Wenn Löwen Raben fressen

Löwen

„Der Kerl vor mir, hat einfach nichts verstanden. Jetzt fragt er mich schon zum dritten Mal das Gleiche. Was ich sage, scheint überhaupt nicht anzukommen. Absolut sinnlos meine Bemühungen.“

Das höre ich jeden Tag. In der Notaufnahme, auf den Stationen, bei den Anmeldungen. Dabei spreche ich nicht von fehlenden Deutschkenntnissen oder mangelnder Hörfähigkeit. Banale (???) Kommunikation.

Das Gegenüber scheint nicht zu verstehen oder verstehen zu wollen. Dabei liegt es meiner Meinung nach hauptsächlich an den unerfüllten Erwartungen der Patienten. Wir sehen die gewünschten Bedürfnisse nicht oder können sie nicht erfüllen.

Wie also kann man damit umgehen?

Ich darf nun alle Leser/innen, die sich einen so richtig vernünftigen Artikel zur Arzt-Patienten-Kommunikation erhoffen, zum Kollegen auf StrebensWert weiterleiten. Ein wunderbarer Artikel zur bedürfnisorientierten Kommunikation und Konfliktstrategie im Alltag.

Alle Leser/innen, die gerne lachen, sich nicht allzu wichtig nehmen und Platz für ein wenig ironische Komik haben, darf ich herzlich dazu einladen, weiterzulesen, zu diskutieren und zu kommentieren. Ich freue mich darauf.

„Wenn Löwen Raben fressen“ weiterlesen

Ich wünsche mir mehr Mittelfinger

Mittelfinger

Jahrgangstreffen der Uniabsolventen. Ein Graus. Stolz geschwellte Hühnerbrüste, verpackt in teure Klamotten, an den Handgelenken die Luxusuhren und um das Hals das Stethoskop. Für einige Männer wären Zollstöcke notwendig gewesen, um den Schwanzvergleich zu beenden. Ich hätte Eimer gebrauchen können. Mehrmals stündlich hatte ich das unwirkliche Gefühl, wieder schwanger zu sein. Die Übelkeit stand mir an der Unterlippe. Einige Male musste ich mich abrupt aus einem Gespräch abwenden, um nicht angeekelt das Gesicht zu verziehen. Andere wiederum stellten ihre lang gepflegten dünnen Körper mit masochistischem Einsatz zur Schau und konkurrierten um die schwärzesten Augenringe. Trübe Aussichten.

Aber dann waren da noch die  Menschlichen unter den Menschen. Was habe ich die Gespräche genossen. Die Ehrlichkeit und die Herzlichkeit. Mit den besten Witzen über unsere Berufsgruppe, die Ironie und den Sarkasmus im Gepäck, konnten mich meine liebevollen Chaoten davon überzeugen, dass es auch noch Ärzte mit Herz gibt. Welche mit Charme und Standhaftigkeit und mit Rückgrat und Mut. Für diese Menschen bin ich unglaublich dankbar.

Nach zahlreichen Erzählungen über die Arbeitsbedingungen meiner ehemaligen Kommilitonen/-innen, kann ich im Nachhinein nur eines sagen:

„Ich wünsche mir mehr Mittelfinger!“:

Woran es Ärzten in Kliniken definitiv nicht mangelt: 36-Stunden-Schichten. Schlafmangel. Opt-Out-Verträge als Grundvorausetzung für eine Anstellung. Woran es den meisten von ihnen leider sehr wohl mangelt, ist Mut. Warum lassen wir uns so viel gefallen?

Die Krankenhäuser sind überlastet. Überall herrscht Ärztemangel. Ärzte mit geeigneter Qualifikation zu finden, ist rar. Man wird an allen Ecken und Enden gebraucht. 

Die Arbeitsbedingungen sind schlecht. In noch weiten Teilen in Deutschland gibt es 24-Stunden- oder gar 36-Stunden-Schichten, Opt-Out-Verträge und keinen Freizeitausgleich. Überstunden gibt es nicht, viele Ärzte werden automatisch ausgestempelt und arbeiten unbezahlt weiter um die Patienten zu versorgen. Briefe müssen geschrieben, Entlassungen vorbereitet, Erythrozytenkonzentrate angehängt und Angehörigengespräche geführt werden. 

