Liebe Notaufnahmeschwester,

  1. Liebe Notaufnahmeschwester, nach fast 21 Jahren verlässt du deinen Posten in der Notaufnahme. Was hat dich ursprünglich veranlasst, in der Notaufnahme zu arbeiten?

Das Arbeitsgebiet hat mich sehr interessiert. Lange vor „Emergency Room“ und ähnlichen Formaten war die Sirene des Rettungsdienstes wie ein Weckruf für mich. Eine Kollegin sagte dann immer: „Höre – sie spielen unser Lied!“ Es war außerdem wahnsinnig „cool“. Ich wollte Spannung und Abenteuer nach Jahren der Routine in der Dialyse. Immer hautnah dabei sein, wenn es darum geht, Leben zu retten oder zu helfen, Schmerzen zu lindern. Dazu gab es dort Sachen zu lernen, die ich noch nicht kannte: gipsen, reponieren, reanimieren und dergleichen mehr. Das gab es auf einer Normalstation alles nicht.

Gleichzeitig ist die Wahl des Arbeitsplatzes auch möglicherweise eine Art Spiegelbild: Ich bin nicht darauf angewiesen, zu wissen, was als nächstes kommt. Ich kann gut mit Stress umgehen, bin flexibel und kann prima organisieren sowie meine Arbeit strukturieren. Dazu mag ich gerne pragmatische, schnelle und gute Lösungen.

  1. Wurden deine einstigen Erwartungen an die Arbeit in der Notaufnahme, erfüllt?

Oh ja. Zuhauf! So viel hätte es manchmal gar nicht sein müssen.

  1. Warum hast du gerne in der Notaufnahme gearbeitet?

Ich mag es, schnell helfen zu können. Ich mag es, dass ein gutes Profiling in der Krankenbeobachtung einen Großteil der Behandlung ausmacht oder in die richtige Richtung weist.

Ich mag die interdisziplinäre Zusammenarbeit – wenn sie funktioniert.

Ich mag es, keine Routine zu haben. Dazu kommt der ganze technischen Schnickschnack von Bohrmaschine bis zum Defibrillator, vom BGA Gerät bis zum Luer.

Und selbst wenn manches sehr anstrengend war (Patienten/Sachlagen/ Krankheitsbilder/Geschrei/Gerüche/Angehörige/Ärzte) wusstes du: Das hast du jetzt vielleicht für Stunden, aber nicht für Tage, Wochen, Monate oder Jahre.

Dazu kommt, dass die meisten Menschen, die hier arbeiten, eine ähnliches Komikerzentrum besitzen. Lustig, ironische und herzlich. Menschen, die zupacken können und nicht nur labern und jammern.

  1. Warum hast du die Arbeit in der Notaufnahme manchmal gehasst?

Aus genau den gleichen Gründen – wenn nichts davon geklappt hat.

Ich fand den Geräuschpegel enorm – Monitore, die alle unterschiedlich piepsen, viele Kollegen die quatschen, ständig bimmeln unzählige Telefone und Sprechanlagen – und in dieser Aufzählung ist noch nicht mal der Patient gemeint (stöhnend, delinquent, schreiend, fluchend/ pöbelnd) oder die Angehörigen dazu (siehe Patient).

(…bis ich kürzlich in einer Kinderarztpraxis saß – da flammte kurz Dankbarkeit für meinen gewohnten Arbeits-Lärmpegel auf).

Es hat mich sehr viele Nerven gekostet, „unfähige“ Ärzte um mich zu haben („Du, Notaufnahmeschwester, wo ist denn hier eine Steckdose?“) oder Kollegen, die nicht mitdenken – von denen ich Gott-sei-Dank nicht viele hatte.

Und ich hasste es, den Überblick zu verlieren, wenn viel los war. Nicht annährend zu wissen, was der Patient im Nebenzimmer hat, weil man mit seinem eigenen Patienten/ Kram so beschäftig war, hat mich innerlich räudig werden lassen.

  1. Warum hörst du gerade jetzt auf?

Es hat sich glücklich gefügt – also für mich. Serendipity.

