Interview mit der „Schwesterfraudoktor“

Das Interview der „Schwesterfraudoktor“ aus dem gleichnamigen Blog – eine absolute Leseempfehlung!

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit
und wie viele Kinder haben Sie?

Nachdem ich einige Jahre Job-Hopping betrieben habe und die verschiedensten Richtungen ausprobierte (Pathologie, Forschung, Pharmaindustrie), bin ich inzwischen in der Allgemeinmedizin gelandet.
Ich habe zwei Kinder, fünf und sieben Jahre alt, und lebe mit ihnen alleine. Das Verhältnis zum Vater ist aber sehr gut. Noch bis vor 1,5 Jahren habe ich in einer Inneren Abteilung in 75 % plus Dienste gearbeitet. Inzwischen arbeite ich in einer Praxis in 50 %.

Wie organisieren Sie Ihren Alltag mit Beruf und Kind/ern?

Durch meine inzwischen geregelten Arbeitszeiten kann ich meinen Alltag sehr gut strukturieren. Ich muss um 7:45 Uhr in der Praxis sein und arbeite bis 13:00 Uhr.
Das sind Zeiten, die mit der Schule vom großen Sohn und dem Kindergarten vom Kleinen wunderbar zu vereinbaren sind. Ich würde tatsächlich gerne noch etwas mehr arbeiten, auch aus finanziellen Aspekten, dies ist in der Praxis aufgrund der festgelegten Praxis-Öffnungszeiten leider nicht möglich, denn spätestens um 16:30 Uhr ist die Betreuungszeit der Kinder beendet.

Wie haben Sie ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch
einmal für eine Babypause entscheiden?

Ich hatte bei beiden Kindern nur eine sehr kurze Elternzeit von sechs Monaten genommen. Dies würde ich inzwischen nicht mehr so machen. Ich wollte unbedingt schnell wieder arbeiten, um den Anschluss nicht zu verlieren. Im Nachhinein betrachtet hat sich der Stress nicht gelohnt, denn die eigentliche Stolperfalle der Karriere, ist die Teilzeitarbeit.

Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und
Mutter?

Das Hauptproblem sehe ich in den immer noch festgefahrenen Strukturen der Kliniken. Es ist für eine Frau unglaublich schwierig, höhere Karrierestufen zu erreichen, wenn Kinder eine Rolle spielen. Es ist in der Klinik einfach nicht gerne gesehen, pünktlich zu gehen, keine Überstunden zu machen, weniger Dienste oder „kindkrank“ zu sein.
Vollzeit zu arbeiten ist mit Kindern praktisch unmöglich, es sei denn, man hat einen Partner, der einen sehr unterstützt oder ein ausgefeiltes soziales Netzwerk. Arbeitet man in Teilzeit, ziehen die männlichen oder kinderlosen Kollegen/Kolleginnen auf der Karriereleiter an einem vorbei.
Persönlich habe ich mich entschieden, peu a peu einen alternativen Karriereweg bereit zu halten und studiere aktuell „nebenbei“ Journalismus. Mein Gedanke dahinter ist der, dass ich neben der klinischen Medizin auch schreiben kann.  Ich könnte mir auch vorstellen, 50% in der Praxis und 50% als freiberufliche Medizinjournalistin zu arbeiten.

Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

Nein, wahrscheinlich kein kluger Weg. Für mich dennoch der einzig richtige Weg und auch der, den ich wieder einschlagen würde. Denn ich habe für mich persönlich entschieden, dass ich Kinder nicht zu spät in meinem Leben bekommen möchte.
Zugegebenermaßen ist es deutlich einfacher, als Fachärztin die Familienplanung umzusetzen und in Teilzeit zu arbeiten – ohne den zeitlichen Druck der Weiterbildungsordnung.

Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Da ich nur kurze Pausen hatte, empfand ich den fachlichen Einstieg als
problemlos. Emotional war es schwierig, weil man sein kleines Baby in fremde Hände begibt und zur Arbeit geht. Oft fragt man sich, ob man das Richtige tut.

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise, nachdem Sie Mutter geworden sind, verändert?

Ich denke, dass Mütter effizienter arbeiten. Sie sind Meisterinnen der Organisation, flexibel und wandlungsfähig. Denn schließlich fragt ein Kind nicht, ob es sich den Zahn ausschlagen oder das Wohnzimmer verwüsten darf. Eine Mutter muss reagieren können. Das überträgt sich auch auf den Klinikalltag. Nicht zuletzt ist man als Mutter auch dem ständigen Druck ausgesetzt, sein Kind pünktlich in der Kita abzuholen oder nach der Schule zu Hause zu sein. Also bleibt nichts anderes übrig, als zügig zu arbeiten. Dafür fallen die Schwätzchen mit Kollegen und die Pausen aus.

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und
Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Ich finde es nach wie vor schwierig. Chancengleichheit ist meiner Ansicht nach noch nicht gegeben. Ich habe in meinem Berufsleben so ziemlich jede Form von Chef erlebt: den Verständnisvollen, den nur nach außen hin Verständnisvollen und den offen Feindseligen („Ihre Patienten sind kränker als ihr Kind“).
Wahrscheinlich muss man einfach Glück haben und an einen verständnisvollen Chef geraten.

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen?

Offiziell und nach außen hin ist die Gleichberechtigung vorhanden. Sofern keine Kinder vorhanden sind, ist das die Arbeit einer Ärztin meiner Ansicht nach sehr respektiert und gewünscht. Sobald sich Kinder ankündigen erscheint es, als würde eine Frau im Ansehen verlieren, mindestens 20 IQ Punkte einbüßen und nicht mehr belastbar sein.

Haben Sie die gleichen Chancen?

Nein.

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

Lebt Euer Leben, bekommt Eure Kinder, genießt sie, knuddelt sie, liebt sie. Es findet sich eigentlich immer einen Weg. So schön unser Job sein kann, so brutal ist er auch.
Was das eigentlich Wichtige im Leben ist, sehe ich in den Augen meiner Kinder.