Interview mit der „kindundkittel“ @KindundKittel on twitter

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit und wie viele Kinder haben Sie?

Innere Medizin, Kardiologie, Teilzeit, 3 Kinder.

Wie organisieren Sie Ihren Alltag mit Beruf und Kind/ern?

Wir haben ein Aupair seit dem dritten Kind. Davor bin ich nach den ersten zwei Schwangerschaften zu meinem Chef gegangen und habe ihm Konzepte vorgestellt, wie ich mich neu und anders einbringen kann, als es in so einem Klinikalltag eigentlich vorgesehen ist. Für diese Konzepte gab es weder eine Stelle, noch das Budget. Er hat sich aber auf den Versuch eingelassen, dass dieses Konzept die Stelle refinanziert. Es war für uns beide eine win-win Situation, bei der ich aus allen Diensten raus war.

Wie haben Sie ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch einmal für eine Babypause entscheiden?

Ich bin sehr gerne nach der Babypause zurückgekehrt. Jedesmal! Die Pause war auch toll, aber irgendwann reicht es einem selber nicht mehr.

Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

Medizin ist schnelllebig. Eineinhalb Jahre zu Hause bleiben und sich gar nicht mehr damit beschäftigen, fällt einem leider auf die Füße. Man muss also in der Lage sein, am Ball zu bleiben. Das ist, gerade in der ersten Babyphase, fast unmöglich. Da ist man froh, wenn man mal ungestört duschen kann und trägt eher Funktionskleidung, von der man Breireste schnell abschütteln kann. Hat man wieder begonnen, braucht man einen flexiblen Partner. Der Kindergarten schließt fix zu bestimmen Zeiten. Da ist das Verständnis schnell aufgebraucht, wenn kurz vor Feierabend ein dringendes Gespräch mit Angehörigen geführt werden musste oder es wieder mal einen Notfall gab. Hat man keinen Plan B wie z.Bsp. Großeltern, Aupair oder Babysitter muss man über Konsequenzen nachdenken. Unzufriedenheit bei den Kindern, Kollegen, Arbeitgebern, Patienten und einem selber, geht dauerhaft nicht gut. Man muss ehrlich zu sich selber sein. Egal wie gut man ist und wie sehr man will, manchmal bleibt ein Kreis einfach ein Kreis.

Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

Ich habe es bei Kolleginnen gesehen und ihren täglichen Kampf erlebt. Ich bin froh, meinen Facharzt vorher bereits gehabt zu haben. Andererseits habe ich Freunde, die im Studium ihre Kinder bekommen haben und das war irgendwie auch schwer. Ich denke, man sollte nicht nach einem richtigen Zeitpunkt suchen.

Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Unbefriedigend. Man vergisst so schnell. Ich habe mich wie ein Student gefühlt. Auf der anderen Seite haben mich plötzlich viele Dinge einfach nicht mehr aufgeregt. Stattdessen freut man sich, den Kaffee auch mal warm trinken zu können, was zu Hause unmöglich wäre und mit Erwachsenen zu sprechen.

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise, nachdem Sie Mutter geworden sind, verändert?

Ja, ruhiger und geerdeter.

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Mein Chef versucht schon allen gerecht zu werden und hat mich sehr protegiert. Aber auch er kann nicht gegen ein System, dass keinen Raum für Neues bietet. Medizin wird weiblicher. Lauter schwangere Ärztinnen und Mütter machen dann auch den besten Chef leider irgendwann handlungsunfähig.

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Nein. Nie gehabt. Junge Männer werden bereits in den Anfängen gefördert. Frauen nur, wenn sie vehement auftreten. Dann allerdings empfindet man sie sofort als unangenehm.

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

Man sollte eine Familie gründen, wenn es für einen richtig ist und nicht, wenn es der Ausbildungsplan vorsieht. Den richtigen Zeitpunkt gibt es nie und gerade das Schichtsystem in einer Klinik ist das beste Verhütungsmittel, dass es gibt und irgendwann ist es dann auch einfach zu spät.

Nicht zu viel gleichzeitig zu wollen und sich auf dem Weg zu verlieren, rate ich ihnen. Stattdessen innehalten und hinnehmen, dass z.Bsp. kleine Kinder nun mal mehr Aufmerksamkeit brauchen. Das ist eine schöne Zeit, die kommt nie wieder. Die Ausbildung läuft nicht weg, ist nur nach hinten geschoben.

Wenn man sich für die Karriere aufopfert, zu Lasten der Kinder, wird man hinterher feststellen, dass man auch ohne sie, nicht mehr Chancen gehabt hätte. Medizin wird zwar weiblicher, aber primär an der Basis und nicht in Leitungspositionen. Tappt nicht in die Fleißiges-Lieschen-Falle. Denkt nicht ständig darüber nach, wie euer Leben und eure Entscheidung auf andere wirken. Seid mutig, zeigt was ihr alles könnt und was ihr alles schafft. Erkennt dass, wenn ihr authentisch hinter euren Entscheidungen steht, andere euch auch so wahrnehmen werden.