Interview mit einer FÄ für Orthopädie und Unfallchirurgie und Mutter einer Tochter

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit und wie viele Kinder haben Sie?

Ich bin Fachärztin für Unfallchirurgie und Orthopädie, habe eine 18 Monate alte Tochter und arbeite 50% in einer Klinik.

Wie organisieren Sie Ihren Alltag mit Beruf und Kind/er?

Ich arbeite volle Tage, durchschnittlich 20h/Woche und zusätzlich ein Bereitschaftswochenende im Monat. An meinen Arbeitstagen muss entweder mein Mann kürzer arbeiten (der hat einen flexiblen Bürojob) oder meine Schwiegermutter unsere Tochter aus der Kita abholen und betreuen bis einer von uns nach Hause kommt. Bisher funktioniert das ganz gut.

An meinen Arbeitstagen muss die Kinderbetreuung komplett unabhängig von mir funktionieren, denn dank reichlich Überstunden bin ich meistens von 6-20Uhr ausser Haus, sehe meine Tochter dann also nicht.

Ich habe also auch meist 2 freie Tage in der Woche, an denen ich dann den ganzen Haushaltskram erledige etc., da bleibt manchmal tagelang viel liegen.

Insgesamt bin ich nun zufriedener als in meinem alten Job in den ich nach 1 Jahr wieder eingestiegen bin, ebenfalls in einer großen Klinik – allerdings mit 4 vollen Tagen. Da habe ich meine Tochter dann tagelang nicht gesehen und war permanent gestresst.

Eine Teilzeitstelle in einer Maximalversorgerklinik mit nur wenigen Stunden am Tag funktioniert meiner Meinung nach im Klinikalltag nicht, es sei denn man ist rein konservativ tätig.

Wie haben Sie ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch einmal für eine Babypause entscheiden?

Ich hatte am Ende der Schwangerschaft aufgrund einiger Komplikationen bereits eine 3 monatige Zwangspause zu Hause, in der mir sehr die Decke auf den Kopf gefallen ist und ich oft an meiner Entscheidung, ein Kind zu bekommen, gezweifelt habe. Diese Zweifel sind jedoch mit der Geburt meiner Tochter komplett verschwunden. Ich habe die Elternzeit total genossen und wäre gern noch länger zu Hause geblieben.

Ich bin jedoch der Hauptverdiener bei uns, das Gehalt meines Mannes reicht nicht für uns 3 daher war klar, dass nach 12 Monaten Schluss ist.

Im Nachhinein bereue ich lediglich, die Facharztprüfung nicht bereits in der Schwangerschaft abgelegt zu haben, denn das Lernen dafür in der Zeit bis meine Tochter 6 Monate alt war, war doch etwas stressig.

Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

Eigentlich keine, denn theoretisch ist es ja problemlos möglich. Aber es gibt doch so viele Hindernisse.

Bereits die Schwangerschaft in der Unfallchirurgie war eine Herausforderung.

Der direkte Vergleich findet in meinem Fach hauptsächlich mit Männern statt, die andere Voraussetzungen haben.

Die meisten älteren Vorgesetzten haben antiquierte Ansichten über Mütter und viele Kollegen Vollzeit-Muttis als Ehefrauen zu Hause.

Ich sehe dies aber insgesamt eher als ein „Frauen in der Unfallchirurgie-Thema“ als ein „Mutter in der Klinik“ Thema.

Mit meinem Teilzeitmodell bin ich sehr zufrieden, ich möchte im Moment nicht mehr Zeit in der Klinik verbringen und habe auch nicht das Gefühl dort etwas zu verpassen.

Natürlich beneide ich trotzdem Freundinnen in Bürojobs, die dann 2 Tage die Woche Homeoffice machen und dadurch volles Gehalt beziehen und außerdem pünktlich nach Hause gehen können, weil es keine Notfälle gibt.

Wenn man will hat man jedoch natürlich auch in unserem Beruf die Möglichkeit durch Praxistätigkeit oder Honorararzttätigkeit oder Gutachten, Arbeit in einer Rehaklinik oder ähnliches deutlich weniger Stress zu haben, bei besserem Gehalt und besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Für mich stand jedoch immer fest, in einer großen Klinik vor allem operativ tätig zu sein.

Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

Ich habe mit der Planung der Schwangerschaft bewusst gewartet bis ich alle meine Pflicht-Rotationen für die Weiterbildungszeit zusammen hatte, da ich glaube dass man diese anschließend in Teilzeit nicht so gut zusammen bekommt.

Dass es dann noch so lange gedauert hat mit dem schwanger werden bis ich meine 6 Jahre zusammen hatte war allerdings Zufall (und wurde mir von meinem ehemaligen Chef als Berechnung unterstellt).

Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Da mein alter Chef seit der Bekanntgabe meiner Schwangerschaft nicht mehr mit mir redete, war mir klar, dass ich mir einen neuen Job suchen muss. Glücklicherweise wurde einer meiner Oberärzte woanders Chef und nahm mich mit. Ich musste allerdings meine Kündigungsfrist im alten Job noch in 75% abarbeiten und habe dann nach 3 Monaten Wiedereinstieg die Stelle gewechselt. Insgesamt fiel mir der Wiedereinstieg leichter als gedacht, es war nicht anders als z.B. nach 1 Jahr Orthopädie-Rotation.

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise, nachdem Sie Mutter geworden sind, verändert?

Eigentlich kaum. Ich war schon immer strukturiert und zügig. Ich bin jetzt aber wohl noch ungeduldiger und habe noch weniger Verständnis für überflüssige Arbeitsabläufe. Allerdings genieße ich die Wege von und zur Arbeit auf dem Fahrrad oder im Auto viel mehr!

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Ich habe in meiner momentanen Situation sehr viel Glück, habe es jedoch bei meinem alten Arbeitgeber auch anders erlebt und schon von vielen schlechten Beispielen gehört.

Und ich habe selbst auch schon mit Müttern zusammen gearbeitet mit denen es überhaupt nicht geklappt hat. Die waren schon morgens gestresst, dann den ganzen Tag gehetzt und wenn sie gingen blieb alles liegen und andere mussten dann Überstunden machen. Dazu noch viele Fehlzeiten.

Mir war klar, so möchte ich niemals sein und ich bin froh, dass mein Mann morgens immer die Kleine in die Kita bringt und auch erster telefonischer Ansprechpartner für die Kita ist damit ich mich bei der Arbeit auf die Arbeit konzentrieren kann.

An meinen freien Tagen bin ich dann dafür Vollzeit-Mama.

Es sollte selbstverständlich sein, dass eine Mutter zum Wiedereinstieg die genauen Einsatzzeiten mit ihrem Chef absprechen kann, leider findet so etwas viel zu selten statt, oder Chefs wollen vorgeben, wie die Teilzeit auszusehen hat.

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Natürlich nicht! Das fängt bei den Patienten an („Schwester, wann kommt der Arzt?“) und geht sogar im OP weiter, wenn mir der OP-Pfleger den Hammer aus der Hand nehmen will, weil er glaubt er sei stärker. Das ist jedoch ein eigenes Thema „Frauen in der Unfallchirurgie“.

Aber bisher habe ich mich emanzipiert-charmant durch diesen Männerzirkus gewurschtelt und werde das auch weiter genau so machen.  Wichtig ist für mich, meine Weiblichkeit nicht zu verleugnen um mich anzupassen.

Und die Erfahrung Mutter zu werden habe ich all meinen Kollegen voraus.

Ich hoffe dass sich beim Thema „Operieren in der Schwangerschaft“ noch etwas tut, denn das sind ein paar Monate Zeit, die einem am Ende fehlen und dafür sorgen dass man als Chirurgin deutlich länger „raus“ ist als die reine Elternzeit als in anderen Berufen. In meiner alten Klinik war es leider nicht gewünscht.

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

Macht es einfach.  Egal wann. Wann Ihr es eben wollt.

Die Entscheidung für oder gegen ein Kind ist so groß und verändert ohnehin so viel in Eurem Leben, sie sollte nicht auch noch von Eurem Beruf abhängig gemacht werden.