Diagnose durch die Hose

Hose

Da ist er. Der Patient mit der angekündigten Oberarmkopffraktur. Die Kollegin aus dem Tagdienst hat für die Übergabe alles perfekt vorbereitet. Als seine Röntgenbilder bei mir eintreffen, stehe ich allerdings mehr als verwirrt da.

Da ist er. Der Patient mit der angekündigten Oberarmkopffraktur. Die Kollegin aus dem Tagdienst übergibt ihn mir mündlich.

„Ich habe bereits einen Brief angelegt, ihn zum Röntgen angemeldet und der Pflege gesagt, sie solle ein Schmerzmittel verabreichen. Die Aufklärung liegt ausgedruckt auf seinen Papieren. Ist also alles fast fertig. Ciao! Guten Dienst dir.“
Ich bin begeistert. Alles ist vorbereitet, der Dienst beginnt entspannt.

Als ich das Röntgenbild sehe, bin ich allerdings etwas verwirrt. Es gibt ein Röntgenbild des Schulterblatts, der Clavikula, des Oberarms, des Ellenbogens, des Unterarms mit Handgelenk und eines des Thorax. Für eine Oberarmkopffraktur sind das irgendwie ganz schön viele Aufnahmen.

Vielleicht erklärt sich die Vielfalt der Röntgenbilder dadurch, dass man bei allen Aufnahmen einen ausgeprägten Weichteilschatten und ein verknittertes Etwas ausmachen kann. 

Denn das liegt an der Jacke. Die der Patient noch an hat. 

Bei einer „Diagnose durch die Hose“ ist exakte Lokalisation verständlicherweise etwas schwieriger. 

Bildquelle: Myriams Fotos, pixabay

Dieser Artikel erschien zuerst auf doccheck.com

Diskolärm im Krankenhaus

Man stelle sich vor, man läge krank im Bett, während neben einem LKWs vorbeifahren und Motorsägen lärmen. Schlimme Vorstellung? Klar. Aber: Der Geräuschpegel in Krankenhäusern ist von diesem Szenario gar nicht so weit entfernt. Über 100 dB werden mitunter auf Intensivstationen gemessen.

Die Geräuschkulisse im Krankenhaus ist beeindruckend. Insbesondere auf der Intensivstation, auf der ja eigentlich die stark erholungsbedürftigen Patienten liegen. Einer englischen Untersuchung zufolge werden hier Geräuschpegel von über 100 dB gemessen. Das entspricht lauter Musik, die man über Kopfhörer hört. Oder einem vorbeifahrenden LKW oder eine Motorsäge. Laut einem Artikel aus der SZ treten bei Dauerlärm dieser Art sogar Gehörschaden auf. Steigt die Lautstärke auf über 100 dB, entspricht das sogar dem Lärm von Kettensägen, Presslufthämmern und Diskotheken.

Und auch in deutschen Krankenhäusern ist es laut. Schon im Aufzug zur Intensivstation erhebe ich meine Stimme: „Legen Sie sich hin. Sie fallen uns sonst noch aus dem Bett.“ Ich betrete mit einer Notaufnahmeschwester die Intensivstation. Wir haben Mühe, den 83-jährigen betrunkenen Herrn mit der kleinen intrazerebralen Blutung zu beruhigen. Zweimal ist er bereits aus dem Bett gestiegen. Einmal hat er sich zwischen den Bettgittern eingeklemmt. Es ist 23 Uhr.

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Tausche Panzer gegen Umhang

Früher habe ich einen Panzer angelegt, bevor ich zum Nachtdienst in die Klinik ging. Nachts sind die Patienten aggressiver, man muss sich wappnen. Und trotzdem kann ich den Patienten heutzutage empathischer begegnen. Mutter zu sein hat mich etwas weicher gemacht.

Der kleine warme Rücken kuschelt sich an meinen Bauch. Der gemeinsame Mittagsschlaf am Wochenende ist ein schönes Ritual für das Kind und mich. Ich genieße diese zwei Stunden, der Schlaf ist tief und fest. Meist weckt mich das strampelnde Kind, indem eine Hand auf meiner Nase oder ein Fuß in meinem Unterbauch landet. Weniger Genuss, mehr Schmerz. Aber das lächelnde Kindergesicht tröstet mich sofort.

Der Schlaf ist wichtig für mich. Denn auch an diesem Wochenende werde ich nachts wieder arbeiten müssen. Ohne den Mittagsschlaf schaffe ich es nicht. Das Kind übrigens auch nicht, ein Glück.

Pöbelnde Alkoholiker und beißende Demente

Die Nachtdienste in den Krankenhäusern sind schon längst keine Bereitschaftsdienste mehr. Das Patientenaufkommen ist zu hoch. Aber eine Konsequenz wird bisher nicht gewünscht. Die Umstellung auf ein Schichtsystem möchte keiner. Also geben wir uns mit wenig Schlaf zufrieden.

