Ich pfeif auf die Leitlinien

Mann mit Pfeife als Schatten

Der Wetterumschwung zeigt seine Wirkung. Die „Rücken“ haben die Notaufnahme belagert.

Da wäre zum Beispiel Herr Grökü. Unspezifische Rückenschmerzen, einfach so. Ohne Vorwarnung habe es in den Rücken geschossen. Und jetzt könne er sich kaum mehr bewegen. Aber heute Abend müsse er bereits einem Freund beim Umzug helfen. Obwohl er doch eigentlich auch ohne diesen genug zu tun habe.

Ein Röntgenbild möchte er bitte. Ich verneine und berate ihn entsprechend. Aber er verlässt trotz Schmerzmittel ziemlich ungehalten die Notaufnahme. Direkt auf dem Weg in die Klinik 20 Minuten entfernt.

Ohne Röntgen wird es wahrscheinlich nicht besser.

Die Leitlinie „Kreuzschmerz“ ist eindeutig und sehr hilfreich. Aber trotz Bemühungen meinerseits, sie entsprechend umzusetzen und zu erklären, für viele Patienten leider nicht befriedigend.

Eine schnelle Diagnostik und Therapie muss her.

Sofort. Leitlinie hin oder her.

Frau Grau hingegen möchte keine Tabletten nehmen. Für die Rückenschmerzen müsse es eine andere Lösung geben. Deshalb sei sie schließlich da. Eine Ibuprofen hätte sie auch in der Apotheke kaufen können. Außerdem sei sie eigentlich nicht so für die Schulmedizin.

Sie erzählt mir von der ständig sitzenden Tätigkeit in ihrem Job und den anstrengenden Treppen in ihre Wohnung, seit der Aufzug kaputt ist. Ich berate sie. Empfehle etwas Wärme, körperliche Bewegung und zeige ihr einige entlastende Übungen, die sie zu Hause durchführen kann.

Etwas Geduld müsse sie außerdem mitbringen. Sie verlässt die Notaufnahme enttäuscht.

„Sehen Sie, es muss nicht immer die Chemiekeule sein. Aber nur diese Übungen sind jetzt auch etwas wenig. Morgen gehe ich noch zu meinem Heilpraktiker. Der arbeitet auch mit Dämpfen. Der hat bestimmt was passendes.“

Manchmal fühle ich mich einige Jahrhunderte zurückversetzt. 

Die Entwicklung der Naturwissenschaften ist eine interessante Geschichte. Seit dem 19. Jahrhundert gab es so viele Fortschritte, dass wir mittlerweile in einer Evidenz-basierten Medizin arbeiten. Aber der Hauptteil meiner Patienten scheint wieder zurück zu Badern, fahrenden Heilern oder Mythenschreibern zu wollen.

Leitlinie hin oder her.

Mehr von den pfeifenden Patienten, gibt es übrigens unter Schulmedizin – Nein Danke! Einem Blogbeitrag meiner lieben Freundin Lotte –  Ärztin und Mutter von 2 Kindern.

 

Bildquelle: flickr.com, by apfelauge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.