Die Patientin hat noch 1 Tag

1, Eins, One

Die heutige Visite wird ganz sicher ein Horrortrip. Der Chefarzt ist dabei und der Sozialdienst war länger krank. Viele Patienten bewegen sich gefährlich nah an der oberen Grenzverweildauer, einige haben sie längst überschritten. Bis Zimmer 6 hält der Chef es aus, dann brüllt er mich an.

Der Chefarzt begleitet heute Mittag die Visite. Vor jedem Zimmer bekommt er ein kurzes Briefing von mir, damit er weiß, welcher Patient sich im jeweiligen Zimmer befindet. Wir werden von einer größeren Gruppe begleitet. Sozialdienst, Physiotherapie, weitere Assistenzärzte, PJler, Bettenmanagement. 

Sollten sich Fragen ergeben, weiß jeder sofort die richtige Antwort. Ich bin für die Fragen zum medizinischen Hintergrund zuständig, der Sozialdienst für Fragen zu Hilfsmittel oder Kurzzeitpflege, die Physiotherapie kümmert sich um die Beweglichkeit und das Bettenmangement und um die Verweildauer. 

Der Chef braucht heute starke Nerven

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Bitte einmal die Hose runterziehen

Der junge Mann errötet, als ich ihn bitte, die Hose runterzuziehen. Er hat sich eine Einblutung an der Leiste zugezogen. Dort einen Verband anzulegen, ist für alle Beteiligten nicht das Angenehmste. Als ich frage, ob er lieber von einem Mann versorgt werden möchte, winkt er ab.

Wegen einer traumatischen Einblutung in der Leiste – Fahrradlenker, die übliche Anamnese – werden wir ihm einen Hüftkompressionsverband anlegen müssen. Es hat sich bereits ein großes Hämatom gebildet, das in den nächsten Tagen ausgeräumt werden muss. 

Die Anlage ist lästig, weil sie ein paar Minuten dauert und für den Patienten nicht immer angenehm. Der Verband wird um die Hüften, Leisten und den betroffenen Oberschenkel gewickelt. Man ist gut beraten, dem Patienten das Vorgehen vorher zu erklären, wenn man nicht wegen Belästigung angeklagt werden möchte. 

„Sie werden wohl schon häufiger einen Mann gesehen haben.“

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Kostenlose Lektüre für die ruhigen Tage

Merle singt "Frohe Weihnachten"

Die Notaufnahme ist geschmückt wie der Eingangsbereich des Weißen Hauses.

Vielleicht soll die überwuchernde Gemütlichkeit von der eigentlichen Hektik ablenken. Weihnachten steht vor der Tür.

Momentan arbeiten wir in der Klinik mit einem absoluten Minus an Assistenzärzten. Keine schöne Bescherung.

Über Weihnachten werde ich arbeiten müssen.  Ich besetze vor allem die Nachtdienste, um zumindest tagsüber ein wenig Zeit mit der Familie zu haben.  Frööööhliche Weihnachtszeit!

Aber dann irgendwann, wenn der ganze Spaß rum ist, wird es ruhig. Ein paar Minuten, Stunden, vielleicht sogar ein paar Tage.

Vielleicht auch bei euch?

Wer in der freien Zeit nicht auf meine Erlebnisse im Krankenhaus verzichten möchte, kann in meinen kostenlosen Lektüren bei DocCheck stöbern. 

Ich habe euch 10 Kurzgeschichten noch  kürzer zusammengefasst, damit ihr wisst, was euch in einer ruhigen Minute erwartet. „Kostenlose Lektüre für die ruhigen Tage“ weiterlesen

Wenn Löwen Raben fressen

Löwen

„Der Kerl vor mir, hat einfach nichts verstanden. Jetzt fragt er mich schon zum dritten Mal das Gleiche. Was ich sage, scheint überhaupt nicht anzukommen. Absolut sinnlos meine Bemühungen.“

Das höre ich jeden Tag. In der Notaufnahme, auf den Stationen, bei den Anmeldungen. Dabei spreche ich nicht von fehlenden Deutschkenntnissen oder mangelnder Hörfähigkeit. Banale (???) Kommunikation.

Das Gegenüber scheint nicht zu verstehen oder verstehen zu wollen. Dabei liegt es meiner Meinung nach hauptsächlich an den unerfüllten Erwartungen der Patienten. Wir sehen die gewünschten Bedürfnisse nicht oder können sie nicht erfüllen.

Wie also kann man damit umgehen?

