Das „Innere“ Auge

Auge

Die Station ist vollgepackt mit Patienten der Alterstraumatologie. Nicht, dass wir Zentrum der Alterstraumatologie wären. So mit Geriater, Internist, Extra Physio und Extra Ergo. Nein, auf unserer Station sind aktuell einfach nur alle alt und krank.

Zur Zeit wünschte ich mir diese Zertifizierung. Naja, nicht die Zertifizierung an sich, aber unbedingt den Geriater oder den Internisten. Alt und krank ist nämlich so eine spezielle Sache. Hier brennt das unfallchirurgische Herz nicht auf höchster Flamme. Es heizt eher wie eine schwache Glut um 4 Uhr morgens. Bei einigen meiner Kollegen zumindest.

Der ein oder andere reißt also jeden zweiten Tag 25 Pflaster von kleinen Wunden nach operierten pertrochantären Femurfrakturen, medialen Schenkelhalsfrakturen, Humeruskopffrakturen oder Radiusfrakturen. Ein postoperatives Labor wird abgenommen und vielleicht noch ein zweites im Verlauf. Das postoperative Röntgenbild erfolgt im Patientenbett. Und dann werden die alten bis sehr alten Patienten nach spätestens 7 Tagen ins Pflegeheim oder in die Kurzzeitpflege verlegt.

Erledigt. Wunderbare Sache.

Wenn da nur nicht das „innere Auge“ wäre. Ich kenne dieses Auge leider gut. Einige meiner Kollegen und Kolleginnen auch. Das sieht nämlich mehr als Pflaster, Hb und Quick. Das sieht Ödeme, Brustschmerzen, Dyspnoe, Exsikkose, Entzündungswerte, fehlende Ausscheidungen und absurde Elektrolytentgleisungen. Sachen gibt es.

Sachen, die doch sonst nur den Geriater interessieren. Oder den Internisten. Natürlich den ambulant behandelnden Facharzt, wenn es nach den wenigen unfallchirurgischen Kollegen in meinem Team geht, die auf Sparflamme brennen.

Manchmal haben sie, oder vielmehr die Patienten, Glück. Sparflamme ist sogar häufig eine geniale Sache. Die Patienten bleiben gar nicht so lange in unserer Behandlung, bis wir die Pneumonie, die Dekubiti oder die katheterassoziierten Infekte detektieren.

Manchmal eben aber auch nicht. Wenn etwa das perioperative Geschehen und das verordnete Voltaren bei der chronischen Niereninsuffizienz im Verlauf zur akuten Verschlechterung führt, die Elektrolyte entgleisen und die Patienten daran versterben. Oder die Dyspnoe erstes Anzeichen für die fulminante Lungenembolie ist. Oder hinter den Ödemen eine Herzinsuffizienz steckt, die bis zur akuten Entlastung großer Pleuraergüsse, unbehandelt bleibt.

Spätestens dann braucht man einen Anwalt und keinen Geriater mehr. Sachen gibt es.

 

Dieser Artikel erschien auch auf doccheck.com

Bildquelle: flickr.com, by Conal Gallagher

„Irgendwann ist Feierabend“

Feierabend

„Arbeitende Mütter sind noch lange nicht so akzeptiert, wie arbeitende Väter.“

„Beruf und Familie klappen. Persönliche Freizeit bliebt nicht übrig.“

Wie ihre Leben als Ärztinnen und Mütter aussehen, schildern eine Chirurgin, eine Psychiaterin und eine Anästhesistin im Interview, hier auf dem Blog.

Die Interviews sind ehrlich, persönlich und ungeschönt. Sie handeln von Prioritäten, notwendiger Abgrenzung und dem Schritt, die Kinder in die Fremdbetreuung zu geben.

Vielen Dank für die Beantwortung der Interviewfragen! Ich bin sicher, dass sich einige angehende Ärztinnen und werdende Mütter fragen, wie eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf, möglich ist.

Wenn ihr auch Teil dieses Blogs werden und anderen Frauen ein Beispiel geben wollt – einfach mitmachen, Fragen beantworten und an mich zurück senden auf unfallchirurginundmutter[@]googlemail.com. Ich freue mich auf eure Antworten!

 

Bildquelle: flickr.com, by Rolf Dietrich Brecher

Die Fehler der anderen

Fehler

Oft erzählen mir Kollegen von Fehlern, die andere Ärzte gemacht haben und die sie jetzt ausbaden müssen. Dass sie sich bei mir beschweren, ist zwar manchmal nervig, aber in Ordnung. Dass sie das auch im Beisein betroffener Patienten tun, ist in meinen Augen unkollegial.

„Welches Antibiotikum hat Ihr Hausarzt Ihnen verschrieben? Das ist nicht erste Wahl.“ Der Internist neben mir schüttelt den Kopf. „Wir schließen eine Thrombose aus und nehmen Ihnen Blut ab, um die Entzündungswerte zu kontrollieren. Ich denke, Sie müssen ein paar Tage stationär bei uns bleiben. Dann bekommen Sie das richtige Antibiotikum über die Vene.“

Das ist irgendwie unkollegial.

