Interview mit einer Oberärztin und Mutter zweier Töchter

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit und wie viele Kinder haben Sie?

Internistin, Hämatologie/Onkologie; Zusatzbezeichnung Palliativmedizin; Oberärztin (habilitiert) Uniklinik, 70% (30 Wochenstunden), 2 Töchter (9 und 5 Jahre)

Wie organisieren Sie Ihren Alltag mit Beruf und Kind/ern?

Der Kern unserer Alltagsorganisation: kurze bzw. kürzeste Wege für alle (wir Eltern fahren beide mit dem Rad in die Klinik; auf diesem Weg liegen Kindergarten und Schule). Ich hole die Kinder gegen 15:15 ab, danach ist Zeit für den normalen Alltagswahnsinn (Hausaufgaben, Sport, Instrument üben, Termine, Einkäufe etcetcetcetc). Eine Oma kommt einmal/Woche inkl. Übernachtung und nimmt uns unglaublich viel ab (Einkäufe, Wäsche, kranke Kinder, falls nötig)

Wie haben Sie ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch einmal für eine Babypause entscheiden?

Ich habe 12 Monate und 8 Monate Elternzeit genommen. Gefühlt beides zu lang, ich ging auf dem Zahnfleisch wegen der fehlenden „Erwachsenenwelt“. Pause mit kleinem Baby zuhause ist aber für mich persönlich zwingend; die schlaflosen Nächte und die Um- und Einstellung auf ein (weiteres) Kind sind für mich  nicht mit dem Arbeitsalltag in Einklang zu bringen.

Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

Die üblichen Arbeitszeiten und die Arbeitsbelastung durch Dienste sind eigentlich nicht mit einem Familienleben zu vereinbaren. Bei uns an einem großen Haus hielt sich in meiner Weiterbildungszeit die Dienstbelastung (und die meines Mannes) in sehr engen Grenzen, deshalb habe ich/haben wir es ausgehalten. Wie das die KollegInnen in kleineren Häusern schaffen (gleiche Anzahl Wochentage auf weniger Köpfe verteilt): keine Ahnung. Für die Zeit meiner Ausbildung auf der Intensivstation (3-Schicht-System) hat mein Mann auf 75% reduziert und nachmittags das Kind (damals 2 Jahre alt) versorgt. Rückblickend eine harte Zeit, würde ich vermutlich nicht mehr schaffen (ist 7 Jahre her). 

Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

Für mich: ja, unbedingt. Ich hatte 48 Monate (von 72) vor der ersten Tochter abgeleistet, für die fehlenden 24 Monate (inkl. Intensivzeit) habe ich dann nochmals gute 3 Jahre benötigt. Fachärztin war ich mit knapp 35 (schwanger mit Tochter 2). Wir haben einen Altersunterschied von 4 Jahren zwischen den Mädchen. Ein kürzeres Intervall wäre vermutlich schwieriger geworden.So war ich bereits Funktionsoberärztin, als ich zum zweiten Mal in Elternzeit ging.

Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Sensationell! Wie gut es jeweils getan hat, wieder ein Leben neben dem Kinderalltag zu haben. Die Arbeitsbedingungen waren/sind für mich an unserem Hause nahezu optimal!

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise, nachdem Sie Mutter geworden sind, verändert?

Ich bin von Natur aus sehr strukturiert in meiner Arbeitsweise, denke und entscheide schnell. Dieses Effizienz-Feature hat sich durch meine limitierte Zeit am Arbeitsplatz nochmals aggraviert. Ich habe einfach nicht die Möglichkeit, Zeit hinten dran zu hängen um „nachzuarbeiten“. Deshalb muss alles immer schnell gehen. Sicherlich gelegentlich auch sehr nervig für meine Kollegen

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Ich habe einen unglaublich supportiven Chef. Unter den OÄ-Kollegen sind wir ein gutes Team, die meisten mit Kindern im vergleichbaren Alter. Gelegentlich fechte ich meine Position allerdings auch mal  härter durch. Bin konfliktfähig und konfliktbereit. Dann geht`s auch wieder.

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Hmm, die Frage der Frage. Formal ja, würde ich denken. Der Teilzeitschuh und weniger die Frage des Geschlechts (Rede ich mir ein) hemmt mich letztlich dann aber doch, eine richtige tragende Rolle zu bekommen, denke ich. 

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

1.) Bestmögliche logistische Voraussetzungen schaffen (Wohnort, Arbeitsort, Kinderbetreuung). Lange Wegezeiten sind schlecht („Totraumzeit“). Zentraler Wohnraum ist ggf teuer, m.E. lohnt er sich aber, wir haben dafür in den Anfangsjahren zB auf größere Urlaube oder größere Anschaffungen verzichtet.

2.) Enge Absprachen im Vorfeld mit dem Partner. Wer macht man was? BEIDE könnten zB reduzieren (das war mir 2011 einfach nicht klar genug, hatte keine Rollenvorbilder). Und ist die innerfamiliäre „Einteilung“ erst mal zementiert, wird es mühsam. Ich kämpfe immer noch dagegen an. (Nein, es ist nicht schicksalhaft, dass sich ausschließlich die Mutter um passende Kleidung, Geschenke, Vorsorgetermine etc für die Kinder kümmert [Stichwort Mental Load])

3.) 3. Person zur Entlastung beschaffen (wenn kein Großelter verfügbar, frühzeitig nach Babysitter/Kinderfrau umschauen), für 2 vollzeitnah erwerbstätige Eltern wird es vermutlich zu viel mit der Organisation

4.) Möglichst viel outsourcen (Putzhilfe, Haushaltshilfe, Gärtnerei), die Investition lohnt sich langfristig, auch für die Beziehung. Das meiste ist steuerlich absetzbar.

5.) Das eigene (berufliche) Ziel nicht aus den Augen verlieren, auch nicht in den mühsamen ersten Jahren. Nicht zu früh klein beigeben, bisschen beißen. Es wird wieder besser, ehrlich!!!