Wenn Löwen Raben fressen

Löwen

„Der Kerl vor mir, hat einfach nichts verstanden. Jetzt fragt er mich schon zum dritten Mal das Gleiche. Was ich sage, scheint überhaupt nicht anzukommen. Absolut sinnlos meine Bemühungen.“

Das höre ich jeden Tag. In der Notaufnahme, auf den Stationen, bei den Anmeldungen. Dabei spreche ich nicht von fehlenden Deutschkenntnissen oder mangelnder Hörfähigkeit. Banale (???) Kommunikation.

Das Gegenüber scheint nicht zu verstehen oder verstehen zu wollen. Dabei liegt es meiner Meinung nach hauptsächlich an den unerfüllten Erwartungen der Patienten. Wir sehen die gewünschten Bedürfnisse nicht oder können sie nicht erfüllen.

Wie also kann man damit umgehen?

Ich darf nun alle Leser/innen, die sich einen so richtig vernünftigen Artikel zur Arzt-Patienten-Kommunikation erhoffen, zum Kollegen auf StrebensWert weiterleiten. Ein wunderbarer Artikel zur bedürfnisorientierten Kommunikation und Konfliktstrategie im Alltag.

Alle Leser/innen, die gerne lachen, sich nicht allzu wichtig nehmen und Platz für ein wenig ironische Komik haben, darf ich herzlich dazu einladen, weiterzulesen, zu diskutieren und zu kommentieren. Ich freue mich darauf.

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Ich komme gleich! Die Wette gilt.

Ich komme gleich. Die Wette gilt.

Paul hat Dienst. Der Allgemeinchirurg ist ein Chirurg aus dem Lehrbuch. Die Ärmel hoch gekrempelt, die vor Stolz geschwellte Brust, das Goldkettchen um den Hals. Alles passt. Er ist aber auch verantwortungsbewusst und hat ein Teddybären-Herz.

Jetzt sitzt neben mir in der Notaufnahme und hämmert wie wild auf seine Tastatur. Im 2-Finger-Schreibsystem. Die Fehlerquote ist so hoch, dass er noch ungehaltener wird. Damit gewinnt er kein Wettrennen.

Meine Finger eigenen sich für andere Tätigkeiten. Nicht für solchen Zettelkrams. Mit meinen Händen fasse ich lieber andere Sachen an, weißt du? Die können auch echt zärtlich sein. Da hat noch jede angefangen, zu schnurren.“ Er zwinkert mir zu.

Ich rolle lachend mit den Augen. „Dann hoffe ich sehr für dich, dass deine Katze nicht irgendwann zubeißt.“

Es ist 23.30 Uhr und die zwei Patienten, die auf sein Konto gingen, werden entlassen. 

Die anderen Patienten, die er mit beurteilen muss, gehören den Internisten. Fall 1: abführen. Fall 2: vielleicht doch noch OP?

Der Internist macht hinter Pauls Rücken die Bewegung eines Sprinters nach. Das Zeichen, dass ich mich beeilen muss, wenn meine Oma mit der Schenkelhalsfraktur noch vor Fall 2 in den OP soll.

Paul dreht sich um, als ich meinem Oberarzt anrufe und dem OP-Personal Bescheid gebe. Er verzieht die Augen zu Schlitzen.

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Liebesbrief

Brief

Ich habe jemanden kennen gelernt. Sie ist groß, hübsch, intelligent, fürsorglich, liebevoll. Klingt wie ein Liebesbrief. Sie wird meine Freundin. Da bin ich ziemlich sicher. Das spüre ich. Erstaunlich. Sie ist mein absolutes Gegenteil. Sie ist die Frau hinter ihrem Mann, die Mutter seiner Kinder, die Frau mit Lebensplan, mit mehreren zukünftigen Kindern, gewünschte Vollzeit Mama für viele Jahre, gläubig. Ihr Kind ist ähnlich alt wie meines. So haben wir uns kennen gelernt. Zwei Frauen mit Kinderwagen. Und jetzt treffen wir uns jede Woche, vielleicht alle zwei. Sie erzählt mir von einer Welt, die ich bisher nicht kannte. Von der Planung eines Kindes, zu einem ausgesuchten Zeitpunkt, von einer Schwangerschaft im gewünschten Berufsverbot, um sich ausreichend auf die Geburt und die Zeit als Mutter mit Kind vorzubereiten. Von einem unterstützenden Chef und Kollegen, die ihre Kinderpause befürworten. Von Nachmittagen mit einem Buch auf dem schwangeren Bauch, um dann doch lieber einzuschlafen. Von nachgelesenen, überlegten Erziehungskonzepten. Von Diskussionen mit dem Ehemann, den roten Faden für die Erziehung ihres Kindes zu finden. Von Werten und Vorstellungen, die das Kind in 2, 3 oder 10 Jahren betreffen.

