Mütter sind gute Ärztinnen, wenn sie denn dürfen…

Liebes Lieschen,

vielen Dank für die Möglichkeit, auf deinem Blog zu schreiben. Hier erzähle ich dir eine Anekdote aus meinem Alltag.

Ich lebe seit ein paar Jahren auf dem Land. Es ist eine wunderschöne Gegend, ich rieche jeden Tag die herrlich frische Luft und für die Kinder ist es ideal zum Spielen. Kein Großstadtlärm, der Bauernhof ist gleich nebenan und im Ort gibt es alles, was man braucht. Es ist auch ein Ort der Vollzeitmütter (die Anderen) und Rabenmütter (ein paar andere Wenige und Ich). Den Brei für die Kleinsten gibt es immer frisch selbst gemacht aus dem Gemüse im Garten, das Essen steht fertig gekocht um 18 Uhr auf dem Tisch, wenn der Gatte heimkommt, und Sonntags ist pünktlich um 10 Uhr Kinderkirche. Putzfrauen sind hier ein Fremdwort, die Hemden des Ehemanns sind von den Ehefrauen gereinigt und gebügelt und die meisten Hosen und Mützen der Kinder sind selbst gehäkelt, gestrickt oder genäht. Nicht, dass ich das schlecht finde. Das ist toll. Aber manchmal komme ich mir nicht wie im 21. Jahrhundert vor. Die Gatten bestimmen das abendliche Fernsehprogramm, während die Mütter die Kinder ins Bett bringen. Die Frauen schweigen zu den großartigen Reden der Männer und stellen ihre Ansprüche in den Dienst von Küche, Kinder und Kirche.

Natürlich gibt es Freitagmittag keine Kinderbetreuung. Im öffentlichen Dienst wird um 12 Uhr der Stift weg gelegt. Bei der diesjährigen Sitzung im Kindergarten habe ich einmal vorsichtig angefragt, ob das nicht zu überdenken wäre. „Welche Mutter kann denn nicht Freitagmittag auf ihre Kinder aufpassen? Nein, nein. So etwas fangen wir besser gar nicht erst an.“ war die Antwort einer Mutter. Die Kindergartenleitung meinte nur, dass auf diese außerordentlichen Wünsche nicht eingegangen werden kann. Der Bedarf für eine Betreuung an einem Freitagmittag sei sicherlich nicht da. Also sitze ich heute, an einem Freitagmittag, auf dem Spielplatz neben den anderen Müttern. Eigentlich hätte ich heute Dienst. Den habe ich mit einem Gastarzt getauscht. Ärztemangel gibt es auch bei uns. Ich belausche die üblichen Gespräche über das Abendessen, die richtige Erziehung und das Getratsche über die Mütter, die nicht anwesend sind. Wir sind gerade am Gehen, als besagte Mutter vom Kindergarten, den Spielplatz betritt. Völlig aufgelöst erzählt sie vom heutigen Aufenthalt in der Notaufnahme. Ihre Tochter war gestürzt, man musste die Platzwunde nähen. Sie mussten ewig warten. Der anwesende Arzt hätte dann, weder ihr, noch ihrem Kind, erklärt, was er da tut. Die Tochter hätte die ganze Zeit geweint. Die deutsche Sprache hätte der Arzt nur gebrochen gesprochen. Sie wisse jetzt eigentlich gar nicht so genau, wie sie weiter mit der Wunde umgehen soll. Ich schaue mir die Wunde an und erkläre ihr und ihrem Kind, was mein Kollege da getan hat und was sie nun beachten müssen. Ich puste einen meiner Klinikhandschuhe, die ich immer dabei habe, auf, und male ein grinsendes Gesicht mit genähter Platzwunde darauf. Das Kind lacht und klettert auf die Rutsche. „Lotte, warum warst du denn nicht heute in der Notaufnahme? Das wäre echt gut für uns gewesen.“ Ich sage: „Heute ist Freitag. Mittags gibt es hier keine Kinderbetreuung, nicht wahr? Deshalb musste ich den Dienst mit dem Kollegen tauschen.“ Mütter sind gute Ärztinnen. Wenn sie denn dürfen.

Liebe Grüße,

deine Freundin Lotte (Ärztin und Mutter)

 

4 Antworten auf „Mütter sind gute Ärztinnen, wenn sie denn dürfen…“

  1. Hats denn dann wenigstens bei den anwesenden Müttern klick gemacht?
    (Ich wette mal, dass eher nicht…*seufz*)
    In diesen Gegenden geben die meisten Mütter das eigenständige Denken mit der Geburt offensichtlich auf…
    Und wenn Du jetzt die Frage in der Kita nochmal stellst – mit der Erinnerung an die Situation – wirds dann evtl was?
    ich drück Dir ganz fest die Daumen (selber arbeitende Mutter, Kind zum Glück inzwischen Ganztagsschule…)

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