Ich wünsche mir mehr Mittelfinger

Mittelfinger

Jahrgangstreffen der Uniabsolventen. Ein Graus. Stolz geschwellte Hühnerbrüste, verpackt in teure Klamotten, an den Handgelenken die Luxusuhren und um das Hals das Stethoskop. Für einige Männer wären Zollstöcke notwendig gewesen, um den Schwanzvergleich zu beenden. Ich hätte Eimer gebrauchen können. Mehrmals stündlich hatte ich das unwirkliche Gefühl, wieder schwanger zu sein. Die Übelkeit stand mir an der Unterlippe. Einige Male musste ich mich abrupt aus einem Gespräch abwenden, um nicht angeekelt das Gesicht zu verziehen. Andere wiederum stellten ihre lang gepflegten dünnen Körper mit masochistischem Einsatz zur Schau und konkurrierten um die schwärzesten Augenringe. Trübe Aussichten.

Aber dann waren da noch die  Menschlichen unter den Menschen. Was habe ich die Gespräche genossen. Die Ehrlichkeit und die Herzlichkeit. Mit den besten Witzen über unsere Berufsgruppe, die Ironie und den Sarkasmus im Gepäck, konnten mich meine liebevollen Chaoten davon überzeugen, dass es auch noch Ärzte mit Herz gibt. Welche mit Charme und Standhaftigkeit und mit Rückgrat und Mut. Für diese Menschen bin ich unglaublich dankbar.

Nach zahlreichen Erzählungen über die Arbeitsbedingungen meiner ehemaligen Kommilitonen/-innen, kann ich im Nachhinein nur eines sagen:

„Ich wünsche mir mehr Mittelfinger!“:

Woran es Ärzten in Kliniken definitiv nicht mangelt: 36-Stunden-Schichten. Schlafmangel. Opt-Out-Verträge als Grundvorausetzung für eine Anstellung. Woran es den meisten von ihnen leider sehr wohl mangelt, ist Mut. Warum lassen wir uns so viel gefallen?

Die Krankenhäuser sind überlastet. Überall herrscht Ärztemangel. Ärzte mit geeigneter Qualifikation zu finden, ist rar. Man wird an allen Ecken und Enden gebraucht. 

Die Arbeitsbedingungen sind schlecht. In noch weiten Teilen in Deutschland gibt es 24-Stunden- oder gar 36-Stunden-Schichten, Opt-Out-Verträge und keinen Freizeitausgleich. Überstunden gibt es nicht, viele Ärzte werden automatisch ausgestempelt und arbeiten unbezahlt weiter um die Patienten zu versorgen. Briefe müssen geschrieben, Entlassungen vorbereitet, Erythrozytenkonzentrate angehängt und Angehörigengespräche geführt werden. 

Sie tolerieren Schlafmangel, arbeiten krank, schimpfen über kranke Kollegen, lassen ihre Familie im Stich oder haben keine. Sie verzichten auf Freizeit, Geld und Gesundheit. 

Sie lassen es zu, von ihren Chefs beschimpft zu werden. Sie neigen den Kopf, wenn ihnen versprochene Tätigkeiten verwehrt werden. Sie akzeptieren cholerische Chefs, die sie vor anderen Mitarbeitern bloß stellen. 

Warum wehren sich die Ärzte nicht? In einer Generation, für die Freizeit und Familie scheinbar einen so hohen Stellenwert haben soll? Zu einer Zeit, in der sie ohne Probleme Forderungen stellen könnten? In der sie überall einen Job finden könnten? 

Werden solche Sachbehalte in den Kliniken besprochen, sieht man einstimmiges Kopfnicken. Kommt es zu Gesprächen mit Ober- und Chefärzten oder gar der Verwaltung, ist da nur noch gebücktes Kopfschütteln. 

Ich wünschte mir für unsere Generation mehr Mittelfinger. Für den Anfang würden mir auch ein gerader Rücken und zwei feste Beine auf dem Boden schon genügen.

 

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Bildquelle: flickr.com, by Mike Bonitz

Zerbröselter Rücken

zerbröselt

 

03:30 Uhr. Es ist Nacht. Herr Binder ist von einer Hebebühne gefallen. Sein Körper ist ein einziger Berg an zerbröselten Knochen. Er muss operiert werden, aber wir dürfen nicht. Da der Unfall auf der Arbeit passiert ist, muss er verlegt werden. Das zuständige Krankenhaus hat kein Bett frei.

