„Ärzte sind auch nur Menschen“-das Buch

Bücher
Liebe Follower,
der Dezember ist ein wundervoller Monat. Der Januar und Februar übrigens auch. Die Abende sind lang genug, um es sich mit einem guten Buch vor dem Kamin, auf der Couch oder im Bett gemütlich zu machen.
Zu wenig Zeit? So kurz vor Weihnachten? Vielleicht fehlt auch noch eine treffende Geschenkidee?
Hier könnt ihr beides kombinieren:
„Medizynicus“ alias Benno Armschlag aus medizynicus.de
hat aktuell sein neues Buch veröffentlicht.
„Ärzte sind auch nur Menschen“ – Neue Geschichten aus dem Kreiskrankenhaus Bad Dingenskirchen,
Paperback, 104 Seiten,
ISBN-13: 9783746047751,
Verlag: Books on Demand
€ 5,99
Mal wieder führt uns Benno Armschlag in seine Welt des Kreiskrankenhauses nach Bad Dingenskirchen.
Das Buch ist in wie ein Tagebuch aufgebaut und erzählt uns in prägnanten Kurzgeschichten von Bennos Alltag.
Also perfekt geeignet, abends im Bett noch zwei oder drei der Geschichten zu verschlingen.
Benno schildert seinen Alltag schonungslos ehrlich. Peinlichkeiten, Absurditäten, Obskuritäten, menschliche, rechtliche und soziale Abgründe werden
in kurzen Sätzen offenherzig aufs Papier gebracht. Dabei ist mehr als einmal Benno selbst der Kranke, Müde oder beinahe Verprügelte.
Hervorragend recherchierte medizinische Hintergründe werden mit alltäglichem und außergewöhnlichem Wissen aus Geschichte, Film und Alltag kombiniert. Die verständliche Schreibweise ermöglicht auch jedem „Nicht-Mediziner“ ein müheloses Folgen der Texte.
Ob die Pharmaindustrie, der Drogenabhängige, die arme/reiche Gesellschaft, der Kollege aus dem Nachbarort, die Angehörigen der steinalten Oma, der Chirurg oder die Nachtschwester – Benno kennt die Schwachstellen.
Tiefgründige Themen wie Leben, Lieben, Sterben, Recht und Gerechtigkeit, Zwischenmenschlichkeit, Fürsorge, Loyalität, Fehler, Laster und Überlastung werden scheinbar mühelos aufs Papier gebracht.
Die direkte Schreibweise zieht einen buchstäblich nach Bad Dingenskirchen. Benno kann die Spannung in den Geschichten großartig aufbauen, sodass man gefesselt auf den Schluss wartet.
Die Geschichten berühren. Man denkt, fühlt, handelt, staunt und zweifelt mit Benno. Man hasst, liebt und freut sich.
In diesem Buch ist so viel Herzblut, Leidenschaft, Wahrheit, Güte und Menschlichkeit, dass man am Titel des Buches nicht zweifeln kann.
Lieber Benno, danke für deine Geschichten. Sie rütteln uns wach und treffen uns in unserer Seele.
Liebe Follower, ich wünsche euch tolle Winterabende mit Benno Armschlag. Wir treffen uns in Bad Dingenskirchen!
Bildquelle: flickr.com, by Mark Morton

Die Sache mit der Verantwortung

Finger

Paula steht vor mir. Sie ist eine gute Bekannte und hat sich den Radius gebrochen. Sie wurde vor 2 Wochen operiert (nicht in meiner Klinik) und der Unterarm ist blau, grün und gelb. Es ist noch etwas geschwollen und die Beweglichkeit ist, auch schmerzbedingt, eingeschränkt. Die Wunde ist reizlos verheilt, sie geht zur Physiotherapie, der Heilungsprozess ist im Gange. Natürlich ist sie etwas ungeduldig. Es ist ihre rechte Hand, sie kann nicht besonders gut schreiben und sie darf 6 Wochen keine schweren Sachen tragen.

„Also ich verstehe das nicht. Dass das immer noch so schmerzt. Ich muss immer noch eine Schmerztablette nehmen. Vor allem abends geht es noch nicht ohne. Die im Krankenhaus haben gesagt, sie kriegen das wieder hin. Aber bisher glaube ich nicht wirklich daran. Ich hoffe doch sehr, dass bei der OP nichts schief gegangen ist.“

„Paula, die Röntgenbilder sehen tadellos aus. Der Heilungsverlauf ist absolut zeitgerecht. Du brauchst leider etwas Geduld.“

Als ich sie nach 2 Monaten wieder sehe, beklagt sie sich bei mir.

