest weiter auf meinem Beitrag bei Doccheck.

Gastbeitrag von meiner Freundin Lotte

Liebe Leser,

endlich ist es soweit. Ich konnte meine gute Freundin Lotte, Ärztin und Mutter, dazu gewinnen, einen Gastbeitrag zu schreiben. Sie wohnt mittlerweile ein ganzes Stück weit entfernt von mir, auf dem Land. Sie erzählt mir von ihrem Alltag und wie es ist, das Leben als Ärztin und Mutter zu koordinieren.

Heute schreibt sie von einem Tag, an dem es keine flexible und ausreichende Kinderbetreuung gibt. Allerdings betrifft das Problem nicht nur Lotte selbst, sondern auch die Anderen. Lest weiter bei „Mütter sind gute Ärztinnen, wenn sie denn dürfen…“.

Vielen Dank Lotte.

Angst, Freude, Wut, Sorge

Emotionaler Supergau… Ist man nun wütend? Einfach nur wütend? Ärgert man sich? Und warum? Vielleicht weil man sauer ist, weil man geärgert wurde, weil man unschuldig beschuldigt wird? Oder vielleicht zurecht beschuldigt wird? Oder ist man wütend, weil man sich sorgt? Weil etwas ungewiss ist? Oder sogar, weil einem die Angst im Nacken sitzt? Man etwas nicht aufhalten kann, das kommen wird… komme was wolle?

Mehr zu diesen Gedanken findet ihr in meinem Artikel „Angst“