Es ist Nacht, alles schläft. Naja, fast. Ich nicht. Ich bin nämlich auf der Suche. Nach einem Krankenhaus für meinen Patienten Herrn Binder. Im nahe gelegenen Fabrikwerk ist er am späten Abend von einer Hebebühne gestürzt. Instabile Wirbelkörperfraktur im Bereich der Brustwirbelsäule. Die Fraktur muss zeitnah operiert werden. Er muss dorsal stabilisiert werden und er wird einen Wirbelkörperersatz brauchen. Ein einziger Berg zerbröselter Knochen. Bisher hatte er keine sensomotorischen Ausfälle, laut Übergabe um 20 Uhr.

Da das Ganze bei der Arbeit passiert ist, werden wir die Fraktur nicht versorgen dürfen. Aufgrund Bettenmangels ist die Verlegung in das BG-Unfallkrankenhaus aber erst für den morgigen – korrigiere, den heutigen – Tag um 07:30 Uhr geplant.

Der Zustande des Patienten hat sich stark verschlechtert

Als ich jedoch um 03:30 Uhr auf die Intensivstation gerufen werde, ist nichts mehr wie zuvor. Herr Binder kann seine Beine nicht mehr bewegen. Der Blutdruck von Herrn Binder ist bei 180 mmHg systolisch. Entsprechende Medikamente zum Senken wurden verabreicht. Die Frequenz liegt immer noch bei 120 Schlägen/Minute. Sein Unterbauch ist prall gespannt, obwohl er wohl vor einer Stunde in die Urinflasche gepinkelt hat. Bei der Anlage eines Katheters entleeren sich 600 ml Urin, im Schwall.

Ich rufe meinen Oberarzt an. Herr Binder entwickelt eine beidseitige Paraparese. Der Patient muss auf den Tisch. Nach der Rücksprache soll ich den Patienten doch sofort verlegen. Mal eben so. Um 03:30 Uhr. Easy. Kein Problem.

Der diensthabende Arzt der BG-Unfallklinik ist begeistert. Er freut sich beinahe ausgelassen über meinen Anruf. Er versichert mir, seinen Oberarzt zu kontaktieren. Ich solle doch aber noch in der anderen Klinik mit Maximalversorgung anrufen und fragen, ob Herr Binder nicht dort unterkommen könne. Ich schicke beiden Kliniken per Teleradiologie die Röntgen- und CT-Bilder.

Hektisches Telefonieren, Gebrüll und Geduld

04:10 Uhr. Der Oberarzt aus der Klinik der Maximalversorgung brüllt mich am Telefon an. „Sind Sie absolut sicher? Wenn ich den Patienten jetzt bei uns auf den Tisch lege, falle ich für den weiteren Tag aus! Mein ganzes OP-Programm fällt auseinander! Und die BG-Unfallklinik? Warum übernehmen die denn nicht?“

Ich bitte ihn, diese Frage direkt mit der Unfallklinik zu klären.

04:50 Uhr. Ich werde nervös. Ich melde mich bei dem Arzt der Unfallklinik. Die Oberärzte der beiden Kliniken halten wohl gerade ein überaus nettes Gespräch miteinander, geprägt von außerordentlicher Freundlichkeit. Ich werde mich noch gedulden müssen.

05:10 Uhr. Ich erhalte den Anruf des Oberarztes aus der BG-Klinik. „Schicken Sie ihn, sofort. Mit Notarzt und RTW.“

Um 05:25 Uhr startet der Transport. Ganze zwei Stunden vor der eigentlich geplanten Verlegungszeit.

 

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Bildquelle: flickr.com, by Jonathan Grado

„Der Patient lehnt die Überwachung ab“

Koffer

Sonntagmorgen, 9 Uhr. Ich habe 15 der 80 Patienten auf unseren Stationen visitiert. Bereits jetzt sind drei ungeplante Entlassungen dazu gekommen. Patienten, die am Vortag betrunken und gestürzt auf unserer Station gelandet sind, möchten gerne nach Hause.

