Interview mit der „Fusselhirn“ @Fusselhirn75 on twitter

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit und wie viele Kinder haben Sie?

Ich bin FÄ für Kinder- und Jugendpsychiatrie und arbeite seit 7 Jahren im Maßregelvollzug/ forensische Psychiatrie, mittlerweile als Oberärztin in Vollzeit. Haben zwei Kinder.

Wie organisieren Sie Ihren Alltag mit Beruf und Kindern?

Ich habe den Luxus, dass mein Mann mittlerweile seine Erwerbstätigkeit aufgegeben hat, so dass ich aktuell wirklich unbeschwert Vollzeit arbeiten kann. Als die Kinder kleiner waren (und mein Mann erst in Ausbildung und dann in Beschäftigung), gab es zumindest vormittags Betreuung über KiTa/ Kindergarten und Schule, mein Mann hat nach Ende seiner Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger (2. Ausbildung nach einem Studium) mit 50% und ausschließlich Nachtdiensten gearbeitet. Nachdem sich bei beiden Kindern das ADHS im Vollbild gezeigt hat (und wir mittlerweile die Pflegegrade für beide Kinder haben), hat mein Mann aufgrund des deutlich erhöhten Betreuungsbedarfs seine Berufstätigkeit aufgegeben. Hintergrund hierfür war ganz banal, dass ich schlicht das bessere Gehalt nach Hause bringe, da stellte sich die Frage, wer für den Lebensunterhalt der Familie arbeiten geht, gar nicht erst. Ich versuche trotzdem, noch einiges sowohl im Haushalt als auch in der Betreuung der Kinder zu übernehmen und schaue natürlich, dass ich mir für wichtige Termine der Kinder freinehme!

Wie haben Sie Ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch einmal für eine Babypause entscheiden?

Ich bin in beiden Schwangerschaften sofort mit Bekanntwerden der Schwangerschaft ins Beschäftigungsverbot geschickt worden, was ich tatsächlich in der ersten Schwangerschaft als Entlastung empfunden habe. In der zweiten Schwangerschaft hätte ich mir vorstellen können, auch noch länger zu arbeiten. Bei beiden Kindern habe ich nach der Schwangerschaft von der Möglichkeit der Elternzeit Gebrauch gemacht. Bei K1 für 7 Monate, bei K2 für ein Jahr. Ich habe die Zeit vor allem bei K2 sehr bewusst genommen und auch genossen, dadurch eine enge Bindung aufbauen zu können. Außerdem habe ich das gesamte erste Lebensjahr voll gestillt, wobei dann das Abstillen bei mir mit Wiedereinstieg in den Beruf trotzdem erstaunlich unproblematisch war. Ich habe allerdings auch gemerkt, dass ich bei beiden Kindern nach einigen Monaten wieder mehr „erwachsene“ Ansprache brauchte und war deshalb nicht unglücklich darüber, wieder einsteigen zu können.

Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

Gerade in meiner Fachrichtung wird gerne von außen mal übersehen, dass ich bei meinen eigenen Kindern tatsächlich „nur“ Mutter und nicht auch noch Therapeutin bin. Ansonsten gab es durchaus Zeiten, in denen ich mich darüber geärgert habe, dass ich keinen klassischen „from 9 to 5“-Job habe, sondern eben auch über meine Regelarbeitszeit hinaus bleiben muss, wenn kurz vor meinem Dienstende hochgradig krisenhafte Situationen entstehen. Wäre nicht in solchen Zeiten auch immer klar gewesen, wer die Kinder kurzfristig übernehmen kann, wären wir als Familie manches Mal in der Klemme gewesen.

Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

Grundsätzlich würde ich das jedes Mal wieder so machen, wobei ich meine Facharztprüfung auch lange aufgrund äußerer Umstände vor mir her geschoben habe – ich hätte zur ersten Schwangerschaft schon lange Fachärztin sein können. Ich habe aber auch bei vielen Kolleginnen gesehen, dass auch in der Facharztweiterbildung (dann eben mit Beschäftigung in Teilzeit) der Weg weitergegangen werden kann.  Dann muss eben überlegt werden, ob einem die Beschäftigung in Teilzeit ausreicht oder ob man Unterstützung in der Form bekommt, dass auch die Weiterbeschäftigung in Vollzeit möglich ist und ob man selber das möchte.

