Diskolärm im Krankenhaus

Man stelle sich vor, man läge krank im Bett, während neben einem LKWs vorbeifahren und Motorsägen lärmen. Schlimme Vorstellung? Klar. Aber: Der Geräuschpegel in Krankenhäusern ist von diesem Szenario gar nicht so weit entfernt. Über 100 dB werden mitunter auf Intensivstationen gemessen.

Die Geräuschkulisse im Krankenhaus ist beeindruckend. Insbesondere auf der Intensivstation, auf der ja eigentlich die stark erholungsbedürftigen Patienten liegen. Einer englischen Untersuchung zufolge werden hier Geräuschpegel von über 100 dB gemessen. Das entspricht lauter Musik, die man über Kopfhörer hört. Oder einem vorbeifahrenden LKW oder eine Motorsäge. Laut einem Artikel aus der SZ treten bei Dauerlärm dieser Art sogar Gehörschaden auf. Steigt die Lautstärke auf über 100 dB, entspricht das sogar dem Lärm von Kettensägen, Presslufthämmern und Diskotheken.

Und auch in deutschen Krankenhäusern ist es laut. Schon im Aufzug zur Intensivstation erhebe ich meine Stimme: „Legen Sie sich hin. Sie fallen uns sonst noch aus dem Bett.“ Ich betrete mit einer Notaufnahmeschwester die Intensivstation. Wir haben Mühe, den 83-jährigen betrunkenen Herrn mit der kleinen intrazerebralen Blutung zu beruhigen. Zweimal ist er bereits aus dem Bett gestiegen. Einmal hat er sich zwischen den Bettgittern eingeklemmt. Es ist 23 Uhr.

Trubel in der Notaufnahme

In der Notaufnahme ist wie immer die Hölle los. Ein lokales winterliches Grillfest ist ausgeartet. Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr. Meine letzte Patientin hatte ihre Hörgeräte nicht dabei, man musste sehr laut und deutlich sprechen. Die gesamte Großfamilie eines türkischen Patienten diskutiert wild im Wartebereich.

Als ich die Übergabe mit der Ärztin der Intensivstation mache, legt sie den Finger auf den Mund: „Psst. Nicht so laut! Die Patienten schlafen hier!“

Erst da fällt mir auf, dass ich fast schreie.

Die Station benötigt ein paar venöse Zugänge und Hilfe bei einer dementen Patientin. Die nächtlichen Hilfe-Rufe hallen mir schon im Treppenhaus entgegen. Auf der Station stehen drei Zimmertüren offen, die Flurlichter brennen hell. Weitere delirante oder verwirrte Patienten, die nachts nicht alleine gelassen werden können.

Empfangshalle: Ein ruhiges Plätzchen

Auf der Privatstation wartet eine entnervte Patientin nach Knie-TEP-Implantation auch mich. Ihre Bettnachbarin im Zwei-Bett-Zimmer schnarcht so laut, dass sie seit vier Tagen nicht schlafen kann. Auch die Ohropax helfen nicht. Leider kann ich ihr kein anderes Zimmer anbieten – wir sind voll belegt. Auf eine Schlaftablette möchte sie allerdings auch nicht zurückgreifen.

Als ich durch die Empfangshalle gehe, finde ich einen meiner operierten Patienten mit Sprunggelenksfraktur halb schlafend im Rollstuhl vor. In seinem Zimmer liegt ein älterer Herr mit Wirbelkörperfraktur und beginnender Pneumonie. Der hustet und röchelt so laut, dass er nicht schlafen kann. Außerdem ist der Fernseher so laut gestellt, dass man jedes Wort mithören kann. Die Eingangshalle scheint der ruhigere Ort zu sein.

Rückzug ins Bereitschaftszimmer

Als ich um 03:45 Uhr endlich keinen Patienten mehr habe, verschwinde ich in mein Bereitschaftszimmer. Drei Stunden Schlaf wären echt super. Das Bereitschaftszimmer ist neben der Aufnahme- und Kurzliegerstation. Es ist tagsüber als Arztzimmer in Gebrauch, sodass ich erst einmal die PCs herunterfahren und ausschalten muss. Das laute Brummen verursacht sonst Kopfschmerzen.

Um 4:30 Uhr fängt dann die Putzfrau an, mit ihrer Kehr-Wisch-Maschine durch die Gänge zu ziehen, um 5 Uhr rennt das Rea-Team in Richtung Aufnahmestation und um 05:45 Uhr beginnt der Schichtwechsel.

Ich freue mich schon auf meinen nächsten OP-Tag. Da warten nur ein fluchender Chef und klimpernde Instrumente auf mich. Allerdings empfehle ich auch hier den Patienten in Spinalanästhesie, die eigene Musik über Kopfhörer zu hören. Wenn wir sägen und die Prothese einschlagen, könnte es nämlich ebenfalls etwas lauter werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf DocCheck.com

Bildquelle: it\’s me neosiam, pexels     

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