„Ich WILL aber nicht!“

Trotzphase

Die 1-jährige liegt strampelnd auf dem Boden vor mir: „ICH WILL NICHT!“ Sie tritt und schreit und weint. Die Trotzphase sagt „HALLO“. Ich zucke mit den Achseln und lasse sie brüllen. Als das Schlimmste vorbei ist, hole ich ihr Kuscheltier und lenke sie ab. Eine lange Umarmung tröstet sie etwas.

Irgendwie bin ich neidisch. Einfach mal alles raus brüllen? Die ganze Anspannung, die runter geschluckten Kommentare, die einem auf der Zunge liegen, die nicht ausgesprochenen „NEIN“s des Alltags? Herrlich muss das sein! „„Ich WILL aber nicht!““ weiterlesen

Zurück in den Sattel

Pferd

Bald geht es zurück in den Sattel. Ich werde die anstrengenden, entspannten, freudigen, müden und glücklichen Tage in Elternzeit hinter mir lassen und wieder zur Arbeit im Krankenhaus übergehen.

Bis vor kurzem bestimmte eine innere Unruhe, zuweilen Aufregung und Angst dieses Thema. Wird mein Leben noch anstrengender und müder? Oder freudiger und glücklicher? „Zurück in den Sattel“ weiterlesen

Das Ei im Nest

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Die Nachbarklinik ruft an.

Fehlende OP-Kapazität. Knapp vor Ostern ist einfach alles ausgebucht.

Dabei hätten sie doch so gerne Frau Hase operiert. Die Frau mit der entzündlichen Coxarthrose. Die nun seit einer Woche so schmerzhaft ist, dass sie nicht mehr gehen kann. Aber vor Ostern wird das nichts mehr in der Nachbarklinik. Sie seien selbst zu Tode betrübt, die freundliche, verständige Patientin nicht operieren zu können. Aber zum Wohle der Patientin, hätten sie nun eben doch zum Telefonhörer gegriffen. Auch keine große Liste an Nebenerkrankungen sei bekannt. Keine Blutverdünner nehme die Patientin und das Herz sei auch schwer in Ordnung.

Der OP-süchtige Unfallchirurg greift natürlich beherzt zu. Eine größere Freude könnte er seinem Chef zum Osterfest nicht machen. Da bleibt das morgendliche Lob in der Besprechung sicherlich nicht aus. Und vielleicht wird es ja sein Ostergeschenk, diese Hüft-OP. Das macht sich besonders gut im OP-Katalog.

Als Frau Hase allerdings zur Aufnahme anrollt, wird schnell klar, dass die Nachbarklink mal wieder ein berüchtigtes Kuckucksei in unser Nest gelegt hat. Mit beinahe 180kg passt sie gerade eben so auf die maximale Belastbarkeit der OP-Säule. Da bekommt der Unfallchirurg und seine Abteilung mal richtig was zu arbeiten, so kurz vor Ostern.

 

Frohe Ostern!

 

Bildquelle: flickr.com, by Lori L. Stalteri

Ich wünsche mir mehr Mittelfinger

Mittelfinger

Jahrgangstreffen der Uniabsolventen. Ein Graus. Stolz geschwellte Hühnerbrüste, verpackt in teure Klamotten, an den Handgelenken die Luxusuhren und um das Hals das Stethoskop. Für einige Männer wären Zollstöcke notwendig gewesen, um den Schwanzvergleich zu beenden. Ich hätte Eimer gebrauchen können. Mehrmals stündlich hatte ich das unwirkliche Gefühl, wieder schwanger zu sein. Die Übelkeit stand mir an der Unterlippe. Einige Male musste ich mich abrupt aus einem Gespräch abwenden, um nicht angeekelt das Gesicht zu verziehen. Andere wiederum stellten ihre lang gepflegten dünnen Körper mit masochistischem Einsatz zur Schau und konkurrierten um die schwärzesten Augenringe. Trübe Aussichten.

Aber dann waren da noch die  Menschlichen unter den Menschen. Was habe ich die Gespräche genossen. Die Ehrlichkeit und die Herzlichkeit. Mit den besten Witzen über unsere Berufsgruppe, die Ironie und den Sarkasmus im Gepäck, konnten mich meine liebevollen Chaoten davon überzeugen, dass es auch noch Ärzte mit Herz gibt. Welche mit Charme und Standhaftigkeit und mit Rückgrat und Mut. Für diese Menschen bin ich unglaublich dankbar.

