Interview mit einer Anästhesistin und Mutter einer Tochter

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit und wie viele Kinder haben Sie?

Ich bin Anästhesistin im 5. WBJ. Ich arbeite in der Klinik und habe eine Tochter (18 Monate alt).
Aktuell arbeite ich 80%. Als meine Tochter sieben Monate alt war habe ich für ein halbes Jahr 100% gearbeitet und mein Mann blieb zuhause.

Wie organisieren Sie Ihren Alltag mit Beruf und Kind/er?

Meine Tochter geht von 7-15 Uhr in die Kita (bessere Betreuungszeiten gibt es hier leider nicht). Mein Mann arbeitet 50% und meine Eltern helfen mit. Ohne sie würde es gar nicht funktionieren, da sowohl mein Mann als auch ich im Schichtdienst arbeiten und kein klassisches Teilzeitmodell (früher gehen) möglich ist.

Wie haben Sie ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch einmal für eine Babypause entscheiden?

Ich habe mich leider zuhause nicht wohlgefühlt, hatte eine postpartale Depression und war froh, nach sieben Monaten wieder arbeiten gehen zu können.
Trotzdem würde ich eher neun Monate zuhause bleiben, sollte ein zweites Kind kommen. Ich habe meine Tochter elf Monate lang gestillt, und stillend arbeiten inklusive keine Nachtdienste und Abpumpen bei der Arbeit war sehr anstrengend (und nicht gern gesehen seitens des Arbeitgebers, trotz Mutterschutzgesetz etc.).

Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

Es gibt zu wenig Betreuungskonzepte, die Arbeitszeiten jenseits von 8-16 Uhr abdecken, weshalb immer faule Kompromisse nötig sind oder die Großeltern (wenn man den welche hat) viel mit anpacken müssen.

Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

Aus meiner Sicht: Nein. Ich hätte die zwei Jahre bis zum Facharzt noch warten sollen. In Fächern, die keine Intensivzeit in Schichtdienst benötigen oder generell „teilzeitfreundlicher“ sind (Praxis etc.), mag das anders sein. In der Anästhesie kann ich den Weg, den ich gegangen bin, nicht weiter empfehlen.

Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Ohne die Intervention zweier sehr engagierter Oberärztinnen würde ich noch immer auf meine wichtigen fehlenden Rotationen zum Facharzt warten. Seitens der hauptsächlich männlichen Führungsebene ist wenig Verständnis für Probleme mit der Kinderbetreuung da, und Kollegen in Vollzeit werden bevorzugt.

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise, nachdem Sie Mutter geworden sind, verändert?

Nicht relevant. Ich macht meine Arbeit weiterhin gerne, die Bereitschaft, sinnlose Überstunden zu machen, ist allerdings geringer geworden, weil die Zeit mit meiner Tochter ohnehin so kurz ist.

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Wenig bis gar nicht vorhanden. Auf dem Arbeitsmarkt ist man als Mutter (oder Vater, der fürs Kind zurücksteckt) stigmatisiert. Allein der Ärztemangel kaschiert das momentan noch.

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Nein. Man muss als Frau ohnehin besser sein als Männer, um die gleichen Chancen zu bekommen. Als Mutter ist das noch mehr der Fall.
Dadurch unterhält sich das althergebrachte System sehr effektiv selbst: Mütter sind meist (zu Recht) nicht willens, ihre kostbare Zeit mit den Kindern lieber der Arbeit zu opfern, und dadurch werden sie nicht als relevante Arbeitskraft wahrgenommen. Damit sind auch die Chancen schlechter.

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

 Es gibt keinen universell richtigen Zeitpunkt. Wer Kinder will, wird welche bekommen. Man sollte nur vorher überlegen, was die Familie leisten kann und will bezüglich Rollenverteilung und Kinderbetreuung.