So auch eine junge Frau mit unkompliziertem Schädel-Hirn-Trauma, die nach 24 Stunden neurologischer Überwachung nun genug von der schnarchenden Bettnachbarin hat. Ein Berg an zusätzlicher Arbeit. Denn kein Patient verlässt das Haus ohne Entlassbrief. Schriftliche Anordnung vom Chef.

Nun gut, kein Problem. Die Patienten müssen sich nur etwas gedulden.

Als ich im 30. Zimmer ankomme, ist es bereits 11:30 Uhr. Ein weiterer Patient möchte gerne nach Hause gehen, da seine Freundin heute Geburtstag feiert. Er ist Anfang 20 und war vor drei Tagen als Fahrer in einen Autounfall verwickelt. Sein Schlüsselbein, mehrere Rippen und das Handgelenk sind gebrochen. Wir werden ihn erst Anfang nächster Woche operieren. Leider hat er auch noch eine kleine Milzlazeration. Ein subkapsuläres Hämatom, das konservativ behandelt wird. Erst heute Morgen wurde er von der Intensivstation auf unsere Normalstation verlegt. Die Hb-Werte sind stabil.

Mein Ratschlag kommt nicht gut an

Ich rate ihm, zu bleiben. Irgendwie hält er von meinem Ratschlag nichts. Er fühle sich eingesperrt, sagt er, ein Krankenhaus sei schließlich kein Gefängnis. Er könne selbst entscheiden und ihm gehe es gut. Zur operativen Versorgung käme er dann einfach am Dienstag wieder. Er merkt an, dass auch sein Bettnachbar nach Hause gehen dürfe. Und den habe schließlich vor zwei Tagen eine dicke Eisenstange am Schädel erwischt, das sei ja wohl schwerwiegender.

Er hat Recht. Natürlich darf er selbst entscheiden. Aber das mit der schwerwiegenden Traumafolge schätzt er leider falsch ein. Ich erkläre ihm ausführlich, was eine zweizeitige Milzruptur ist. Er entscheidet, dass er noch etwas Bedenkzeit braucht.

Ich werde kurz unterbrochen …

Der OP ruft an, meine Visite wird kurzfristig unterbrochen. Als ich um 15 Uhr aus dem OP komme, um die Visite zu beenden, entlässt sich der junge Mann gegen Unterschrift auf eigene Verantwortung nach Hause. Auf meinem ausgedruckten Bogen steht dick und fett unterstrichen: „lehnt stationäre Überwachung aufgrund potentieller Lebensgefahr ab. Komplikation: Tod.“

Ein Freund holt ihn ab. Seine Eltern darf ich, auf Nachfrage, nicht verständigen. Ich informiere meinen Oberarzt über die Details. Mir ist – selbst nach rechtlicher Absicherung – nicht wohl dabei. Ohne zu zögern, wählt er die angegebene Nummer der Eltern. Er informiert sie nicht gerade sachlich über die „Dummheit“ ihres Sohnes, sodass ich keine Stunde später einen neuen Aufnahmebericht für meinen nun doch einsichtigen Patienten anlegen muss. Oder sollte ich sagen darf?

 

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Bildquelle: flickr.com, by Martin Fisch

 

„Kleider machen Leute“

Kittel

Einige Kollegen lieben es mit wehendem Kittel durch die Flure die Klinik zu fegen. Mir fehlen dafür die Notfälle. Und zu langsam bin ich auch. Mein Kittel bleibt außerdem selten weiß. Stifte laufen aus und wenn ich ihn über den Stuhl hänge, schleift der Saum über den Boden. Ist das hygienisch?

Mein Kittel ist weiß. Naja, meistens. Gestern war die Brusttasche von den eingesteckten Stiften rot und blau. Manchmal ist er am Ende des Tages schwarz am Saum. Denn, wenn ich ihn ausziehe und über die Lehne des rollenden Schreibtischstuhls hänge, fallen die letzten 5 cm auf den Boden. Meistens rolle ich dann noch ein paar Meter zwischen den Schreibtischen hin und her, sodass immer ein Teil des Kittels unter die Rollen kommt.

Übersetzt heißt das: Meistens trage ich ihn nicht. Irgendwie finde ich den Kittel nicht besonders hygienisch. Und wenn es einmal sein muss, dann schiebe ich die Ärmel bis zum Ellenbogen hoch.

