Mein Bart wird weiß

Weihnachtssterne

Seit einigen Tagen wächst mein Bart.

Unendlich lang wird er. Weiß, richtig flauschig. Auch meine Ohren und meine Nase werden deutlich länger, fast knollig. Aufgrund der Kälte ziehe ich meist meine roten Handschuhe und die lange Mütze an und meine Nase leuchtet rot.

Mein Garten wird von den Rentieren belagert und die kleinen Helferlein packen die Geschenke ein.

STOP!

Kleine Helferlein? Irgendwie fehlen die. Aber die Liste der vorweihnachtlichen Notwendigkeiten wächst täglich.

Weihnachtsmarkt im Kindergarten. 1 Wochenende? Nein, 3 Samstage werden für die Vorbereitungen veranschlagt. Zusätzliche abendliche Basteltermine, Plätzchen die zum Verkauf gebacken werden sollen und Schichten, die am Tag selbst übernommen werden müssen, stehen an.

Die unfallchirurgische Abteilung plant eine Weihnachtsfeier. Jeder bringt Plätzchen und einen Salat. Zusätzlich gibt es einen Wichteltag mit den Schwestern und ein Treffen zum Eislaufen.

Vergessen wir ja nicht die Nikolausfeier in der Kita. Natürlich mit mitgebrachten Plätzchen. Die Whatsapp-Gruppen leuchten mehrfach auf: wer besorgt die Geschenke für die Erzieher? Was selbst gebasteltes für die Turnlehrerin? Kochen wir den Eierlikör für die Musiklehrerin selbst? Päckchen für die Kinder in Armut müssen gepackt und Ehrenamtliche für den Schichtdienst am Kinderflohmarkt gefunden werden.

Meine Großfamilie schickt täglich neue Meldungen: üppige Geschenke für den Zwerg sind angedacht, die Weihachtsfeiertage werden geplant. Wer bringt welche Speise an welchem Tag? Welche Nichte, welcher Cousin wünscht sich was?

Mir schwirrt der Kopf. 

Besinnlich? Mein Bart färbt sich schon grau.

Ja, ich besinne mich. 

Ich kaufe einen Adventsstern, backe zwei Bleche Lebkuchen, trinke ein Glas Rotwein und befülle die Stiefel des Zwergs mit einer Mandarine, einem Mini-Schoko-Nikolaus und einem gekauften Selbstklebebild, das prima an die Fensterscheibe passt.

Für den Bastelabend besorge ich einige Flaschen Glühwein und die selbst gemachten Leckereien werden so lange verschenkt, bis sie aufgebraucht sind. Danach? Ist eben alle.

Die Samstage und Abendtermine werden ersatzlos gestrichen. An der Abteilungsfeier habe ich Dienst, beim Eislaufen passe ich. Beim Wichteln bringe ich eine Großpackung Nutella, an der Nikolausfeier Clementinen und Nüsse zum selber knacken.

Ich freue mich auf eine besinnliche Weihnachtszeit. Die wenigen Tage und Stunden, die mir, neben den stressigen Arbeitstagen, in den Wochen mit meiner Familie, bleiben, genieße ich. Ich setze mich in das gemütliche Wohnzimmer, male mit dem Zwerg Bilder, stelle Christbauchmschmuck aus Salzteig her (das gibt die Weihnachtsgeschenke!) und singe Weihnachtslieder.

Wer große Geschenke verschenke will – doch bitte an Kinder in Not. Für uns reicht eine Kleinigkeit und die Gemeinsamkeit an Weihnachten.

Ich wünsche euch allen eine frohe Vorweihnachtszeit und den Mut, Nein zu sagen.

Wie erlebt ihr denn die Vorweihnachtszeit? Ich freue mich auf eure Antworten!

Eure

Unterschrift Lieschen Müller

Bildquelle: flickr.com, by zhrefch

Was ist, was bleibt?

Bäume im Nebel

Ich stehe in einem Tunnel, bin umgeben von Nebel. 