Der Patient sitzt Schultern zuckend auf der Liege und hat ein großes Fragezeichen im Gesicht. In unserem Aufenthaltsraum in der Notaufnahme fragt mich der Internist: „Clindamycin bei einem Erysipel. Warum denn sowas?“

„Vielleicht hat er eine Penicillinallergie?“

„Der Patient sagt Nein.“

„Aber musst du das so gegenüber dem Patienten äußern? Vielleicht hat sich der Hausarzt ja was dabei gedacht. Der Patient ist jetzt total verunsichert. Wahrscheinlich bereitet er gedanklich schon den Brief an den Rechtsanwalt vor. Das ist irgendwie unkollegial.“

Der Internist zuckt mit den Schultern. „Sei doch nicht immer so politisch korrekt. Ich muss jetzt den Mist ausbaden. Du hast doch gesehen, dass der Kerl i.v. Antibiose braucht.“

Ich seufze. Toll. Unter Ärzten. Echt klasse. Richtig himmlisch gute Voraussetzungen für ein gutes Miteinander.

„Komplikation über Komplikation. Ich rieche es schon.“

Später am Tag kommt der Patient mit der vermutlichen periprothetischen Oberschenkelfraktur aus der Reha angefahren. Der Notarzt, Kollege Oberfeldwebel aus meiner Abteilung, übergibt mir die Daten im Beisein des Patienten. „Herr Maier ist in der Reha gestürzt. Das ist bestimmt eine periprothetische Fraktur. Erst vor 10 Tagen hat er eine Kurzschaftprothese bekommen. Natürlich nicht bei uns. Das war der völlig falsche Prothesentyp für ihn.“

Herr Maier schaut ungläubig von einem Arzt zum Nächsten. Ich schüttle mal wieder den Kopf. „Herr Maier, wir machen jetzt mal ein Röntgenbild. Danach sehen wir weiter.“ Kollege Oberfeldwebel frage ich, was das denn soll.

„Warum sagst du so etwas? Auch noch im Beisein des Patienten?“

„Wenn das eine periprothetische Fraktur ist, weißt du selbst, wie das weiter geht. Jetzt der große operative Eingriff, keine Belastung, langer Krankenhausaufenthalt, Thrombose, Infekt, Ausbau, Komplikation über Komplikation. Ich rieche es schon. Dann möchte ich nicht Schuld sein. Und nebenbei bemerkt, stimmt es. Das war nichts für eine Kurzschaftprothese.“

Ich bin müde. Ich habe keine Lust, zu diskutieren. Ganz toll unter Ärzten, wirklich. Übrigens hatte der Patient mit dem Erysipel tatsächlich eine Thrombose. Allerdings auch eine Penicillinallergie, wie ihm zu später Stunde doch noch einfiel. Und mein Patient hatte einfach gar nichts. Er hatte sich einfach die Hüfte geprellt. Nach dem Fentanyl vom Kollegen Oberfeldwebel konnte er an seinen Unterarmgehstützen zurück in die Reha.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf doccheck.com

Bildquelle: flickr.com, by John Loo

Jungen kochen, Mädels sägen, reicht nicht

Rollenverständnis

„Solange Väter Elternzeit ablehnen oder auf die zwei Anstandsmonate begrenzen, und auch sonst die Mutter dafür zuständig ist, ihre Termine zu verschieben, wenn etwas anders kommt als erwartet  – so lange sind Ärztin und Mutter sein, nicht zu vereinbaren.“

Eine Ärztin und Mutter von sechs Kindern berichtet auf meinem Blog, wie es ist, durch den Dschungel der Vereinbarkeit zu finden.

Ihre ausdrückliche Forderung: Wir müssen die Mädels im Kopf stark machen! Eine Vereinbarkeit ist nicht möglich, solange wir unsere Töchter, bewusst oder unbewusst, in ein altes Rollenschema hinein erziehen!

Hier geht es zum vollständigen Interview – vielen Dank dafür!

„Viele können nicht glauben, dass ich Mutter von sechs Kindern bin und noch arbeite.“

In einem weiteren Interview erzählt eine Anästhesistin und Mutter von 6 Kindern, wie es ist, ihren Alltag zu leben: einfühlsam, voll Freude, aber ohne die „After Work Party“. Vielen Dank!

Ich verneige mich vor euch. Für mich ist diese Aufgabe noch schwer vorstellbar, aber ich finde eure Antworten wunderbar ehrlich und inspirierend!

Wer mitmachen möchte  – HIER gibt es die Interviewfragen. Ausgefüllt einfach per Mail an unfallchirurginundmutter[@]googlemail.com oder als Kommentar zurück. Danke!

 

Bildquelle: flickr.com, by Frank Mago