Interview mit einer Chirurgin und Mutter von zwei Kindern

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit und wie viele Kinder haben Sie?

Assistenzärztin in der Chirurgie, Klinik, Vollzeit, 2 Kleinkinder.

Wie organisieren Sie Ihren Alltag mit Beruf und Kind/er?

Eine Kita und ein sehr flexibler, weil noch studierender Ehemann. Familie haben wir leider nicht in sinnvoller Umgebung.

Wie haben Sie ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch einmal für eine Babypause entscheiden?

Ich hatte Beschäftigungsverbot schon in der Schwangerschaft und empfand das schwangere Herumsitzen natürlich als sehr nervig. Die Babypause von einem Jahr war genau richtig.

Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

Hauptsächlich die konservativen Denkmuster der Vorgesetzten. Mütter (Frauen insgesamt) arbeiten meist effektiver. Die männlichen Kollegen sind entweder Überflieger, Faulpelze oder Chaoten…dass jemand einfach nur seine Arbeit erledigt, findet man häufiger bei Frauen. Die männlichen Kollegen ziehen aber mehr Aufmerksamkeit auf sich. Wenn dann ein männlicher Kollege mal Elternzeit oder Teilzeit nehmen möchte, wird auf ihn eingeredet. Frauen werden unberechtigt von vornherein „abgeschrieben“.

Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

Das ist eine persönliche Entscheidung. Es gibt auch Vorteile beim Kinderkriegen im Studium. (Höhere Flexibilität, jüngeres Alter der Eltern). Wenn ich auf den Facharztabschluss gewartet, hätte ich vielleicht schon Probleme mit der Fruchtbarkeit gehabt. Andererseits hat man als frische Fachärztin keine Probleme mehr mit der Anrechnung von Teilzeit auf die WB-Zeit.

Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Nicht schlecht. Ich hätte mir ein klein wenig mehr Kulanz vom Dienstplaner gewünscht. Er hat mir ohne Not sehr viele Spätdienste gegeben, so dass mein Mann viele Nachmittage mit den Kindern allein war. Davon abgesehen war es in Ordnung. Die Krippen-Eingewöhnung hatten wir noch in meine Elternzeit gelegt und uns dafür viel Zeit genommen.

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise, nachdem Sie Mutter geworden sind, verändert?

Ich bin effektiver, schneller und etwas genauer geworden. Früher habe ich auch mal, wenn es sich ergeben hat, eine Stunde mit Kollegen gequatscht und damit Arbeit in den Feierabend verlagert. Das mache ich heute nicht mehr, zu Dienstschluss muss alles erledigt sein und mögliche „schlechte“ Patienten dem Diensthabenden übergeben. Wenn ich selber Bereitschaftsdienst habe und gerade nichts anliegt, nutze ich die Gelegenheit, doch mal länger mit anderen (Kollegen anderer Fachrichtungen, Schwestern) zu reden. im Grunde haben alle die gleichen Probleme mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und jeder wurschtelt sich so durch.
Was sich bei mir sehr stark verändert hat: ich bin sehr viel mutiger geworden. Wenn es um Grundsätzliches (Patientensicherheit, Diskriminierung) geht, sind mir Autoritäten egal. Da habe ich mich auch schon ordentlich mit den Vorgesetzten angelegt, was ich mich früher nicht getraut hätte. Ich weiß jetzt einfach, dass es das Wichtigste ist, dass es meiner Familie gut geht. Hierarchien sind NICHT wichtig. Und ich habe, obwohl ich quasi Alleinverdienerin bin, keine Angst, den Job zu verlieren. Die einzige Angst, die ich habe, ist die, dass meine Kinder krank werden könnten. Alles andere lässt sich schon irgendwie regeln. Ich bin wohl zu einer „Löwin“ geworden.

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Eher schlecht. Gerade vor der „Betreuungslücke“ in den Nachmittagsstunden in der Grundschule grault es mir.

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Formell habe ich die gleichen Chancen. Ich bin, was die spätere Karriere angeht, wohl auch etwas vom Radar des Chefarztes verschwunden. Das ist aber nicht so schlimm. Momentan bin ich ja noch in der Weiterbildung. Würde ich objektiv diskriminiert werden, würde ich auch dagegen angehen.

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

Es gibt sowieso keinen optimalen Zeitpunkt. Das was passen muss, ist die Absprache mit dem Partner. Man sollte sich vorher klar sein, wer wie lang zurücksteckt und einen Kompromiss finden, der für beide tragbar ist. Außerdem sollte man sich für den Fall, dass ein Kind einen erhöhten Betreuungsaufwand mit sich bringt, eine „Notlösung“, überlegen. Dann ist der Zeitpunkt des Kinderbekommend zweitrangig.