Interview mit einer Neurologin und Mutter von zwei Kindern

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit und wie viele Kinder haben Sie?

Neurologie, seit einem Jahr in einer neurologisch-neurochirurgischer Rehaklinik, zuvor in der Akutpsychiatrie. Habe maximal 80% gearbeitet. Das war aber zu viel, das ging an die Substanz, aktuell bin ich mit 60% ganz zufrieden. Ich mache aktuell offiziell zwei bis drei 24h Dienste. Da wir unterbesetzt sind, aber immer wieder 4-5/Monat, was insbesondere der Beziehung zum Mann nicht gut tut (und ich vermisse die Familie!).
ich habe zwei Kinder: 2 und 5 Jahre alt.

Wie organisieren Sie Ihren Alltag mit Beruf und Kind/er?

Arbeite 60%, damit ich die Kinder aus der Kita holen kann, der Mann bringt sie morgens hin. Dienste mache ich  vorzugsweise am Wochenende, damit man keinen Babysitter fürs Arbeiten Gehen bezahlen muss (was ja noch schöner wär). Habe eine Schwester, die ab und zu hilft, die Großeltern leben leider zu weit weg. Glücklicherweise kann der Mann, wenn es Not tut (ich beim Dienst einspringen muss, oder die Kita zu ist wegen Konzeptionstagen), auch mal Home Office machen.
Wir haben drei Babysitter, dennoch ist es meist nicht möglich, einmal die Woche ein paar Stunden als Paar zu bekommen, wie ich das eigentlich gern hätte – eher alle 2-3 Wochen…

Wie haben Sie ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch einmal für eine Babypause entscheiden?

Ich fand es wahnsinnig anstrengend. Meiner Einschätzung nach, ist Hausarbeit und Kinderbetreuung der härteste Job der Welt. Habe immer so schnell es ging, auch noch in Elternzeit, mind. einmal/Woche was anderes gemacht (Neurologieunterricht, ärztliche Versogung in der Erstaufnahmestelle von Flüchtlingen), sonst wäre ich durchgedreht.

Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

Der Tag hat nur 24 Stunden.
Seit ich Kinder habe, habe ich keine Nacht durch geschlafen (nicht so gut für die allgemeine Leistungsfähigkeit).
Um die Facharztprüfung zu machen, wäre das „Wiederauffrischen“ der Akutneurologie (aus der ich wegen Erziehungszeiten und Arbeiten in der Psychiatrie, mittlerweile seit sechs Jahren raus bin) eine gute Vorraussetzung.

Aber als Teilzeitmutti wollte mich keine Klinik anstellen. Ich habe es zwar nur bei zweien versucht, aber nach dem Hinweis, ich möge mir eine Kinderfrau besorgen, damit ich Vollzeit arbeiten kann, frustriert aufgegeben. (Ich erziehe meine Kinder lieber selbst!)
Aktuell kann ich um drei den Stift hinlegen ohne allzu schlechtes Gewissen. Das ging mir in der Akutpsychiatrie nicht so: dort hab ich meist von unterwegs oder zu Hause noch Übergaben machen müssen, damit ich die Kinder noch rechtzeitig aus der Kita abholen konnte, die um 17 Uhr zu ist. Ein ewiges Gerenne und Gezerre, auch auf der emotionalen Ebene: was vernachlässigst du lieber: die Patienten oder die Kinder?
Ach und ein Mann ist da auch noch?
Und was ist mit Freunden? Work-life-pub Balance? Und werde ich jemals wieder ein Auswärtsspiel meiner Mannschaft besuchen, ohne einen Familienurlaub drumrum planen zu müssen?

Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

Würde raten, erst die Prüfung hinter sich zu bringen. Aber das Leben lebt und ist manchmal nur bedingt planbar.

Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Zunächst sehr anstrengend, habe schnell den Babyspeck verloren und mehr, weil es sehr an die Substanz ging (s.o.)

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise, nachdem Sie Mutter geworden sind, verändert?

Ich habe gelernt, dass meine Ressourcen begrenzt sind: ich arbeite 60% und v.a. nicht mehr in der Akutmedizin (auch wenn die Frühreha Patienten schon spannend sind!). Da ich aber trotz zweier Babypausen schon knapp 10 Jahre Berufserfahrung habe, bin ich, denke ich, insgesamt effizienter und besser strukturiert, als vor den Kindern.

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Auf der gesellschaftlichen Ebene denke ich: wir sollten weniger Lohnarbeiten und mehr Zeit für Familie/Freunde/Kunst/Wissenschaft/whatever haben dürfen.
Ein Beispiel für „Unterstützung“ durch meine Chefärztin: sie bat mich, weniger „kindkrank“ zu sein und dass, wenn eins der Kinder krank ist, in Zukunft anders zu organisieren. Dabei ist es schon so, dass der Mann und ich uns bei der Versorgung brav abwechseln! Dass kein Babysitter der Welt ein krankes Kind versorgt, und man das auch, gerade wenn sie klein sind und die Gefahr von z.B. Dehydrierung um so größer ist, eher ungern aus der Hand gibt, konnte sie sich zunächst gar nicht vorstellen!
Andererseits gibt es an meiner Klinik 5 Tage, an denen das „kindkrank“ voll bezahlt wird, statt der 60% vom Lohn, die man sonst von der Kasse bekommt, das hab ich bisherig noch in keiner anderen Klinik erlebt.
Das meiste an „Unterstützung“ ist ja gesetzlich geregelt: z.b. dass man in Ferienzeiten, wenn die Kita zu hat, Urlaub bekommt.
Mit Kollegen, die auch Teilzeit arbeiten, gibt es keine Probleme, man vertritt sich gegenseitig. Die in Vollzeit arbeitenden Kollegen fühlen sich am Nachmittag gelegentlich etwas einsam, (kenne diese Perspektive übrigens auch!), aber meist entwickelt sich dennoch ein Verständnis für einander.

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Nein, weil ich Erziehungszeiten hatte und Teilzeit arbeite, kann ich gar nicht die selben Chancen haben, wie Kollegen, bei denen das nicht so war/ist.
Ich bin gleichberechtigt mit allen, die ähnliche Bedingungen haben: neben der Arbeit noch den Großteil der Reproduktionsarbeit leisten, nachts nicht durchschlafen und insgesamt recht fremdbestimmt sind  („Maamaa!!!!“, zu Hause allein aufs Klo? Eher selten!),
Alle, bei denen das nicht so ist, sind priviligiert!

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

Wie gesagt, erst Fachärztin, dann Kinder. Aber ich kenne genug Kolleginnen, die auch mit Kindern Fachärtzinnen geworden sind, die haben aber alle funktionierende Großeltern und/oder eine Nanny (eine auch einen reichen Mann der Privatier ist und den Haushalt schmeißt!) sprich: man braucht viel und regelmäßige Unterstützung.