Gustav, Gerda, Karla, Umut und ich

Diversity

Meinen Dialekt habe ich mir abtrainiert. In einer deutschen Großstadt hält sich der nicht lange. Zu anstrengend. Man wird nicht verstanden. Und die Patienten halten einen irrtümlicherweise für dümmlich.

Das mit der Kommunikation ist so schon schwierig genug. Patient Gustav hat die Hörgeräte vergessen, Patientin Gerda die Hörgeräte nicht eingeschalten, Patientin Karla will einfach nicht verstehen und Patient Umut versteht weder Dialekt noch Deutsch.

Gustav brülle ich also an, sodass nach 2 Minuten die halbe Notaufnahme erschrocken neben mir steht. Gerdas Hörgeräte schalte ich an und für Karla habe ich leider keine Lösung.

Für Umut stehen mir in unserem Krankenhaus ungefähr 20 Muttersprachler zur Verfügung. Sie stehen alle auf einer Liste eingetragen. Manche meiner Kollegen sprechen 7 Sprachen, flüssig. Unglaublich, das macht mich oft neidisch. Manche werden zur Zeit hauptsächlich als Dolmetscher tätig. Adnan, der eigentlich in unserer Kantine arbeitet, ist praktisch ununterbrochen dafür zuständig, Aufklärungen ins Pakistanische zu übersetzen. Er sollte Geld dafür verlangen. Weiß er, wieviel Geld er damit verdienten könnte? Adnan lacht nur. Er macht das gerne, wie er immer wieder erklärt.

Irgendwie gefällt mir diese Internationalität in unseren Kliniken. In meiner eigenen Abteilung ist praktisch halb Europa vertreten. Meine Kollegen wundern sich über deutsche Umgangssprache und Verhaltensweisen und erzählen mir davon, wie Medizin in ihren Ländern praktiziert wird. Es ist lehrreich, interessant und gibt mir einen kleinen Einblick in eine andere Welt. Ich muss mal wieder schmunzeln. Die Internisten übergeben gerade ihre Patienten für die Nachtschicht, in ungarisch. Diese Sprache ist unglaublich.

Leider ist diese internationale Kommunikation nicht immer einfach. Patient Ludwig hat sich heute schriftlich beschwert. Die Ärzte hatten auf Intensivvisite seinen Fall am Patientenbett besprochen. Danach war er auf Normalstation verlegt und nach Hause entlassen worden. Leider war dieses Gespräch auf serbisch, sodass er den Verlauf und die Empfehlung in seinem Entlassbrief nachlesen musste.

Mein Kollege Jarin versichert mir auf Station, er habe alles im Griff und bejaht sämtliche meiner Fragen, bis sich herausstellt, dass er nur die Hälfte verstanden hat. Ich habe zu schnell gesprochen. Zwei neue Kollegen müssen sich erst noch daran gewöhnen, dass man in Deutschland auch mit der Pflege sprechen muss und in der Hektik der Morgenbesprechung gehen zwei Anweisungen des Chefarztes völlig unter.

Ich bin dazu übergegangen, mir für die Kommunikation mehr Zeit zu nehmen. Wenn ich mit jemandem spreche, schaue ich ihm in die Augen und frage direkt nach, ob ich verstanden werde. Übrigens nicht nur mit Kollegen, sondern auch mit Patienten. Was im Entlassbrief steht, ist nicht so wichtig. Hauptsache er hat verstanden, was er machen soll.

In der Visite bespreche ich das Prozedere mit Patientin Lauer. Ich muss häufig lachen. Sie kommt aus meiner Heimat, spricht Dialekt und macht Witze über ihr  operiertes Bein, das sie nun für sechs Wochen nicht belasten darf.

Jarin schüttelt vor der Türe den Kopf. „Lieschen, ich wusste gar nicht, dass du aus dem Ausland kommst. Welche Sprache war das?“ Ich lache. Meinen Dialekt kann ich wohl doch nicht ganz ausschalten, wenn man mich damit konfrontiert.

 

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Das Schnitzel und die neue Hüfte, bitte

Schnitzel

Samstag Abend. Wochenendtrip. Wandern in der Herbstsonne und Urlaubsfeeling. Einfach entspannend. Ich sitze im Restaurant und genieße mit meiner Familie das gute Abendessen. Hier gibt es das beste Schnitzel der Welt.