Ich erzähle ihr von meinem Planeten. Von 24 Stunden Diensten, von Händen, die im Brustkorb eines Mannes stecken, während das Kind gegen die Bauchwand tritt. Von der Überlegung, wirklich schon wieder auf die Toiletten gehen zu müssen, während 30 Patienten in der Notaufnahme auf eine Behandlung warten. Von Müsliriegeln in der Kitteltasche um die Schwangerschaftsgelüste und Kreislaufschwäche zu therapieren. Von Kollegen, die nur mit den Schultern zucken und den Kopf schütteln, wenn man als schwangere Ärztin um die Transfusion von Erythrozytenkonzentraten bei einem infektiösen Patienten bittet. Von einem Fallenlassen ins Leben ohne Zukunftsplan, mit dem reinen Vertrauen auf sich selbst.

Wir könnten unterschiedlicher nicht sein. Und doch sind wir uns ähnlich. Jeder kämpft mit den Dämonen seiner Vorstellungen, seinen Bedürfnissen und dem Anfang eines neuen Lebens. Des Lebens mit Kind, als Partnerin eines Mannes, der von nun auch der Vater des gemeinsamen Kindes ist. Eines Lebens, das vielleicht anders anfängt, als gedacht oder geplant. Alles auf Neuanfang. Mit vielen Einflüssen und Ratschlägen von allen Seiten. Die jedoch seltenst den eigenen Vorstellungen entsprechen. Oder aber den Vorstellungen, sich aber nicht gut anfühlen. Von einem Leben, das von nun anders wird. Verwirrend, emotional, anstrengend, aufregend, eine unglaubliche Reise durch nicht enden wollende Tiefen und berauschende Höhen.

Umso häufiger ich sie sehe, desto spannender wird es. Desto freier fühle ich mich. Ich weiß, ich werde mich verändern. Und sie sich auch. Ohne dass wir es merken, werden wir uns wichtig werden. Wir können einander erzählen, was wir empfinden. Ohne, dass der andere darüber urteilt. Obwohl oder gerade weil wir so weit voneinander entfernt sind.

Ja, das ist ein Liebesbrief. An eine Freundschaft, die gerade erst entsteht.

 

Bildquelle: flickr.com, by Marco Verch

Ain’t your mama

Füße

Lotte ruft mich an. Sie war gerade mit ihrem Mann und den 2 Kindern im Urlaub. Zusammen mit einer befreundeten Familie waren sie in einem Ferienhaus mit Pool. Das hört sich entspannt an. Sommer, Sonne, Grillen und keinen interessiert die Uhrzeit. Leider hatte die Freundin der Familie, ebenfalls Mutter zweier Kinder, keinen Urlaub. Ständig auf Achse, Essen vorbereiten, kochen, Kinder umziehen, Kinder eincremen, Kinder wickeln, mit den Kindern spielen, die dreckigen Hosen der Kinder waschen, wieder eincremen und schließlich die Kinder ins Bett bringen. Mama-Aufgabe. War anscheinend noch nicht genug Arbeit. Dem Mann das Bier bringen, das Fleisch für den Grill richten, einkaufen gehen, den Mann eincremen, Badehose des Ehemanns waschen, ihm seinen gerichteten Teller bringen, das Eis als Nachtisch dazu und wieder das Bier. Ehefrauen-Aufgabe. Der Herr muss sich schließlich von der harten Arbeitswoche erholen.

Lotte hat sich bemüht, ihre Meinung nicht zu äußern. Hat sie natürlich, ich juble, nicht geschafft. Endergebnis: Lotte hatte einen seufzenden, Augen rollenden, verschwitzten Gegner der Gleichstellung erschaffen, aber ihre Freundin ein paar Stunden „frei“.

Bitte mehr davon: „Schenk dir dein Glas doch selbst ein.“ „Bügle deine Hemden alleine.“ „Bitte bringe die Kinder in den Kindergarten.“ und „Könntest du nachher einkaufen gehen?“

Oder: say it like Jennifer Lopez „Ain’t your Mama“. #Gleichstellung

Mehr von Lotte findet ihr hier:

Schulmedizin – Nein Danke!

