Interview mit einer Fachärztin für Viszeralchirurgie und Mutter von 2 Kindern

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit und wie viele Kinder haben Sie?

Ich arbeite seit jetzt 5 Jahren in einem kleinen Regelversorger, so war der Plan… seit 3 Jahren sind wir in einer privaten Kette und die Spezialisierungen greifen um sich, Fälle werden komplexer, wäre das Umfeld ebenfalls mitgewachsen, reicht es an Maximalversorger bzw Lehrkrankenhaus. Spreche da aus 10 Jahren Erfahrung. Ich arbeite von Anfang an in Vollzeit und habe zwei Kinder, 12 und 8. Darum herum habe ich meine Fachärzte Allgemein- und danach Viszeralchirurgie gemacht. Seit 3 Jahren bin ich mehr oder weniger freiwillig OÄ.

Wie organisieren Sie Ihren Alltag mit Beruf und Kind/ern?

Gar nicht. Mein Mann sagt immer: „Okay, mach ruhig. Ich plane dich sowieso nicht ein!“ Natürlich habe ich meine Dienstplan-Wünsche für Geburtstage, Turniere, Schulfeste etc. Nur planen andere ihre Termine nicht so rechtzeitig, wie ich es gerne hätte, um z.B. Elternstammtische mitzumachen. Gerade am Anfang ärgerlich, wenn man andere Eltern kennenlernen möchte. Wenn diese Phase aber rum ist und man eigentlich keine Lust mehr darauf hat, ist ein Dienst auch eine schöne Ausrede, um nicht von der Couch zu müssen. Könnte ja jederzeit die Klinik anrufen…

Mein Mann arbeitet Teilzeit. Erziehung und Organisation unseres Alltags war von Anfang an geplant seins. Ohne definierte Aufteilung oder Regelung ist das m.E. auch nicht realisierbar. Und uns war von Anfang an klar, dass kein Fremder, der selbst noch nicht richtig erwachsen ist, unsere Kinder hauptamtlich erziehen soll. Nicht dass ich falsch verstanden werde. Beide Kinder waren ab 2, also wenn sie selbst „Ja“ und „Nein“ sagen konnten, in der Kita bis mittags. Da wir in einem kleineren Ort leben, war das Angebot an Plätzen aber nicht überragend. Nachmittags gab es sowieso keine kommunale Unterbringungsmöglichkeit. Meine Freundin hatte ihren Kleinen mit 9 Monaten für 8h in der Kita. Ging nicht anders, aber in einer Großstadt hatte sie mehr Glück mit den Auswahlmöglichkeiten und Erzieherinnen, und ihr Sohn ist auch wunderbar geraten.

Wie haben Sie ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch einmal für eine Babypause entscheiden?

Für mich war Elternzeit die beste Entscheidung überhaupt. Nach dem ersten Kind wollte ich natürlich nur kurz aussetzen, um ja keine Lücken im Lebenslauf, respektive Weiterbildungszeit zu haben. Also bin ich nach 6 Monaten, nach brutal kurzem Abstillen, wieder voll eingestiegen. Auch in einer neuen Klinik. Nach dem zweiten Kind habe ich eine für mich so blödsinnige Entscheidung nicht mehr getroffen. Den ersten FA hatte ich gerade hochschwanger in der Tasche und mir dann ein Jahr gegönnt. Und ich habe wirklich mir fast jeden Tag gewünscht, es auch beim ersten so gemacht zu haben.

Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

Als Chirurgin: Große. Das liegt aber sicherlich auch an meiner Vita als doppeltes Lehrerkind. Je nach Arbeitsplatzgestaltung oder auch Fachrichtung lässt sich aber einiges planen. Wenn ich z.B. meine Sprechstundentage habe, kann ich mit einem pünktlichen Feierabend rechnen. An OP- oder Diensttagen natürlich nicht.

Der o.g. Klinikwechsel beinhaltete auch einen Ortswechsel für meine Familie, nämlich back to the roots für mich und meinen Mann in die Nähe zu Eltern und Schwiegereltern. Unser Kind sollte nämlich auch mit gutem oder engem Kontakt zu den Großeltern aufwachsen dürfen, so wie ich es durfte. Mein Mann leider nicht. Und es ist durchaus praktisch, wenn es einen regelmäßigen „Oma und Opa-Tag“ gibt. Oder die Schule anruft, dass das Kind wegen Bauchweh, und dann war es doch nur wieder weggedrückter Stuhlgang, abgeholt werden soll.

Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

Ich finde schon, da durch Mutterschutz und Elternzeit WB-Verträge automatisch verlängert werden. „Damals“ war das vielleicht wichtiger. Aber auch erst ab Mitte 30 das erste zu bekommen und dann mit vierzig das nächste, könnte ich mir nicht vorstellen, das zu schaffen. Eine ehemalige Kollegin von mir hatte das so gemacht und war regelmäßig fix und alle, wenn nach Kinderfieber-Nacht die Routine und womöglich auch Dienst anstand. Mit 30, glaube ich, kann man das einfach besser wegstecken.

Inzwischen ist ja auch eine Debatte über den Sinn des Mutterschutzes entstanden. Ich würde gerne meine persönliche Meinung teilen: Meine Auszeit im OP war für mich sozusagen die Gegenleistung dafür, keine Nachtdienste mehr machen zu müssen. Briefe schreiben habe ich mit Blut abnehmen, Zugänge legen etc. gleichgesetzt. Und letztlich ist man ja nicht mehr für sich allein verantwortlich. An dem Tag als ich meine erste Schwangerschaft bekannt gab, war ich eigentlich für das NEF geplant. Die Kollegin hatte an dem Tag dann einen Unfall. Ein anderes KFZ war genau dort reingekracht, wo ich hätte sitzen sollen…

Retrospektiv haben die Aussetzer der WB, diese bei mir nur unwesentlich verlängert. Andere fitte, männliche Kollegen mit Klinikwechsel hatten dadurch bedingt genau die gleiche Zeit benötigt. WBZ ist letztlich auch nicht viel anders als Studien- oder Schulzeit. Nach ein paar Jahren interessiert so eine „Ehrenrunde“ niemanden mehr, höchstens das eigene Ego.

Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Da ich nach dem ersten Kind die Klinik wechselte, war das schon aufregend. Es spielte aber keine Rolle, dass ich aus der Elternzeit kam. Ich musste sofort mitschwimmen. Nach dem zweiten, noch in der gleichen Klinik, war der Wiedereinstig so, als ob ich nur mal kurz im Urlaub war. Nur dass ich als Fachärztin ins operative Geschäft wieder einstieg und dann auch gleich selbstverantwortlich einige Sachen machen musste, die ich sonst nur unter Aufsicht gemacht habe.

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise, nachdem Sie Mutter geworden sind, verändert?

Ich habe die Zeit im Mutterschutz in der Klinik zu schätzen gelernt. Denn die meisten Patienten haben sich unheimlich gefreut, dass mal jemand Zeit hat, sich auf die Bettkante zu setzen. Ich habe aber auch bemerkt, dass mich persönliche Schicksale viel mehr mitnehmen, gerade wenn es sich um junge Patienten im St IV handelt. Dies führte auch zu einem Wechsel vom Maximalversorger in einen Regelversorger.

Meine Arbeitsweise hat sich sonst nicht wesentlich verändert, ich bin noch genauso effizient wie früher. Und wenn ich weiß, dass meine Tochter mich in der Klinik anruft, um mir zu sagen, dass sie Königin Maxima gesehen hat, lasse ich auch schon mal in den Op durchstellen. Menschlichkeit und Zulassen, dass Persönliches von einem selbst durchkommt, macht authentischer. Ich weiß, was ich kann und machen will und muss mich nicht verstellen.

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Schwere Frage. Kann ich schlecht beantworten. Meine Arbeitgeber haben selbstverständlich meine „tarifgebundenen Pflichten“ vorausgesetzt. Meine Kinder waren glücklicherweise selten krank, und wenn, dann hat mein Mann freigenommen, so dass für meinen Arbeitgeber keine Beeinträchtigungen entstanden.

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Nächste schwere Frage. Leider herrscht das Schubladendenken oftmals noch immer. Anfangs hatte ich Angst, in eine Studienbutze gesteckt zu werden. Das war auch ein Grund, die erste Klinik zu wechseln. Mein nächster Chef meinte dann fünf Jahre später, dass er nichts in Aussicht hätte, wenn ich OÄ werden wolle. Ich glaube aber eher, dass ich seinem gewünschten Präsentismus nicht nachgekommen bin, war das eigentliche Problem. Präsentismus stand für mich aber auch ohne Kinder nie zur Debatte.

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

Unbedingt machen, wenn man will. Man lernt ein unheimliches Verantwortungsbewusstsein kennen. Die äußeren Umstände sollten gut geplant werden, und wenn man beim Partner nicht so viel Glück oder berufliche Flexibilität hat, sollte frau sich auf Abstriche gefasst machen. Aber das ist vermutlich in jeder Branche gleich.