„Ich kann eigentlich alles wieder machen, aber einige Bewegungen sind immer noch eingeschränkt. Ich werde das Handgelenk nie mehr so gut bewegen können, wie vorher. Ich habe keine Schmerzen mehr und es ist auch gut verheilt, aber diese Klinik kann ich wirklich nicht weiter empfehlen. Ich hatte echt Vertrauen, aber so gut wie vorher ist es wirklich nicht wieder geworden.“

„Ja, der Unterarm war ja auch gebrochen. Wenn du es so haben möchtest wie vorher, darfst du ihn dir nicht brechen.“

Sie blickt mich erstaunt an. „Warum bist du denn so aggressiv? Das ist ja wirklich nicht einfühlsam.“

Einfühlsam? Das ist ehrlich. Den Patienten zu erzählen, es wird wie vorher, ist falsch. Eine realistisches Bild zu schaffen, gehört zu einer präoperativen Aufklärung dazu.

An diesem Tag habe ich von falschen Vorstellungen und abgegebener Verantwortung wirklich genug. Den ganzen Tag war ich in der Sprechstunde des Chefarztes gefangen.

Dienstleistung auf hohem Niveau. Spritzen, infiltrieren, operieren, kaufen und verkaufen. Gerne hätte ich mir auf manche der Patientenfragen eine ehrlichere Antwort erhofft.

Pat, männlich, 45 Jahre: „Mein Rücken schmerzt, die Knie auch. Alles tut weh. Was können Sie da machen?“

– „Wie wäre es, wenn Sie schwimmen und spazieren gehen? Den Kuchen weg lassen und mindestens 20 kg abnehmen?“

Pat., weiblich, 63 Jahre: „Können Sie mir denn gar nicht weiterhelfen? Seit ich mich weniger bewege, schmerzt der Rücken noch viel mehr.“

– „Dann bewegen Sie sich doch mehr!“

Pat., weiblich, 53 Jahre: „Trotz des operierten Vorfußes, passe ich noch in keinen Stiletto.“

– „Dann tragen sie keine Pumps.“

Den Patienten die Verantwortung abzunehmen, hilft nicht. Sie schafft Passivität und Vorstellungen, die nicht der Realität entsprechen.

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Bildquelle: flickr.com, by J E Theriot

Ärztin und Mutter – raus aus Deutschland?

Norwegen

Das Jahresgespräch mit dem Chef steht an. Rahmenbedingungen für meinen Wiedereinstieg nach der Elternzeit sollen geklärt werden. Nach einem Jahr Pause wird das nächstes Jahr sicherlich aufregend für mich.

Leider lassen sich die Rahmenbedingungen nicht mehr mit meinen Vorstellungen vereinen. Zehn 24-Stunden-Dienste im Monat kann und möchte ich nicht bewältigen. Selbst als Teilzeitarbeitende würden es zu viele Dienste sein. Nein, das möchte ich nicht für mein Kind und meine Familie.

Unabhängig davon halte ich von dem Dienstmodell nichts: viel zu wenig Personal, keine Pausen, kein Schlaf. Wer einige Jahre in diesem System unter solchen Bedingungen gearbeitet hat, weiß das. In unserer Klinik geht es anscheinend nicht anders. Mehr, mehr, mehr. „Es ist doch überall so. In einer anderen Klinik ist es auch nicht besser“, höre ich immer wieder. Wirklich?

In Skandinavien ist alles besser?

Ich träume von Skandinavien. Von einer Vereinbarkeit von meinem Dasein als Mutter und Ärztin. Ich erinnere mich an meine Zeit als PJlerin in Norwegen. Zwei Mal täglich gab es eine gemeinsame Kaffeepause: Chef, Oberärzte, Assistenzärzte und PJ-er. Die Gespräche waren oft privat, man erkundigte sich nach den Kindern und den Familienanghörigen. Ein Treffen auf Augenhöhe, als Menschen. Hierarchien? Nicht spürbar.

Um 16 Uhr war Arbeitsende, die Unfallchirurgen wurde vom Spätdienst abgelöst. Geregelte Arbeitszeiten, nicht nur für mich als Studentin, auch für den Chef und die Kollegen. Die ersten Wochen waren damals ziemlich befremdlich für mich. Ich war getrimmt auf Effizienz, Leistung, Arbeiten ohne Pause. Einen Gang runter zu schalten, fiel mir schwer – tat aber verdammt gut. Muss ich also weg aus Deutschland? Norwegen ist schön. Aber dunkel.

Nach meinem Gespräch mit dem Chef, steht mein Entschluss fest. In dieser Klinik kann ich nicht bleiben. Zusammenfassen kann man es in einem Wort: Familienfeindlichkeit. Nein, das geht nicht. Ich erkundige mich. Suche nach anderen Kliniken in meinem Umkreis. Nach Kliniken, die eine Weiterbildung gewährleisten und Arbeitsbedingungen, die für mich, als Teil einer Familie, umsetzbar sind.

