Chirurgie: Schneiden Frauen besser?

Schere

Herr Ludwig ist besorgt. Zum einen, weil er heute operiert wird. Und noch viel mehr zum anderen, weil der Eingriff von mir durchgeführt wird. Der Mann hat gerade erst erfahren, dass es mich gibt. Die Existenz weiblicher Chirurgen sorgt seinerseits für große Überraschung.

Montag morgen, 7.00 Uhr. Ich gehe zu Herr Ludwig, 74 Jahre alt. Heute bekommt er eine neue Hüftprothese. Da ich diejenige sein werde, die ihn operiert, habe ich mir seine Krankheitsgeschichte angelesen, ihn untersucht und die Hüfte geplant.

Jetzt gehe ich zu ihm und zeichne mit einem dicken Filzstift ein Kreuz auf die linke Hüfte, damit wir auch die richtige Seite operieren. Doppelte und dreifache Kontrolle. Er ist etwas aufgeregt.

„Können Sie das überhaupt?“

„Kommt eigentlich auch noch der Operateur vor der OP bei mir vorbei? Bisher habe ich nur Sie gesehen.“

„Herr Ludwig, als ich mich Ihnen gestern vorgestellt habe, als Ihre Operateurin, meinte ich das auch so. Ich werde Sie heute operieren. Einer meiner Oberärzte wird Sie selbstverständlich mit mir zusammen operieren.“

„Sie? Aber können Sie das überhaupt? Braucht man dazu nicht sehr viel Kraft? Haben Sie damit überhaupt Erfahrung? Ich wusste nicht, dass das auch Frauen machen.“

Männer und Frauen am OP-Tisch – Der Vergleich: Lest weiter bei doccheck.com

 

Bildquelle: flickr.com, by Bernd Hutschenreuther

Gustav, Gerda, Karla, Umut und ich

Diversity

Meinen Dialekt habe ich mir abtrainiert. In einer deutschen Großstadt hält sich der nicht lange. Zu anstrengend. Man wird nicht verstanden. Und die Patienten halten einen irrtümlicherweise für dümmlich.

Das mit der Kommunikation ist so schon schwierig genug. Patient Gustav hat die Hörgeräte vergessen, Patientin Gerda die Hörgeräte nicht eingeschalten, Patientin Karla will einfach nicht verstehen und Patient Umut versteht weder Dialekt noch Deutsch.

Gustav brülle ich also an, sodass nach 2 Minuten die halbe Notaufnahme erschrocken neben mir steht. Gerdas Hörgeräte schalte ich an und für Karla habe ich leider keine Lösung.

Für Umut stehen mir in unserem Krankenhaus ungefähr 20 Muttersprachler zur Verfügung. Sie stehen alle auf einer Liste eingetragen. Manche meiner Kollegen sprechen 7 Sprachen, flüssig. Unglaublich, das macht mich oft neidisch. Manche werden zur Zeit hauptsächlich als Dolmetscher tätig. Adnan, der eigentlich in unserer Kantine arbeitet, ist praktisch ununterbrochen dafür zuständig, Aufklärungen ins Pakistanische zu übersetzen. Er sollte Geld dafür verlangen. Weiß er, wieviel Geld er damit verdienten könnte? Adnan lacht nur. Er macht das gerne, wie er immer wieder erklärt.

Irgendwie gefällt mir diese Internationalität in unseren Kliniken. In meiner eigenen Abteilung ist praktisch halb Europa vertreten. Meine Kollegen wundern sich über deutsche Umgangssprache und Verhaltensweisen und erzählen mir davon, wie Medizin in ihren Ländern praktiziert wird. Es ist lehrreich, interessant und gibt mir einen kleinen Einblick in eine andere Welt. Ich muss mal wieder schmunzeln. Die Internisten übergeben gerade ihre Patienten für die Nachtschicht, in ungarisch. Diese Sprache ist unglaublich.

