Ihr Platz im Bus ist hinten, das sind die Plätze für Schwarze,

Hirsch

„Nein, ich nehme keine Elternzeit. Ich möchte mit meiner Weiterbildung fertig werden. Ja, ich weiß, dass ihr Frauen benachteiligt seid. Aber das ist halt so, mit der ganzen Elternzeit und der Teilzeitarbeit und so weiter. Wir Männer können schließlich noch keine Kinder bekommen.“

sagt mir ein Kollege im Gespräch über die weitere Planung unserer Berufswege. Wir, er und ich, werden bald Eltern. Nicht zusammen. Also, er mit seiner Frau und ich mit meinem Mann.

„Ja, ihr Platz im Bus ist hinten – das sind die Plätze für Schwarze.“

erwidere ich. Er blickt mich verständnislos an. Ich diskutiere nicht weiter mit ihm. Das muss er mit seiner Frau klären.

Was ich damit meine, ist Folgendes (CAVE: Dies ist ein sarkastischer Wutbrief –  und JA, ich weiß, ich lebe in einer privilegierten Situation. Immerhin werde ich nicht ausgepeitscht oder erschlagen. Und JA, ich weiß, ich rede von einer Mittel – bis Oberschicht in unserer Gesellschaft. Und JA, ich finde, dass sich trotz, oder gerade wegen des Wohlstands, noch Einiges ändern muss):

Ich empfinde diese Einstellung als Diskriminierung. Nicht, dass Männer keine Kinder bekommen können. Naja, bis auf die Männer mit Uterus natürlich. Ich meine die Einstellung, dass wir Frauen auf diese Plätze gehören – die hinten im Bus. Die Plätze mit den 12 Monaten Elternzeit, die mit der Teilzeitarbeit, die mit der verlängerten Weiterbildungszeit, die mit der Kinder-/Haushalt-/working- und social life-Organisation, die mit der Vereinbarkeitsproblematik. Eine akzeptierte, gelebte Benachteiligung. Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber der Großteil der Familien in unserer Gesellschaft lebt immer noch ein Leben, in dem die Mutter die Kinder versorgt und in dem der Vater das Geld verdient. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Mutter/ der Vater allein erziehend wird. Aber ab da ist man ja anscheinend auch keine richtige Familie mehr und Unterstützung ist sowieso nicht notwendig.

Es ist akzeptierte Realität, dass Frauen weniger Rente bekommen, kein eigenes Geld erwirtschaften und den Haushalt erledigen. Ist ja schließlich genauso wertvoll, wie das bare Geld des Ehemanns. Wenn das so ist, dann lasst diese Arbeit doch auch häufiger die Männer machen! Aber… die meisten Frauen wollen das doch so. Kind, Kegel, Haushalt, vom Geld des Ehemanns leben. Natürlich. Ich vergaß. Sie sind von Gott gewollt, für allein diese Aufgabe, geschaffen.

Ich rede nicht von Gleichberechtigung. Ich spreche von Gleichstellung. Von Männern, die 6 Monate oder 8 Monate in Elternzeit gehen, dass die Frau wieder in den Beruf einsteigen kann. Von Männern, die im Anschluss an die Elternzeit, die Vereinbarkeit mit tragen. Die Teilzeit arbeiten, wie ihre Frauen, damit beide Elternteile arbeiten gehen können. Damit die Kinderbetreuung und die Bewältigung der Haushaltsaufgaben gewährleistet ist. Ich rede nicht davon, Kinder zu bekommen, um sie 5 Tage in der Woche je 10 Stunden, in der Kita betreuen zu lassen. Und am Wochenende von den Großeltern oder einer Nanny. Ich rede von Männern, die ihr Leben leben. Mit ihren Familien. Die pünktlich von der Arbeit nach Hause gehen, weil die Kinder von der Schule zu Hause sind und das Abendessen vorbereitet werden muss. Die länger in der Klinik Nachtdienste schieben und in der Notaufnahme arbeiten, weil sie länger, als ursprünglich angenommen, für den Facharzt brauchen. Von Männern, die ihren Chefs und Chefinnen erklären, dass ihre Unterstützung nicht nur in der Firma, sondern auch in der Familie notwendig ist. Von Chefs, die pünktlich nach Hause gehen, damit sie mit Mitte 40 nicht vor dem Trümmerhaufen ihrer Ehe stehen. Von Kindern, die arbeitende Mütter und arbeitende Väter als Rollenbilder haben. Von Kindern, die männlichen und weiblichen Einfluss in ihrem Leben haben. Von einer Gesellschaft, die das Leben mit Kindern auch tatsächlich unterstützt und gut heißt. Ich weiß, dass ich von einer reichen Gesellschaft spreche. Einer Gesellschaft, die sich Elterngeld leisten kann. Einer Gesellschaft, die sich Teilzeitarbeit leisten kann. Einer Gesellschaft, in der Frauen genauso viel verdienen, wie Männer. Einer Gesellschaft, in der Familie, Kinder, Erziehung und das Leben in der Gegenwart hohe Stellenwerte haben. In der Männer wie Frauen, dafür angesehen werden, wenn sie ihre Kräfte nicht nur in die Arbeit, sondern auch in das Familienleben, die persönliche Gesundheit und das Gemeinwohl, stecken. Wenn sich Familien darum kümmern, gesund zu bleiben. Einer Gesellschaft, die Frauen mehr Anerkennung verleiht für ihre wirtschaftliche Arbeit und Männern mehr Anerkennung für ihre Aufgaben in der Familie. Ich behaupte, wir wären eine reichere Gesellschaft. Eine gesündere Gesellschaft.

Deshalb freue ich mich nicht darüber, dass mein Kollege keine Elternzeit nimmt. Weil er mir zeigt, dass den Themen Gleichstellung und Familie in unserer Gesellschaft keine große Bedeutung gegeben wird. [Damit meine ich übrigens jegliche erdenkliche Familienkonstellation im Jahre 2017]

Geht nicht? Ja. Die Liste der Ausreden ist lang. Der Weg bis zu einer tatsächlichen Gleichstellung auch.

 

Bildquelle: flickr.com, by Andy Morffew

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