Andere Kliniken, andere Sitten

An meinem Hospitationstag in einer anderen Klinik begrüßen mich die Oberärzte und Kollegen freundlich. Ein Arzt kommt 30 Minuten später, weil er seine Kinder morgens in den Kindergarten bringt. Die Assistenten gestalten den Dienstplan, keine 24-Stunden-Dienste, es gibt einen Spät- und einen Nachtdienst. Am Wochenende hat man 12-Stunden-Dienste.

Eine der Ärztinnen kann unter der Woche keine Nachtdienste übernehmen, dafür freitags die Spät- oder Nachtdienste. Ein anderer Arzt braucht immer den Nachtdienst am Mittwoch. Die Kollegen helfen sich gegenseitig auf Station, sodass bis zur Mittagsbesprechung der Großteil der Arbeit erledigt ist. Wenn eine Aufklärung noch übrig bleibt, übernimmt das der Spätdienst.

Um 11:30 Uhr kommt ein Oberarzt auf die Station. Kaffeepause, jeder isst ein Brötchen. Danach werden die kritischen Fälle besprochen und er sieht sich zwei Wunden an, die dem Kollegen bei der Visite aufgefallen sind. Ein Altassistent ruft einen der anderen Ärzte an und fragt, ob er die pertrochantäre Femurfraktur operieren möchte. Er braucht es nicht mehr für seinen OP-Katalog, der Kollege hingegen schon.

Es geht auch anders

Ich bin von dem Bemühen um Freundlichkeit, dem beruflichen Miteinander und der Organisation des Tagesablaufs begeistert. Den Ärzten hier sind die 200 Euro mehr im Monat, die sie in einem 24-Stunden-Dienstmodell verdienen würden, nicht wichtig. Ich gehe mit meinen zukünftigen Kollegen um 16:15 Uhr nach Hause.

Als Ärztin werde ich immer in einem Beruf arbeiten, der besondere Organisation erfordert. Überstunden, Nachtdienste, Wochenendarbeit. Aber das berufliche und persönliche Miteineinander lässt sich aktiv gestalten. Wir sind keine Marionetten.

Ich gebe Deutschland noch eine Chance.

 

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Bildquelle: flickr.com, by Rüdiger Stehn

Chirurgie: Schneiden Frauen besser?

Schere

Herr Ludwig ist besorgt. Zum einen, weil er heute operiert wird. Und noch viel mehr zum anderen, weil der Eingriff von mir durchgeführt wird. Der Mann hat gerade erst erfahren, dass es mich gibt. Die Existenz weiblicher Chirurgen sorgt seinerseits für große Überraschung.

Montag morgen, 7.00 Uhr. Ich gehe zu Herr Ludwig, 74 Jahre alt. Heute bekommt er eine neue Hüftprothese. Da ich diejenige sein werde, die ihn operiert, habe ich mir seine Krankheitsgeschichte angelesen, ihn untersucht und die Hüfte geplant.

Jetzt gehe ich zu ihm und zeichne mit einem dicken Filzstift ein Kreuz auf die linke Hüfte, damit wir auch die richtige Seite operieren. Doppelte und dreifache Kontrolle. Er ist etwas aufgeregt.

„Können Sie das überhaupt?“

„Kommt eigentlich auch noch der Operateur vor der OP bei mir vorbei? Bisher habe ich nur Sie gesehen.“

„Herr Ludwig, als ich mich Ihnen gestern vorgestellt habe, als Ihre Operateurin, meinte ich das auch so. Ich werde Sie heute operieren. Einer meiner Oberärzte wird Sie selbstverständlich mit mir zusammen operieren.“

„Sie? Aber können Sie das überhaupt? Braucht man dazu nicht sehr viel Kraft? Haben Sie damit überhaupt Erfahrung? Ich wusste nicht, dass das auch Frauen machen.“

Männer und Frauen am OP-Tisch – Der Vergleich: Lest weiter bei doccheck.com

 

Bildquelle: flickr.com, by Bernd Hutschenreuther

Gustav, Gerda, Karla, Umut und ich

Diversity

Meinen Dialekt habe ich mir abtrainiert. In einer deutschen Großstadt hält sich der nicht lange. Zu anstrengend. Man wird nicht verstanden. Und die Patienten halten einen irrtümlicherweise für dümmlich.

Das mit der Kommunikation ist so schon schwierig genug. Patient Gustav hat die Hörgeräte vergessen, Patientin Gerda die Hörgeräte nicht eingeschalten, Patientin Karla will einfach nicht verstehen und Patient Umut versteht weder Dialekt noch Deutsch.

