Es geht auch ohne mich…

Liebes Lieschen,

lange ist es her, dass ich dir geschrieben habe. Als arbeitende Mutter mit zwei Kindern, fehlt einem oft die Zeit für irgendwie alles. Deshalb schreibe ich dir heute von meinem Erlebnis letzten Freitag, an dem ich wieder das Gefühl hatte, unentbehrlich zu sein. Klar, es tut gut, wenn man „gebraucht“ wird. Aber ich finde das Gefühl auch sehr anstrengend…

Station, 15.50 Uhr. Den ganzen Tag habe ich auf Station die „Mutter“ gespielt. Meine verehrten Kollegen haben die Station gestern, wie einen Sauhaufen hinterlassen. Keine Briefe diktiert oder geschrieben, keine Entlassungen vorbereitet, keine Vorbereitungen für den heutigen Tag getroffen. Nach mir die Sintflut. Ist klar. Es ist ja schließlich Freitag und ich bin da. Lotte macht das schon. Dass aber Omi 1 und Omi 2 heute ins Pflegeheim sollen, da ihre Betten schon verplant sind, allerdings noch keinen Pflegeheimplatz haben, ging wohl unter. Dass die Aufklärungen für die Patienten, die die Betten von Omi 1 und Omi 2 heute belegen sollen und nüchtern auftauchen um operiert zu werden, fehlen… ups. Ganz zu schweige von den fehlenden Blutkonserven für den ansonsten marcumarisierten Patienten aus Zimmer 5, der heute eine neue Hüfte implantiert bekommt. Mein Tag gleicht einem 10 km – Sprint. Zudem muss mein Mann heute lang arbeiten und ich muss die Kinder um 16.30 Uhr bei der Oma holen. Sie hat eine Abendveranstaltung. Ich brauche 30 Minuten nach Hause. Jetzt ist es 15.50 Uhr. Ich stehe im Stationszimmer und zwei Angehörige warten auf Gespräche mit mir. Zwei Blutentnahmen warten noch, eine Blutkonserve muss transfundiert werden und mein Telefon klingelt. Ich drehe mich um und nehme ab. „Lotte, ich bin’s, deine Mutter. Deine Tochter ist soeben von der Schaukel gestürzt und hat eine Platzwunde am Kinn. Bitte komm doch nach Hause.“ Ich erkundige mich kurz nach ihrem Wohlergehen und telefoniere mit meiner Tochter. Es blutet, aber es scheint ihr ansonsten gut zu gehen. Als ich mich umdrehe, steht Schwester Olga vor mir. „Ich habe mal die Blutabnahmen gemacht. Hat gut geklappt. Habe ich ja in der Notaufnahme auch immer gemacht.“ Sie zwinkert mir zu. Ich stelle mich den Angehörigen. Die erste Familie möchte mir eine Packung Schokolade überreichen, für die schnelle Hilfe heute. Das Pflegeheim für Omi 1 sei super. Die zweite Familie ist verschwunden. Auf dem Weg nach Hause fällt mir ein, dass ich die Transfusion vergessen habe. Ich rufe auf Station an. Olga geht ran. „Hallo Lotte. Ja, die Blutkonserve, habe ich gesehen, sie liegt noch hier. Ich habe den Internisten erwischt. Er hängt sie mir zuliebe an. Ich habe ihm versprochen, dass du ihm am Montag einen Café und einen Kuchen ausgibst. Kein Problem.“ Ein paar Meter weiter stecke ich im Stau fest. Unfall. Mein Kopf explodiert fast, als mich mein Mann erreicht. „Hallo Lotte, ich bin schon bei deiner Mutter. Ich bin doch schon früher raus gekommen. Unserem Mädchen geht es gut. Ich denke, die Wunde muss nicht einmal genäht werden. Pass gut auf, auf den Straßen ist viel los.“ Als ich nach unendlich vielen Minuten Stau, endlich zu Hause ankomme, kommt mir meine geduschte Tochter im Schlafanzug entgegen. „Hallo Mama, schau mal. Ich habe von Papa ein ganz tolles Pflaster bekommen. Da sind Einhörner drauf. Es tut schon gar nicht mehr weh.“ Ich arbeite und organisiere und arbeite und organisiere. Ich denke, es geht nicht ohne mich. Wenn ich dann aber eines Besseren belehrt werde, ist das Gefühl unbeschreiblich erleichternd. Es geht nämlich sehr wohl auch ohne mich.

 

Liebes Lieschen, in diesem Sinne wünsche ich dir ein schönes Wochenende.

Deine Lotte

4 Antworten auf „Es geht auch ohne mich…“

  1. Ja, kenn ich nur allzu gut, das Gefühl 😉
    Es klappt immer irgendwie, nur nicht unbedingt so, wie ich es machen würde. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied, den ich gern im Trubel vergesse. 😁
    Liebe Grüße, Ewa

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