Wenn ich abends das Haus verlasse, lege ich meinen Mutter-Umhang nicht ab. Ich ziehe ihn vielleicht etwas fester um mich. Die Arbeit in meinem Fachbereich erfordert Konzentration, Genauigkeit und Distanz. Neutralität, die Reduktion auf Fakten und Notwendigkeiten ist wichtig. 

Nachts treffe ich auf pöbelnde Alkoholiker, aggressive Boxer, ungeduldige Angehörige und kratzende, beißende Demente. Die Nervenenden sind angespannt, die müden Patienten verlieren oft ihre Hemmungen. Passive und aktive Aggressionen sind im täglichen Umgang Normalität geworden.

Die Distanz, die Geduld, das selbstsichere, schnelle und ruhige Auftreten sind unumgängliche Qualitäten, die man hier als Ärztin braucht. Eine etwas dickere Haut schadet nicht.

Es ist nicht mehr alles schwarz-weiß

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Die Patientin hat noch 1 Tag

1, Eins, One

Die heutige Visite wird ganz sicher ein Horrortrip. Der Chefarzt ist dabei und der Sozialdienst war länger krank. Viele Patienten bewegen sich gefährlich nah an der oberen Grenzverweildauer, einige haben sie längst überschritten. Bis Zimmer 6 hält der Chef es aus, dann brüllt er mich an.

Der Chefarzt begleitet heute Mittag die Visite. Vor jedem Zimmer bekommt er ein kurzes Briefing von mir, damit er weiß, welcher Patient sich im jeweiligen Zimmer befindet. Wir werden von einer größeren Gruppe begleitet. Sozialdienst, Physiotherapie, weitere Assistenzärzte, PJler, Bettenmanagement. 

Sollten sich Fragen ergeben, weiß jeder sofort die richtige Antwort. Ich bin für die Fragen zum medizinischen Hintergrund zuständig, der Sozialdienst für Fragen zu Hilfsmittel oder Kurzzeitpflege, die Physiotherapie kümmert sich um die Beweglichkeit und das Bettenmangement und um die Verweildauer. 

Der Chef braucht heute starke Nerven

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Bitte einmal die Hose runterziehen

Der junge Mann errötet, als ich ihn bitte, die Hose runterzuziehen. Er hat sich eine Einblutung an der Leiste zugezogen. Dort einen Verband anzulegen, ist für alle Beteiligten nicht das Angenehmste. Als ich frage, ob er lieber von einem Mann versorgt werden möchte, winkt er ab.

Wegen einer traumatischen Einblutung in der Leiste – Fahrradlenker, die übliche Anamnese – werden wir ihm einen Hüftkompressionsverband anlegen müssen. Es hat sich bereits ein großes Hämatom gebildet, das in den nächsten Tagen ausgeräumt werden muss. 

Die Anlage ist lästig, weil sie ein paar Minuten dauert und für den Patienten nicht immer angenehm. Der Verband wird um die Hüften, Leisten und den betroffenen Oberschenkel gewickelt. Man ist gut beraten, dem Patienten das Vorgehen vorher zu erklären, wenn man nicht wegen Belästigung angeklagt werden möchte. 

„Sie werden wohl schon häufiger einen Mann gesehen haben.“

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Kostenlose Lektüre für die ruhigen Tage

Merle singt "Frohe Weihnachten"

Die Notaufnahme ist geschmückt wie der Eingangsbereich des Weißen Hauses.

Vielleicht soll die überwuchernde Gemütlichkeit von der eigentlichen Hektik ablenken. Weihnachten steht vor der Tür.

Momentan arbeiten wir in der Klinik mit einem absoluten Minus an Assistenzärzten. Keine schöne Bescherung.

Über Weihnachten werde ich arbeiten müssen.  Ich besetze vor allem die Nachtdienste, um zumindest tagsüber ein wenig Zeit mit der Familie zu haben.  Frööööhliche Weihnachtszeit!

Aber dann irgendwann, wenn der ganze Spaß rum ist, wird es ruhig. Ein paar Minuten, Stunden, vielleicht sogar ein paar Tage.

Vielleicht auch bei euch?

Wer in der freien Zeit nicht auf meine Erlebnisse im Krankenhaus verzichten möchte, kann in meinen kostenlosen Lektüren bei DocCheck stöbern. 

Ich habe euch 10 Kurzgeschichten noch  kürzer zusammengefasst, damit ihr wisst, was euch in einer ruhigen Minute erwartet. „Kostenlose Lektüre für die ruhigen Tage“ weiterlesen