Ärzte und Heilpraktiker – Verschlossenheit statt Diskussion

Gestern wurde mein Artikel „Impfgegner – sachlich währt am längsten“ bei doccheck gepostet. Eine Plattform, auf der vor allem medizinisch interessiertes und medizinisch gebildetes Publikum diskutiert. Ein Publikum, das sachlich, informiert, angeregt und mit den notwendigen Benimmregeln diskutieren kann – sollte man meinen. Das ist leider nicht der Fall. Es findet eine Art Krieg zwischen Ärzteschaft und Heilpraktiker statt. Unangebracht, verallgemeinernd, verwirrend. Nicht falsch verstehen. Kritik finde ich gut. Ärzte müssen und sollten sich jeglicher Kritik stellen und diskutieren dürfen, wie jeder andere Mensch auch. Nur wer fragt, überlegt und denkt weiter. Nur wer kritisiert wird, braucht Argumente. Diskussionen müssen für mich auch nicht immer rein sachlich bleiben. Emotionen gehören dazu. Der Artikel hat jedoch einen „Kleinkrieg“ (Diskussion möchte ich es nicht nennen, da die „feindlichen Lager“ mit Kanonen aufeinander schießen) ausgelöst. Die Debatte erinnert mich ein wenig an die Nachricht von Lotte. Es hätte eine gute Diskussion ausgelöst werden können.

Wie zum Beispiel Laien, Mütter, Väter, Impfkritische überzeugt werden können. Welche Maßnahmen zur allgemeinen Bildung der Kinder und Eltern notwendig sind und funktionieren. Welchen Anteil und welche Leistung die komplementär-medizinischen Fächer leisten können. Wie Heilpraktiker und Schulmediziner, die Medien und die Politik mit diesem Thema umgehen können, sollten oder müssen. Was ist notwendige Prävention/Therapie/Verantwortung? Wo hört das „Elternrecht vor Kinderrecht“ auf? Ab wann muss die Gesellschaft die Kinder schützen? Ist es Körperverletzung, wenn ich Luna trotzdem geimpft hätte?

Aber nein, es bekriegen sich Ärzte und Heilpraktiker auf einer nicht angemessen Art und Weise. Schießen mit Kanonen, blind, ohne Ziel. Erschreckend und sehr schade. Eine Begegnung auf Augenhöhe, Diskussion anstatt Verschlossenheit, Miteinander anstatt Gegeneinander. Das hätte ich mir gewünscht. Das gibt es nämlich auch…

Das böse Wort – „Impfen“

„Geimpft? Nein, das ist meine Tochter nicht.“ In der Notaufnahme steht eine Mutter mit ihrer 3-jährigen Tochter, Luna, vor mir. Die Handflächen und Knie sind aufgeschürft, aus der Platzwunde an der Stirn tropft Blut, Luna ist von oben bis unten mit Dreck und Schlamm bespritzt. Ein Sturz vom Laufrad. Das Mädchen ist tapfer. Wir säubern alle Wunden, die Platzwunde kann geklebt werden. Sie bekommt eine Spritze und eine Tapferkeitsurkunde überreicht. Ihre Mutter hält die Notfall-Arnika-Kügelchen schon bereit. Ich frage noch einmal nach dem Impfpass. „Es gibt keinen. Luna hat keinerlei Impfungen erhalten. Ich bin Impfgegnerin. Ich hoffe, Sie informieren sich noch einmal, bevor Sie Ihrem Kind so etwas antun.“ Sie deutet auf mein mittlerweile deutlich sichtbares Bäuchlein unter den Scrubs. Auf Impfgegner treffe ich häufig, Patienten die aus religiösen Gründen Bluttransfusionen ablehnen oder Menschen, die die Wirkung von Antibiotika verteufeln. Patienten, die damit missionieren gehen, ausgerechnet bei Ärzten, habe ich bisher noch nicht getroffen. Ich schüttle den Kopf. „Das habe ich. Mein Kind wird nach den Leitlinien der STIKO geimpft, wenn es auf der Welt ist. Sind Sie sicher, dass wir nicht wenigstens die Tetanusimpfung geben dürften?“ „Kommt nicht in Frage. Haben Sie vielleicht schon mal einen Patienten mit Tetanus gesehen?“ „Ja, das habe ich leider. Ich habe einige Zeit in Indien gearbeitet. Das verzerrte Gesicht, die erstarrte, verkrampfte Gestalt werde ich nie in meinem Leben vergessen. Der Junge war 14 Jahre alt und ist daran gestorben. Er ist erstickt. Dort habe ich auch sehr viele Menschen mit Polio behandelt. Ausgestoßen aus der Gesellschaft, aufgrund ihrer körperlichen Verfassung zum frühen Tode verurteilt. Möchten Sie hierzu vielleicht auch einige Details hören? Wenn Sie die Impfung ablehnen, müssen Sie hier unterschreiben. Sie tragen die Verantwortung für ihr Kind, das die Entscheidung leider noch nicht selbstständig treffen darf.“ Die Mutter schüttelt ihren hoch roten Kopf, murmelt etwas von „Unverschämtheit. Immer das Gleiche. Unmöglich.“ und unterschreibt den Wisch. Sie verlassen die Notaufnahme und Notfallschwester Super neben mir kriegt ihren geöffneten Mund nicht mehr zu. „Der hast du aber die Meinung gesagt. Warum machst du das nicht immer so? Echt gigantisch. Ist das wahr?“ „Ja.“  Aber trotzdem ärgere ich mich über mich selbst. Scheiße. Morgen werde ich mal wieder eine Stellungnahme schreiben müssen, weil ich meine Klappe nicht halten konnte. Das Thema regt mich mehr auf, als sonst. Die Durchimpfungsraten in Deutschland werden schlechter. Heute morgen erst stand es wieder in der Bild-Zeitung: „Masern-Alarm in Deutschland!“ Bisher habe ich mit den Eltern diskutiert oder wenigstens sachlich argumentiert. Aber jetzt weiß ich, dass mein eigenes Kind irgendwann auf diese Kinder treffen wird. Vielleicht ist mein Kind dann schon 3 Jahre alt und geschützt. Vielleicht ist es aber auch erst 6 Monate alt und noch nicht geimpft, wenn es auf ein Kind trifft, das gerade die Masern hat. Ich hoffe, mein Kind wird auch irgendwann Spaß daran haben, Laufrad zu fahren. Aber es wird einen Fahrradhelm tragen. Zum Schutz.

Gefahr im Verzug

Kennt ihr das? Ihr seht die Lawine auf euch zurollen? Vor einigen Monaten ging es mir so. Wir haben einen neuen Kollegen in der Abteilung. Eigentlich ist das ja klasse. Einen guten Mitspieler kann man immer gebrauchen. Unser neuer Mitspieler spielt aber nicht gerne im Team. Wäre ja gar nicht mal so das Problem. Von dem Ross kriegen wir ihn schon noch runter. Bisher hat das noch bei jedem geklappt. Wir sind alle Teamplayer. Klar, es muss auch einen Stürmer geben und einen Torwart. Aber für uns 11 Mann und Frau auf dem Feld passt das. Unser „Neuer“ hingegen ist Frischling und Stürmer. Auch noch kein Problem. Gibt es ja oft. Wenn aber der Stürmer alle Scheuklapppen aufsetzt, die wedelnden Arme der Mitspieler von rechts und links missachtet, die Rufe des Trainers nicht hört, strotzend vor Arroganz und Ignoranz jeden Elfmeter verschießt, dann ist Gefahr im Verzug… Lest weiter bei Doccheck.