Interview mit einer Gefäßchirurgin und Mutter eines Sohnes

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit und wie viele Kinder haben Sie?

Gefäßchirurgie, Klinik, 80%, 1 Kind

Wie organisieren Sie Ihren Alltag mit Beruf und Kind/er?

Mein Mann arbeitet 50%, holt und bringt Kind in die Kita an 3 Tagen. Ein Tag bin ich zu Hause, ein Tag mein Mann.

Wie haben Sie ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch einmal für eine Babypause entscheiden?

Nach 8 Monaten fehlte mir die Arbeit und ich war unzufrieden. Meinem Kind hat das Jahr Elternzeit sehr gut getan. Babypause ja, aber vllt. nach 6-8 Monaten Wechsel mit dem Partner.

Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

Die Schwangerschaft und später Teilzeit-Arbeit verlängert die Weiterbildungszeit erheblich. Die Dienste, auch an den Wochenenden, beschneiden die gemeinsame Familienzeit spürbar.

Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

Rational gesehen nicht. Manchmal beneide ich meine Kollegin, die als Fachärztin nur 50% arbeitet und mehr Zeit für ihr Kind hat. Und keinen Weiterbildungskatalog im Nacken. Aber unsere Entscheidung der Familiengründung war emotional und auch im Nachhinein eine sehr gute Entscheidung.

Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Überwiegend positiv. Ich habe, auch aus Angst davor als Mutter nur auf der Station eingesetzt zu werden, von Anfang an klar gestellt, dass ich da weiter mache, wo ich aufgehört habe. Zudem habe ich auf Grund von Personalwechsel “Luft nach oben“ und frage auch mal nach meiner OP-Einteilung/Zuweisung.

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise, nachdem Sie Mutter geworden sind, verändert?

Ich bin, chirurgisch gesehen, konsequenter und selbstbewusster. Aber anfangs hatte ich mehr Probleme, emotionale Distanz aufzubauen. Vllt. “kümmere“ ich mich als Mutter mehr um die Patienten.

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Vor allem die Unterstützung für Väter fehlt soooo dringend. Wenn Väter nicht nur ihre “obligatorischen“ 2 Elternzeit Monate nehmen würden, sondern häufiger mit Kind auch eine reduzierte Arbeitszeit einfordern würden (wie wir Mütter ja fast immer! machen) hätten wir Frauen keine so deutlichen Nachteile in Bezug auf Entgelt und Ausbildungszeit. Mein Arbeitgeber unterstützt mich bisher, allerdings arbeite ich ja auch 4 volle Tage inklusive Dienste wie meine 100% Kollegen. Würde ich nur 60% arbeiten, würde mein “Ansehen“ und die Unterstützung meiner Weiterbildung sicher anders ausfallen. Diese Befürchtung ist auch einer der Hauptgründe, weshalb ich aktuell 80% arbeite…Unterstützung erhalte ich vor allem durch meinen Mann, dem die Kinderbetreuung deutlich wichtiger ist als seine Karriere.

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Nein. Die Schwangerschaft wirft einen zeitlich gar nicht so sehr zurück. Außerdem ist sie etwas Unglaubliches und Wundervolles. Dass die Kinderbetreuung überwiegend über eine Reduktion der Arbeitszeit seitens der Mutter möglich wird und Ärzte (m) mit Kindern fast ausschließlich 100% arbeiten, das führt zu ungleichen Chancen. Optimal, aktuell noch utopisch und hoffentlich irgendwann mal denkbar, wäre natürlich eine Kinderbetreuung über Kita und Elternteile zu gleichem Anteil (wenn gewünscht) ohne bei der Arbeit diskriminiert zu werden.

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

Familienplanung kommt aus dem Bauch heraus und sollte, trotz aller Hürden, die man als Elternteil und Ärztin nehmen muss, unabhängig von der Weiterbildungszeit getroffen werden. Liebe bringt Kinder hervor – keine rationell gesehen günstigen Umstände.