Interview mit einer Unfallchirurgin und Mutter von zwei Kindern

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit und wie viele Kinder haben Sie?

Ich habe zwei Kinder, 2 und 4 Jahre alt und arbeite Teilzeit in einer mittelgroßen Klinik in der Weiterbildung zur Unfallchirurgin und Orthopädin.

Wie organisieren Sie Ihren Alltag mit Beruf und Kind/er?

An meinen Arbeitstagen bringt mein Mann die Kinder in die Kita und ich fahre nachmittags unter Überschreitung sämtlicher Geschwindigkeitsbegrenzungen zur Kita um die Kinder abzuholen, nachdem ich von meinen Kollegen genervte Blicke bekommen habe, warum ich denn 45 Minuten nach offiziellem Feierabend schon gehen muss. An meinen freien Tagen erledige ich Hausarbeit, hole meine Kinder früher von der Kita ab und versuche, endlich für den Facharzt zu lernen oder meine OP-Berichte zu diktieren. 1x pro Woche kommt eine Putzfrau.

Wie haben Sie ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch einmal für eine Babypause entscheiden?

Ich habe zwei mal ein Jahr Elternzeit gehabt und fand die Elternzeit vor allem beim ersten Kind nicht leicht. Ich kam mir furchtbar fremdbestimmt vor und kam nicht damit klar, dass dieses kleine Wesen mir vorschreibt, wann ich schlafe, wann ich sitze, wann ich aufs Klo gehen kann und wann ich das Haus verlassen muss. Vor allem der Schlafmangel hat mir furchtbar zugesetzt. Beim zweiten Mal fiel es mir leichter, aber so richtig genießen konnte ich die Zeit zu Hause auch nicht. Ich hätte mir trotzdem nicht vorstellen können früher als nach einem Jahr wieder zu arbeiten. Dazu wäre ich aufgrund des Schlafmangels und des Stillens nicht in der Lage gewesen. Ich würde es wieder genau so machen.

Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

Ein großes Problem ist meiner Meinung nach die hohe Wochenarbeitszeit, die gefordert wird und die Tatsache, dass es normal ist, nicht pünktlich Feierabend zu machen. Bei noch weniger Wochenarbeitsstunden würde aber bei mir gar keine Facharztweiterbildung mehr stattfinden und für mehr Arbeitszeit hätte ich einfach keine Kraft. So bekommt man bei der Arbeit zu spüren, dass man ja „nie da“ ist und trotzdem hat man das Gefühl viel zu wenig für die Kinder da zu sein.

Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

Als Studentin fühlte ich mich noch zu jung für Kinder und wenn ich die Facharztprüfung erst abgewartet hätte? Wer weiß, ob alles nach Zeitplan gelaufen wäre? Und ob es dann in dem Alter auch sofort mit einer Schwangerschaft klappt? Für mich gab es da jedenfalls keinen besseren Zeitpunkt. Ich habe es nicht bereut, dass ich es so gemacht habe.

Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Es klappte erstaunlich gut. Es fühlte sich erstaunlich schnell wieder an, als wäre ich nie weg gewesen. Wenn nur der Schlafmangel und die Tatsache das die Kinder noch gestillt werden wollten nicht gewesen wäre. Die „Glucken-Mama“, die stillt noch! Aber Kinder haben nun einmal ihren eigenen Kopf. Mit Milchstau im OP stehen, ist jedenfalls nicht schön und sich immer wieder rechtfertigen müssen, dass man noch nicht nachts arbeiten kann, hat auch keinen Spaß gemacht. Dass man dafür Samstag und Sonntag fast immer da war, zählte leider nicht. Ich hätte mir da mehr Verständnis und einen sanfteren Wiedereinstieg gewünscht.

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise, nachdem Sie Mutter geworden sind, verändert?

Ich bin effizienter geworden, strukturiere meine Arbeit besser, weil ich schließlich pünktlich gehen muss. Außerdem fällt es mir leichter, Entscheidungen zu fällen. Ich bin vielleicht selbstbewusster und reifer geworden. Allerdings macht es mir zu schaffen, dass die jungen Kollegen an mir vorbeigezogen sind und mir fällt es schwerer, meinen Platz ganz unten in der Hierarchie zu akzeptieren.

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Es müsste einfach mehr Flexibilität und Verständnis da sein. Eltern müssen sich immer rechtfertigen, wenn sie pünktlich gehen müssen und wenn sie dann auch noch wegen eines kranken Kindes zu Hause bleiben, sind sie vollkommen unten durch. Was mir auch fehlt, ist die Akzeptanz, dass auch Männer Teilzeit arbeiten. Das trauen sich meiner Meinung nach viel zu wenige Väter.

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Ich habe mich auch ohne Kinder mit Vollzeitstelle nicht gleichberechtigt gefühlt. Die meisten männlichen Kollegen kommen deutlich häufiger zum operieren. Jetzt mit Teilzeitstelle ist es natürlich nicht besser geworden.

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

Bekommt Kinder! Kinder zu haben ist wunderbar! Aber ihr solltet bereits am Anfang der Facharztausbildung darüber nachdenken, auf welches Fach ihr euch da einlasst und ob diese Arbeit  mit einer Familie zu vereinbaren ist. Die Orthopädie und Unfallchirurgie kann ich da leider wirklich nicht empfehlen. Operieren werde ich wohl leider nicht mehr lernen dürfen und das war der Grund für mich, dieses Fach zu wählen.