Nach zahlreichen Erzählungen über die Arbeitsbedingungen meiner ehemaligen Kommilitonen/-innen, kann ich im Nachhinein nur eines sagen:

„Ich wünsche mir mehr Mittelfinger!“:

Woran es Ärzten in Kliniken definitiv nicht mangelt: 36-Stunden-Schichten. Schlafmangel. Opt-Out-Verträge als Grundvorausetzung für eine Anstellung. Woran es den meisten von ihnen leider sehr wohl mangelt, ist Mut. Warum lassen wir uns so viel gefallen?

Die Krankenhäuser sind überlastet. Überall herrscht Ärztemangel. Ärzte mit geeigneter Qualifikation zu finden, ist rar. Man wird an allen Ecken und Enden gebraucht. 

Die Arbeitsbedingungen sind schlecht. In noch weiten Teilen in Deutschland gibt es 24-Stunden- oder gar 36-Stunden-Schichten, Opt-Out-Verträge und keinen Freizeitausgleich. Überstunden gibt es nicht, viele Ärzte werden automatisch ausgestempelt und arbeiten unbezahlt weiter um die Patienten zu versorgen. Briefe müssen geschrieben, Entlassungen vorbereitet, Erythrozytenkonzentrate angehängt und Angehörigengespräche geführt werden. 

Sie tolerieren Schlafmangel, arbeiten krank, schimpfen über kranke Kollegen, lassen ihre Familie im Stich oder haben keine. Sie verzichten auf Freizeit, Geld und Gesundheit. 

Sie lassen es zu, von ihren Chefs beschimpft zu werden. Sie neigen den Kopf, wenn ihnen versprochene Tätigkeiten verwehrt werden. Sie akzeptieren cholerische Chefs, die sie vor anderen Mitarbeitern bloß stellen. 

Warum wehren sich die Ärzte nicht? In einer Generation, für die Freizeit und Familie scheinbar einen so hohen Stellenwert haben soll? Zu einer Zeit, in der sie ohne Probleme Forderungen stellen könnten? In der sie überall einen Job finden könnten? 

Werden solche Sachbehalte in den Kliniken besprochen, sieht man einstimmiges Kopfnicken. Kommt es zu Gesprächen mit Ober- und Chefärzten oder gar der Verwaltung, ist da nur noch gebücktes Kopfschütteln. 

Ich wünschte mir für unsere Generation mehr Mittelfinger. Für den Anfang würden mir auch ein gerader Rücken und zwei feste Beine auf dem Boden schon genügen.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf doccheck.com

Bildquelle: flickr.com, by Mike Bonitz

„Ach, der schon wieder!“

Gespräch

Herr Dr. Super-Hausarzt vom Dienst schickt mal wieder den hoch akuten Bandscheibenvorfall vorbei. Der natürlich keiner ist. Wie wir ja alle schon wussten, bevor der Patient überhaupt untersucht wurde.

Denn unser Dr. Super-Hausarzt vom Dienst übertreibt gerne ein wenig. Oder ein ganz großes Bisschen mehr. Seine Einweisungsscheine werden grundsätzlich mit einem Augenrollen und Seufzen entgegen genommen.

Schon unsere Jüngste im Team, Kollegin Frischling, weiß genau, dass man in der Morgenbesprechung bei diesem Namen zu stöhnen hat. Dem ein oder anderen Oberarzt entweicht auch ab und zu ein „Der schon wieder.“ Oder ein „Nicht noch einer vom Super-Hausarzt.“

Dass Herr Dr. Super-Hausarzt vom Dienst auch nur seinen Job macht, wird gewissenhaft ignoriert. Ist ja auch einfacher, sich über die anderen zu beschweren. (siehe auch meinen Blogpost: „Die Fehler der anderen.“)

Allerdings ist mir dieses abschätzige Gerede oft zuwider. Ich fühle mich unter Druck gesetzt, keine Fehler zu machen. Dann könnten die anderen ja auch so über mich reden. Das wäre mir unangenehm. Leider bleiben aber die Fehler nicht aus. Das gehört nun einmal zum Lernprozess dazu.

Da schicke ich doch lieber einen verdächtigen Rückenschmerz in die Klinik, als den Bandscheibenvorfall zu übersehen. Oder?

Dass dieses unkollegiale Verhalten Auswirkungen auf uns hat und zu Unmut in der Abteilung führt, beschreibt Dr. Christopher Dedner in seinem Beitrag „Große Veränderung für kleines Geld“ auf seinem toll aufgebauten Blog „StrebensWert“. 