Ich kenne kaum einen, der sich zwischendurch nicht überlegt, aus der Notaufnahme zu gehen – aus mannigfaltigen Gründen. Denn die Arbeit ist in jeder Hinsicht anstrengend. Die Frage ist nur: wohin dann? Das hält tatsächlich die meisten Kollegen in der Notaufnahme, weil es für sie keine denk- und lebbare Alternative gibt. Die wenigsten können sich jedoch vorstellen, dort bis zur Rente zu arbeiten. Eine Zwickmühle.

Als sich für mich ein neues (Arbeits-)Leben jenseits eines Krankenhauses bot, habe ich zugegriffen.

  1. Was hat sich geändert an der Arbeit in der Notaufnahme über diesen Zeitraum von fast 21 Jahren?

Vieles. Überall kann man von der Personalknappheit in Kliniken lesen. Auch von Schließungen kleiner Krankenhäuser im Umkreis. All das hat mit den Jahren zu einer immer großen werdenden Auslastung „meiner“ Notaufnahme geführt. Im Laufe der letzten 20 Jahre haben an die fünf kleiner Häuser geschlossen – deren Patienten kommen jetzt natürlich auch. Der Stellenschlüssel wurde zögerlich über die Jahre immer wieder angepasst – die Zahl der Patienten stieg und steigt immer mehr. Gleichwohl sind die Räumlichkeiten immer noch dieselben. Was dazu führt, dass die „Schlagzahl“ und Auslastung immer mehr steigt. Räume sind teilweise mehrfach belegt. Der neue Gesundheitsminister möchte gerne noch mehr Kliniken schließen und Notfallkompetenzzentren gründen – es ist eine Entwicklung, die ich mit großer Skepsis verfolge. Denn mit noch mehr Patienten nahm und nimmt die in den letzten Jahren immer wieder vermehrt auftretende Aggressivität von Patienten und Angehörigen deutlich zu. Mehr Patienten werden nicht dafür sorgen, eine überfüllte Klinik als Ort des Friedens und der Harmonie zu sehen.

Auch die eigentliche pflegerische Arbeit in der Notaufnahme hat sich über die Jahre verändert: Wir machen heute deutlich viel mehr am Patienten als früher: Da wurde bei einem internistischen Patienten ein EKG geschrieben und der Blutdruck gemessen. Fertig- und ab auf Station. Heute werden die komplette Vitalparamenter erhoben (Atemfrequenz ist so wichtig wegen der Abrechnung!), ein EKG sowieso, Blutabnahme, Kulturstatus bei Infekten (Katheter- Urin, Blutkulturen, Virenabstriche etc.). Es werden Untersuchungen gleich durchgeführt wie Röntgen, CTs, Spiegelungen und der gleichen mehr. Zusätzlich zur körperlichen, ärztlichen Untersuchung und natürlich eines ausführlichen Arztberichtes sowie Angaben für die Station.

Viele Untersuchungen gab es auch früher in dieser Form nicht. Jeder, der gestürzt ist und blutverdünnende Medikamente bekommt, liegt anschließend im CCT. Eine Lyse bei Hirninfarkten oder Herzkatheteruntersuchungen gab es ebenfalls nicht in dieser Form.

Dafür jede Menge „mechanische“ in der chirurgischen Versorgung – externe Fixationssysteme ohne Ende. Lagerungen nach Schenkelhalsfrakturen im Extensionsbett, Steinmann Nagelungen oder überhaupt Schraubenentfernungen. Das fand in der Notaufnahme – neben der Notfallversorgung statt. Heute werden manche der Behandlungen gar nicht mehr durchgeführt und kleinere OPs im „richtigen“ OP – allein schon aus Abrechnungsgründen – behandelt.

Über die Jahre hat sich nach immer mal die Medikamentenvorliebe geändert. Wie in der Mode verschwinden Medikament auf einmal und tauchen andere auf – um Jahre später wieder aus dem Hut gezaubert zu werden.

Ebenfalls die Aufteilung der Patienten hat sich immer mal wieder geändert. „Früher“ gab es neben den Notfällen auch noch die BG Sprechstunde für Arbeitsunfälle sowie elektiv einbestellte Patienten. Das wäre heute keinesfalls mehr machbar.