Findet auch der Gast am Nebentisch. Er verkörpert zu 100 Prozent das Klischee eines Wohlstands-Deutschen. Wir lachen uns schlapp über den unglaublich perfekt dargestellten Stereotyp. Das Schnitzel vor sich, das dritte Glas Bier, die Hose unter dem dicken Bauch wird mit Hosenträgern festgehalten. Er unterhält sich lautstark mit seinem Tischnachbarn, der ihm in Sachen Wohlstands-Klischee in nichts nach steht.

Leider schlägt das Gespräch schnell um. Statt über das gute Essen wird jetzt über Gesundheits- und Krankheitsthemen gesprochen, sodass meine Entspannung irgendwie nachlässt. Schade.

Von Hüften, Herzinfarkten und Diabetes: Alles klein Problem mehr.

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Ich warte aber schon so lange…

Warten

Samstag. Die Notaufnahme ist seit sieben Uhr gefüllt. Was die Dringlichkeit der zu behandelnden Fälle angeht, ergibt sich das Ranking dringend, sehr dringend und extrem dringend.

Der dringende Fall, ein Mädchen mit gebrochenem Arm, muss seit vier Stunden warten.

Stürze vom Vortag, sechs Patienten mit RTW und Notarzt, ein Autounfall mit zwei Hochrasanztraumata. Ich sage der Aufnahmeschwester, sie soll die wartenden Patienten informieren. Die Wartezeit wird sich verlängern.

Ich sprinte also zwischen Schockraum, CT und Intensivstation hin und her, bis ich zu Carolin komme. Sie wartet bereits seit vier Stunden. Sie ist zwölf Jahre alt. Leider hat sie sich den Unterarm gebrochen, als sie vom Klettergerüst gestürzt ist. Blöd ist nur, dass die Fraktur offen ist. Wir müssen sie operieren. Unter der sechs Stunden Grenze werden wir nun leider nicht bleiben können.

Wie schnell hätte ich behandeln müssen?

 

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Wen das Rehkitz zur Hirschkuh wird

Reh

Kollegin Frischling ist ein entzückendes Rehkitz. Wissbegierig, neugierig, ambitioniert, motiviert. Die helfende Hand im Team. Das unsichtbare, intelligente, kleine Wesen, das irgendwie immer da ist. Überall herum tollt und alles in sich auf saugt wie ein Schwamm.

Das Reh springt von der Notaufnahme auf Station, in den OP, zurück in die Notaufnahme, zur Sekretärin und verweilt dann bis spät abends vor dem PC, um die übrig gebliebenen Arztbriefe zu diktieren. Den Kollegen Mc Sexy, Oberfeldwebel und Co. fällt sie nicht weiter auf. Außer, dass sie weniger unangenehme Arbeit erledigen müssen. Die Viggos sind am Nachmittag alle schon gelegt, die Aufklärungen erledigt und am frühen Morgen die liegen gelassenen Arztbriefe wie von Geisterhand geschrieben.

Das Reh nimmt auch keinen Urlaub. Dass die Urlaubspläne für das Jahr schon fertig sind, fällt dem Reh im August ein. Wenn es heiß wird, und die Freunde Bilder vom Strand schicken. Die Antwort „Nein“ gibt es im Wortschatz des Rehs nicht. „Ja, selbstverständlich bleibe ich noch etwas länger, Herr Oberarzt.“ „Natürlich kann ich den Wochenenddienst übernehmen, Kollege.“ Das Reh wird allerdings immer schwächer und dünner. Die Haare werden dünn und die Knochen unter den Scrubs sichtbar. Ohne Schlaf und ohne regelmäßiges Essen gibt es keine Regeneration. Irgendwann wird auch das strebsamste Reh müde.

Und dann kommt die Stunde der Wahrheit.

Wird das Rehkitz nun zur Hirschkuh oder nicht. Natürlich muss diese Entscheidung vom Rehkitz gefällt werden. Aber da gibt es ja glücklicherweise noch einige Hirsche im Feld. Die immer ein Auge auf die heranwachsenden Zöglinge haben. Die im OP irgendwann die Haken halten und dem Rehkitz das Skalpell übergeben. „So, Frau Frischling. Dies ist ihre OP. Ich bin ihr Assistent. Legen Sie los.“ Und sollte ein Problem auftreten, dem Rehkitz einen kleinen Stups geben. „Ja, ich sehe, dass die Reposition geschlossen nicht geht. Was machen Sie jetzt? Entscheiden Sie sich. Ich bin nur ihr Assistent.“

Die Hirsche, die sich im Schockraum hinter das Rehkitz stellen und ihr das Wort überlassen. Weil sie wissen, dass das Rehkitz nur so zur Hirschkuh wird. Kollegin Frischling ist diese Woche zur Hirschkuh geworden. „Nein, Kollege Oberfeldwebel. Ich kann morgen nicht die Station übernehmen. Ich stehe mit Oberarzt Hirsch den ganzen Tag im OP. Da muss jemand anderes die Stationsarbeit erledigen.“ Es sollte mehr solcher Hirsche im Feld geben. Rehkitze gibt es genug.

