Was ist, was bleibt?

Bäume im Nebel

Ich stehe in einem Tunnel, bin umgeben von Nebel. 

Es zischen Autos und Motorräder an mir vorbei. Die Menschen sind konzentriert, lachen, weinen oder singen. Ich muss mich anstrengen, ihre Gesichtszüge zu erkennen. Sie fliegen an mir vorbei. Die Geschwindigkeit ist atemberaubend.

Dort sitzt der Mann mit der Kreissägenverletzung an der Hand am Steuer. Hier schwirrt der Junge aus dem Schockraum umher. Im Auto weiter vorne erkenne ich ein luxiertes Sprunggelenk, das bereits soweit operiert ist, dass ich nur noch die Platte fest schrauben muss. Den Menschen dazu kann ich nicht erkennen. Ich glaube, es war eine Frau.

Hinter mir stehen Wäscheberge, das Bügeleisen, ein ungeschmückter Weihnachtsbaum.

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Ich möchte keine Heldin sein

Babyotter

Unsere Arbeit ist wichtig. Unsere Arbeit ist schön, schrecklich, wunderlich, traurig, macht glücklich oder krank. In unserer Arbeit erbringen wir manchmal außergewöhnliche Leistungen. Das ist großartig. 

Dafür sollte man sich bedanken.

Aber wir sind keine Helden.

Wir lernen, studieren, arbeiten, üben und praktizieren bis wir es besser können. Wie in jedem Beruf. Die Tragweite mag für manche Menschen eine andere sein. Für viele ist jedoch der perfekte Hausbau wichtiger als das gesunde Knie. Alles Ansichtssache.

Was uns zu alltäglichen Helden macht, ist die Verbindung, körperliche und psychische Leistungen zu erbringen, die uns über unsere Belastungsgrenze hinaus katapultieren. Nicht nur Ärzte. Auch die vielen Menschen in der Pflege.

Wochen, in denen man 13 Tage am Stück arbeitet, mal 2 Stunden, mal 5 Stunden nachts schläft. Man schläft am Tag, mittags, im Sitzen oder im Stehen. Die Arbeitszeitrichtlinien werden  jeden Tag übergangen. Die Arbeitsintensität ist mit keiner Intensität der letzten Jahrzehnte vergleichbar. Das  Arbeitsaufkommen sprengt jegliche Grenzen.  Die gesetzlichen Regelungen gleichen einem Dschungel der Unmöglichkeiten.

Ein Luxusproblem? Früher ging es doch auch? „Ich möchte keine Heldin sein“ weiterlesen

Verabschiedung

Herz und Schatten

Es ist Samstag Abend, 19 Uhr. In einer Stunde beginnt der Nachtdienst. 

Das Energiebündel ist noch wach und kuschelt mit mir. Wir lesen ein Buch, wir singen ein Lied auf der Gitarre. Das Abendessen war entspannt. Wir haben den ganzen Tag miteinander geteilt. Das Frühstück, den Ausflug, den Mittagsschlaf. Ich genieße den kleinen Rücken an meiner Seite, wenn wir in der Mittagspause beide schlafen können.

Doch dann ist der genussvolle Teil des Tages vorbei.

Die Verabschiedung ist schwer. Ein langes Hinauszögern erschwert die Situation. Besser ist die konsequente Variante. Die ersten Male waren verdammt hart. Für das Kind, den Herr Müller und mich.

Es tut weh. Da ist der Zweifel. Dort ist es das Stechen mitten ins Herz. All die klagenden Stimmen über Rabenmütter bahnen sich den Weg nach oben. Die Müdigkeit, die Sehnsucht, die Wut und die Enttäuschung.

Danach das Adrenalin, das Zusammenbeißen, der Wechsel in das andere Ich. Das Bewusstsein der Entscheidung. Die Klarheit über die Notwendigkeit. Die Bestimmtheit . Die Ruhe.

Mittlerweile kennt der Zwerg die Situation.

Der Papa ist da. Die Mama kommt wieder. Küssen, drücken, umarmen, ein Winken vom Fenster. Heute klappt es gut.

Ich atme.

 

Bildquelle: flickr.com, by Marina del Castell

Mein geschätzter Kollege Arzt – mein Feind

Kollegen

Anna betritt die Notaufnahme. Sie ist 4.

