Interview mit einer Oberärztin und Mutter eines Kindes

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit und wie viele Kinder haben Sie?

Ich bin Oberärztin in der Unfallchirurgie an einem Haus der Schwerpunktversorgung. Zur Zeit arbeite ich 80%, d.h. ich habe einen freie Tag pro Woche. Bedingt durch unser Dienstmodell kommen noch weitere 2-3 freie Wochentage pro Monat dazu. Zusätzlich mache ich ca. 4-6 Hintergrund-Dienste pro Monat, mit durchschnittlich sehr hoher Dienstbelastung, so dass ich da meistens in der Klinik bin. Außerdem dazu kommen durchschnittlich 4 Notarzt-Dienste monatlich, wo ich ebenfalls nicht zu Hause sein kann. Ich habe ein 2-jähriges Kind.

Wie organisieren Sie Ihren Alltag mit Beruf und Kind/ern?

Mein Kind ist von Montag bis Freitag in einer Krippe mit luxuriös langen Öffnungszeiten. Mein Mann trägt die Hauptlast der Kinderbetreuung, er arbeitet Teilzeit (60 %) und hat außerdem einen Job, wo er nur ca. die Hälfte der Zeit präsent sein muss und den Rest der Arbeit im Home Office erledigen kann. Er kann sich einen großen Teil seiner Arbeit mehr oder weniger frei einteilen. Ich bringe mein Kind an 3 Tagen morgens auf dem Arbeitsweg in die Krippe, meistens holt es mein Mann dann am frühen Nachmittag ab. Er betreut es, bis ich Abends nach Hause komme, dann übernehme ich wieder.

Glücklicherweise ist unsere Krippe sehr flexibel, so dass wir unser Kind auch mal kurzfristig etwas später abholen können, wenn etwas dazwischen kommt. Die Hauptlast an übriger Haus- und Familienorganisations-Arbeit trage aber trotz meiner nahezu Vollzeitarbeit ich. Leider haben wir für Notfälle keine Großeltern oder sonstige Familie vor Ort.

Am meisten stört mich aktuell, dass ich überhaupt keine Zeit für mich selbst habe und meine Bedürfnisse komplett auf der Strecke bleibe – ich bin entweder in der Arbeit oder betreue mein Kind. Für Sport bleibt keine freie Minute. Ich stecke aktuell sehr stark zurück und versuche zusätzlich, meinem Mann alle möglichen Freiräume zu geben, damit ich nicht die „geifernde Alte“ bin und er mir gar irgendwann davon läuft. Diese Situation belastet mich aktuell aber extrem. Ich hoffe sehr, dass sich das in Zukunft ändert, wenn mein Kind selbstständiger und größer wird, so dass es dann auch hoffentlich wieder mehr Freiraum für meine Bedürfnisse gibt.

Wie haben Sie ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch einmal für eine Babypause entscheiden?

Ich hatte 1 Jahr Elternzeit nach der Geburt – mit teilweise gemischten Gefühlen. Am Anfang ist mir die Decke auf den Kopf gefallen; zum Schluss habe ich es sehr bereut, dass die Zeit so schnell verstrichen ist. Ich würde allerdings immer wieder ein Jahr Babypause machen, die Zeit geht so schnell vorbei!

Was mir sehr gut getan hat: ich habe ab 4 Monate nach der Geburt wieder einzelne Notarztschichten übernommen. Zum einen war ich dann präsent in der Abteilung, da ich an diesen Tagen natürlich in alle Besprechungen gegangen bin und Organisationsarbeit erledigt habe, das war sehr vorteilhaft, um den Kontakt zu den Kollegen und Vorgesetzten zu halten; zum anderen hatte ich einen guten Ausgleich, konnte ein bisschen Medizin machen und war „unter Erwachsenen“.

Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

Es ist extrem schwierig, auf dem Land eine gute und ausreichende Kinderbetreuung zu organisieren, insbesondere auch für Nachtdienste und ungeplante Überstunden. Arbeitgeber, Vorgesetzte und Kollegen haben wenig bis gar kein Verständnis, da beispielsweise in meiner Abteilung alle männlich sind und in klassischen Rollenmodellen leben – er arbeitet Vollzeit, sie ist entweder 100% Hausfrau oder arbeitet Teilzeit mit unter 10 Stunden pro Woche. Von meinem Arbeitgeber gibt es aktuell keinerlei Unterstützung, die leben da einfach noch hinter dem Mond.

Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

In einem chirurgischen Fach nur, wenn man danach in nahezu Vollzeit wieder einsteigt und ein Arbeitszeitmodell wählt, in dem man „normal lange“ Tage hat. Sonst dauert die Weiterbildung zu lange und man hat immer den Stempel „Teilzeit-Mutti, nicht flexibel, kann nicht für OPs eingeteilt werden“.

Grundsätzlich ist es für Frauen in einem chirurgischen Fach schon von vornherein auch ohne Familie extrem schwierig. Ich habe beispielsweise während meiner Ausbildung (in Vollzeit, ohne Kinder) ca. ein Drittel weniger operiert als männliche Kollegen im gleichen Ausbildungsstand und bin nie besonders gefördert, eher immer vergessen worden. Es wird einem als weiblicher Chirurgin grundsätzlich erst einmal weniger zugetraut und man wird bei kurzfristig eingeplanten Eingriffen einfach nicht angerufen. Man muss als Frau sowieso schon um jede OP kämpfen – und wenn dann noch eine gewisse Unflexibilität wegen Kindern dazu kommt, steht man schnell überhaupt nicht mehr auf dem OP-Plan und ist nur noch der Stations-Depp. Dazu kommt noch die lange operative Pause, in den meisten Fällen mind. 6 Monate OP-Verbot während der Schwangerschaft, da sich nahezu kein Arbeitgeber auf operieren in der Schwangerschaft einlässt, und danach nochmal 1 Jahr oder länger Elternzeit. Wenn man noch nicht so viel operative Routine hatte, ist man danach schnell mal wieder auf einem Stand einer Anfängerin.

Ich selbst bin als (frische) Oberärztin ungeplant schwanger geworden, zu einem Zeitpunkt wo ich noch nicht komplett „frei operiert“ war. Ich habe meine Schwangerschaft „offiziell“ erst einen Monat vor Beginn des Mutterschutzes gemeldet, so dass ich letztendlich bis fast zum Schluss operiert habe. Ich wollte unbedingt während der Schwangerschaft weiter operieren. Die paar Tage ohne OP vor Beginn des Mutterschutzes waren der absolute Horror für mich, ich bin nur noch herumgerannt im Konsil-Dienst oder hatte extrem stressige Sprechstunden-Tage, so dass ich schnell am Ende meiner Kräfte war und für die letzten Tage dann doch noch ein Beschäftigungsverbot vom Frauenarzt bekommen habe. Solange ich operieren durfte, war hingegen alles in Ordnung, ich hatte meine Ruhe, konnte am OP-Tisch meistens sitzen und der Tätigkeit nachgehen, die mir am meisten Spaß macht. Ich habe mich an den Vorgaben der BDC-Initiative „Operieren in der Schwangerschaft“ orientiert, hatte aber trotzdem ein schlechtes Gewissen, da ich natürlich auch während der Eingriffe weiter röntgen musste und nie hundertprozentig sicher sein konnte, dass ich mich nicht doch bei einem Patienten mit unbekannter Hepatitis-/HIV-Infektion verletze; glücklicherweise ist alles gut gegangen. Das war jedoch meine individuelle Lösung, das muss jede Frau für sich selbst entscheiden.

Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Wider Erwarten völlig problemlos. Eine Woche lang haben sich alle gefreut, dass ich wieder da war, danach war es wie immer, als wäre ich nie weg gewesen. Ein Vorteil bei meinem Wiedereinstieg war, dass mein Mann zu der Zeit noch in Elternzeit war und ich mit 100 % wieder eingestiegen bin. Ich habe ohne Rücksicht auf Verluste erstmal „geklotzt“ wie vor dem Kind, um allen zu beweisen, dass ich die alte bin und man mich ruhig wie früher in den OP einteilen kann. Ich habe dann erst im Verlauf ganz langsam Stück für Stück angefangen, ein paar Grenzen zu setzen, z.B. Reduktion auf 80%, nicht mehr jeden Dienst übernehmen, auch mal einen Auftrag ablehnen. So ist es gar nicht so sehr aufgefallen, dass ich nicht mehr immer und überall verfügbar bin.

Das erste Mal operieren nach der Elternzeit hat sich komisch angefühlt, ich fühlte mich unsicher und habe bei den ersten paar Eingriffen ein bisschen länger gebraucht, es ging mir nicht so leicht von der Hand wie vorher. Das war aber nur ein Gefühl und ging ganz schnell vorbei.

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise, nachdem Sie Mutter geworden sind, verändert?

Nicht sonderlich. Ich war schon immer ziemlich gut organisiert und es fällt mir leicht, eine chaotische Situation zu beherrschen – sei es im Schockraum oder daheim.

Ich bin jetzt allerdings viel verständnisvoller anderen Eltern gegenüber, die mit ihrem verletzten Kind in der Notaufnahme sitzen und beinahe durchdrehen. Ich kann die Sorgen und das vielleicht manchmal nervige Verhalten dieser Eltern jetzt nachvollziehen im Gegensatz zu früher.

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Es gibt immer noch Luft nach oben… viel Luft! Es ist trotz aller Fortschritte immer noch alles andere als selbstverständlich, dass man Chirurgin UND Mutter sein kann, ich ernte immer wieder erstaunte Blicke – glücklicherweise bislang kaum blöde Kommentare. Es muss sich noch so viel  ändern – es fängt bei genügend Kitas mit flexiblen Öffnungszeiten an und endet damit, dass man ohne genervte Blicke auch mal früher zum Laternenumzug des Kindes gehen darf. Glücklicherweise gibt es jedoch immer mehr junge Väter, die am Familienleben teilnehmen möchten, mehr als 2 Monate Elternzeit nehmen, Teilzeit arbeiten, so dass da gerade einiges im Umbruch ist. Wir Frauen werden vermutlich mehr von den familien-/freizeitorientierten Vätern profitieren, als dass wir selbst etwas ändern können, weil in den meisten chirurgischen Abteilungen die kritische Masse von 30% Frauen in Führungspositionen noch nicht erreicht ist.

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Leider nein. Es ist ein ständiger Kampf. Ich muss permanent darauf achten, dass ich genügend in den OP eingeteilt werde und nicht nur Sprechstunden-Tage habe; ich muss mich ständig anbiedern und einfordern, damit ich auch die interessanten, herausfordernden OPs bekomme. Ich muss grundsätzlich doppelt so gut sein wie meine männlichen Kollegen. Das hat sich leider auch nicht geändert, seit ich Oberärztin bin.

Ich möchte besonders für die Assistenzärztinnen ein Vorbild zu sein. Wir haben aktuell außer mir nur zwei weitere Frauen in der Abteilung. Ich habe noch sehr genau meine eigene Weiterbildung vor Augen und versuche, für die jüngeren Frauen ein gutes Beispiel zu geben. Also laut und klar sprechen, OPs einfordern, Grenzen setzen, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben. Außerdem versuche ich, die jüngeren Assistenzärztinnen möglichst viel operieren zu lassen; die männlichen Assistenzärzte bekommen ohnehin genug OPs ab. Ich will eine wirklich gute Mentorin sein.

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

Man braucht einen Partner, der bereit ist, deutlich zurückzustecken. Man sollte möglichst viele zeitraubende Tätigkeiten outsourcen, falls es finanziell irgendwie möglich ist (Wäsche, Garten, Putzen).Man sollte sich nicht von widrig erscheinenden Umständen abhalten lassen! Es gibt immer irgendwie einen Weg! Kinder sind wunderbar!