  1. Was würdest du dir für deine Kollegen und Kolleginnen in der Notaufnahme wünschen?

Zeit. Zeit. Zeit.

Dazu mehr Geld, freie Tage und ein ausgeglichenes, gutfunktionierendes Sozialleben – was im Schichtdienst keine Selbstverständlichkeit ist.

Auch, eine Wahl bei der Schicht – und Dienstplangestaltung zu haben. Mütter oder gar Alleinerziehende haben es schwer. Und wer nicht das Glück hat, eine pfiffige, wohlmeinende Leitung zu haben, hat es eben schwer. Das ein oder andere Talent in der Notaufnahme wurde so schon fast – wegen dieser Umstände – gezwungen, das Arbeitsglück woanders zu finden. Eine Leitung, die es schafft, Wünsche und Dienstpläne unter einen Hut zu bringen, ist Gold wert und beschert einem wiederum ein gutes Team, das gerne kommt und auch mal einspringt. Eigentlich ganz einfach – und scheinbar wahnsinnig schwierig umzusetzen.

Ich würde mir auch wünschen, dass vieles in einer Klinik „einfacher“ wäre. Springerdienste, Arbeitszeitwünsche, starre Urlaubspläne und vieles mehr sind wichtige Dinge für gutes Personal, das bleiben möchte. Einzelne Kliniken könnten viel mehr für ihr Personal reißen – wenn sie denn müssten oder auch wollten. Aber so lange „der Laden läuft“, sieht sich keiner in die Pflicht genommen. Und meistens können sich darauf verlassen, dass das Personal nur murrt. Denn das Murren verhallt bis zur gläsernen, schicken Geschäftsetage mit Mittelklassewagen auf dem kostenlosen Parkplatz.

Eine Klinik profitiert enorm davon, wenn sie den Wünschen der Arbeitnehmer ein wenig mehr Gehör schenken würde. Nun hört man immer wieder von Arbeitskreisen, die gebildet werden um der Frage nachzugehen, wie man Personal behält oder anwirbt. Da fällt mir nichts mehr dazu ein. Ein Gang über den Klinikflur, mit offenen Ohren, könnte so eine externe Beratungskraft, die für teuer Geld eingekauft wird, ersparen. Aber was weiß ich schon…

(P.S. Liebe Kliniken – ich mache es für die Hälfte vom Geld, fall ihr euch mit dem Gedanken tragen solltet. Kompetent, Zielorientiert. Freundlich. Erfolgreich.)

Derzeit ist eine Klinik im Umkreis „beliebt“, weil man dort, vor lauter Personalnotstand, vieles tut, um Wünsche der potenziellen Arbeitskräfte zu erfüllen. „17,2 Stunden Wochenarbeit? Kein Problem. Nur tagsüber? Das ist machbar. Hier – noch ein extra Zuschlag. Ein kostenloses Monatsticket und einen Lutscher. Herzlich willkommen.“

Ich würde mir auch wünschen, dass die Kollegen berufspolitischer werden. Gefährdungsanzeigen werden nicht geschrieben, weil „sie eh nichts bringen“. Ver.di, Pflegekammer – all diese Möglichkeiten, die die Pflege hätte und wo sie sich engagieren könnte, werden nicht oder kaum genutzt. Nur – vom Jammern hat sich noch nie was getan – oder vom Warten auf „die Politik“, die reagieren müsste.

Von daher würde ich auch meinen Kollegen wünschen, dass sie gut auf sich aufpassen. Das seelische Wohlbefinden eines selbst ist, gerade in diesem Helferberuf, unfassbar wichtig.

Und ich wünsche meinen Kollegen, dass sie nie „stehenbleiben“ sondern sich immer weiterentwickeln und neugierig belieben: Auf die Patienten, das was sie tun, Krankheitsbilder, Behandlungsmethoden. Kollegen.

