Interview mit einer Neurologin und Mutter einer Tochter

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit und wie viele Kinder haben Sie?

Neurologie, aktuell arbeite ich für ein Jahr in der Psychiatrie im Rahmen der Facharzt – Weiterbildung. Ich arbeite 100% und habe eine Tochter im Alter von 16 Monaten.

Wie organisieren Sie Ihren Alltag mit Beruf und Kind/er?

Mein Mann holt und bringt unsere Tochter in die Kita, da er etwas flexiblere Arbeitszeiten hat, im Haushalt teilen wir uns gerecht auf. Für Unternehmungen zu zweit haben wir Babysitter.

Wie haben Sie ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch einmal für eine Babypause entscheiden?

Ich habe mir natürlich alles relaxter vorgestellt, zuerst war mir alles zu viel. Nach ein paar Monaten war mir das „nur Mama sein“ zu wenig. Ich habe viel Kontakt zu meinen alten Kollegen, es hat mich aber immer traurig und nervös gemacht von ihrem beruflichen Alltag zu hören, ich konnte nicht mitreden, hatte das Gefühl, hoffnungslos hinterher zu hinken und etwas zu verpassen. Ich war von schweren Insuffizienz -Gefühlen geplagt. Gleichzeitig habe ich es auch genossen, keinen Dienststress mehr zu haben und die Entwicklung meiner Tochter zu erleben. Im Laufe des Jahres habe ich sehr nette Mamas kennengelernt, was ich vorher nicht gedacht hätte und dann viel es mir schwer, wieder mit dem arbeiten zu beginnen. Diese innere Zerrissenheit ist auch jetzt noch sehr anstrengend. Ich würde wieder eine Babypause machen, nächstes Mal allerdings kürzer, da mein Mann auch gern mal länger zu Hause bleiben möchte.

Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

Für mich ist es genau richtig gewesen, ich möchte mehrere Kinder, länger warten wäre für mich nicht in Frage gekommen, ich möchte keine “ alte“ Mutter sein. Schade finde ich, dass viele meiner Kolleginnen die Weiterbildung so hoch hängen, das macht mich zur Außenseiterin in meiner Abteilung. Meiner Meinung nach, ist Facharzt sein, nicht alles im Leben.

Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Ich war etwas von schlechtem Gewissen geplagt, habe oft, auch von älteren Kollegen gehört: Was? Vollzeit mit so einem kleinen Kind? Das wäre mir nicht in die Tüte gekommen, so wichtig sind doch die ersten drei Jahre! Schnell habe ich aber bemerkt, dass sich meine Tochter sehr wohlfühlt in der Kita und profitiert. Meine Zeit mit ihr genieße ich ganz bewusst, bin selten genervt, das war vorher anders. Bei der Arbeit hab ich mich etwas schwer getan, habe doch ein paar Sachen vergessen, aber es lag auch viel daran, dass Psychiatrie nicht mein Lieblingsfach ist.

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise, nachdem Sie Mutter geworden sind, verändert?

In der Psychiatrie ist das Arbeiten sehr viel langsamer als in der Neurologie, daher bin ich flink und effizient. Ich komme meist pünktlich raus und erledige alles gewissenhaft. Einmal zu Hause, denke ich nicht mehr so viel über die Arbeit nach, wie früher.

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Mein Chef ist ein Workaholic, er vergisst oft, dass ich auch andere Dinge als Medizin im Kopf habe.  Im Großen und Ganzen ist man verständnisvoll (am meisten Verständnis haben interessanterweise die Patienten und die Pflege). Kollegen, auch Frauen, äußern sich oft abfällig, vor allem über Teilzeit Arbeitende. Man wird oft nicht für voll genommen, von vielen „Oberarzt-radaren“ ist man verschwunden („Jetzt bring ich dir was bei und dann gehst du doch ohnehin zwei Jahre in Elternzeit“). Gleichzeitig wird man schief angeschaut, wenn man das Kind Vollzeit in die Kita gibt. Es bedarf immer noch eines großen Umdenkens, vor allem in der Führungsebene, denn in Zukunft wird es viele arbeitende Mütter geben.

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Solange man selbst engagiert ist und signalisiert, dass man dranbleiben und lernen will, bekommt man seine Chancen. Eigeninitiative ist gefragt. Männer werden oft selbstverständlich gefördert, da sie ein kleineres Risiko haben, auszufallen.

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

 Bekommt Kinder, die sind was Wunderbares! Mit 65 freut man sich, eine Familie zu haben! Arbeiten ist nicht alles! Man kann eine gute Ärztin sein, auch wenn man gleichzeitig Mama ist!