Sie tolerieren Schlafmangel, arbeiten krank, schimpfen über kranke Kollegen, lassen ihre Familie im Stich oder haben keine. Sie verzichten auf Freizeit, Geld und Gesundheit. 

Sie lassen es zu, von ihren Chefs beschimpft zu werden. Sie neigen den Kopf, wenn ihnen versprochene Tätigkeiten verwehrt werden. Sie akzeptieren cholerische Chefs, die sie vor anderen Mitarbeitern bloß stellen. 

Warum wehren sich die Ärzte nicht? In einer Generation, für die Freizeit und Familie scheinbar einen so hohen Stellenwert haben soll? Zu einer Zeit, in der sie ohne Probleme Forderungen stellen könnten? In der sie überall einen Job finden könnten? 

Werden solche Sachbehalte in den Kliniken besprochen, sieht man einstimmiges Kopfnicken. Kommt es zu Gesprächen mit Ober- und Chefärzten oder gar der Verwaltung, ist da nur noch gebücktes Kopfschütteln. 

Ich wünschte mir für unsere Generation mehr Mittelfinger. Für den Anfang würden mir auch ein gerader Rücken und zwei feste Beine auf dem Boden schon genügen.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf doccheck.com

Bildquelle: flickr.com, by Mike Bonitz

Zerbröselter Rücken

zerbröselt

 

03:30 Uhr. Es ist Nacht. Herr Binder ist von einer Hebebühne gefallen. Sein Körper ist ein einziger Berg an zerbröselten Knochen. Er muss operiert werden, aber wir dürfen nicht. Da der Unfall auf der Arbeit passiert ist, muss er verlegt werden. Das zuständige Krankenhaus hat kein Bett frei.

Es ist Nacht, alles schläft. Naja, fast. Ich nicht. Ich bin nämlich auf der Suche. Nach einem Krankenhaus für meinen Patienten Herrn Binder. Im nahe gelegenen Fabrikwerk ist er am späten Abend von einer Hebebühne gestürzt. Instabile Wirbelkörperfraktur im Bereich der Brustwirbelsäule. Die Fraktur muss zeitnah operiert werden. Er muss dorsal stabilisiert werden und er wird einen Wirbelkörperersatz brauchen. Ein einziger Berg zerbröselter Knochen. Bisher hatte er keine sensomotorischen Ausfälle, laut Übergabe um 20 Uhr.

Da das Ganze bei der Arbeit passiert ist, werden wir die Fraktur nicht versorgen dürfen. Aufgrund Bettenmangels ist die Verlegung in das BG-Unfallkrankenhaus aber erst für den morgigen – korrigiere, den heutigen – Tag um 07:30 Uhr geplant.

Der Zustande des Patienten hat sich stark verschlechtert

Als ich jedoch um 03:30 Uhr auf die Intensivstation gerufen werde, ist nichts mehr wie zuvor. Herr Binder kann seine Beine nicht mehr bewegen. Der Blutdruck von Herrn Binder ist bei 180 mmHg systolisch. Entsprechende Medikamente zum Senken wurden verabreicht. Die Frequenz liegt immer noch bei 120 Schlägen/Minute. Sein Unterbauch ist prall gespannt, obwohl er wohl vor einer Stunde in die Urinflasche gepinkelt hat. Bei der Anlage eines Katheters entleeren sich 600 ml Urin, im Schwall.

Ich rufe meinen Oberarzt an. Herr Binder entwickelt eine beidseitige Paraparese. Der Patient muss auf den Tisch. Nach der Rücksprache soll ich den Patienten doch sofort verlegen. Mal eben so. Um 03:30 Uhr. Easy. Kein Problem.