Ihre Speiche, ein Knochen des Unterarms, ist gebrochen. Der Knochenbruch ist etwas verschoben. Wir gipsen den Arm trotzdem ein. Die Achsabweichung wird sich in diesem Alter verwachsen.

Die wichtigste Spielregel? Den Eltern erklären, was der Plan ist.

Ich erkläre das Vorgehen genau. Aber keine Woche später erhalte ich natürlich den bitterbösen Anruf eines niedergelassenen Kollegen.

Das Vorgehen sei unverantwortlich.

Anna sei mit ihren Eltern auf dem Weg in die große städtische Kinderorthopädie. Meine Approbation gehöre entzogen. Ich solle doch bitte wenigstens einen erfahrenen Arzt hinzuziehen. Zuweisungen in unser Krankenhaus würde er in Zukunft nur noch sehr eingeschränkt unterstützen.

Ich bedanke mich für den Anruf und rate ihm, sein Buch der Kindertraumatologie aufzuschlagen. Ich schlage ihm sogar eines vor: Eines, in das ich gesehen habe, bevor ich mich vergewisserte, dass mein Vorgehen lege artis ist. Er brüllt und schildert mir erbost seinen beruflichen Werdegang.

Vielleicht wird ihm der Entlassbrief der städtischen Kinderorthopädie helfen – mein Vorgehen wird nämlich in keinster Weise verändert.

Nur um sicher zu gehen, schlage ich das Lehrbuch erneut auf. Und finde genau an dieser Stelle den unten stehenden Text.

Auf der Suche nach einer passenden Beschreibung der Beziehung zwischen Arztkollegen?

Hier bitte: die trefflichste Beschreibung, der ich nichts hinzuzufügen weiß.

Kollegenhäme

Quelle: „Frakturen und Luxationen im Wachstumsalter“ – Lutz von Laer (eine der älteren Ausgaben)… wahrscheinlich ist das jetzt sogar eine #Anzeige. Oder gar #Werbung?

Bildquelle: flickr.com, by Dennis Skley

Berufswechsel als Mutter – warum?

Berufswechsel als Mutter

Seit ich Mutter bin, habe ich einen Satz so oft gehört, wie noch nie:

„Warum wechselst du nicht deinen Beruf?“ Meine Mutterrolle scheint sich nicht mit meiner Arbeit als Unfallchirurgin zu vertragen.

Freunde, Bekannte, Verwandte, Kollegen, Vorgesetzte. Viele fragen mich, warum ich nicht das Fach wechsle. „Wechsel in die Innere Medizin. Mach doch den Facharzt für Allgemeinmedizin. Das ist viel besser vereinbar mit deiner Mutterrolle. Oder was ist mit Anästhesie? Rehabilitationsmedizin vielleicht?“

Ich bin erschrocken, enttäuscht und traurig über diese Vorschläge. Nicht, dass sie mich überraschen. Nein. Mein Leben als Unfallchirurgin ist rasant. Ich arbeite nachts, am Wochenende, spät abends. Kein Homeoffice, keine flexiblen Arbeitszeiten, keine Gleitzeit am Morgen.

Die Vorstellung selbst, meinen Beruf als Frau auszuüben, scheint Thema zu sein.

Ich passe nicht ins Schema.

Auch wenn wir Frauen in unserem Fachbereich immer mehr werden – Normalität ist es für viele Menschen noch keine.

Eine Frau, die den Hammer in der Hand hält, um die Prothese einzuschlagen. Eine Frau, die das Skalpell führt, um ihre Hände in den Thorax eines Mannes zu schieben. Eine Frau, die dem Alkoholiker mit den Handschellen und der anwesenden Polizei, die Platzwunde im Gesicht zunäht. Eine Frau, die den Muskelprotz sediert und eine Hüfte reponiert. In unseren Operationen spritzt Blut. Wir tragen Brillen, Kittel und Handschuhe. Und ja, ab und an, bleibt ein Blutspritzer im Gesicht hängen. Wir sägen, hämmern, stöhnen und schwitzen. Wir arbeiten, planen, denken, trösten und fordern. „Berufswechsel als Mutter – warum?“ weiterlesen