Interview mit einer Allgemeinärztin und Mutter eines Sohnes

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit und wie viele Kinder haben Sie?

Ich bin seit Juni 2018 Fachärztin für Allgemeinmedizin und bin in einem relativ großen MVZ angestellt – wir haben an meinem Standort diverse Fachärzte und (mich eingeschlossen) 2 Fachärzte für Allgemeinmedizin. Ich habe vor der Geburt unseres Sohnes Vollzeit gearbeitet (damals 40 h + Dienste im Klinikum – noch als Assistenzärztin) und bin wieder in den Beruf gestartet, als unser Sohn 7 Monate alt war. Bis zu seinem 1. Geburtstag bin ich 30 h/ Woche arbeiten gegangen, seit seinem 1. Geburtstag 35 h / Woche.  Ein zweites Kind ist fest geplant.

Wie organisieren Sie ihren Alltag mit Beruf und Kindern?

Wir haben das Glück eines Betriebskindergartens mit sehr freundlichen Öffnungszeiten, ohne Schließzeiten und mit sehr liebevollem Personal. Mein Mann ist auch Hausarzt. Wir versuchen, versetzt unsere Nachmittagssprechstunden zu gestalten und haben für Notfälle / Termine auch Großeltern in der Nähe, die mal aushelfen. Meist bringt mein Mann unseren Sohn in die Kita, da er direkt daneben arbeitet. Wir holen ihn gemeinsam ab oder derjenige, der früher Schluss hat – das wechselt.

Wie haben Sie ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch einmal für eine Babypause entscheiden?

Die Auszeit vom Beruf fand ich anfangs schön –ich habe unter der Schwangerschaft ziemlich gelitten und wurde schnell ins Beschäftigungsverbot gesteckt. Die Babypause selbst war mir fast zu lang – ich konnte unseren Sohn mit fast 6 Monaten kaum noch auslasten, er verlangte viel Input, den ich ihm trotz diverser Aktivitäten (Still-Cafe, private Treffen mit anderen Müttern usw.) kaum bieten konnte.  Das führte zu Frust auf beiden Seiten. Darüber hinaus, hatte ich das Gefühl, jeden Tag weiter zu verdummen – ich habe nicht 6 Jahre studiert, um mich den ganzen Tag mit Windelinhalt und Brei zu beschäftigen! Echte Gespräche mit erwachsenen Menschen habe ich in dieser Zeit sehr vermisst. Ich war sehr froh, als ich endlich wieder arbeiten durfte (um mich auch mal vom Muttersein zu erholen), unser Kind in der Krippe endlich die vielen Eindrücke bekam, die er sich so sehr gewünscht hat und wir dann die gemeinsamen Nachmittage auch wieder echt genießen konnten. Der Zeitpunkt (Baby von 7 Monaten) war ideal – er hat noch nicht gefremdelt, hat sich innerhalb von 2 Stunden eingewöhnt und war das Maskottchen seiner Gruppe – er wird bis heute von seinen Erzieherinnen verhätschelt 😉

Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

Es erfordert eine sehr gute Planung, einen Mann, der ebenfalls gewillt ist, an der Familiengestaltung mitzuwirken und auch sonst so Einrichtungen wie eine gute Kita usw..

Um Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen habe ich mich auch für die Allgemeinmedizin entschieden – es ist nicht nur das schönste Fachgebiet der Welt – sondern das ambulante Arbeiten auch die einzige Option, die ich sehe, um auch wirklich noch ein Familienleben haben zu können.

Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

Definitiv ja – ich bin auch jetzt noch im MVZ angestellt und noch nicht selbst niedergelassen (der Langzeitplan für uns ist eine Gemeinschaftspraxis mit meinem Mann) um erst nochmal in Ruhe schwanger werden zu können. Vor der abgeschlossenen Familienplanung in die Selbstständigkeit zu gehen, wäre nichts für mich – die finanziellen Zwänge sind zu hoch. Angestellt kann man Beschäftigungsverbot, Mutterschutz und Elternzeit bei  einem weiterhin bestehenden Einkommen genießen…

Natürlich habe ich auch zugesehen, das 1. Kind erst zum Ende der Facharztweiterbildung zu bekommen – man will ja nicht ewig für den Facharzt brauchen (Teilzeit-Zeiten werden meist nicht voll als Weiterbildung angerechnet), es bedeutet ja auch immer weniger Geld!

Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Ich habe vor der Babypause alle stationären Weiterbildungsabschnitte fertig gehabt und konnte nach der Babypause in den ambulanten Weiterbildungsteil starten – das war sehr schön. Dank der relativ robusten Gesundheit musste ich auch nur 1x unser Kind akut aus der Krippe holen…

Wie hat sich ihre Arbeitsweise, nachdem sie Mutter geworden sind, verändert?

Ich habe sicher mehr Verständnis für die Belange von Patienten mit kleinen Kindern, ich lege mehr Wert auf einen pünktlichen Feierabend. Ansonsten hat sich eigentlich nicht viel verändert.

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Die Unterstützung ist ausbaufähig – die Gesellschaft möchte Nachwuchs, gerade auch von Menschen, die nicht der sozialen Unterschicht angehören – allerdings wird man mit der „Aufzucht“ oft ganz schön allein gelassen. Nachbarschaftshilfe, Leih-Großeltern usw. sind durchaus ausbaufähig. Gerade ältere Chefärzte verstehen sowieso nicht, warum man Kinder bekommt bzw. als Frau überhaupt Medizin studiert. Es gibt sogar weibliche Kolleginnen, die sich wundern, warum sie als Kinderlose so häufig den Dienst am 24.12. machen müssen.

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Ja, ich fühle mich gleichberechtigt – die Chancen sind auch die Gleichen. Das hat aber sicher viel damit zu tun, das ich die Knebel des Klinikalltags hinter mir gelassen habe und ambulant arbeiten kann.

Gewisse Diskriminierung wegen dem Muttersein habe ich aber auch ambulant erlebt: meinen letzten Weiterbildungsabschnitt habe ich im „Hauptstandort“ unseres MVZ absolviert und wurde als Fachärztin dann nochmal umgesetzt. Obwohl ich mir schon einen eigenen Patientenstamm erarbeitet hatte.  Begründung: der Chef wollte lieber meinen Mann (40h/Woche) bei sich am Standort, als Ausgleich für seine Altersteilzeit als mich. Eine 35h-Kraft mit noch bestehendem Kinderwunsch und der hohen Wahrscheinlichkeit, dass ich bei einem kranken Kind doch eher zu Hause bleiben würde.

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, mitgeben?

Egal ob Ärztin oder nicht, man sollte vor der Familienplanung gründlich über seine Prioritäten nachdenken. Kinder bekommen, ist ein elementarer Einschnitt in so ziemlich jedem Bereich des Lebens – eine steile Karriere kann man kaum noch hinlegen, wenn man Interesse hat, seinen Kindern auch wirklich eine Mutter zu sein und nicht nur ein Besucher. Für ein Leben in Balance kann ich die Allgemeinmedizin nur empfehlen – ich würde es immer wieder genauso machen.