Der diensthabende Arzt der BG-Unfallklinik ist begeistert. Er freut sich beinahe ausgelassen über meinen Anruf. Er versichert mir, seinen Oberarzt zu kontaktieren. Ich solle doch aber noch in der anderen Klinik mit Maximalversorgung anrufen und fragen, ob Herr Binder nicht dort unterkommen könne. Ich schicke beiden Kliniken per Teleradiologie die Röntgen- und CT-Bilder.

Hektisches Telefonieren, Gebrüll und Geduld

04:10 Uhr. Der Oberarzt aus der Klinik der Maximalversorgung brüllt mich am Telefon an. „Sind Sie absolut sicher? Wenn ich den Patienten jetzt bei uns auf den Tisch lege, falle ich für den weiteren Tag aus! Mein ganzes OP-Programm fällt auseinander! Und die BG-Unfallklinik? Warum übernehmen die denn nicht?“

Ich bitte ihn, diese Frage direkt mit der Unfallklinik zu klären.

04:50 Uhr. Ich werde nervös. Ich melde mich bei dem Arzt der Unfallklinik. Die Oberärzte der beiden Kliniken halten wohl gerade ein überaus nettes Gespräch miteinander, geprägt von außerordentlicher Freundlichkeit. Ich werde mich noch gedulden müssen.

05:10 Uhr. Ich erhalte den Anruf des Oberarztes aus der BG-Klinik. „Schicken Sie ihn, sofort. Mit Notarzt und RTW.“

Um 05:25 Uhr startet der Transport. Ganze zwei Stunden vor der eigentlich geplanten Verlegungszeit.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf doccheck.com

Bildquelle: flickr.com, by Jonathan Grado

„Der Patient lehnt die Überwachung ab“

Koffer

Sonntagmorgen, 9 Uhr. Ich habe 15 der 80 Patienten auf unseren Stationen visitiert. Bereits jetzt sind drei ungeplante Entlassungen dazu gekommen. Patienten, die am Vortag betrunken und gestürzt auf unserer Station gelandet sind, möchten gerne nach Hause.

So auch eine junge Frau mit unkompliziertem Schädel-Hirn-Trauma, die nach 24 Stunden neurologischer Überwachung nun genug von der schnarchenden Bettnachbarin hat. Ein Berg an zusätzlicher Arbeit. Denn kein Patient verlässt das Haus ohne Entlassbrief. Schriftliche Anordnung vom Chef.

Nun gut, kein Problem. Die Patienten müssen sich nur etwas gedulden.

Als ich im 30. Zimmer ankomme, ist es bereits 11:30 Uhr. Ein weiterer Patient möchte gerne nach Hause gehen, da seine Freundin heute Geburtstag feiert. Er ist Anfang 20 und war vor drei Tagen als Fahrer in einen Autounfall verwickelt. Sein Schlüsselbein, mehrere Rippen und das Handgelenk sind gebrochen. Wir werden ihn erst Anfang nächster Woche operieren. Leider hat er auch noch eine kleine Milzlazeration. Ein subkapsuläres Hämatom, das konservativ behandelt wird. Erst heute Morgen wurde er von der Intensivstation auf unsere Normalstation verlegt. Die Hb-Werte sind stabil.

Mein Ratschlag kommt nicht gut an

Ich rate ihm, zu bleiben. Irgendwie hält er von meinem Ratschlag nichts. Er fühle sich eingesperrt, sagt er, ein Krankenhaus sei schließlich kein Gefängnis. Er könne selbst entscheiden und ihm gehe es gut. Zur operativen Versorgung käme er dann einfach am Dienstag wieder. Er merkt an, dass auch sein Bettnachbar nach Hause gehen dürfe. Und den habe schließlich vor zwei Tagen eine dicke Eisenstange am Schädel erwischt, das sei ja wohl schwerwiegender.

Er hat Recht. Natürlich darf er selbst entscheiden. Aber das mit der schwerwiegenden Traumafolge schätzt er leider falsch ein. Ich erkläre ihm ausführlich, was eine zweizeitige Milzruptur ist. Er entscheidet, dass er noch etwas Bedenkzeit braucht.