Gustav brülle ich also an, sodass nach 2 Minuten die halbe Notaufnahme erschrocken neben mir steht. Gerdas Hörgeräte schalte ich an und für Karla habe ich leider keine Lösung.

Für Umut stehen mir in unserem Krankenhaus ungefähr 20 Muttersprachler zur Verfügung. Sie stehen alle auf einer Liste eingetragen. Manche meiner Kollegen sprechen 7 Sprachen, flüssig. Unglaublich, das macht mich oft neidisch. Manche werden zur Zeit hauptsächlich als Dolmetscher tätig. Adnan, der eigentlich in unserer Kantine arbeitet, ist praktisch ununterbrochen dafür zuständig, Aufklärungen ins Pakistanische zu übersetzen. Er sollte Geld dafür verlangen. Weiß er, wieviel Geld er damit verdienten könnte? Adnan lacht nur. Er macht das gerne, wie er immer wieder erklärt.

Irgendwie gefällt mir diese Internationalität in unseren Kliniken. In meiner eigenen Abteilung ist praktisch halb Europa vertreten. Meine Kollegen wundern sich über deutsche Umgangssprache und Verhaltensweisen und erzählen mir davon, wie Medizin in ihren Ländern praktiziert wird. Es ist lehrreich, interessant und gibt mir einen kleinen Einblick in eine andere Welt. Ich muss mal wieder schmunzeln. Die Internisten übergeben gerade ihre Patienten für die Nachtschicht, in ungarisch. Diese Sprache ist unglaublich.

Leider ist diese internationale Kommunikation nicht immer einfach. Patient Ludwig hat sich heute schriftlich beschwert. Die Ärzte hatten auf Intensivvisite seinen Fall am Patientenbett besprochen. Danach war er auf Normalstation verlegt und nach Hause entlassen worden. Leider war dieses Gespräch auf serbisch, sodass er den Verlauf und die Empfehlung in seinem Entlassbrief nachlesen musste.

Mein Kollege Jarin versichert mir auf Station, er habe alles im Griff und bejaht sämtliche meiner Fragen, bis sich herausstellt, dass er nur die Hälfte verstanden hat. Ich habe zu schnell gesprochen. Zwei neue Kollegen müssen sich erst noch daran gewöhnen, dass man in Deutschland auch mit der Pflege sprechen muss und in der Hektik der Morgenbesprechung gehen zwei Anweisungen des Chefarztes völlig unter.

Ich bin dazu übergegangen, mir für die Kommunikation mehr Zeit zu nehmen. Wenn ich mit jemandem spreche, schaue ich ihm in die Augen und frage direkt nach, ob ich verstanden werde. Übrigens nicht nur mit Kollegen, sondern auch mit Patienten. Was im Entlassbrief steht, ist nicht so wichtig. Hauptsache er hat verstanden, was er machen soll.

In der Visite bespreche ich das Prozedere mit Patientin Lauer. Ich muss häufig lachen. Sie kommt aus meiner Heimat, spricht Dialekt und macht Witze über ihr  operiertes Bein, das sie nun für sechs Wochen nicht belasten darf.

Jarin schüttelt vor der Türe den Kopf. „Lieschen, ich wusste gar nicht, dass du aus dem Ausland kommst. Welche Sprache war das?“ Ich lache. Meinen Dialekt kann ich wohl doch nicht ganz ausschalten, wenn man mich damit konfrontiert.

 

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Bildquelle: flickr.com, by Angie Garrett

Das Schnitzel und die neue Hüfte, bitte

Schnitzel

Samstag Abend. Wochenendtrip. Wandern in der Herbstsonne und Urlaubsfeeling. Einfach entspannend. Ich sitze im Restaurant und genieße mit meiner Familie das gute Abendessen. Hier gibt es das beste Schnitzel der Welt.

Findet auch der Gast am Nebentisch. Er verkörpert zu 100 Prozent das Klischee eines Wohlstands-Deutschen. Wir lachen uns schlapp über den unglaublich perfekt dargestellten Stereotyp. Das Schnitzel vor sich, das dritte Glas Bier, die Hose unter dem dicken Bauch wird mit Hosenträgern festgehalten. Er unterhält sich lautstark mit seinem Tischnachbarn, der ihm in Sachen Wohlstands-Klischee in nichts nach steht.

Leider schlägt das Gespräch schnell um. Statt über das gute Essen wird jetzt über Gesundheits- und Krankheitsthemen gesprochen, sodass meine Entspannung irgendwie nachlässt. Schade.

Von Hüften, Herzinfarkten und Diabetes: Alles klein Problem mehr.

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Bildquelle: flickr.com, by tribp