Es zischen Autos und Motorräder an mir vorbei. Die Menschen sind konzentriert, lachen, weinen oder singen. Ich muss mich anstrengen, ihre Gesichtszüge zu erkennen. Sie fliegen an mir vorbei. Die Geschwindigkeit ist atemberaubend.

Dort sitzt der Mann mit der Kreissägenverletzung an der Hand am Steuer. Hier schwirrt der Junge aus dem Schockraum umher. Im Auto weiter vorne erkenne ich ein luxiertes Sprunggelenk, das bereits soweit operiert ist, dass ich nur noch die Platte fest schrauben muss. Den Menschen dazu kann ich nicht erkennen. Ich glaube, es war eine Frau.

Hinter mir stehen Wäscheberge, das Bügeleisen, ein ungeschmückter Weihnachtsbaum.

Es wird eng. „Was ist, was bleibt?“ weiterlesen

Ich möchte keine Heldin sein

Babyotter

Unsere Arbeit ist wichtig. Unsere Arbeit ist schön, schrecklich, wunderlich, traurig, macht glücklich oder krank. In unserer Arbeit erbringen wir manchmal außergewöhnliche Leistungen. Das ist großartig. 

Dafür sollte man sich bedanken.

Aber wir sind keine Helden.

Wir lernen, studieren, arbeiten, üben und praktizieren bis wir es besser können. Wie in jedem Beruf. Die Tragweite mag für manche Menschen eine andere sein. Für viele ist jedoch der perfekte Hausbau wichtiger als das gesunde Knie. Alles Ansichtssache.

Was uns zu alltäglichen Helden macht, ist die Verbindung, körperliche und psychische Leistungen zu erbringen, die uns über unsere Belastungsgrenze hinaus katapultieren. Nicht nur Ärzte. Auch die vielen Menschen in der Pflege.

Wochen, in denen man 13 Tage am Stück arbeitet, mal 2 Stunden, mal 5 Stunden nachts schläft. Man schläft am Tag, mittags, im Sitzen oder im Stehen. Die Arbeitszeitrichtlinien werden  jeden Tag übergangen. Die Arbeitsintensität ist mit keiner Intensität der letzten Jahrzehnte vergleichbar. Das  Arbeitsaufkommen sprengt jegliche Grenzen.  Die gesetzlichen Regelungen gleichen einem Dschungel der Unmöglichkeiten.

Ein Luxusproblem? Früher ging es doch auch? „Ich möchte keine Heldin sein“ weiterlesen

Merle erklärt: der Körper heilt es!

Die 3  jährige Johanna ist traurig. Ihre beste Freundin Lisa fehlt im Kindergarten. Lisa ist krank. Sie hat Fieber, Husten und Schnupfen.

Johanna wünscht sich, dass Lisa trotzdem kommt und mit ihr spielt. Leider geht das nicht. Denn Fieber ist ein Krankheitszeichen.

Johanna möchte, dass Lisa mit ihrer Mutter zum Kinderarzt geht. Dann kann er sie heilen und Lisa kann wieder in den Kindergarten kommen.

Das wäre wirklich toll! Aber leider geht das nicht so schnell. Man braucht schon etwas Geduld und Zeit.

Merle erklärt Johanna, wer Lisa wieder gesund macht. 

Der Körper hat Selbstheilungskräfte

Im Herbst ist es häufig, dass man Husten oder Schupfen hat. Erkältungsviren verursachen diese unangenehmen Zustand.

Nicht immer muss man deshalb zu Hause bleiben. Frische Luft, ein warmer Tee und etwas Ruhe helfen dem Körper, sich selbst zu heilen.

Kommt allerdings Fieber dazu, ist das ein Alarmzeichen. Der Körper ist krank. Jetzt braucht Lisa viel Ruhe und muss sich erholen. Wenn das Fieber länger anhält als 3 Tage, geht Lisas Mutter mit ihr zum Kinderarzt.

