Interview mit einer Anästhesistin und Mutter von zwei Kindern

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit und wie viele Kinder haben Sie?

Anästhesie, Klinik, 60%, Zwillinge.

Wie organisieren Sie Ihren Alltag mit Beruf und Kind/ern?

Da mein Mann in der gleichen Abteilung arbeitet, war für mich Voraussetzung für den Wiedereinstieg, dass mein Mann und ich außerhalb der KiTa-Zeiten (18-6 Uhr und am Wochenende) nicht gleichzeitig arbeiten können. Bisher funktioniert das ganz gut. Wenn es doch mal eng wird, haben wir (zum Glück) meine Eltern im Hintergrund, die auch die Kinder mal bringen oder abholen können. Dies ist aber eigentlich nur in Notfällen nötig. Auch „leisten“ wir uns 1x pro Woche eine Putzfrau, denn das würde ich neben arbeiten und Kinder wirklich nicht noch machen können bzw. wollen.

Wie haben Sie ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch einmal für eine Babypause entscheiden?

Meine Auszeit von der Klinik habe ich doch irgendwie genossen. In der ersten Zeit konnte ich mich von dem stressigen Berufsalltag erholen. Allerdings war meine Schwangerschaft auch nicht gerade einfach, weshalb die Erholungsphase doch sehr schnell zu Ende war. Seit der Geburt der Zwillinge war hier natürlich Halligalli. Ich bin oft an meine Grenzen gebracht worden und darüber hinaus. Ich habe ganz neue Seiten an mir kennengelernt. Obwohl ich früher ein sehr ruhiger Mensch war, bin ich dank chronischem Schlafmangel viel schneller genervt und gereizt (Mein Mann hatte es nicht leicht…). Trotzdem würde ich mich nochmal für eine Babypause entscheiden.
Jetzt sind meine Kinder mit knapp 2 Jahren in die KiTa. Erstaunlich für mich war, wie schwer es mir doch gefallen ist, die beiden abzugeben. Aber es war der richtige Schritt. Sowohl für die Jungs und ihre Entwicklung, als auch für mich persönlich und für uns als Familie.

Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

 

Man muss Prioritäten setzen. Jeder muss sich die Frage stellen: Was ist für mich persönlich wichtig? Das muss jeder für sich entscheiden. Meine Priorität liegt klar bei der Familie, aber ich hatte auch nie Ambitionen, Oberarzt oder Chef zu werden. Wenn man will, kann man alles miteinander vereinbaren. Heutzutage müssen die Chefs, jedenfalls im medizinischen Bereich, wenn sie gute und motivierte Ärzte haben, die sie halten wollen, eben auch ein bisschen flexibel sein.

Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

Für mich war immer klar: erst Facharzt, dann Kinder! Denn wie gesagt, mit Kindern verändert sich alles. Ich bin froh, wenn meine Kinder abends schlafen und ich nicht direkt auf der Couch einschlafe. Da hätte ich keine Zeit oder die Nerven, für die Facharztprüfung zu lernen. Aber auch das geht anders: eine Kollegin hat gerade vor einem Jahr ihr zweites Kind bekommen und arbeitet jetzt wieder 80%, um den Facharzt zu machen. Dafür ist der Mann daheim.

Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Bei meinem Wiedereinstieg bin ich von allen so herzlich begrüßt worden, dass ich echt gerührt war. Plötzlich habe ich wieder positives Feedback für meine Leistung erhalten und das hat mir enorm gut getan. Erst da habe ich gemerkt, dass ich die Arbeit doch etwas vermisst hatte. In den knapp 3 Jahren, die ich aus dem Beruf draußen war, ist natürlich Einiges vergessen worden, aber es kommt auch so schnell wieder zurück!

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise, nachdem Sie Mutter geworden sind, verändert?

Meine Prioritäten haben sich verschoben. Wollte ich vor den Kindern noch immer in der dicksten Action dabei sein, stört es mich jetzt nicht, wenn mein Bereitschaftsdienst ruhig ist. Natürlich versorge ich lieber einen Polytraumatisierten als den 90jährigen Gefäßpatienten bei der 15. OP, und natürlich liebe ich weiterhin die Herausforderung die eine große OP an mich als Anästhesisten stellt. Aber ich sehe vieles lockerer. Dinge, die mich früher maßlos genervt haben, stören mich jetzt nicht mehr. Es ist nur Arbeit. Irgendwann ist immer Feierabend. Dann gehe ich nach Hause, zu meinen 3 Männern. Das ist wichtig!

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Unterstützung für arbeitende Eltern gibt es aus der Gesellschaft zu wenig. KiTa-Plätze gibt es viel zu wenig oder in zu geringem Umfang. Bei uns war es zum Beispiel so: wir haben Anfang 2017 nach Plätzen gesucht, weil wir doch der Meinung waren, es würde allen Beteiligten gut tun. Überall wo ich angerufen habe, wurde ich fast ausgelacht. KiTa-Plätze? „ Im Septmber 2018 vielleicht…. Warum haben Sie sich nicht während Ihrer Schwangerschaft schon gemeldet?“ In unserem Ort hätte es in der KiTa tatsächlich Plätze gegeben: von 7.30 – 14.30 Uhr. Da kann ich leider nix mit anfangen, wenn meine Arbeitszeit um 7.40 beginnt und um 16.10 endet… Laut Amt könne man das ja mit einer Tagesmutter überbrücken. Super, noch mehr fremde Leute zu denen ich meine Kinder bringen soll…

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Die Unterstützung der Kollegen ist eigentlich gut. Wir sind ein kleiner Ableger einer größeren Klinik in der Nähe, bei uns geht es eher familiär zu. Da unterstützt man sich gegenseitig. Meinen männlichen Kollegen gegenüber fühle ich mich schon gleichberechtigt. Das liegt aber wahrscheinlich auch daran, dass ich bisher immer 100% gearbeitet habe und natürlich Facharzt bin. So hätte ich auch die gleichen Chancen, wenn ich sie denn wollen würde.

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

Ratschläge zu geben ist immer schwer. Ich finde es besser, erst den Facharzt zu machen und dann die Kinder zu bekommen, aber dafür bin ich jetzt auch schon 37. Wichtig bei der Planung ist man selber und seine Familie. Da muss man manchmal doch etwas egoistisch sein und die eigenen Belange vor die der Abteilung stellen.