Unbequem sind Kittel außerdem

Ein paar Kollegen lieben die Erscheinung, sich selbst mit wehendem weißen Kittel durch die langen Flure rennen zu sehen. Für solche Späße habe ich zu wenig Notfälle und bin außerdem zu langsam.

Außerordentlich bequem ist der Kittel übrigens auch nicht. Meistens spannt er an den Schultern, lässt sich nicht zuknöpfen oder fällt an einem herunter, wie ein Sack. Insgesamt ist die gestellte Krankenhauskleidung nicht angenehm. Mit 90 °C ausgewaschen, hautirritierend gestärkt und mit dicken Hosennähten versehen, entspricht die Dienstkleidung eher der Marke Sträflingskleidung.

Man hüte sich vor Patientenkleidung

Ein Gutes jedoch hat sie. Ich muss sie nicht selbst waschen. Sie kann und darf dreckig werden. Ganz im Gegensatz zu den Kleidern der Patienten.

Da ist mir doch tatsächlich letztes Jahr ein Tropfen Blut auf die Anzugshose eines Patienten getropft. Dieses Jahr erreicht mich dann die Mitteilung unserer Klinikanwälte. Die Klinik habe die Reinigung der Hose bezahlen müssen. In Zukunft solle ich doch bitte darauf achten, die Kleidung der Patienten unversehrt zu lassen. Ansonsten müsse man mir die anfallenden Kosten in Rechnung stellen.

Vielleicht sollte mein Kittel doch eher orange oder schwarz-weiß gestreift sein.

 

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Bildquelle: flickr.com, by Ali McCarley

Das „Innere“ Auge

Auge

Die Station ist vollgepackt mit Patienten der Alterstraumatologie. Nicht, dass wir Zentrum der Alterstraumatologie wären. So mit Geriater, Internist, Extra Physio und Extra Ergo. Nein, auf unserer Station sind aktuell einfach nur alle alt und krank.

Zur Zeit wünschte ich mir diese Zertifizierung. Naja, nicht die Zertifizierung an sich, aber unbedingt den Geriater oder den Internisten. Alt und krank ist nämlich so eine spezielle Sache. Hier brennt das unfallchirurgische Herz nicht auf höchster Flamme. Es heizt eher wie eine schwache Glut um 4 Uhr morgens. Bei einigen meiner Kollegen zumindest.

Der ein oder andere reißt also jeden zweiten Tag 25 Pflaster von kleinen Wunden nach operierten pertrochantären Femurfrakturen, medialen Schenkelhalsfrakturen, Humeruskopffrakturen oder Radiusfrakturen. Ein postoperatives Labor wird abgenommen und vielleicht noch ein zweites im Verlauf. Das postoperative Röntgenbild erfolgt im Patientenbett. Und dann werden die alten bis sehr alten Patienten nach spätestens 7 Tagen ins Pflegeheim oder in die Kurzzeitpflege verlegt.

Erledigt. Wunderbare Sache.

Wenn da nur nicht das „innere Auge“ wäre. Ich kenne dieses Auge leider gut. Einige meiner Kollegen und Kolleginnen auch. Das sieht nämlich mehr als Pflaster, Hb und Quick. Das sieht Ödeme, Brustschmerzen, Dyspnoe, Exsikkose, Entzündungswerte, fehlende Ausscheidungen und absurde Elektrolytentgleisungen. Sachen gibt es.

Sachen, die doch sonst nur den Geriater interessieren. Oder den Internisten. Natürlich den ambulant behandelnden Facharzt, wenn es nach den wenigen unfallchirurgischen Kollegen in meinem Team geht, die auf Sparflamme brennen.

Manchmal haben sie, oder vielmehr die Patienten, Glück. Sparflamme ist sogar häufig eine geniale Sache. Die Patienten bleiben gar nicht so lange in unserer Behandlung, bis wir die Pneumonie, die Dekubiti oder die katheterassoziierten Infekte detektieren.

Manchmal eben aber auch nicht. Wenn etwa das perioperative Geschehen und das verordnete Voltaren bei der chronischen Niereninsuffizienz im Verlauf zur akuten Verschlechterung führt, die Elektrolyte entgleisen und die Patienten daran versterben. Oder die Dyspnoe erstes Anzeichen für die fulminante Lungenembolie ist. Oder hinter den Ödemen eine Herzinsuffizienz steckt, die bis zur akuten Entlastung großer Pleuraergüsse, unbehandelt bleibt.