  1. Was hat sich an den Krankenschwestern früher zu den Krankenschwestern heute verändert?

Ich habe in einer Zeit meine Ausbildung gemacht, als der Pflegenotstand noch kein Thema war – von daher war viel mehr Raum für das „Üben und Festigen“. Elementare Wichtigkeiten eines jeden Lernens. Das ist heute – in Zeiten von Personalknappheit – kaum noch möglich. Schüler müssen oftmals als „Ersatz- Kraft“ arbeiten. So gesehen war die Ausbildungen natürlich fundierter, weil es zum einen nicht die Fülle an Patienten gab und zum anderen auch die Krankenhaus-Verweilzeiten der Patienten viel länger waren.  Eine „Galle“ lag früher drei Wochen auf Station – heute sind es drei Tage. Viel Zeit also, um alles bestens studieren zu können.

  1. Was konkret müsste sich an den Arbeitsbedingungen ändern, um die Arbeit wieder attraktiver zu gestalten?

Attraktion geht immer über Geld. Von einem kollektiven Dankeschön kann ich beim Bäcker nicht mein Brot bezahlen oder meine Miete. „Nur etwas, das Geld kostet, ist etwas Wert!“, argumentierte einmal eine Dame von einer Katzenhilfe. Und sie hat Recht. In der Bevölkerung ist ein Pilot nun mal besser angesehen als eine Pflegeperson – und das liegt nicht daran, dass die so gut aussehen, sondern hat viel mit dem „Wert“ zu tun, den eine Gesellschaft bereit ist, zu zahlen.

Es braucht dringend eine weitere Professionalisierung der Pflege. „Ein bisschen Arschabwischen“ wird diesem hochspeziellen Berufsbild in keinster Weise gerecht. Die Idee, jeden Hinz und Kunz in die „Pflege“ zu stecken, weil Personal gebraucht wird, kann da nicht funktionieren. Es ist ein Schlag in das Gesicht derjenigen, die mit Professionalität pflegen  – und nicht nur mit „Herz“. Herz ist super. Aber in diesem Beruf reicht es bei weitem nicht.

Tatsächlich braucht es Wissen, Wissen, Wissen.

Andere Länder haben längst Studiengänge und dergleichen mehr – wir specken bald die Ausbildung mit der Generalistik ab. Ebenso gibt es derzeit keine Möglichkeiten, dass sich Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten monetär lohnen würden. Aufstiegschancen gibt es kaum. Das muss ich dringend ändern. Pflege gehört auch in die Forschung und an Universitäten.

Viele Alleinerziehende – und auch Kollegen, die selber – oder deren Partner – Probleme mit dem Schichtdienst haben, entschließen sich oft, familienkompatiblere Berufe zu ergreifen, um alles unter einen Hut zu bringen. Von einer Flexibilisierung sind wir in unserem Beruf noch weit entfernt. All diese Frauen (und Männer) gehen der Pflege verloren.

Die Geschichte mit dem Personal aus dem Ausland hatten wir schon – und es hat wenig funktioniert. Und wer mal in einem Landstrich mit starkem Dialekt gearbeitet hat, weiß, dass ein Sprachkurs da wenig nützen wird. Dazu kommt: wer noch alle Sinne beisammen hat, möchte denn in einem Gesundheitswesen, in wie Deutschland arbeiten, wenn er bessere Bedingungen im Nachbarland haben kann? Wir sind Schlusslicht in vielen Kategorien, von der Bezahlung bis hin zum Betreuungsschlüssel für Patienten.

8.000 Pflegekräfte sind da noch nicht mal ein Tropfen auf den heißen Stein – vor allem, wenn man den demographischen Wandel der Zukunft und das Abwanderern der Pflegekräfte derzeit beobachtet.

  1. Die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind schlecht. Warum wehren sich so wenige? Und vor allem, WIE sollten sich die Pflegekräfte wehren, dass sich etwas verändert?

Über all die Jahre habe ich dafür keine schlüssige Erklärung gefunden, warum sich so wenige wehren. Zum einen wird in der Pflege viel mit Angst gearbeitet (jeder kennt einen, der „strafversetzt“ wurde etc.) und zum anderen wird vieles schon im Keim erstickt. Eine PDL, die es schafft, dass sich ihr Personal nicht wehrt, hat aus Sicht eines Geschäftsführers viel richtig gemacht. Ein „Andere haben ganz ähnliche Probleme. Das ist eben jetzt so!“ lässt viel ermutigen und abstumpfen, wenn sie sich mal trauen, sich zu beschweren.