Ich werde kurz unterbrochen …

Der OP ruft an, meine Visite wird kurzfristig unterbrochen. Als ich um 15 Uhr aus dem OP komme, um die Visite zu beenden, entlässt sich der junge Mann gegen Unterschrift auf eigene Verantwortung nach Hause. Auf meinem ausgedruckten Bogen steht dick und fett unterstrichen: „lehnt stationäre Überwachung aufgrund potentieller Lebensgefahr ab. Komplikation: Tod.“

Ein Freund holt ihn ab. Seine Eltern darf ich, auf Nachfrage, nicht verständigen. Ich informiere meinen Oberarzt über die Details. Mir ist – selbst nach rechtlicher Absicherung – nicht wohl dabei. Ohne zu zögern, wählt er die angegebene Nummer der Eltern. Er informiert sie nicht gerade sachlich über die „Dummheit“ ihres Sohnes, sodass ich keine Stunde später einen neuen Aufnahmebericht für meinen nun doch einsichtigen Patienten anlegen muss. Oder sollte ich sagen darf?

 

Dieser Beitrag erschient zuerst auf doccheck.com

Bildquelle: flickr.com, by Martin Fisch

 

„Kleider machen Leute“

Kittel

Einige Kollegen lieben es mit wehendem Kittel durch die Flure die Klinik zu fegen. Mir fehlen dafür die Notfälle. Und zu langsam bin ich auch. Mein Kittel bleibt außerdem selten weiß. Stifte laufen aus und wenn ich ihn über den Stuhl hänge, schleift der Saum über den Boden. Ist das hygienisch?

Mein Kittel ist weiß. Naja, meistens. Gestern war die Brusttasche von den eingesteckten Stiften rot und blau. Manchmal ist er am Ende des Tages schwarz am Saum. Denn, wenn ich ihn ausziehe und über die Lehne des rollenden Schreibtischstuhls hänge, fallen die letzten 5 cm auf den Boden. Meistens rolle ich dann noch ein paar Meter zwischen den Schreibtischen hin und her, sodass immer ein Teil des Kittels unter die Rollen kommt.

Übersetzt heißt das: Meistens trage ich ihn nicht. Irgendwie finde ich den Kittel nicht besonders hygienisch. Und wenn es einmal sein muss, dann schiebe ich die Ärmel bis zum Ellenbogen hoch.

Unbequem sind Kittel außerdem

Ein paar Kollegen lieben die Erscheinung, sich selbst mit wehendem weißen Kittel durch die langen Flure rennen zu sehen. Für solche Späße habe ich zu wenig Notfälle und bin außerdem zu langsam.

Außerordentlich bequem ist der Kittel übrigens auch nicht. Meistens spannt er an den Schultern, lässt sich nicht zuknöpfen oder fällt an einem herunter, wie ein Sack. Insgesamt ist die gestellte Krankenhauskleidung nicht angenehm. Mit 90 °C ausgewaschen, hautirritierend gestärkt und mit dicken Hosennähten versehen, entspricht die Dienstkleidung eher der Marke Sträflingskleidung.

Man hüte sich vor Patientenkleidung

Ein Gutes jedoch hat sie. Ich muss sie nicht selbst waschen. Sie kann und darf dreckig werden. Ganz im Gegensatz zu den Kleidern der Patienten.

Da ist mir doch tatsächlich letztes Jahr ein Tropfen Blut auf die Anzugshose eines Patienten getropft. Dieses Jahr erreicht mich dann die Mitteilung unserer Klinikanwälte. Die Klinik habe die Reinigung der Hose bezahlen müssen. In Zukunft solle ich doch bitte darauf achten, die Kleidung der Patienten unversehrt zu lassen. Ansonsten müsse man mir die anfallenden Kosten in Rechnung stellen.

Vielleicht sollte mein Kittel doch eher orange oder schwarz-weiß gestreift sein.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf doccheck.com

Bildquelle: flickr.com, by Ali McCarley