Es geht auch ohne mich…

Einmal Wildnis und zurück!

Striptease

Mütter sind gute Ärztinnen – wenn sie denn dürfen!

 

Bildquelle: flickr.com, by jimynu

Der Mann, das starke Geschlecht

Männer-Parkplatz

Liebe Follower,

gestern Nacht hat mich eine Email erreicht, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Sie kommt von Steffen. Er ist ist Vater zweier Kinder und Ehemann einer Unfallchirurgin. Mein Artikel „Ihr Platz im Bus ist hinten – das sind die Plätze für Schwarze.“, hat ihn wohl ziemlich aufgewühlt. Er hat mir auch schon zum Artikel „Liebe Väter in Elternzeit,“, eine sehr berührende Nachricht geschickt. Diese Emails zeigen mir, wie sehr das Thema der Vereinbarkeit, nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer, belastet.

Lieber Steffen, vielen herzlichen Dank für deine Nachricht. Ich freue mich sehr darüber, die Email veröffentlichen zu dürfen. Auch in Zukunft freue mich sehr über deine ehrlichen Kommentare. Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute!

Brief von Steffen: 

Hallo Lieschen,

vielen Dank für deinen Artikel „Ihr Platz im Bus ist hinten, das sind die Plätze für Schwarze.“
Meine Frau ist ebenfalls Assistenzärztin in der Unfallchirurgie und wir haben zwei Kinder im Alter von 4 und 2 Jahren. So verfolgen wir mit großem Interesse deinen Blog. Was mir immer wieder hohen Blutdruck verschafft, sind die Beiträge zum Thema Männer-Frauen-Vereinbarkeit. Den hohen Blutdruck bekomme ich, weil ich diese Situationen absolut nachvollziehen kann und aus dem Leben meiner Frau und aus meinem eigenen Leben zu Genüge kenne. Deshalb folgt nun mein Appell an die Männer:

Männer, warum halten wir uns für das starke Geschlecht?

Ist es nicht stark, eure Söhne und Töchter (auf die ihr ja soooo stolz seid) zu gebären? Ist es nicht stark, nach den körperlichen und seelischen Anstrengungen einer Geburt, den schlaflosen Nächten danach, der Veränderung des eigenen Körpers, auch noch ein zweites, drittes, viertes oder fünftes Kind zu bekommen? „Ich habe echt noch Lust auf ein viertes Kind“ sagt mein Kollege, der unter der Woche 300 km entfernt von seiner Frau und den drei Kindern in einem Hotel wohnt, und sich am Wochenende auf halber Strecke mit seiner Familie bei seinen Schwiegereltern trifft. Ist das stark?

Sind wir so „stark“, dass wir Frauen für die gleiche Position und die gleiche Arbeit weniger Gehalt bezahlen?

Wäre es nicht stark, wenn wir Männer einen Tag frei nehmen, wenn unser Kind krank ist? Wäre es nicht stark, wenn wir nicht nur zwei „Vätermonate“ in den Urlaub fahren, sondern uns mehrere Monate um den oder die Kleine kümmern? Wäre es nicht stark, pünktlich zum Abendessen zu Hause zu sein um die Kinder ins Bett zu bringen? Wäre es nicht stark, in Teilzeit zu arbeiten, damit unsere Frauen wieder Vollzeit einzusteigen? Wäre es nicht stark, wenn wir kochen, waschen, bügeln, putzen, Windeln wechseln, Kinder anziehen und sie betreuen würden? Wäre es nicht stark, wenn arbeitende Frauen keine Rabenmütter und Väter, die zu Hause sind, keine Waschlappen oder Arbeitsverweigerer wären? Wäre es nicht stark, wenn jedes Paar seine Familie so organisieren könnte, wie es für sie möglich ist? Wäre es nicht stark, dies dann einfach zu akzeptieren? Und wäre es nicht stark, wenn das alles als „normal“ empfunden werden würde?

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Männer und Frauen. Biologische Unterschiede. Das ist alles. Aber es gibt kein starkes und kein schwaches Geschlecht. Es gibt kein besseres und kein schlechteres Geschlecht.

Und trotzdem machen wir diesen nicht vorhandenen Unterschied jeden Tag zum Thema und leben unseren Kindern vor, dass es da offensichtlich doch einen Unterschied gibt.

Es ist Zeit, das zu ändern!

Liebe Grüße,

Steffen

 

Bildquelle: flickr.com, by YouWatch