 

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Wer saufen kann, kann auch pöbeln

Alk 2

Ich hasse diese Diskussionen. Der Rettungswagen hat einen jungen Mann hergebracht, der jetzt vor mir steht bzw. schwankt. Es ist fünf Uhr morgens, er hat ein Monokelhämatom, es sickert Blut aus der Nase. Er ist betrunken und wenig kooperativ. Und ich bin genervt.

Der junge Mann wankt und schwankt und lallt. Leider nicht so betrunken, dass er nur noch liegen kann. Ein ebenso betrunkener Freund begleitet ihn. Die Polizei hat sie am Straßenrand aufgelesen und den Rettungswagen alarmiert.

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Die Helden in Scrubs

Notarzt

Mc Sexy und Co.

Die Helden in Scrubs, die Unfallchirurgen aus dem Lehrbuch, die Notarztjacke lässig über der Schulter, das Selbstbewusstsein größer als die ohnehin schon stolz geschwellte Brust. Braun gebrannt, groß gewachsen, ein spektakuläres Charisma, das ständige Lächeln und ein sympathisches Zwinkern im Gesicht. Sie sind die Leader im Assistententeam, die Guten unter den Oberärzten, die Sympathischen in der Mannschaft.

Ihre Wirkung ist ihnen sehr wohl bekannt. Sie nutzen es für ihre Planung der Dienste, der Fortbildungstage, der Urlaube, der noch notwendigen Operationen für den OP-Katalog. Die Schwestern auf Station legen schon mal eine nächtliche Viggo, die Notaufnahmeschwestern lassen den lieben Herr Doktor auch eine Stunde länger nachts schlafen, bis sie den betrunkenen Patienten in Kabine 2 melden. Die Chef-Sekretärin erledigt etwas zusätzlichen Papierkram und die morgendlichen Attitüden werden mit einem Stück selbstgebackenem Kuchen besänftigt.

Die Patienten erinnern sich an sie und sagen ihnen eine heilende Wirkung durch die reine Anwesenheit nach. Sie kommen, um sich extra von ihnen operieren zu lassen. Die Patienten laden sie zu ihren Konzerten und Fußballspielen ein und verschenken schon mal Gutscheine für ein Abendessen. Die Mc Sexys betreten den Raum und die Patienten vergessen, warum sie eigentlich gekommen sind.

Natürlich nicht bei allen. Bei einigen Patientinnen führt es sogar zu verstärkten Beschwerden.

„Ist Mc Sexy denn heute nicht in der Notaufnahme? Letzte Woche und am Samstag war er nämlich hier. Er hat gemeint, wenn es nicht besser wird, soll ich unbedingt noch einmal zu ihm kommen.“

Aha, das bezweifle ich. „Nein, er hat heute keinen Dienst. Aber ich werde ihm ausrichten, dass sie da waren.“

„Ok. Hmm. Ja. Also, wann hat er denn wieder Dienst? Wissen Sie, er kennt ja jetzt meine Beschwerden und den Verlauf und so weiter.“

Heute musste ich an den Kollegen Mc Sexy schon meine geplante Unterschenkelfraktur abdrücken, weil sich die Patientin ausdrücklich nur von ihm operieren lassen wollte. Außerdem lagen zwei zusätzliche Patientenakten in meinem Fach, die noch dringend einen Entlassbrief brauchten. Unterstrichenes DRINGEND, mit der Unterschrift der Chefsekretärin, einem zusätzlichen Anruf von ihr und einer extra Email im Postfach. Aber der Kollege McSexy kommt eben nicht dazu. Jetzt, wo er den ganzen Tag im OP ist.

Mein Augenrollen kann ich nicht unterdrücken.

„Möchten Sie denn seine Telefonnummer haben? Die vom Krankenhaus oder die private Handynummer? Vielleicht die Handynummer seiner Frau oder die der Schwiegermutter? Dann könnten Sie gleich die nächsten Termine hier in der Notaufnahme direkt mit ihm abstimmen.“

Nein, das wollte sie dann doch nicht.

 

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„Sie sieht gut aus. Darf man das nicht sagen?“

 

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