Interview mit Dr. Blub von @AnikaBlub on twitter

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit und wie viele Kinder haben Sie?

Ich habe 2 Kinder und arbeite in der Allgemeinmedizin. Meine Kinder sind 3 und 5 und beide während meiner Weiterbildungszeit geboren. Ich arbeite Vollzeit und habe auch immer Vollzeit gearbeitet. Mit Kind 1 bin ich 6 Monate nach meinem ersten Staatsexamen schwanger geworden. Allerdings war ich vorher auch Krankenschwester.

Wie organisieren Sie Ihren Alltag mit Beruf und Kind/ern?

In der Klinik war das echt schwierig. Nach der Elternzeit von Kind 1 hatte ich die Klinik gewechselt, weil ich 1. nochmal einen anderen Schwerpunkt für die Facharztausbildung wählen wollte und 2. bekam ich dort den ersehnten Kitaplatz für unseren Junior auf der anderen Straßenseite. Ich glaubte, dass ein für Familie und Beruf zertifiziertes Krankenhaus mir dabei hilft. Leider kam es komplett anders und war eine einzige Katastrophe. Um die Weiterbildungszeit nicht zu verlieren, hielt ich 6 Monate durch und suchte mir dann etwas Neues – und hatte dann eine tolle Zeit. Meine Chefin umarmte mich und freute sich richtig für mich, als ich von meiner 2. Schwangerschaft erzählte. Ich war traurig, als ich nach der Elternzeit von Kind 2 kündigte, weil nun meine Praxiszeit für die Weiterbildung Allgemeinmedizin anbrach. Hier ist die Organisation ziemlich einfach. Ich bin Ärztin und spreche deutsch als Muttersprache UND ich bin gut in meinem Fach. Meine Arbeitszeiten bestimme ich. Wem es nicht passt, kann ja in den nächsten 10 Jahren weiter versuchen,  einen Weiterbildungsassistenten für lau anzustellen. Das klingt arrogant, ja, aber nachdem ich mich immer krumm machen musste und meine Seele verkauft habe – WEIL ich als Mutter Vollzeit arbeiten wollte, ist es mir egal. Etwa 1 Jahr nach meiner Pause mit Kind 1 ist mein Mann in Elternzeit gegangen. Seitdem ist es für mich deutlich entspannter. Davor war es ein Kampf gegen Vollzeit arbeitende Ärztinnen.

Wie haben Sie ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch einmal für eine Babypause entscheiden?

Nach dem ersten Kind hatte ich eine frustrierte Oberärztin und hatte das Gefühl, nichts zu wissen und dumm aus der Elternzeit gekommen zu sein. Es hat lange gedauert, bis ich verstanden hatte, dass das die Methode war mit der diese Oberärztin ihre Assistenten klein hielt und sich selber aufwertete. Ich habe oft an mir und dem Ergebnis meiner Pause gezweifelt. Aber mir war es wichtig, das erste Lebensjahr mit meinem Kind zu verbringen, es 6 Monate voll zu stillen usw. und zumindest in dieser Sicht war ich zufrieden mit mir. Als ich mit Kind 2 in Elternzeit ging, war ich dankbar über diese Pause und konnte sie zumindest am Anfang sehr genießen. Nach der Elternzeit von Kind 2 hatte ich das Glück, dass mein Mann wieder in Elternzeit ging, als ich wieder mit dem Arbeiten startete. Und jetzt war ich selbstbewusst genug, meinen Wert zu kennen und mich nicht mehr klein zu machen. Ich las ein paar Fachartikel und entschied, dass ich eine gute Ärztin bin – dieser Start war deutlich besser.

Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

Nach Kind 1 suchte ich mir eine Stelle in der Inneren (mit Diabetologie) in einer für Beruf und Familie zertifizierten Klinik. Im Gespräch mit den Chefärzten bei der Bewerbung besprach ich, dass ich gerne Vollzeit arbeiten möchte und dass die Betriebskita nur bis 16 Uhr geöffnet hat. Die eigentliche Arbeitszeit ging aber bis 16.45h. Ich schlug vor, früher mit meiner Arbeit zu beginnen, um dann auch eine Stunde eher fertig zu sein. Dann hatte ich noch etwas Puffer und müsste eben auf die andere Straßenseite um mein Kind zu holen. Die Realität sah so aus: Das Kind war ständig krank und zwar so, dass es 14 Tage nicht in die Kita konnte. Dazu keine familiäre Unterstützung und häufig 12 Stunden Tage in der Kita. Es zerriss meinen Mann und mich und ich habe viele Tränen vergossen. Wir versuchten es mit einem Aupair und weitere 4 Monate später (9 Monate nachdem ich wieder eingestiegen bin) stellten wir ein Aupair an. Das Aupair und die Kita haben mein gesamtes Gehalt gefressen und ja, ich habe häufig an dem gezweifelt, was ich da tue. Meine Rettung war die neue Chefin in der neuen Klinik – die hat mein Selbstbewusstsein wieder aufgewertet (sie hat selber 5 Kinder und wusste um die Anstrengung). Wie es klappen soll, als Mutter zügig seinen Facharzt zu machen, wenn man nicht Familienunterstützung hat – ich weiß es nicht.

Der Frust der Klinik, das Gefühl, nie pünktlich in der Kita zu sein (sie war auf der anderen Straßenseite) zerrissen mich förmlich und stellten alle meine Pläne auf eine harte Probe.

Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

Ich hatte keine andere Wahl, da ich zuvor Krankenschwester war und eben schon 30 als ich mit dem Studium fertig war. Ja, ich würde es wieder so machen, es ist wichtig, dass man sein Privatleben nicht aus den Augen verliert und die Familie ist wichtiger als die Klinik. Aber man braucht Netz und doppelten Boden, sonst dauert die Weiterbildung halt locker 10-15 Jahre.

Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Bei Kind 1 wie oben beschrieben katastrophal, bei Kind 2 war ich selbstbewusst, da lief es gut.

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise, nachdem Sie Mutter geworden sind, verändert?

Ich habe mich verändert. Plötzlich war die so sehr geliebte Intensivmedizin gar nicht mehr so toll. Ich habe in der Elternzeit für Kind 1 auch meinen Vater verloren. Beides zusammen hat mich verändert. Ich konnte eine Weile nicht so gut onkologisch arbeiten. Und der Kick, den Rettungs-/Intensivmedizin mir zuvor gegeben haben, war weg. Stattdessen ist es mir wichtig, nicht zu spät zuhause zu sein, um noch 2 Stunden mit Junior zu haben, bevor ich ihn ins Bett bringe.

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Sorry: Unterstützung ist keine da! Und das ist für mich der größte Frust. Bei Kind 1 habe ich im Ruhrgebiet gelebt. Kind krank – keine Betreuung und schon geht das Dilemma los. Einmal hat die Kita angerufen, weil Junior 39 Fieber hatte und ich musste um 12 gehen. Ich habe mein Kleinkind wirklich krank übernommen, es übers Wochenende so gepflegt, dass es mit Babysitter mit meinem Mann ins Büro konnte. Montag morgen stehen dicke Minusstunden auf dem Dienstplan. Das hat mich wütend gemacht, denn die vielen Überstunden standen da nie.

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Ich habe ne große Klappe und fordere auch deutlich und lasse mir auch nicht alles bieten. Deshalb habe ich die Klinik nach Kind 1 schnell verlassen – aber ja, ich war eine Mutter mit Kind, einiges hätte ich dort nicht lernen können und mein Chef in meinem ersten Haus, hat nach der Mitteilung meiner Schwangerschaft alle Bestrebungen von Weiterbildung in meine Person eingestellt.

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

Bau dir ein Netzwerk und setze deine Prioritäten. Lass dich nicht unterkriegen, du bist wertvoll und seltenes Gut. Lass deinen Wert nicht kleinreden! Ärztinnen werden gesucht und sind nicht weniger Wert, wenn sie in Teilzeit arbeiten wollen, weil sie Mütter sind. Fordert die Weiterbildung ein! Lasst Euch nicht verheizen!!!