Ich darf nun alle Leser/innen, die sich einen so richtig vernünftigen Artikel zur Arzt-Patienten-Kommunikation erhoffen, zum Kollegen auf StrebensWert weiterleiten. Ein wunderbarer Artikel zur bedürfnisorientierten Kommunikation und Konfliktstrategie im Alltag.

Alle Leser/innen, die gerne lachen, sich nicht allzu wichtig nehmen und Platz für ein wenig ironische Komik haben, darf ich herzlich dazu einladen, weiterzulesen, zu diskutieren und zu kommentieren. Ich freue mich darauf.

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Ich wünsche mir mehr Mittelfinger

Mittelfinger

Jahrgangstreffen der Uniabsolventen. Ein Graus. Stolz geschwellte Hühnerbrüste, verpackt in teure Klamotten, an den Handgelenken die Luxusuhren und um das Hals das Stethoskop. Für einige Männer wären Zollstöcke notwendig gewesen, um den Schwanzvergleich zu beenden. Ich hätte Eimer gebrauchen können. Mehrmals stündlich hatte ich das unwirkliche Gefühl, wieder schwanger zu sein. Die Übelkeit stand mir an der Unterlippe. Einige Male musste ich mich abrupt aus einem Gespräch abwenden, um nicht angeekelt das Gesicht zu verziehen. Andere wiederum stellten ihre lang gepflegten dünnen Körper mit masochistischem Einsatz zur Schau und konkurrierten um die schwärzesten Augenringe. Trübe Aussichten.

Aber dann waren da noch die  Menschlichen unter den Menschen. Was habe ich die Gespräche genossen. Die Ehrlichkeit und die Herzlichkeit. Mit den besten Witzen über unsere Berufsgruppe, die Ironie und den Sarkasmus im Gepäck, konnten mich meine liebevollen Chaoten davon überzeugen, dass es auch noch Ärzte mit Herz gibt. Welche mit Charme und Standhaftigkeit und mit Rückgrat und Mut. Für diese Menschen bin ich unglaublich dankbar.

Nach zahlreichen Erzählungen über die Arbeitsbedingungen meiner ehemaligen Kommilitonen/-innen, kann ich im Nachhinein nur eines sagen:

„Ich wünsche mir mehr Mittelfinger!“:

Woran es Ärzten in Kliniken definitiv nicht mangelt: 36-Stunden-Schichten. Schlafmangel. Opt-Out-Verträge als Grundvorausetzung für eine Anstellung. Woran es den meisten von ihnen leider sehr wohl mangelt, ist Mut. Warum lassen wir uns so viel gefallen?

Die Krankenhäuser sind überlastet. Überall herrscht Ärztemangel. Ärzte mit geeigneter Qualifikation zu finden, ist rar. Man wird an allen Ecken und Enden gebraucht. 

Die Arbeitsbedingungen sind schlecht. In noch weiten Teilen in Deutschland gibt es 24-Stunden- oder gar 36-Stunden-Schichten, Opt-Out-Verträge und keinen Freizeitausgleich. Überstunden gibt es nicht, viele Ärzte werden automatisch ausgestempelt und arbeiten unbezahlt weiter um die Patienten zu versorgen. Briefe müssen geschrieben, Entlassungen vorbereitet, Erythrozytenkonzentrate angehängt und Angehörigengespräche geführt werden. 

Sie tolerieren Schlafmangel, arbeiten krank, schimpfen über kranke Kollegen, lassen ihre Familie im Stich oder haben keine. Sie verzichten auf Freizeit, Geld und Gesundheit. 

Sie lassen es zu, von ihren Chefs beschimpft zu werden. Sie neigen den Kopf, wenn ihnen versprochene Tätigkeiten verwehrt werden. Sie akzeptieren cholerische Chefs, die sie vor anderen Mitarbeitern bloß stellen. 

Warum wehren sich die Ärzte nicht? In einer Generation, für die Freizeit und Familie scheinbar einen so hohen Stellenwert haben soll? Zu einer Zeit, in der sie ohne Probleme Forderungen stellen könnten? In der sie überall einen Job finden könnten? 

Werden solche Sachbehalte in den Kliniken besprochen, sieht man einstimmiges Kopfnicken. Kommt es zu Gesprächen mit Ober- und Chefärzten oder gar der Verwaltung, ist da nur noch gebücktes Kopfschütteln. 

Ich wünschte mir für unsere Generation mehr Mittelfinger. Für den Anfang würden mir auch ein gerader Rücken und zwei feste Beine auf dem Boden schon genügen.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf doccheck.com

Bildquelle: flickr.com, by Mike Bonitz