Ein toller Artikel über die Folgen der negativen Kommunikation. Und mit einem besonderen Highlight am Ende: Er erklärt uns, wie wir diese Kommunikation dauerhaft verändern können. Da könnten wir doch wirklich mal was lernen – DANKE!

 

Bildquelle: flickr.com, by Kompetenzzentrum: P…

 

Zerbröselter Rücken

zerbröselt

 

03:30 Uhr. Es ist Nacht. Herr Binder ist von einer Hebebühne gefallen. Sein Körper ist ein einziger Berg an zerbröselten Knochen. Er muss operiert werden, aber wir dürfen nicht. Da der Unfall auf der Arbeit passiert ist, muss er verlegt werden. Das zuständige Krankenhaus hat kein Bett frei.

Es ist Nacht, alles schläft. Naja, fast. Ich nicht. Ich bin nämlich auf der Suche. Nach einem Krankenhaus für meinen Patienten Herrn Binder. Im nahe gelegenen Fabrikwerk ist er am späten Abend von einer Hebebühne gestürzt. Instabile Wirbelkörperfraktur im Bereich der Brustwirbelsäule. Die Fraktur muss zeitnah operiert werden. Er muss dorsal stabilisiert werden und er wird einen Wirbelkörperersatz brauchen. Ein einziger Berg zerbröselter Knochen. Bisher hatte er keine sensomotorischen Ausfälle, laut Übergabe um 20 Uhr.

Da das Ganze bei der Arbeit passiert ist, werden wir die Fraktur nicht versorgen dürfen. Aufgrund Bettenmangels ist die Verlegung in das BG-Unfallkrankenhaus aber erst für den morgigen – korrigiere, den heutigen – Tag um 07:30 Uhr geplant.

Der Zustande des Patienten hat sich stark verschlechtert

Als ich jedoch um 03:30 Uhr auf die Intensivstation gerufen werde, ist nichts mehr wie zuvor. Herr Binder kann seine Beine nicht mehr bewegen. Der Blutdruck von Herrn Binder ist bei 180 mmHg systolisch. Entsprechende Medikamente zum Senken wurden verabreicht. Die Frequenz liegt immer noch bei 120 Schlägen/Minute. Sein Unterbauch ist prall gespannt, obwohl er wohl vor einer Stunde in die Urinflasche gepinkelt hat. Bei der Anlage eines Katheters entleeren sich 600 ml Urin, im Schwall.

Ich rufe meinen Oberarzt an. Herr Binder entwickelt eine beidseitige Paraparese. Der Patient muss auf den Tisch. Nach der Rücksprache soll ich den Patienten doch sofort verlegen. Mal eben so. Um 03:30 Uhr. Easy. Kein Problem.

Der diensthabende Arzt der BG-Unfallklinik ist begeistert. Er freut sich beinahe ausgelassen über meinen Anruf. Er versichert mir, seinen Oberarzt zu kontaktieren. Ich solle doch aber noch in der anderen Klinik mit Maximalversorgung anrufen und fragen, ob Herr Binder nicht dort unterkommen könne. Ich schicke beiden Kliniken per Teleradiologie die Röntgen- und CT-Bilder.

Hektisches Telefonieren, Gebrüll und Geduld

04:10 Uhr. Der Oberarzt aus der Klinik der Maximalversorgung brüllt mich am Telefon an. „Sind Sie absolut sicher? Wenn ich den Patienten jetzt bei uns auf den Tisch lege, falle ich für den weiteren Tag aus! Mein ganzes OP-Programm fällt auseinander! Und die BG-Unfallklinik? Warum übernehmen die denn nicht?“

Ich bitte ihn, diese Frage direkt mit der Unfallklinik zu klären.

04:50 Uhr. Ich werde nervös. Ich melde mich bei dem Arzt der Unfallklinik. Die Oberärzte der beiden Kliniken halten wohl gerade ein überaus nettes Gespräch miteinander, geprägt von außerordentlicher Freundlichkeit. Ich werde mich noch gedulden müssen.

05:10 Uhr. Ich erhalte den Anruf des Oberarztes aus der BG-Klinik. „Schicken Sie ihn, sofort. Mit Notarzt und RTW.“

Um 05:25 Uhr startet der Transport. Ganze zwei Stunden vor der eigentlich geplanten Verlegungszeit.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf doccheck.com

Bildquelle: flickr.com, by Jonathan Grado