Interview mit einer OÄ für Gefäßchirurgie und Mutter einer Tochter

In welcher Fachrichtung arbeiten Sie, Klinik oder Praxis, Teilzeit oder Vollzeit und wie viele Kinder haben Sie?

Ich arbeite als Oberärztin in der Gefäßchirurgie einer Universitätsklinik in Vollzeit.

Wie organisieren Sie Ihren Alltag mit Beruf und Kind/ern?

Ich habe eine Tochter, die glücklicherweise in den Kindergarten der Klinik gehen kann. Ich bringe sie morgens vor Dienstbeginn hin und hole sie an den Tagen, an denen ich keinen Rufdienst oder bereits absehbar bis spät im
OP stehe, auch selber ab. Hier habe ich natürlich eine Luxussituation, da der Kindergarten der Klinik sehr gute Betreuungszeiten hat. An Tagen, an denen ich geplant länger arbeite bzw. Rufdienst habe und voll flexibel sein
muss, holt mein Mann unsere Tochter ab. Während meiner Facharztausbildung (andere Stadt/ Klinik) hatte ich leider keinen Betreuungsplatz im Kindergarten der Klinik. Damals musste mein Mann dies komplett übernehmen, da die Öffnungszeiten der städtischen Kita einfach nicht mit meinen Arbeitszeiten kompatibel war.
Mein Mann hatte damals extra Stunden reduziert um unsere Tochter nachmittags abholen zu können.

Wie haben Sie ihre Auszeit vom Beruf empfunden und würden Sie sich noch einmal für eine Babypause entscheiden?

Ich habe nach der Geburt meiner Tochter insgesamt 8 Monate gefehlt. Als meine Tochter 8 Monate alt war, habe ich in Vollzeit wieder angefangen zu arbeiten. Die Auszeit war für mich genau richtig, ich konnte mich die
ersten Monate voll auf mein Kind konzentrieren und sie stressfrei stillen. Nach Einführen der Breikost nach 6 Monaten habe ich abgestillt und konnte dann stressfrei nach 8 Monaten wieder arbeiten, worauf ich mich nach
der Auszeit auch sehr gefreut habe. Wenn ich noch ein Kind bekommen würde, würde ich es versuchen ähnlich zu machen. Dies ist jedoch aus anderen Gründen nicht geplant.

Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

Wahrscheinlich ist das Hauptproblem, dass es immer noch in den Augen so vieler Leute ein Problem ist. Für mich sollte sich die Frage eigentlich gar nicht stellen, da es selbstverständlich sein sollte, dass man auch als Elternteil (Mutter UND Vater) weiterhin ungestört seinem Beruf nachgehen sollte. Wichtig ist hier vor allem die Grundstruktur (z.B. Betreuungszeiten im Kindergarten). Was leider immer wieder vorkommt, vor allem wenn
das Kind noch klein ist, dass man erstaunt gefragt wird, er sich denn um das Kind kümmere, wenn man so „viel“ arbeitet. Die Tatsache, dass das Kind ja auch einen Vater hat, der sich durchaus auch kümmern kann, scheinen
viele Menschen gerne zu vergessen. Interessanterweise wurde diese Frage meinen männlichen Kollegen mit Nachwuchs noch nie gestellt! Ein weiteres Problem ist, dass gerade im Ärzteberuf (vor allem auch in der Chirurgie), immer vorausgesetzt wird, dass man Überstunden machen könne. Die Tatsache, dass man 2 Stunden nach Feierabend dann doch mal langsam das Haus verlassen müsse, da das Kind sonst alleine vor dem Kindergarten steht, scheint viele Kollegen immer noch zu verwundern. Oder es wird einfach nicht darüber nachgedacht. Gerade für jüngere Kolleginnen kann so etwas wirklich unangenehm sein. Vor allem wenn sie dann Chefärzte oder Oberärzte haben, die regelhaft um 18 Uhr noch Visite machen möchten oder Besprechungen ansetzen.

Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

Wenn man mich fragt: JA! Ich habe meine Tochter während meiner Facharztausbildung bekommen, und dies war für mich auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Viele Dinge, die gerade als Chirurgin auf einen zukommen, wenn man schwanger ist, sind leichter solange man als Assistenzärztin tätig ist. Klingt vielleicht erstmal absurd, ist aber so. Klar, als ich vor 5 Jahren schwanger wurde als Assistentin, durfte ich nicht mehr operieren (ist mittlerweile auch lockerer geworden) und ich habe keine Nachtdienste gemacht. Für die Klinik bedeutete dies, eine Assistenzärztin weniger in der Dienstgruppe vor insgesamt 14 Assistenten. Kann man mit leben. Und zusätzlich eine schwangere, aber erfahrene Assistentin, die 6 Monate lang die Ambulanz oder Station (bei mir im Wechsel) betreut. Das bedeutet Kontinuität und wenig Stress für die Oberärzte. Also insgesamt für meinen Chef kein so schlechter Deal. Und wie war es für mich? Ich bin nach 8 Monaten Elternzeit in Vollzeit wieder eingestiegen, mein Chef und meine Oberärzte haben gesehen, ok, die hat zwar ein Kind aber arbeitet genauso wie vorher. So habe ich in der Mindestzeit meinen OP Katalog voll gehabt und konnte meinen Facharzt machen. Für mich also eine optimale Lösung. Würde ich aktuell –hypothetisch – als Oberärztin schwanger werden, würde ich keine
Notfalleingriffe mehr ausführen dürfen. Bei 4 Oberärzten in der Klinik ist das durchaus ein Problem…

Letztendlich denke ich, muss jede Ärztin für sich entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt ist. Es gibt sicherlich Vorteile, wenn man bereits seine Facharztausbildung abgeschlossen hat. Vieles hat damit zu tun, wie man seine Karriere aufbauen möchte. Wenn man als Oberärztin rasch Karriere machen möchte, dann ist kurz nach dem Facharzt auch nicht der richtige Zeitpunkt. Streng genommen gibt es keinen richtigen Zeitpunkt beruflich, um ein Kind zu bekommen. Deshalb wäre meine Empfehlung: Macht die Familienplanung unabhängig vom Weiterbildungsstand. Wichtig ist, danach eine Struktur zu haben, die einem erlaubt, mit Kind beruflich seine Ziele zu erreichen.

Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Wie bereits oben erwähnt, mein Wiedereinstieg nach der Elternzeit war super. Ich war froh nach Windeln wechseln und Brei füttern auch mal was anderes zu machen. Ich hatte aber den Luxus, dass mein Mann im Anschluss an meine Elternzeit selber 6 Monate zuhause geblieben ist. Das kann ich übrigens nur empfehlen, und mein Mann stimmt mir bestimmt zu!

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise, nachdem Sie Mutter geworden sind, verändert?

Gar nicht. In der Klinik bin ich Chirurgin. Zuhause bin ich Mama.

Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

Das ist eine schwierige Frage, weil sie einfach zu pauschalisierend ist. Es gibt sicherlich Unterstützungen durch die Gesellschaft, aber hier kann Deutschland durchaus noch an sich arbeiten. Vor allem das klassische Bild der
Familie wie es vor 50 Jahren war (Mutter zuhause, Vater verdient das Geld) ist schon lange überholt und sollte einfach aus den Köpfen der Menschen endgültig verschwinden. Ich hatte bisher nie Probleme mit meinen
Arbeitgebern (2 Unikliniken). Aber bis auf die Tatsache, dass ich ein mal 8 Monate weg war, habe ich auch immer so gearbeitet, wie auch alle ohne Kinder. Demnach ist vielleicht die Aussage, ich hätte die volle Unterstützung
gehabt, zu großzügig formuliert. Hier können die Ärztinnen, die in Teilzeit arbeiten, sicherlich mehr zu sagen.
Kollegen sind unterschiedlich, da habe ich alle Extreme erlebt!

Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Hehe. Gute Frage. Bis eine Frau im Beruf auf dieser Welt komplett gleichberechtigt gegenüber ihren männlichen Kollegen ist, werden wahrscheinlich noch ein paar Jahrzehnte vergehen! Das ist ja fast schon eine philosophische Frage! Ich versuche, meine Chancen nicht mit denen meiner Kollegen zu vergleichen. Das führt zu nichts. Leider ist es immer noch so, dass die meisten Frauen, die Karriere machen, einen Mann haben, der auch Karriere macht. Während hingegen die meisten Männer, die Karriere machen, eine Frau haben, die zurücksteckt. Hierzu gibt es übrigens genug Studien. Aber es nutzt uns ja nichts, darüber zu jammern, dass wir schlechtere Chancen haben. Wir müssen die Chancen nutzen, die wir haben, und dafür sorgen, dass es bald genug Frauen in Führungspositionen gibt, die dann die kommenden Ärztinnen fördern können und die Chancen begleichen können.

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

Wenn ihr Familie gründen wollt, tut es! Nichts hat mein Leben so bereichert, wie meine Tochter. Lasst euch nicht einreden, Kind und Karriere in der Medizin geht nicht.