Interview mit einer Tierärztin und Mutter von sechs Kindern

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit und wie viele Kinder haben Sie?

Prakt. Tierärztin, Überweisungspraxis, Teilzeit, 6 Kinder

Wie organisieren Sie Ihren Alltag mit Beruf und Kind/er?

Als die Kinder klein waren, hatte ich einige negative Erlebnisse mit AuPairs, danach für ca. 2 Jahre eine tolle Tagesmutter für die Kleinsten.
Kindergarten ging hier auf dem Land nur von 8-12 Uhr, und dann auch nur 1 Kind pro Kindergarten mit mindestens 8 km zwischen den Kindergärten. D.h. ich hätte den ganzen Tag Taxi gespielt – also habe ich irgendwann aufgegeben.
Inzwischen sind alle in der Schule und ich habe morgens zwischen 8 und 12 außerhalb der Ferien kinderfrei. Ich arbeite am Patienten vormittags oder am Wochenende, am Schreibtisch abends und nachts, wenn Ruhe einkehrt.

Wie haben Sie ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch einmal für eine Babypause entscheiden?

Ich habe immer bis zum letzten Tag der Schwangerschaft und sofort nach der Geburt wieder gearbeitet. Meine Kids kennen alle Hundeplatz im Tragetuch und Praxis in der Schaukelwippe – das wird erstaunlicherweise von den Patientenbesitzern akzeptiert. Wenn die Kids so klein sind, ist das kein Problem – und ich hätte mich wohl gelangweilt, hätte ich nichts getan.
Problematisch sind andere Zeiten: Krabbeln und Laufen lernen,  vor und nach der Einschulung, vor und nach dem Wechsel auf die weiterführende Schule – da brauchen die Kinder ungeteilte Aufmerksamkeit.

Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

Entscheidend ist der Vater der Kinder – wenn der wirklich ernsthaft Verantwortung übernimmt (auch nachts, in den Ferien und wenn das Kind krank ist und er einen wichtigen Termin hat), kann das in Kombination mit familienfreundlichen Arbeitsmodellen und gleicher Bezahlung beider Geschlechter, sicher gelingen.

Solange Väter einem aber konsequent morgens ein unschuldiges „Ach, geschrien, so so – hab ich gar nicht gehört!“ entgegenlächeln, Elternzeit ablehnen oder auf die 2 Anstandsmonate begrenzen und auch sonst grundsätzlich die Mutter zuständig ist, ihre Termine zu verschieben, wenn etwas anders kommt als erwartet (und das tut es täglich!) – solange sind Ärztin und Mutter sein nicht wirklich zu vereinbaren – der Mensch bleibt dabei auf der Strecke und das schlechte Gewissen ist ein steter Wegbegleiter.

Das gilt übrigens auch solange, wie wir als Mütter unsere Kinder bewusst oder unbewusst in das alte Rollenschema hineinerziehen. Wir müssen die Mädels im Kopf stark machen! Ein Leitspruch, den ich meinen Mädels mitgebe: Ich kann auch nett – nützt aber nichts!
Jungen das Kochen und Mädels das Sägen beizubringen – das sind Selbstverständlichkeiten – notwendig, aber auf keinen Fall hinreichend!

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise, nachdem Sie Mutter geworden sind, verändert?

Ja, entscheidend. Ich arbeite noch viel strukturierter und organisierter, bin aber auch entspannter, geduldiger und nachsichtiger geworden. Habe gelernt, wieder und wieder und wieder den Finger in die Wunde zu legen, bis sich etwas tut. Und ich mag die Arbeit mit Kindern und jungen Menschen, weil ich mich im Umgang sicher fühle. Und ich schätze meine Arbeit als meinen Traumjob (Berufung ist doch etwas hochtrabend) viel mehr wert.

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Hier sind grundlegende Reformen notwendig. Querdenken und Neu machen sind gefragt – fragt doch mal die Mütter im Job, dann bekommt Ihr die richtigen Antworten – aber die will ja niemand wirklich hören (mein Standardspruch: aber ich bin ja nur eine blöde Mutter).

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Nun ja, in unserem Beruf gibt es ja bald keine Männer mehr…

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

Den, den ich auch meinen  Töchtern gebe: lasst es sein!