Es gibt viele Möglichkeiten, dem Körper beim gesund werden zu helfen. Aber die meiste Arbeit, erledigt er ganz von selbst! Wir müssen also gut auf ihn aufpassen. 

Viele Grüße

Unterschrift Lieschen Müller

Bildquelle: Eigene

Verabschiedung

Herz und Schatten

Es ist Samstag Abend, 19 Uhr. In einer Stunde beginnt der Nachtdienst. 

Das Energiebündel ist noch wach und kuschelt mit mir. Wir lesen ein Buch, wir singen ein Lied auf der Gitarre. Das Abendessen war entspannt. Wir haben den ganzen Tag miteinander geteilt. Das Frühstück, den Ausflug, den Mittagsschlaf. Ich genieße den kleinen Rücken an meiner Seite, wenn wir in der Mittagspause beide schlafen können.

Doch dann ist der genussvolle Teil des Tages vorbei.

Die Verabschiedung ist schwer. Ein langes Hinauszögern erschwert die Situation. Besser ist die konsequente Variante. Die ersten Male waren verdammt hart. Für das Kind, den Herr Müller und mich.

Es tut weh. Da ist der Zweifel. Dort ist es das Stechen mitten ins Herz. All die klagenden Stimmen über Rabenmütter bahnen sich den Weg nach oben. Die Müdigkeit, die Sehnsucht, die Wut und die Enttäuschung.

Danach das Adrenalin, das Zusammenbeißen, der Wechsel in das andere Ich. Das Bewusstsein der Entscheidung. Die Klarheit über die Notwendigkeit. Die Bestimmtheit . Die Ruhe.

Mittlerweile kennt der Zwerg die Situation.

Der Papa ist da. Die Mama kommt wieder. Küssen, drücken, umarmen, ein Winken vom Fenster. Heute klappt es gut.

Ich atme.

 

Bildquelle: flickr.com, by Marina del Castell

Mein geschätzter Kollege Arzt – mein Feind

Kollegen

Anna betritt die Notaufnahme. Sie ist 4.

Ihre Speiche, ein Knochen des Unterarms, ist gebrochen. Der Knochenbruch ist etwas verschoben. Wir gipsen den Arm trotzdem ein. Die Achsabweichung wird sich in diesem Alter verwachsen.

Die wichtigste Spielregel? Den Eltern erklären, was der Plan ist.

Ich erkläre das Vorgehen genau. Aber keine Woche später erhalte ich natürlich den bitterbösen Anruf eines niedergelassenen Kollegen.

Das Vorgehen sei unverantwortlich.

Anna sei mit ihren Eltern auf dem Weg in die große städtische Kinderorthopädie. Meine Approbation gehöre entzogen. Ich solle doch bitte wenigstens einen erfahrenen Arzt hinzuziehen. Zuweisungen in unser Krankenhaus würde er in Zukunft nur noch sehr eingeschränkt unterstützen.

Ich bedanke mich für den Anruf und rate ihm, sein Buch der Kindertraumatologie aufzuschlagen. Ich schlage ihm sogar eines vor: Eines, in das ich gesehen habe, bevor ich mich vergewisserte, dass mein Vorgehen lege artis ist. Er brüllt und schildert mir erbost seinen beruflichen Werdegang.

Vielleicht wird ihm der Entlassbrief der städtischen Kinderorthopädie helfen – mein Vorgehen wird nämlich in keinster Weise verändert.

Nur um sicher zu gehen, schlage ich das Lehrbuch erneut auf. Und finde genau an dieser Stelle den unten stehenden Text.

Auf der Suche nach einer passenden Beschreibung der Beziehung zwischen Arztkollegen?

Hier bitte: die trefflichste Beschreibung, der ich nichts hinzuzufügen weiß.

Kollegenhäme

Quelle: „Frakturen und Luxationen im Wachstumsalter“ – Lutz von Laer (eine der älteren Ausgaben)… wahrscheinlich ist das jetzt sogar eine #Anzeige. Oder gar #Werbung?

Bildquelle: flickr.com, by Dennis Skley