Spätestens dann braucht man einen Anwalt und keinen Geriater mehr. Sachen gibt es.

 

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Bildquelle: flickr.com, by Conal Gallagher

Die Fehler der anderen

Fehler

Oft erzählen mir Kollegen von Fehlern, die andere Ärzte gemacht haben und die sie jetzt ausbaden müssen. Dass sie sich bei mir beschweren, ist zwar manchmal nervig, aber in Ordnung. Dass sie das auch im Beisein betroffener Patienten tun, ist in meinen Augen unkollegial.

„Welches Antibiotikum hat Ihr Hausarzt Ihnen verschrieben? Das ist nicht erste Wahl.“ Der Internist neben mir schüttelt den Kopf. „Wir schließen eine Thrombose aus und nehmen Ihnen Blut ab, um die Entzündungswerte zu kontrollieren. Ich denke, Sie müssen ein paar Tage stationär bei uns bleiben. Dann bekommen Sie das richtige Antibiotikum über die Vene.“

Das ist irgendwie unkollegial.

Der Patient sitzt Schultern zuckend auf der Liege und hat ein großes Fragezeichen im Gesicht. In unserem Aufenthaltsraum in der Notaufnahme fragt mich der Internist: „Clindamycin bei einem Erysipel. Warum denn sowas?“

„Vielleicht hat er eine Penicillinallergie?“

„Der Patient sagt Nein.“

„Aber musst du das so gegenüber dem Patienten äußern? Vielleicht hat sich der Hausarzt ja was dabei gedacht. Der Patient ist jetzt total verunsichert. Wahrscheinlich bereitet er gedanklich schon den Brief an den Rechtsanwalt vor. Das ist irgendwie unkollegial.“

Der Internist zuckt mit den Schultern. „Sei doch nicht immer so politisch korrekt. Ich muss jetzt den Mist ausbaden. Du hast doch gesehen, dass der Kerl i.v. Antibiose braucht.“

Ich seufze. Toll. Unter Ärzten. Echt klasse. Richtig himmlisch gute Voraussetzungen für ein gutes Miteinander.

„Komplikation über Komplikation. Ich rieche es schon.“

Später am Tag kommt der Patient mit der vermutlichen periprothetischen Oberschenkelfraktur aus der Reha angefahren. Der Notarzt, Kollege Oberfeldwebel aus meiner Abteilung, übergibt mir die Daten im Beisein des Patienten. „Herr Maier ist in der Reha gestürzt. Das ist bestimmt eine periprothetische Fraktur. Erst vor 10 Tagen hat er eine Kurzschaftprothese bekommen. Natürlich nicht bei uns. Das war der völlig falsche Prothesentyp für ihn.“

Herr Maier schaut ungläubig von einem Arzt zum Nächsten. Ich schüttle mal wieder den Kopf. „Herr Maier, wir machen jetzt mal ein Röntgenbild. Danach sehen wir weiter.“ Kollege Oberfeldwebel frage ich, was das denn soll.

„Warum sagst du so etwas? Auch noch im Beisein des Patienten?“

„Wenn das eine periprothetische Fraktur ist, weißt du selbst, wie das weiter geht. Jetzt der große operative Eingriff, keine Belastung, langer Krankenhausaufenthalt, Thrombose, Infekt, Ausbau, Komplikation über Komplikation. Ich rieche es schon. Dann möchte ich nicht Schuld sein. Und nebenbei bemerkt, stimmt es. Das war nichts für eine Kurzschaftprothese.“

Ich bin müde. Ich habe keine Lust, zu diskutieren. Ganz toll unter Ärzten, wirklich. Übrigens hatte der Patient mit dem Erysipel tatsächlich eine Thrombose. Allerdings auch eine Penicillinallergie, wie ihm zu später Stunde doch noch einfiel. Und mein Patient hatte einfach gar nichts. Er hatte sich einfach die Hüfte geprellt. Nach dem Fentanyl vom Kollegen Oberfeldwebel konnte er an seinen Unterarmgehstützen zurück in die Reha.

 

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Bildquelle: flickr.com, by John Loo