Berufspolitik ist für die meisten tatsächlich ein Fremdwort. (Ich habe mal vor einiger Zeit eine nichtrepräsentative Umfrage gestartet: Wer ist unsere Gesundheitsminister? Von sieben anwesenden Kollegen wusste es einer. Aber das war vor Jens Spahn. Den kennt mittlerweile jeder.)

Millionen von Kollegen sind von den belastenden Arbeitssituationen und immerwährenden Sparmaßnahmen betroffen – aber „die Pflege“ schafft es nicht, ihren Missmut zu bündeln. Sie schafft es noch nicht mal, in eine Gewerkschaft einzutreten. Sie hat offensichtlich den Glauben an ihre eigene Stimme verloren – oder noch nie gehabt. Im Internet toben Kämpfe, wer denn nun die beste Pflegekraft ist – die, die Professionalität stärken möchte oder die, die aus Berufung und mit Herz pflegt. Es ist grotesk mitunter. Es gibt genug, wo man sich – ohne großen Aufwand – beteiligen könnte.

Die Pflegekammer ist ein Schritt in die richtige Richtung – wird aber wiederum von vielen wegen der Beitragszahlung abgelehnt. („Zwangsabgaben“).

So lange sich die Pflegepersonen derart uneins sind, kann es offensichtlich noch nicht schlimm genug sein.

Es bedarf also erst einmal einer grundsätzlichen Einigung, wie, wo und warum man sich organisieren kann – bzw. das Wissen darum – bevor sich was ändert. Ich bin da mittlerweile ganz mitleidlos und glaube, es wird noch ein langer Weg.

  1. Wie haben sich die Patienten in diesen 21 Jahren in der Notaufnahme verändert?

Sie sind „viel mehr“ geworden, kränker, älter, nehmen mehr Drogen und haben vermehrt große psychische Probleme. Gleichzeitig geben sie gerne die Verantwortung für sich selbst ab, sobald sie eine Klinik betreten. Und sind oft völlig hilflos und überfordert, was ihren Körper betrifft.

  1. Wie haben sich die Ärzte in diesen 21 Jahren verändert?

Sie sind deutlich jünger geworden. Oder ich älter?

(Man muss natürlich auch sagen, dass mit meinen Jahren mein Wissen gestiegen ist und es als Arzt – gerade als Anfänger – bestimmt nicht einfach ist, mit einem „alten Besen“ der Notaufnahme zu arbeiten und sogar Widerworte zu bekommen.)

Fakt ist: Ein Dr. Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik (kennt das einer noch?) ist Schnee von gestern. Diese Eminenzen in Weiß sind ausgestorben – wohingegen hierarchische Strukturen gerne heute unter dem Deckmäntelchen der „Wir sind alle ein Team und haben uns lieb“ daherkommt.

Es gibt ganz großartige Anfänger und welche, die ich gerne als „ewige Medizinstudenten“ bezeichne. Es wäre schön, wenn es im Studium Vorlesungen zum Thema „Arbeitsorganisation“ gäbe. Denn viele können sich und ihren Arbeitsplatz – oder ihre Arbeit – nicht organisieren. Das ist mir in den letzten Jahren vermehrt begegnet.

Eine Fehlerkultur wir überall propagiert – sieht aber in Wahrheit so aus, dass alles und noch viel mehr gemacht wird, damit ja keiner auf die Idee kommen könnte, einen Mangel aufzudecken. Auch lese ich immer von Seminaren „Wie rede ich mit einem Patienten“. In der Praxis habe ich es selten erlebt, dass „ewige Medizinstudenten“ so mit den Patienten reden, dass sie verstanden werden.

Sie haben es nicht leicht – die Ärzte. Oft müssen sie Sachen durchziehen, hinter denen sie nicht stehen, aber einer Klinik Geld bringen. Der Kostendruck trägt nicht unbedingt dazu bei, das Beste in einem Arzt herauszuholen.

Trotzdem: Viele waren großartig. Manchen möchte ich lieber nicht begegnen.  Aber das ist ja mit vielem so im Leben – nicht wahr?

