Interview mit einer Unfallchirurgin und Mutter von zwei Kindern

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit und wie viele Kinder haben Sie?

Orthopädie und Unfallchiurgie, Klinik, aktuell bin ich in Elternzeit für 1 Jahr, 2 Kinder (2,5 Jahre und 6 Monate).

Wie organisieren Sie Ihren Alltag mit Beruf und Kind/er?

Kita, Monatsplan, Wochenplan, Tagesplan ;-). Wir haben das Glück, zur Not auch die Omas einspannen zu können.

Wie haben Sie ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch einmal für eine Babypause entscheiden?

Die erste Babypause war anstrengend, von 200% auf Vollzeitmama für ein Jahr. In der zweiten Babypause ist es schon einfacher, Fortbildungen und ein Plan für das Jahr vereinfachen mir die Phase ohne meinen Beruf. Zudem genieße ich die Zeit mit den Kindern sehr viel intensiver. Ich habe nun ein Netzwerk auch außerhalb der Klinik, das ich mir in der ersten Elternzeit erst aufbauen musste.

Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

Man muss sehr gut organisiert sein und man muss Abstriche machen. Ich kann nicht 100% Ärztin und 100% Mutter sein. Allerdings hat das Schichtsystem auch seine Vorteile, man kann seine Kinder auch unter der Woche tagsüber sehen, wenn man auf etwas Schlaf verzichten kann. Spätestens wenn es jedoch an die Ferienplanung geht, bedarf es planerischen Geschicks oder einer sehr guten Kita.

Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

Schlafverzicht fällt mir dazu ein. Aber es hat auch Vorteile eine junge Mutter zu sein. Außerdem ist es angenehm als Angestellte in Elternzeit zu gehen und man kennt seine weiteren Ziele sehr genau. Als Selbstständige oder in einer eigenen Praxis stelle ich mir die Überlegung Elternzeit sicherlich anders. Einfacher ist es da sicherlich nicht. Natürlich ist man als angestellte Fachärztin in einer sehr komfortablen Lage, aber nicht jeder möchte so lange warten.

Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Am Anfang emotional, chaotisch und krankheitslastig, jedoch sehr viel einfacher als gedacht.

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise, nachdem Sie Mutter geworden sind, verändert?

Ich bin noch organisierter und effizienter. Das Arbeitsende hat einen sehr viel höheren Stellenwert, da die Kinder in der Kita warten. Über viele Kleinigkeiten mache ich mir weniger Gedanken, dafür habe ich einfach keine Zeit. Nachdenken, entscheiden, handeln, fertig. Diese Arbeitsweise wird geschätzt und erleichtert einem das Leben. Weniger Ansprüche an meinen eigenen Leistungen habe ich deshalb übrigens nicht.

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Sicherlich sehr viel besser als früher. Die traditionelle Rollenverteilung besteht Gott sei Dank nicht mehr in diesem Ausmaß. Gerade finanziell ist durch das Elterngeld natürlich durch den Staat eine gute Unterstützung gegeben. Trotzdem würde ich mir mehr Unterstützung gerade unter den Frauen wünschen und flexiblere Arbeitszeitmodelle, sowie flexiblere Kindertagesstätten. Dass auch in einer unfallchirurgischen Klinik ein festes Arbeitsende eingeplant wird, Zeit für Familie insgesamt höher bewertet wird, wie es in vielen nordeuropäischen Ländern der Fall ist. Das gilt übrigens auch für Väter. Dass Väter in Teilzeit arbeiten oder mehr als 2 Monate aus dem Job aussteigen ist auch noch keine akzeptierte Realität. Auch bei den Führungskräften ist es noch nicht angekommen. Da heißt es bei vielen noch“ Mutter arbeitet 50%“ und „Warum braucht eigentlich ein Vater Elternzeit?“ Aber Umdenken brauch ja bekanntlich seine Zeit.

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Schwierig. Allein schon weil man eine Pause einlegt, die sehr viel länger ist als die häufig genommenen 2 Vätermonate, teilweise schwanger nicht jede Arbeit erledigen kann oder möchte. Dadurch fällt man oft vom Monitor der Oberärzte. Wenn man dann nur Teilzeit arbeitet, sowieso. Kommt sicherlich auch auf das Fachgebiet an und wie man sich innerhalb des Teams präsentiert. Oft liegt es aber sicherlich auch an uns Frauen selbst, da wir weniger einfordern, weniger aggressiv und dreist unsere Ziele verfolgen. Packen wir uns also selbst an der Nase und fordern wir mehr Gleichberechtigung im Alltag. Auch innerhalb der Partnerschaft. Warum soll eine Frau 50% und der Mann 100% arbeiten, wenn auch 75% und 75% möglich ist.

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

 Nicht alles ist planbar, lebt euer Leben und genießt es.