Wie haben Sie Ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Ich fand beide Male den Wiedereinstieg anstrengend. Dadurch, dass ich jeweils deutlich über ein Jahr aus dem Beruf „raus“ war, musste ich mich beide Male wieder richtig „reinfuchsen“, außerdem habe ich nach der Elternzeit von K2 aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie den Wechsel in den Maßregelvollzug gemacht. Anstrengend fand ich  tagsüber wichtige (und gerichtsfeste) Entscheidungen treffen müssen und abends dann Windeln zu wechseln und komplett zu entschleunigen, um beiden Kindern gerecht zu werden. Das hat sich aber bei beiden nach einigen Wochen eingespielt.

Wie hat sich ihre Arbeitsweise, nachdem Sie Mutter geworden sind, verändert?

Ich selber halte mich für ziemlich gut strukturiert (auch wenn meine Kollegen das manchmal anders sehen mögen) und ich habe meine Skills darin, viele Dinge gleichzeitig im Auge behalten zu können, ziemlich verbessert. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie war ich deutlich sensibler auch für die Eltern und habe vieles besser nachvollziehen können. Im Maßregelvollzug merke ich, dass ich für eine bestimmte Patientengruppe eine durchaus „mütterliche“ Rolle einnehme, was mir an manchen Punkten den Zugang zu den Patienten erleichtert. Gleichzeitig achte ich seither mehr darauf, dass ich nicht mehr zu viele Überstunden mache und dass ich keine langen Wege zwischen Arbeitsplatz und zu Hause habe, damit ich tatsächlich auch Zeit mit der Familie verbringen kann.

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Generell eher schlecht, in meinem ja doch sehr speziellen Berufsfeld ist die Unterstützung aber (zumindest vordergründig) recht gut. Es gibt keine blöden Sprüche für „Kind krank“-Ausfälle, ich habe viele Möglichkeiten mich auszutauschen, mein Arbeitgeber bietet z.B. Ferienprogramme für die Kinder an, so dass damit auch Zeiten abgedeckt sind, in denen ich keinen Urlaub habe. Ich denke aber, dass ich da in einer recht luxuriösen Gesamtsituation bin und dass solche Verhältnisse nicht überall zu finden sind.

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Grundsätzlich ja. Ich werde fachlich ernst genommen, gerade in der forensischen Psychiatrie ist es mittlerweile so, dass auch Frauen in Führungspositionen unterwegs sind oder als hochrangige Sachverständige bestellt werden. Es kostet insgesamt Zeit, sich da hinzuarbeiten, aber ich kenne auch keinen männlichen Kollegen, dem da was auf dem Silbertablett serviert wird, ohne dass er sich darum bemühen müsste. Zumindest in „meinem“ Haus ist es tatsächlich so, dass einfach unterschiedliche Sichtweisen und Herangehensweisen akzeptiert und gefördert werden, „Konkurrenzkampf“ im eigentlichen Sinne ist gar nicht notwendig.

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

Die Familie war bei mir selber gar nicht geplant, das erste Kind eine „billigende Inkaufnahme“ 😉 . Wichtig finde ich für mich, dass ich einen Partner habe, der alle Entscheidungen tatsächlich mit mir zusammen trifft und genau so viel Verantwortung übernimmt, wie ich. Das „Ja“ zu beiden Kindern kam gemeinsam, auch mit dem Wissen, dass es schwierige Zeiten geben kann. Wenn mein Partner sich mit dem ersten positiven Test nicht eindeutig positioniert hätte und nicht in der Lage gewesen wäre, mögliche Szenarien mit mir durchzuspielen, hätte ich mich vermutlich gegen K1 entschieden. So sind allerdings beide Kinder (und natürlich auch mein Mann) eine absolute Bereicherung, auch wenn ich manchmal gerne meine gesamte Familie an die Wand klatschen würde….