  1. Was bleibt dir am meisten in Erinnerung von deiner Arbeit in der Notaufnahme?

Viele der Erinnerungen habe ich in meinem Blog erzählt (notaufnameschwester.com). 300 weitere in meinem Herzen. Bleiben werden immer persönliche Begegnungen mit Patienten oder Kollegen.

  1. Wie konntest du deine Arbeit als Krankenschwester mit deinem Leben als Mutter und Ehefrau vereinen?

Wer sagt, dass das easypeasy ist, lügt.

Es gab unzählige Male, als eines der Kinder schon fast geweint hat, weil ich zum Nachtdienst ging. Es bricht einem fast das Herz.

Letztlich hatte ich Glück, dass immer eine der Leitungen (mein Mann arbeitet auch in der Klinik) versucht hat, Dienstpläne so zu gestalten, dass zumindest immer einer zuhause war. Wenn die Leitung allerdings selbst keine Kinder hat und nicht in den „Schuhen eines Elternteils“ laufen kann, wird es schwierig. Alles wird schwierig, wenn die Organisation nicht klappt.

Ich hatte auch Glück, dass ich ganz reizende Eltern habe, die vorbei kamen, um die Kinder zu hüten. Ich erinnere mich, wie meine Mutter mit dem Jüngsten dutzende Male vor der Notaufnahme stand, damit ich ihn stillen konnte. Das ist und war ein Geschenk.

Hingegen entlastet der Schichtdienst auch – bei aller Trauer über nicht besuchte Festivitäten der Kinder – weil man sich wiederum bei unliebsamen Geschichten mit einem „Sorry – Schichtdienst“ herausreden kann.

Man darf allerdings auch nicht unterschlagen, dass sich die Kinder – gerade in Nachtdienstzeiten, nicht nur die Augen ausgeweint haben. Sie hatten Grund zur Freude, weil es dann immer Kuschelstunde am Morgen und ein tolles Frühstück gab. Schließlich musste die Zeit zwischen Nachtdienst und Kindergarten/Schulzeit irgendwie verbracht werden, ohne direkt auf dem Sofa einzuschlafen. Also gab es „Frühstück Pompös“.

Einfach ist es dennoch nicht. Kein Kind der Welt versteht es, wenn man nach einer anstrengenden Schicht keine „Sprechstunde“ mehr hat, oder einfach zu kaputt für alles ist.

  1. Wie reagieren die Menschen darauf, wenn du erzählst, dass du Krankenschwester bist?

„Ich habe da sowas. Du bist doch Krankenschwester- schau doch mal!“

„Echt? Krass! Was war dein schrecklichstes/spektakulärstes Erlebnis?“

  1. Wie haben die Menschen auf deine Entscheidung zum Jobwechsel reagiert?

Viele sind und waren betroffen, weil sie scheinbar wirklich gerne mit mir zusammengearbeitet haben. Das ist ein schönes Gefühl, weil es einem zeigt, dass man doch das ein oder andere richtig gemacht hat. Gleichwohl haben sich meine Kollegen mit mir gefreut – und das ist auch ganz entzückend.

Die Gründe für einen Weggang aus der Pflege sind ja nun auch so, dass die meisten Menschen verstehen, warum man nicht bleiben möchte.

Manche haben von einer „Berufsflucht“ gesprochen. Ich denke da noch drüber nach. Für mich fühlt es sich nicht so an. Eher wie ein „Weitergehen“ im Leben.

  1. Warum bloggst du auf „notaufnahmeschwester.com“?

Vielleicht um mich zu erinnern. Um diesem Beruf eine Stimme zu geben – mit seinen Freuden und Schattenseiten. Und um etwas meinen Kindern zu hinterlassen.

  1. Bloggst du auch nach dem Jobwechsel weiter und über welche Themen?

Ich werde in die Seniorenarbeit wechseln. Und natürlich wäre es mein Wunsch, darüber zu bloggen. Zeitzeugenpodcasts, Rezeptbücher mit „Was uns Annoknips schmeckte“ oder überhaupt. An Ideen mangelt es mir nicht.