Leider ist diese internationale Kommunikation nicht immer einfach. Patient Ludwig hat sich heute schriftlich beschwert. Die Ärzte hatten auf Intensivvisite seinen Fall am Patientenbett besprochen. Danach war er auf Normalstation verlegt und nach Hause entlassen worden. Leider war dieses Gespräch auf serbisch, sodass er den Verlauf und die Empfehlung in seinem Entlassbrief nachlesen musste.

Mein Kollege Jarin versichert mir auf Station, er habe alles im Griff und bejaht sämtliche meiner Fragen, bis sich herausstellt, dass er nur die Hälfte verstanden hat. Ich habe zu schnell gesprochen. Zwei neue Kollegen müssen sich erst noch daran gewöhnen, dass man in Deutschland auch mit der Pflege sprechen muss und in der Hektik der Morgenbesprechung gehen zwei Anweisungen des Chefarztes völlig unter.

Ich bin dazu übergegangen, mir für die Kommunikation mehr Zeit zu nehmen. Wenn ich mit jemandem spreche, schaue ich ihm in die Augen und frage direkt nach, ob ich verstanden werde. Übrigens nicht nur mit Kollegen, sondern auch mit Patienten. Was im Entlassbrief steht, ist nicht so wichtig. Hauptsache er hat verstanden, was er machen soll.

In der Visite bespreche ich das Prozedere mit Patientin Lauer. Ich muss häufig lachen. Sie kommt aus meiner Heimat, spricht Dialekt und macht Witze über ihr  operiertes Bein, das sie nun für sechs Wochen nicht belasten darf.

Jarin schüttelt vor der Türe den Kopf. „Lieschen, ich wusste gar nicht, dass du aus dem Ausland kommst. Welche Sprache war das?“ Ich lache. Meinen Dialekt kann ich wohl doch nicht ganz ausschalten, wenn man mich damit konfrontiert.

 

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Das Schnitzel und die neue Hüfte, bitte

Schnitzel

Samstag Abend. Wochenendtrip. Wandern in der Herbstsonne und Urlaubsfeeling. Einfach entspannend. Ich sitze im Restaurant und genieße mit meiner Familie das gute Abendessen. Hier gibt es das beste Schnitzel der Welt.

Findet auch der Gast am Nebentisch. Er verkörpert zu 100 Prozent das Klischee eines Wohlstands-Deutschen. Wir lachen uns schlapp über den unglaublich perfekt dargestellten Stereotyp. Das Schnitzel vor sich, das dritte Glas Bier, die Hose unter dem dicken Bauch wird mit Hosenträgern festgehalten. Er unterhält sich lautstark mit seinem Tischnachbarn, der ihm in Sachen Wohlstands-Klischee in nichts nach steht.

Leider schlägt das Gespräch schnell um. Statt über das gute Essen wird jetzt über Gesundheits- und Krankheitsthemen gesprochen, sodass meine Entspannung irgendwie nachlässt. Schade.

Von Hüften, Herzinfarkten und Diabetes: Alles klein Problem mehr.

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Ich warte aber schon so lange…

Warten

Samstag. Die Notaufnahme ist seit sieben Uhr gefüllt. Was die Dringlichkeit der zu behandelnden Fälle angeht, ergibt sich das Ranking dringend, sehr dringend und extrem dringend.

Der dringende Fall, ein Mädchen mit gebrochenem Arm, muss seit vier Stunden warten.

Stürze vom Vortag, sechs Patienten mit RTW und Notarzt, ein Autounfall mit zwei Hochrasanztraumata. Ich sage der Aufnahmeschwester, sie soll die wartenden Patienten informieren. Die Wartezeit wird sich verlängern.

Ich sprinte also zwischen Schockraum, CT und Intensivstation hin und her, bis ich zu Carolin komme. Sie wartet bereits seit vier Stunden. Sie ist zwölf Jahre alt. Leider hat sie sich den Unterarm gebrochen, als sie vom Klettergerüst gestürzt ist. Blöd ist nur, dass die Fraktur offen ist. Wir müssen sie operieren. Unter der sechs Stunden Grenze werden wir nun leider nicht bleiben können.

