Wer genau hinsieht, sieht mehr…

Internistin Klara steht vor mir. Ein perfektionierter Augenaufschlag schaut mich von unten her an. „Könntest du dir kurz Frau Schneider ansehen? Die linksseitigen Brustschmerzen sind definitiv kein Herzinfarkt. Die Lunge ist auskultatorisch ok. Aber irgendwie komme ich nicht weiter.“ Ich stutze. Klara macht ihren Job echt gut. Ich wette, ihr fallen etlich mehr Differentialdiagnosen dazu ein, als mir. „Ja, ich weiß, aber vielleicht ist es ja doch ein Bandscheibenvorfall. Die ziehen ja auch manchmal nach vorne in den Brustbereich, oder?“ „Klar, ich schaue nach ihr. Aber den Wimpernaufschlag brauchst du bei mir nicht dafür. Funktioniert das so bei meinen Kollegen?“ Sie grinst. „Immer!“.

Frau Schneider ist knapp über 80 Jahre alt und dement. Sie sitzt im Bett und ihr Sohn steht etwas verängstigt daneben. „Sie sagt, sie habe Brustschmerzen. Seit ein paar Tagen. Aber irgendwie können sie nichts finden. Ich mache mir etwas Sorgen.“ Frau Schneider sagt nicht viel. Sie starrt einfach ins Leere. Nach ein paar weiteren Fragen bitte ich sie, sich auszuziehen. Ja, auch den BH. Ich kann ihr gerne behilflich sein. Ihr Sohn verlässt den Raum. „Ah, achso, äh. Ja, dann gehe ich lieber mal. Den BH musste sie eigentlich noch nie ausziehen.“

Die Diagnose dauert eine Sekunde. Das exulzerierende Mammakarzinom liegt direkt neben der Brustwarze, außen oben. Ja, Frau Schneider hat linksseitige Brustschmerzen.

Hoffnungsvoll, hoffnungslos

Vor mir sitzt mal wieder Patientin Jarin. Heute ist sie die „Treppe hinunter gefallen“. An einem anderen Tag ist sie gegen die Tür geprallt. Oder hat einen schweren Koffer in den Unterbauch bekommen. Sie hat sich die Finger eingeklemmt oder die Rippen schmerzen. Die Liste geht unendlich lang weiter.

Sie erzählt eigentlich nie die Wahrheit. Nur dann, wenn sie mit der Polizei kommt, mit ihrem Sohn oder der Freundin. Wenn ihr Ehemann mal wieder zugeschlagen hat. Oder den Gürtel genommen hat. Ihr die Finger zerquetscht oder den Fuß in den Unterbauch gerammt hat…

Ich hasse diesen Teil meines Jobs. Ich hasse die Hoffnungslosigkeit, die kalte Gewalt und das unglaubliche Verbrechen. Am liebsten würde ich…ich weiß auch nicht… ihr vielleicht?

Lest weiter bei Doccheck…

Notaufnahme passt mir heute gar nicht

Aufgrund meines kleinen Geheimnisses ist mein Vomex-Konsum aktuell um 100 Prozent gestiegen. Die Übelkeit ist trotzdem nicht weg. Ich fühle mich krank, bin ich aber eigentlich nicht. Ich kann nicht schlafen, renne pausenlos auf die Toilette und mein systolischer Blutdruck war seit längerer Zeit nicht mehr dreistellig.

Das Gefühl ist ätzend. Die Kitteltaschen sind gefüllt mit homöopathischen und nicht-homöopathischen Mittelchen, Traubenzucker und Müsliriegel und die Wasserflasche klebt wie angewachsen unter meinem Arm. Fühle mich natürlich trotzdem nicht besser…

Ein Artikel, der einigen von euch bereits bekannt sein dürfte – lest weiter bei doccheck!

Ärzte und Heilpraktiker – Verschlossenheit statt Diskussion

Gestern wurde mein Artikel „Impfgegner – sachlich währt am längsten“ bei doccheck gepostet. Eine Plattform, auf der vor allem medizinisch interessiertes und medizinisch gebildetes Publikum diskutiert. Ein Publikum, das sachlich, informiert, angeregt und mit den notwendigen Benimmregeln diskutieren kann – sollte man meinen. Das ist leider nicht der Fall. Es findet eine Art Krieg zwischen Ärzteschaft und Heilpraktiker statt. Unangebracht, verallgemeinernd, verwirrend. Nicht falsch verstehen. Kritik finde ich gut. Ärzte müssen und sollten sich jeglicher Kritik stellen und diskutieren dürfen, wie jeder andere Mensch auch. Nur wer fragt, überlegt und denkt weiter. Nur wer kritisiert wird, braucht Argumente. Diskussionen müssen für mich auch nicht immer rein sachlich bleiben. Emotionen gehören dazu. Der Artikel hat jedoch einen „Kleinkrieg“ (Diskussion möchte ich es nicht nennen, da die „feindlichen Lager“ mit Kanonen aufeinander schießen) ausgelöst. Die Debatte erinnert mich ein wenig an die Nachricht von Lotte. Es hätte eine gute Diskussion ausgelöst werden können.

Wie zum Beispiel Laien, Mütter, Väter, Impfkritische überzeugt werden können. Welche Maßnahmen zur allgemeinen Bildung der Kinder und Eltern notwendig sind und funktionieren. Welchen Anteil und welche Leistung die komplementär-medizinischen Fächer leisten können. Wie Heilpraktiker und Schulmediziner, die Medien und die Politik mit diesem Thema umgehen können, sollten oder müssen. Was ist notwendige Prävention/Therapie/Verantwortung? Wo hört das „Elternrecht vor Kinderrecht“ auf? Ab wann muss die Gesellschaft die Kinder schützen? Ist es Körperverletzung, wenn ich Luna trotzdem geimpft hätte?

Aber nein, es bekriegen sich Ärzte und Heilpraktiker auf einer nicht angemessen Art und Weise. Schießen mit Kanonen, blind, ohne Ziel. Erschreckend und sehr schade. Eine Begegnung auf Augenhöhe, Diskussion anstatt Verschlossenheit, Miteinander anstatt Gegeneinander. Das hätte ich mir gewünscht. Das gibt es nämlich auch…