Wie schnell hätte ich behandeln müssen?

 

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Wen das Rehkitz zur Hirschkuh wird

Reh

Kollegin Frischling ist ein entzückendes Rehkitz. Wissbegierig, neugierig, ambitioniert, motiviert. Die helfende Hand im Team. Das unsichtbare, intelligente, kleine Wesen, das irgendwie immer da ist. Überall herum tollt und alles in sich auf saugt wie ein Schwamm.

Das Reh springt von der Notaufnahme auf Station, in den OP, zurück in die Notaufnahme, zur Sekretärin und verweilt dann bis spät abends vor dem PC, um die übrig gebliebenen Arztbriefe zu diktieren. Den Kollegen Mc Sexy, Oberfeldwebel und Co. fällt sie nicht weiter auf. Außer, dass sie weniger unangenehme Arbeit erledigen müssen. Die Viggos sind am Nachmittag alle schon gelegt, die Aufklärungen erledigt und am frühen Morgen die liegen gelassenen Arztbriefe wie von Geisterhand geschrieben.

Das Reh nimmt auch keinen Urlaub. Dass die Urlaubspläne für das Jahr schon fertig sind, fällt dem Reh im August ein. Wenn es heiß wird, und die Freunde Bilder vom Strand schicken. Die Antwort „Nein“ gibt es im Wortschatz des Rehs nicht. „Ja, selbstverständlich bleibe ich noch etwas länger, Herr Oberarzt.“ „Natürlich kann ich den Wochenenddienst übernehmen, Kollege.“ Das Reh wird allerdings immer schwächer und dünner. Die Haare werden dünn und die Knochen unter den Scrubs sichtbar. Ohne Schlaf und ohne regelmäßiges Essen gibt es keine Regeneration. Irgendwann wird auch das strebsamste Reh müde.

Und dann kommt die Stunde der Wahrheit.

Wird das Rehkitz nun zur Hirschkuh oder nicht. Natürlich muss diese Entscheidung vom Rehkitz gefällt werden. Aber da gibt es ja glücklicherweise noch einige Hirsche im Feld. Die immer ein Auge auf die heranwachsenden Zöglinge haben. Die im OP irgendwann die Haken halten und dem Rehkitz das Skalpell übergeben. „So, Frau Frischling. Dies ist ihre OP. Ich bin ihr Assistent. Legen Sie los.“ Und sollte ein Problem auftreten, dem Rehkitz einen kleinen Stups geben. „Ja, ich sehe, dass die Reposition geschlossen nicht geht. Was machen Sie jetzt? Entscheiden Sie sich. Ich bin nur ihr Assistent.“

Die Hirsche, die sich im Schockraum hinter das Rehkitz stellen und ihr das Wort überlassen. Weil sie wissen, dass das Rehkitz nur so zur Hirschkuh wird. Kollegin Frischling ist diese Woche zur Hirschkuh geworden. „Nein, Kollege Oberfeldwebel. Ich kann morgen nicht die Station übernehmen. Ich stehe mit Oberarzt Hirsch den ganzen Tag im OP. Da muss jemand anderes die Stationsarbeit erledigen.“ Es sollte mehr solcher Hirsche im Feld geben. Rehkitze gibt es genug.

 

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Wer saufen kann, kann auch pöbeln

Alk 2

Ich hasse diese Diskussionen. Der Rettungswagen hat einen jungen Mann hergebracht, der jetzt vor mir steht bzw. schwankt. Es ist fünf Uhr morgens, er hat ein Monokelhämatom, es sickert Blut aus der Nase. Er ist betrunken und wenig kooperativ. Und ich bin genervt.

Der junge Mann wankt und schwankt und lallt. Leider nicht so betrunken, dass er nur noch liegen kann. Ein ebenso betrunkener Freund begleitet ihn. Die Polizei hat sie am Straßenrand aufgelesen und den Rettungswagen alarmiert.

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Bildquelle: flickr.com, by Theo Crazzolara